Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens
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MAZ-Serie "Gesundheit" (I)
GESUNDHEIT - DAS HÖCHSTE GUT
Das Lob der Gesundheit heißt nichts Gutes
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Gesundheit gilt hierzulande als ein hohes, wenn nicht gar als das
höchste Gut. Für die Mehrheit der Leute in unserer Republik ran-
giert sie auf der Liste der wünschenswerten Dinge ganz oben. Kein
Geburtstag oder Jahreswechsel vergeht, an dem man sich nicht
wechselseitig mit dem Wunsch nach diesem Gut beglückt. Kommt der
Mensch aus dem Urlaub zurück, so wird gleich - anhand der erwor-
benen Bräune wohlwollend bis neidisch überprüft, ob der Urlaub
seiner Gesundheit denn auch wohlgetan hat. Noch nicht einmal nie-
sen kann der Mensch, ohne mit "Gesundheit" belämmert zu werden.
Das ist schon merkwürdig. Die schlichte Tatsache körperlicher Un-
versehrtheit soll das höchste Lebensglück des Menschen sein?! Ei-
nes kann ja wohl nicht damit gemeint sein: daß heile Knochen und
funktionsfähige Organe einfach dadurch, daß man sie hat, Glücks-
gefühle auslösen. Wie sollte das auch gehen? Mit einem gesunden
Körper kann man im Leben zwar allerhand anfangen; aber für sich
genommen ist Gesundheit doch nichts weiter als eine bloße
V o r a u s s e t z u n g für so unterschiedliche Dinge wie Fuß-
ballspielen und Schichtarbeit. Das hohe Lob der Gesundheit, so
als wäre sie wichtiger als all das, was ein gesunder Mensch tun
und treiben kann, drückt deswegen auch nichts Erfreuliches aus,
sondern gleich zwei traurige Wahrheiten.
Erstens: Die Gesundheit wird gebraucht und gelobt, weil sie
benützt und verbraucht wird. (Bei einem Fußballprofi ist das je-
dem klar. Weshalb stehen Montags immer die Sportseiten der Zei-
tung voll von Krankenberichten? Weil es am nächsten Samstag wie-
der draufgeht auf die Knochen. Das stabilste Schienbein - die be-
ste Waffe im Konkurrenzkampf auf dem Rasen!)
Zweitens: Deswegen ist es hierzulande ein Glück - und zwar ein
unverdientes Glück von höchst unsicherer Dauer -, nicht krank zu
sein; denn täglich wird die Gesundheit eingesetzt und verschlis-
sen. Kein Wunder daher, daß das Lob der Gesundheit durch lauter
Vorschriften und Tips ergänzt wird, wie dieses Gut zu pflegen und
zu erhalten ist. Keine Fernsehzeitung kann man aufschlagen, ohne
daß wildfremde Menschen einem vorschreiben wollen, was man essen
darf und was nicht. Und ein Köhnlechner gibt in der Bildzeitung
regelmäßig Ratschläge - wollte man die ernstnehmen, man müßte
sein ganzes Leben unter das trostlose Motto Erhaltung der Körper-
funktionen stellen!
Wem nützt das hohe Gut Gesundheit?
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Auf Gesundheit kommt es offensichtlich sehr an. Aber wie?! Wer
kann schon unbefangen mit der Gesundheit nach Lust und Laune
vieles unternehmen und sich manch vergnügliche Anstrengung lei-
sten, ohne gleich vom eigenen Körper eine Rechnung dafür präsen-
tiert zu bekommen? Statt dessen haben es hierzulande die meisten
nötig, einigesfür die Gesundheit zu unternehmen, bei allen mögli-
chen Sachen auf sie zu achten und dafür allerhand Abstriche von
Lust und Laune zu machen. Einem Lohnarbeiter ist es nicht er-
laubt, seine Gesundheit als eine Sache zu betrachten, die für ihn
und sein Vergnügen da ist. Er braucht eine gesunde Konstitution,
und zwar für etwas ganz anderes - sie ist sein einziges
"Kapital". Und das nützt ihm nur, wenn er sie dem wirklichen Ka-
pital verkaufen kann. Er braucht seine Gesundheit, um sie im
Dienst des Kapitals verbrauchen zu können - und deshalb kann er
sich Kranksein nichtleisten.
Wofür die Gesundheit der Arbeiter hierzulande verbraucht wird und
wer die Nutznießer davon sind, ist kein Geheimnis. "Die Firma"
schätzt nichts so sehr wie die Leistung ihrer Arbeiter; und an
der L e i s t u n g schätzt sie, daß sie sich für das Unterneh-
men lohnt. Deshalb achtet sie auch genau darauf, wieviel die Ar-
beiter schaffen für das, was sie an Lohn bekommen. Denn Löhne
werden vom Unternehmen als K o s t e n kalkuliert; und deswegen
wird damit sparsam umgegangen und peinlich genau darauf geachtet,
daß dafür auch die gewünschte L e i s t u n g abgeliefert wird.
Für die Bestreitung seiner Lebensnotwendigkeiten wird vom Arbei-
ter verlangt, daß er ein Leben lang den Leistungsforderungen der
Gegenseite täglich neu genügt. Und das heißt: Über mindestens 8
Stunden täglich hat er keinerlei freie Entscheidung. Weder dar-
über, wann diese 8 Stunden täglich beginnen noch darüber, was er
während dieser Zeit zu tun hat und wie schnell er es zu erledigen
hat. Sein Arbeitsplatz ist so gestaltet, daß er sich um sein Ar-
beitstempo keine Gedanken zu machen braucht. Anpassung an eine
vorgegebene Geschwindigkeit ist verlangt.
Wie er sich dabei jeweils fühlt, welche Schwierigkeiten er dabei
hat, soll für seine Leistung keine Rolle spielen. Sportlern, die
im Wettkampf versagen, wird eine Tagesform zugestanden, Arbeitern
nicht. Die müssen ja nicht hin und wieder mal einen Rekord bre-
chen, sondern "nur" jeden Tag ganz normal in die Fabrik. Ihnen
wird eine ganz andere Selbstbeherrschung abverlangt: Sie haben
von ihrer jeweiligen "Tagesform", ihrem körperlichen und geisti-
gen Befinden a b z u s e h e n, es als störende Bedingung für
ihre Arbeitsleistung zu behandeln. Sie ernten kein Verständnis
für nachlassende Leistung, sondern im günstigsten Fall eine War-
nung, daß sie "sich am Riemen reißen" sollen.
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