Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens


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VORSICHT, GIFTIGE GESUNDHEITSRATSCHLÄGE

Auf seine Gesundheit soll man schwer achten, heißt es von allen Seiten, und wo man hinsieht, gibt es dafür gute Ratschläge. Joghurt und Müsli, vitaminreich, aber fettarm essen, Bewegung und Trimmen an frischer Luft, nicht rauchen noch saufen, unbedingt auf einen regelmäßigen Lebenswandel achten usw. Die Tips sind äußerst vielseitig, aber über eins sind sich alle einig, vom Gesundheitsapostel im AOK-Blättchen bis zum Fernseh- doktor: Daß es eindeutige Gründe fürs Kranksein gibt, daß man Krankheitsursachen also einfach beseitigt, gilt nur für einen Bruchteil der Lebenszeit, nämlich für die Freizeit; nur auf die Freizeitgestaltung beziehen sich die ganzen Ratschläge, eben ein- fach alles zu unterlassen, was einen krank macht. Wenn der Mensch seinen paar Vergnügungen nachgeht und macht, was e r will, werden ihm lauter Maßhalteparolen mit auf den Weg ge- geben, damit er in seiner F r e i z e i t nicht seine P f l i c h t e n für seine Gesundheit vergißt. Sein fahrläs- siges Verhalten gilt dann als einzige eindeutig feststellbare Krankheitsursache. Die paar Stunden am Tag, die man frei hat, soll man also gesund- heitsbewußt leben - kaum betrifft's den Arbeitsplatz, gelten diese Tips höchstens noch für die Fressalien in den Pausen. Jede Schädigung der Gesundheit, die durch die L o h n a r b e i t eintritt, geht in der freien Marktwirtschaft in Ordnung: - Wenn einer häufiger spät ins Bett geht, weil er die Nächte in Discos und Kneipen zubringt und dann morgens müde in die Arbeit kommt, dann ist das "unsteter Lebenswandel", und es ist allen klar, daß man d a v o n krank wird. Wenn aber der gleiche Mensch Wechselschicht arbeiten muß, ist dieser "unstete Lebenswandel" zwar ein bekannter "Faktor", der zu gesundheitlichen Störungen führen kann, damit aber als Grund fürs Kranksein schon aus der Schußlinie. Vielleicht gibt es ja noch andere Faktoren, die dazukommen müssen, damit der Mensch wirklich krank wird. Und den Risikofaktor "Schichtarbeit" kann man nicht beseitigen, der ist wirtschaftlich notwendig. - Bei Arbeiten mit Stäuben, Lösungsmitteln und giftigen Dämpfen gibt es wieder nur m ö g l i c h e Zusammenhänge mit Atem- wegserkrankungen. Unter der gesetzlich festgelegten und vom Be- triebsrat kontrollierten Höchstgrenze ist die Schadstoffmenge als aushaltbar definiert. Verletzt werden also allenfalls die Bestim- mungen, durch eine Ü b e r s c h r e i t u n g der Giftmenge: Die normale Belastung geht in Ordnung; wenn jemand sie nicht ver- trägt, dann gehört er in der Statistik zu den Personen, bei denen "lungenkrank" und "Lackierer" gleichzeitig zutreffen. Pech ge- habt! Diese Sorte Arbeit wird deswegen nicht abgeschafft. Ganz anders sind da die Folgerungen der Medizin, wenn "Rauchen" und "Lungenkrebs" in der Statistik in Zusammenhang gebracht werden. Dann ist das der Beweis, daß Rauchen der Grund für Krebs und zu unterlassen ist. Sonst ist man selber schuld, wenn man krank wird. - Muß einer den ganzen Tag über dieselben eintönigen Bewegungen machen, die bestimmte Körperteile abnutzen, dann hilft ihm die Medizin beim Aushalten der Arbeit mit Schmerzmitteln und Kuren, oder der Kranke kann den Gang durch die amtsärztlichen Instanzen antreten, um Umschulung oder Frührente zu erstreiten. Mit "Ver- schleiß" wird also bei den Kassen gerechnet, als Dauerschaden, der sich eben v o n F a l l z u F a l l, mit den Jahren etc., einstellt - als Preis "unserer heutigen bewegungsarmen ein- seitigen Berufe." Deswegen wird die Verhinderung der entsprechenden Krankheit gleich jedem als dauerhafte Freizeitpflicht aufgebürdet. Da sind dann auf einmal "falsches Freizeitverhalten", "mangelnde Be- wegung" und "zu wenig Ausgleichssport" schuld, wenn einseitige Belastungen ihre Wirkung tun. - Wenn einer an seinem Arbeitsplatz ständig unter Anspannung steht und Höchstleistung bringen muß, von seinen Vorgesetzten ge- gängelt wird, dabei die Sorge um den Lebensunterhalt nie ganz los wird und irgendwann einen Herzinfarkt oder Magengeschwüre be- kommt, dann wird ihm schon mal vom Arzt die Frage gestellt, ob er "Probleme in der Arbeit" hat. Die nimmt der gute Doktor schon zur Kenntnis. Abstellen kann man das aber selbstverständlich nicht. Der Mensch muß ja arbeiten gehen. Eins aber ist für chronisch Ma- genkranke oder Infarktgefährdete immer klar: Der Patient muß auf alle Fälle "sein Leben umstellen". Denn daß zu viel fettes Essen nicht gut für das Herz ist und Saufen der Leber schadet, genügt allemal für die Behauptung, daß "vernünftiges Verhalten" in der Freizeit die beste Vorsorge und Heilung darstellt. Bei seinen Privatvergnügen soll man also auf seine Gesundheit achten; am Arbeitsplatz hat dies nicht mehr zu gelten. Wie sollte man auch gerade da auf sie aufpassen können? Beim Arbeiten hat man schließlich selber gar nichts in der Hand; was da geschieht und wie, das liegt in den Händen der Leute, die bei uns "die Wirtschaft" heißen. Und das Wachstum des Kapitals ist hierzulande erster Staatszweck. Wenn d a f ü r die Gesundheit draufgeht, dann eben im Dienste des von oben verordneten "Sachzwangs" Nr. 1. Basta! D a g e g e n möchte keiner der öffentlichen und privaten Ge- sundheitsfritzen etwas gesagt haben, die doch immer so besorgt sind um die Gesundheit der Leute. Umgekehrt: Genau für die fraglose Pflichterfüllung soll man sich offenbar in seiner Frei- zeit tauglich halten. Gesund soll man sein - sich nützlich für die Geschäfte der Wirt- schaft zu erhalten, das gilt bei uns anscheinend als die selbstverständlichste Maxime für Leute, die arbeiten müssen, um zu leben. Deshalb soll einem seine Gesundheit fürs eigene Vergnü- gen zu schade sein - für die Lohnarbeit aber nie. zurück