Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens
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Ökonomie des Gesundheitswesens
DIE RATIONALITÄTENFALLE
"Über die Grenzen des Sozialstaats wird geredet. Taten sind frei-
lich kaum gefolgt. So bleibt es bei Appellen von allen Seiten an
den Staat, Kosten zu dämpfen, an die Sozialteilnehmer, von ihrer
Anspruchshaltung abzulassen und wieder Verantwortung an den Tag
zu legen." (Prof. Herder-Dorneich, Köln, in der "FAZ")
Da hat einer ja offensichtlich alles verschlafen: Als wäre die
Einführung von Höchstverordnungsgrenzen bei Arzneitherapien nicht
Tag genug; als wären die Selbstbeteiligung der Rentner an ihren
Medikamentenkosten und all die anderen Maßnahmen zum Schutz der
Versicherungskassen vor den "Ansprüchen" derer, die sie mit ihren
Zwangsbeiträgen füllen, bloß leeres Geschwätz! Völlig jenseits
dessen, daß die Politik ihren "Appellen an die Vernunft " der
Bürger ausreichend Nachdruck verschafft h a t und völlig unbe-
eindruckt davon, daß es sich bei diesen Maßnahmen noch nicht ein-
mal um die Verweigerung weitergehender, sondern um die rigorose
Streichung vorhandener, sowieso am Nötigsten bemessener Leistun-
gen handelt, stellt sich dieser Herr die Frage, ob man "durch Ap-
pelle an die Vernunft und die Moral die Expansion (!) des Sozial-
staats" überhaupt bremsen könne; aber nicht, um sie mit einem
s c h l i c h t e n "Nein" zu beantworten, sondern um sie zu ei-
ner völlig versponnenen "Problemstellung" zu erweitern:
"Können wir davon ausgehen, daß der Sozialstaat ein Gefüge ist,
in dem rationales Denken sich durchsetzt?"
Und dafür entwickelt er ein "Modell sozialstaatlicher Versor-
gung":
"Im Sozialstaat werden die Medikamente unentgeltlich abgegeben,
die Kosten werden am Monatsende umgelegt auf alle. In einem sol-
chen System entfällt der Finanzdruck zur Sparsamkeit. Der Konsu-
ment ersteht nicht nur das notwendigste, sondern noch dies und
das...
Und umgekehrt: Mehrverbrauch lohnt sich. Jeder einzelne wird
feststellen, daß Mehrverbrauch ihm voll zugute kommt. Die zusätz-
lichen Kosten aber werden auf die Masse. der Sozialteilnehmer um-
gelegt. Natürlich muß jeder einzelne auch seinen Teil daran tra-
gen, aber das ist für ihn nur ein unendlich kleiner Teil eines
Pfennigs. Das scheint ihm ein gutes Geschäft."
Ein sauberes "Modell": Umsonst soll man die Medikamente erhalten,
nur weil man sie erst am Monatsende zu bezahlen hat? Ein
"unendlich kleiner Teil eines Pfennigs" soll auf den einzelnen
bei "Mehrkonsum" nur entfallen; wo doch "alle tüchtig konsumiert
haben", sich durch die vom Modell angeregte Multiplikation der
Pfennigteile mit der "Masse der Sozialteilnehmer" ein "ärgerlich
hoher Betrag" ergibt, jeder seine Medikamente im Endeffekt also
voll bezahlen muß. Wenn das kein "Finanzdruck zur Sparsamkeit"
ist. Und bei all dem soll es sich auch noch um ein riesiges
"Problem" handeln - nur weiß man inzwischen nicht einmal mehr für
wen: Die Leute meint er nicht, und die Staatskasse, die er meint,
kann es nicht sein; schließlich zahlen die Leute ihren
"Mehrkonsum" qua Umlage "am Monatsende" immer selbst! Man sieht,
Ungereimtheiten werden voll in Kauf genommen, wenn und weil es
bei der Entwicklung dieses "Umlagemechanismus" einerseits eh nur
darauf ankommt, eines als "plausibel" vorstellig machen zu kön-
nen: Daß die Leute sowieso mehr Medikamente fressen, als sie
brauchen, nämlich "dies und das"...; daß es sich bei dieser Ange-
legenheit keineswegs um den auch gar nicht so üppig ausfallenden
- Versuch handelt, die eigene Gesundheit wiederherzustellen, son-
dern um ein "Geschäft".
Andererseits unterscheidet sich diese Polemik gegen "die An-
spruchshaltung der Sozialteilnehmer" etwas von einem bloßen
"Appell" an deren "Moral". Die Ausmalung eines "Versorgungs-
mechanismus" und die Erfindung eines "unnötigen Mehrkonsums" als
dessen Folge, die Vorstellung, "das System selbst führe zu
irrationalem Verhalten" - ist nichts als der Hinweis an die
staatliche Gewalt, sie müsse sich nicht wundern, wenn sich die
Leute in den von ihr gesetzten "ökonomischen Mechanismus"
einspannen lassen. So v e r r ü c k t dieser Hinweis ist - als
wäre die sozialstaatliche "Gesundheitssicherstellung" nicht die
durch eine knappe Bewirtschaftung der eingezogenen Mittel erzwun-
gene Beschränkung des Interesses an Gesundheit auf die eigenver-
antwortliche Wahrung der Arbeitsfähigkeit, sondern der Zwang, im-
mer mehr Tabletten zu fressen - so f i k t i v also das
"Problem" ist, mit dessen Lösung er seine Herrschaft beschäftigt
sieht, so sehr enthält er den unbedingten W i l l e n z u r
ö k o n o m i s c h e n R e c h t f e r t i g u n g der sozial-
politischen Taten und den Versuch eines Anscheins, dafür als
W i s s e n s c h a f t l e r auch irgendwie n ü t z l i c h
zu sein:
"Mit Hilfe des Begriffs Slack wird verständlich, warum Mehrausga-
ben nicht zu einem höheren Versorgungsniveau führen. Sie führen
lediglich zu Slack. Und nun können wir auch angeben, was ge-
schieht, wenn es gelingt, die Expansion zu stoppen, den Sozial-
staat zu bremsen: Nichts. Luft entweicht. Sozialer Slack wird ab-
gebaut. Wegsteuern von Slack bedeutet Versorgungsabbau ohne Kon-
sumverzicht. Oder umgekehrt: Konsumabbau ohne Senkung des Versor-
gungsniveaus."
Schöner, weil tautologischer kann man es nicht sagen, daß die
ökonomische Vernunft, die hier den nötigen und überflüssigen Ge-
sundheits"konsum" definiert, nur der Appell an den Staat ist, die
sozialstaatlichen 'Leistungen' weiter einzuschränken. Definitio-
nen sind bei Ökonomen eben immer unmittelbar theoretisch vorweg-
genommene Gewalt. Nach deren Maßstäben richten sie sich also
auch.
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