Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens
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Alle Welt meint, man verdient, was man verdient, wegen seiner
Leistung. Das ist falsch. Warum verdient wer wieviel?
DER ARZT
Diese Helfer der Menschheit gehören zu den Spitzenverdienern der
Gesellschaft, und einen krisensicheren Beruf haben sie auch noch.
Beides sollte man ihnen lieber nicht zum Vorwurf machen, denn
beides haben sie nicht zu verantworten.
Daß den Ärzten ihre Geschäftsbedingung, der Nachschub an Kranken-
material, nicht ausgeht, dafür können sie nichts. Und daß die
vielen Patienten daher kämen, weil die Leute wegen jedem Scheiß
zum Doktor laufen, stimmt auch nicht. Die alte Volksweisheit
"Kopf kalt, Füße warm - macht den reichsten Doktor arm!" ist eben
nur so eine Weisheit. Die kapitalistische Arbeitswelt mit ihrer
Dauerbelastung von Physis und Psyche, der Umweltschmutz, den die
geschäftstüchtige Industrie besorgt und den man notgedrungen ein-
atmen, schlucken, hören und fühlen muß - das sind die Hauptkrank-
heitsspender unserer fortschrittlichen und schnellebigen Gesell-
schaft.
Es sind nämlich schon längst, im Grunde seit den ersten epochema-
chenden Erfolgen der modernen wissenschaftlichen Medizin, in er-
ster Linie keine Unbilden der Natur mehr, deren Auswirkungen die
Ärzte zu pflegen und nach Möglichkeit zu kurieren haben. Was sie
in der Physis ihrer Patienten an Gebrechen vorfinden, sind haupt-
sächlich die Hinterlassenschaften höchst zivilisierter Einwir-
kungen und Anstrengungen, die zusammen eine ziemlich ungesunde
Daseinsgestaltung ausmachen.
D a s macht dem guten Doktor das Leben schwer. Mit seiner medi-
zinischen Kunst, mit Chemie und Skalpell kann er Knochenbrüche
oder ähnliches heilen und Bazillen und Viren erfolgreich bekämp-
fen. Wo aber die Last und der Streß des Berufes und die Luft und
der Lärm usw. der Industriegesellschaft die eindeutige Ursache
der weitverbreiteten anfallenden Krankheiten sind, da muß der
Arzt eigentlich passen. Nicht daß er diese Krankheitsursachen
nicht kennen würde. In Form einer Krankheitsgeschichte erkundet
und erfaßt er durchaus diese Gründe für die Leiden der Patienten.
Aber die Befreiung von der Fabrik und die Entlastung von der Ar-
beit, ein Haus im Tessin oder gute Luft ab sofort und für immer
kann er seinem Patienten nicht verschreiben. Ganz abgesehen da-
von, daß eine solche Maßnahme meistens zu spät käme.
Mit diesem Widerspruch haben die Ärzte in der Regel ihren Frieden
gemacht. Sie behandeln stur das leidende Individuum. Ihre thera-
peutischen Bemühungen richten sich darauf, den Krankheits-
fortschritt ein wenig zu verlangsamen oder auch nur, ihn ein we-
nig aushaltbar zu machen. Der Maßstab dieser Bemühungen liegt
nicht im nachzählbaren Erfolg - da müßten die Mediziner an ihrer
Arbeit verzweifeln. Und die Borniertheit dieses Berufsstands,
sich einzig und alleine mit dem kranken Individuum zu befassen,
ist derart, daß es für Ärzte eine Selbstverständlichkeit ist,
ihre Patienten zu "gesünderer Lebensführung" oder derartigem mehr
aufzufordern. Dabei wissen sie genau, wie wenig da geht und wie
wenig solche privaten Anstrengungen vermögen, weil man den
zivilisatorischen Ursachen der Krankheit, also den Belastungen
und Zwängen der Arbeit, den Giften der Umwelt nicht entkommen
kann.
Der Arzt ergänzt den gesellschaftlichen Verschleiß von
Gesundheit, indem er den Wirkungen dort entgegensteuert, wo sie
sich an den Individuen längst niedergeschlagen haben. Zu diesem
Gegensteuern gehören Mahnungen und Rezepte nach dem Motto
"Vorbeugen ist besser als Heilen", die den gesellschaftlichen
Verpflichtungen der Leute noch die Pflicht gegen sich selbst hin-
zufügen. So sind Ärzte von Berufs wegen A u t o r i t ä t e n.
Dem Patienten gegenüber sind sie eine gewichtige moralische In-
stanz, und das keineswegs nur insofern, als das ahnungslose Pu-
blikum sowieso an die medizinische Kunst g l a u b e n muß. Dem
Patienten gegenüber treten sie als Anwalt s e i n e r Gesund-
heit auf, die bloß deswegen den Rang eines verpflichtenden
L e b e n s z w e c k s erhält, weil ihr V e r b r a u c h zu
den selbstverständlichen L e b e n s b e d i n g u n g e n ei-
nes werktätigen Gesellschaftsmitglieds gehört und weil alle
trostlosen Versuche der privaten Kompensation dieses Verschleißes
einen Aufwand erfordern, der einiges an Einschränkungen fordert.
Warum und wie bei alledem der Ärztestand auf seine Kosten kommt
und aus seinen Arbeitsbedingungen eine G e s c h ä f t s-
bedingung wird? Auch das gehört zu den Errungenschaften der
"modernen Leistungsgesellschaft", daß den gesundheitsschädlichen
Belastungen, die sie als Privatproblem der Betroffenen behandelt,
in der Masse der "Fälle" gerade keine privaten Finanzmittel
entsprechen, mit denen diese sich ärztlichen Beistand kaufen
könnten. Ohne die Zwangskollektivierung einer der beiden Seiten,
entweder der Ärzteschaft oder von ansehnlichen Lohnteilen, geht
es da kaum ab.
Als marktwirtschaftlicher Freiheitsstall hat die bundesdeutsche
Demokratie sich für die letztere Variante entschieden und mit
Geldern, die von der großen Masse ohne überschüssiges Geld (bis
zur "Beitragsbemessungsgrenze" hinauf) zwangsweise eingesammelt
werden, ein Versorgungsnetz aufgezogen, das - zusammen mit der
privat versicherten besseren Kundschaft - der Mehrheit der Ärzte
den Status selbständiger Klein- bis Mittelunternehmer sichert.
Deren Geschäft wird zwar erst durch die happigen Rechnungen für
Privatpatienten so richtig fett; seine solide Grundlage hat es
aber in der Zahl der Krankenscheine, die, relativ unabhängig von
den tatsächlich dafür erbrachten Leistungen, einen Zugriff auf
den vergesellschafteten Lohnteil gewähren, den die gesetzlichen
Krankenkassen verwalten.
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