Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens
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Klarstellungen zum Pflegenotstand
LOHNARBEIT UNTER ERSCHWERTEN BEDINGUNGEN...
1. Die Pflegekräfte im Krankenhaus oder der Altenpflege sind
Lohnempfänger, die zur Abwicklung des staatlichen Gesundheitswe-
sens und des dabei stattfindenden Geschäfts ihren berufsmäßigen
Beitrag leisten.
Wie sämtliche Aufwendungen hierfür wird auch der Pflegedienst un-
ter Kostengesichtspunkten betrachtet und entsprechend kalkuliert:
die Personalkosten sind prinzipiell und immer zu hoch. Die
Dienste der erforderlichen Mannschaft sollen also b i l l i g
eingekauft werden. Möglichst wenig Personal hat möglichst viel
Arbeit für möglichst wenig Lohn zu erledigen. Klar ist, daß sich
aus dieser "Personalpolitik" keine anderen als die bekannten
unangenehmen Folgen für den Pflegedienst ergeben.
...ist kein "Versehen" der Arbeitgeber
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2. Angesichts dieses Sachverhaltes ist es kein jährlich sich wie-
derholendes "Versehen", wenn Planstellenzahlen und Lohn nur sehr
mäßig wachsen, die Arbeitsbelastung dagegen aber um so mehr.
Es dürfte sich deshalb beim "Pflegenotstand" in den Krankenhäu-
sern auch kaum um die Folgen von "Versäumnissen" der zuständigen
Instanzen handeln, sondern um die planvolle Rücksichtslosigkeit
des Kostensparstandpunktes und seiner politischen Exekutoren, die
in diesem Teilbereich des Gesundheitswesens die Erfordernisse
"unserer" Marktwirtschaft durchsetzen.
Verantwortungsbewußtsein spart Personalkosten
3. Der Zynismus der staatlichen Kostendämpfer verträgt sich nie
und nimmer mit der Berufsauffassung eines Personals, das auf
halbwegs annehmbar geregelten Arbeitszeiten und erträglichen
Arbeitsbedingungen besteht. Arbeitshetze und wenig Lohn sind als
Sonder-Opfer dauernd e i n g e p l a n t, wenn einfach die Bet-
ten vollgelegt und die Budgets knappgehalten werden. Man
r e c h n e t damit, daß sich das Personal im Prinzip alles ge-
fallen läßt und mit eigenen Zusatzanstrengungen dafür sorgt, daß
"es" doch immer wieder irgendwie weitergeht. Und wenn die Pflege-
kräfte meinen, es handle sich dabei um einen "Notstand", dem sie
abhelfen müßten, so ist das genau das Verantwortungsbewußtsein,
das den Herstellern des "Notstandes" gefällt.
Die Berufung auf das Wohl des Patienten nützt dem Personal nichts
...
4. Wegen dieser Berechnung von oben ist es geradezu ein Kunstfeh-
ler, das e i g e n e Interesse an besseren Arbeitsbedingungen
und mehr Lohn durch Berufung auf ein angebliches
A l l g e m e i n interesse an "besserer Pflege" rechtfertigen
und verhandlungsfähig machen zu wollen, wenn die Verwalter des
"höheren" Interesses dauernd klar machen, daß die das Pflegeper-
sonal nicht zum Wohle der kranken Menschheit, sondern für deren
billiges Unwohlsein eingestellt haben. Die Klage, man werde er-
preßt, ausgerechnet gegenüber dem Erpresser vorzubringen und sich
auch noch auf ein gemeinsames Interesse mit ihm zu berufen, ist
nur ein Hinweis auf die eigene Schwäche und das Eingeständnis der
Erpreßbarkeit durch das Zeigen auf das Ideal, an dem man sich
packen läßt.
...man schadet ihm nur damit
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5. Genauso versteht das auch die Gegenseite und wendet die Beru-
fung auf die gemeinsame Verantwortung gleich g e g e n die, die
damit einen Stich f ü r sich machen wollten: Diejenigen, die
durch knappe Stellenpläne und Sparsamkeit bei den Löhnen die Bru-
talitäten des Pflegewesens eingerichtet haben, sind die ersten,
die einem Personal, das auf Gegenwehr sinnt, entgegenhalten, es
könne doch nicht auf dem Rücken der Patienten seinen kleinlichen
Interessenkampf austragen. So wird das Verantwortungsargument zum
Hebel für die politischen Billigmacher der Personalkosten und zu
d e m moralischen Totschläger gegen jeden Widerstand. Gerade we-
gen der Verantwortung (der Pflegekräfte) für die Kranken haben
die Beschäftigten auch künftig jede Unverschämtheit hinzunehmen
und widerspruchslos ihren Dienst zu leisten.
Die Absicht, egal ob "ehrlich" oder nur "taktisch" gemeint, ge-
meinsam mit den Arbeitgebern die "Probleme" des Pflegesystems lö-
sen zu wollen, kann also immer nur g e g e n die Beschäftigten
ausschlagen. Die Arbeitgeber haben nämlich keine Probleme mit der
Pflege, jedenfalls solange nicht, bis das Personal beschließt,
ihnen welche zu m a c h e n.
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