Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens
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Das rem
MASS FÜR STAATLICHE TOLERANZ IN BESTRAHLUNGSFRAGEN
Die P h y s i k ermittelt die Eigenart der radioaktiven Strah-
lung und mißt sie. Für die absorbierte Energie pro Masse be-
strahlter Materie kennt sie das Maß rad. Daran ist nichts ver-
kehrt.
Die S t r a h l e n m e d i z i n untersucht die Wirkungen der
verschiedenen Strahlenarten auf den Organismus, ihre Abhängigkeit
von Dosis und Bestrahlungsdauer, die Möglichkeiten ihrer zweckmä-
ßigen Anwendung. Auch daran ist nichts verkehrt.
Die S t r a h l e n s c h u t z m e d i z i n will dagegen auf
einen Befund hinaus, der weder mit der Natur noch mit Wissen-
schaft etwas zu tun hat. An der Verträglichkeit zu verabreichen-
der Strahlenmengen interessiert, will sie definieren können,
w i e s c h l i m m ein gegebenes Strahlenquantum den menschli-
chen Organismus schädigt. Vom Bedürfnis nach Grenzwerten gelei-
tet, die sich für Vorschriften des Erlaubten eignen, setzt sie
sich ein Ideal: eine feste, gesetzliche Beziehung zwischen einer
bestimmten Menge Strahlungsenergie und einem dadurch verursachten
Quantum Krankheit. Die allerdings ist aus zwei Gründen nicht zu
haben:
Erstens ist es ein - medizinisch gesehen - unsinniges Unterfan-
gen, einer nach ihrer physikalischen Wirkung bestimmten Strah-
lungsenergie eine ähnlich bestimmte Wirkung auf lebendes Körper-
gewebe zuschreiben zu wollen. Für solche Auswirkungen kommt es
nämlich auf ganz andere Größen mindestens ebensosehr an: auf die
A r t der Strahlung - elektromagnetisch, Elektronen-, Alpha-,
Neutronenstrahlung -, in Abhängigkeit davon auf den O r t der
Strahlungs q u e l l e relativ zum bestrahlten Gewebe - Alpha-
Strahlung von inkorporierten Partikeln wirkt völlig anders als
von außerhalb usw. -, bei elektromagnetischen Strahlen auf die
Wellenlänge - "harte" oder "weiche" Strahlung -, außerdem auf die
Eigenart des bestrahlten Gewebes selbst, je nachdem ist die Wir-
kung auf die lebenden Zellen gar nicht von derselben N a t u r -
nicht einmal bloß unterschiedlich stark -, ähnlich wie etwa un-
terschiedliche chemische Gifte ganz unterschiedlich auf den
Stoffwechsel einwirken.
Genauso unsinnig ist es zweitens, Krankheit quantifizieren zu
wollen. Ein Betroffener mag seinen Lungenkrebs schlimmer finden
als seine kaputte Leber oder umgekehrt; und ein Arzt mag gezwun-
gen sein, eine Schädigung des Körpers gegen deren therapeutischen
Nutzeffekt abzuwägen. Eine Maßeinheit fürs Krank-Sein gibt diese
Abwägung aber nie und nimmer her. Das Interesse, Krankheit oder
Krankheitsrisiko quantitativ zu bestimmen, hat daher auch, wo es
seriös daherkommt, gar nicht die Krankheit eines Individuums zum
Gegenstand, sondern die Häufigkeit einer Krankheit - sowie ihre
Schwere, gemessen an der Häufigkeit ihres tödlichen Verlaufs - in
einem großen Kollektiv. Der Standpunkt dieses Interesses ist nie
der Wunsch nach einem pumperlgesunden Individuum, sondern die
Sorge um Abstraktionen wie die Volksgesundheit. Auch um die geht
es aber nicht einfach so, wenn das M a ß einer zu erwartenden
"Epedemie" vorab abgeschätzt werden soll. Wo dieses Anliegen am
Werk ist, gilt nach der einen Seite hin die Krankheit nicht als
"Menschheitsfeind", dem der Kampf angesagt wird, sondern als in
Kauf genommene W i r k u n g von gesundheitsschädlichen
M a ß n a h m e n, die der oberste Betreuer der Volksgesundheit
trifft und nicht lassen will. Und nach der anderen Seite hin gilt
Krankheit ebensowenig als zu vermeidender S c h a d e n, son-
dern als Beeinträchtigung eines übergeordneten Z w e c k s, der
von gleicher Art wie der der in Kauf genommenen Gesundheitsschä-
digung ist und so quantitativ mit diesem verglichen werden kann.
Im Klartext: Wo der z ä h l b a r e N u t z e n eines Unter-
nehmens, das sie schädigt, in Konkurrenz tritt, n u r dort,
dort aber a l l e m a l entsteht beim S u b j e k t dieses
Vergleichs, dem Staat als ideellem Gesamtnutzenkalkulator, das
Interesse an einer Abschätzung von Krankheitsmenge im Verhältnis
zu einer gegebenen Menge Krankheitsgrund.
Nun gibt selbst dieses perverse Interesse das gewünschte Maß noch
keineswegs her; und aus den genannten Gründen ist es auch ein für
allemal nicht zu haben. Wohl aber hat der staatsdienliche Sach-
verstand sich Hilfsmittel geschaffen, die ihm die gewünschten
pragmatischen Orientierungen bieten. Diese Hilfsmittel sind Sta-
tistiken, die eine ungefähr quantifizierbare Bestrahlung größerer
Personenmengen und die überdurchschnittliche Häufigkeit von
Krankheiten ohne und mit Todesfolge zueinander in Beziehung set-
zen. Die Atombomben auf Japan, ebenso die unbefangenen
A-Bomben-Versuche der 50er Jahre haben da für viel brauchbares
Material gesorgt: Harrisburg und jetzt wieder Tschernobyl sind
für weitere Datenbanken gut; hinzu kommen Erfahrungen aus der
Strahlemedizin und Tierexperimente mit ihren bekannten Nachtei-
len. Aus solchen Statistiken hat die Strahlenschutzmedizin eine
Maßeinheit herausdestilliert, de einer bestimmten Strahlenenergie
eine ebenso bestimmte Auswirkung auf die Volksgesundheit
z u s c h r e i b t: das rem - die fiktive Wirkung einer Rönt-
genstrahlung von einem rad bzw. einer "äquivalenten" Strahlung
anderer Art auf den statistischen Durchschnittsmenschen. Der
"Äquivalenzfaktor", der im Falle von Alpha-Strahlung beispiels-
weise derzeit bei 20 festgelegt ist, ist die Konzession der Er-
finder dieser Maßeinheit an die Tatsache, daß die verschiedenen
Strahlungsarten, deren gesundheitsschädliche Wirkungen da auf ein
gemeinsames Maß gebracht werden sollen, unterschiedlicher Art
sind und nicht einmal statistisch ähnliche Ergebnisse zeitigen.
Natürlich hat es noch nie ein Mediziner geschafft, und es wird
auch keiner schaffen, die Wirkung e i n e s rem auf die Volks-
gesundheit, geschweige denn auf ein Individuum, zu ermitteln. Als
gesichert kann aber gelten, daß Leute, die eine Bestrahlung von
500 rad Gamma- oder Beta-Strahlung ausgesetzt waren, keine Über-
lebenschancen haben. Und sorgfältig notiert wurde auch die Erfah-
rung, daß bei "Versuchspersonen", die von außen mit 150 rem be-
lichtet worden sind, nach drei Jahrzehnten Anzeichen einer ende-
mischen Krebserkrankung festzustellen sind. Bei einer
"zusätzlichen" Rate Krebstoten - zusätzlich zum statistischen
Durchschnitt "unbestrahlter" Kontrollgruppen - von 5% "schließt"
die Strahlenschutzmedizin messerscharf - und vorsichtig, wie sie
ist - auf eine 1%ige Erhöhung des volksgesundheitlichen Krebsri-
sikos pro 20 rem Strahlenbelastung; und weil die Mathematik jede
Division erlaubt, rechnet sie d i e s e fiktive Korrelation bis
auf tausenstel rem - die berühmt gewordenen "millirem" - herun-
ter; mit dem folgerichtigen Ergebnis, daß im "millirem"-Bereich
eigentlich von gar keinem Gesundheitsrisiko die Rede sein könne.
Das s c h ü t z t zwar niemanden vor Strahlungsschäden, denn
dafür kommt es, siehe oben, ganz darauf an; und unangenehm ist
Krebs im übrigen auch dann, wenn man nicht in statistisch rele-
vanter Weise daran eingeht. Es h i l f t aber dem Staat in sei-
nem selbstgeschaffenen "Dilemma, Volksgesundheit und Atomstrom
gegeneinander abwägen zu "müssen". Seinem B e s c h l u ß, eine
Strahlenbelastung, deren Vermeidung "zu teuer" käme, für
u n e r h e b l i c h zu erachten, springt die Strahlenschutzme-
dizin mit dem S c h e i n bei, sie hätte d a f ü r einen
guten w i s s e n s c h a f t l i c h e n G r u n d zu bieten.
Wenn das dahin mißverstanden wird, die Maßzahl für einen volksge-
sundheitlichen Schaden, den die Obrigkeit vernachlässigen will,
signalisiere U n g e f ä h r l i c h k e i t, womöglich sogar
für die eigene individuelle Höchstpersönlichkeit, so ist das Po-
litikern wie Strahlenschutzexperten nicht unrecht; sie selber
drücken sich immerzu so aus.
Wissenschaft? Ach was! Geistiger Handlangerdienst von Schreib-
tischtätern für Schribtischtäter!
***
"80 - 120 rem: bei 5 bis 10% der Exponierten etwa ein Tag lang
Erbrechen, Übelkeit und Müdigkeit, aber keine ernstliche Arbeits-
unfähigkeit;
130 - 170 rem: bei etwa 25% der Exponierten etwa 1 Tag lang Er-
brechen und Übelkeit, gefolgt von anderen Symptomen der Strahlen-
krankheit; keine Todesfälle zu erwarten;
180 - 260 rem: bei etwa 25% der Exponierten etwa 1 Tag lang Er-
brechen und Nausea, gefolgt von anderen Symptomen der Strahlen-
krankheit; einzelne Todesfälle möglich;
270 - 330 rem: bei fast allen Exponierten Erbrechen und Nausea am
ersten Tag, gefolgt von anderen Symptomen der Strahlenkrankheit;
etwa 20% Todesfälle innerhalb von 2 bis 6 Wochen nach Exposition;
etwa 3 Monate lange Rekonvaleszenz der Überlebenden;
400 - 500 rem: bei allen Exponierten Erbrechen und Nausea am er-
sten Tag, gefolgt von anderen Symptomen der Strahlenkrankheit;
etwa 50% Todesfälle innerhalb eines Monats; etwa 6 Monate lang
Rekonvaleszenz der Überlebenden;"
(aus: Michaelis, Handbuch der Kernenergie)
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'Erwartungswert des Strahlenkrebsrisikos'
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