Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens
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Zwei kritische Anfragen
LIEGT DIE KREBSFORSCHUNG RICHTIG?
Zur Information: Manche Fortschritte, viele Lücken, Vorsicht ge-
boten!
"Der Artikel 'Fortschritte der Krebsmedizin' in der MSZ vom Juni
'84 ist ein ausgesprochen ärgerliches Produkt einer Taktik, Leser
mit Themen zu ködern, die in Boulevardblättern unter großer Pu-
blikumswirksamkeit durchgekaut werden, o h n e ausreichend über
die Sache informiert zu sein. Im Folgenden möchte ich an einigen
Beispielen belegen, daß der Artikel zum großen Teil aus Fehlern
und Plattheiten besteht und daß die richtigen Aussagen ungenügend
herausgearbeitet sind:
- In der Tübinger Hochschulzeitung vom 4.6.84 wird für den Arti-
kel mit der Behauptung geworben, die Forschungen der Medizin über
die Biochemie der Krebsentstehung seien 'nicht zu knapp erwei-
tert'. Ähnlich die These im Artikel selbst, der Grund für die zu-
nehmenden Krebserkrankungen sei bekannt. Das ist beides schlicht
gelogen. über die Entstehung der z.Zt. im Steigen begriffenen
Darmkarzinome z.B. existieren lediglich unbewiesene Hypothesen;
auch bei Kindern entwickeln sich bösartig Neubildungen, die nicht
durch Exposition von schädlichen Stoffen erklärt werden können;
Asbestaufnahme ist nun wirklich nur für einen geringen Teil der
Malignome Ursache ihrer Entstehung. Im übrigen ist es auch nicht
wahr, daß "die Bindung chemischer Stoffe, die Krebs verursachen,
an die Zellelemente kein Geheimnis mehr" ist. Darauf kommt es zur
Zeit auch gar nicht an, denn egal welcher Mechanismus: 'Es hat zu
unterbleiben, daß diverse menschliche Körper diesen Stoffen dau-
ernd ausgesetzt sind.'
- Ihr schreibt: 'ganz als wäre die Unfähigkeit, einen Krebskran-
ken zu heilen, dasselbe wie eine Wissenslücke'. Was Ihr daran
auszusetzen habt, ist mir nicht nachvollziehbar (manche Krebsar-
ten sind heutzutage heilbar und waren es früher aufgrund von Wis-
senslücken nicht).
- Ihr kritisiert das 'verkehrte methodische Interesse' und be-
merkt einen 'Gerechtigkeitssinn' bei den forschenden Ärzten wohl
ausgehend von der falschen Annahme, daß die Kanzerogenese an sich
geklärt wäre (im übrigen gibt es tatsächlich Krebsarten, die mit
Viruserkrankungen gekoppelt sind - Burkitt-Lymphom -; es gibt
auch welche, bei denen die Veranlagung dazu vererbt wird - anla-
gebedingte DNA Schädigung mit Hauttumoren oder z.B. auch gehäufte
Darmpolypen, die leicht entarten).
- Ihr kritisiert die 'Ideale der K o m p e n s a t i o n, die
doch verraten,... wofür die Medizin 'wiederherstellt'.' An der
Kompensation wäre ja etwas dran, wenn sie möglich wäre. Gäbe es
ein gutes Mittelchen gegen Asbestose, dann wäre doch an der Kom-
pensation nichts auszusetzen. Denn wenn ein Schaden auf der Stufe
der Kompensation genauso gut wie auf der Stufe der Entstehung
vermieden werden kann - o.k. Aber genau das ist nicht Realität!
(- Ihr tätet zu einem Krebsforscher sagen: 'Wenn die Krebserkran-
kung nicht ginge, wären wohl alle ziemlich heil geblieben, die je
einen Tumor hatten' - was soll s?!)
- Daß die 'theoretische Verlagerung der Disposition ins Erbe
einen Übergang ins Menschlich-Allzumenschliche' ansagt, ist ja
wohl Quatsch. Wenn ich es recht verstehe, meint Ihr mit
'Menschlich-Allzumenschliche' das Verlassen wissenschaftlichen
Bodens. Der Nachweis, daß Untersuchungen nicht zutreffen, die ge-
funden haben, daß die Disposition zu manchen Krebsarten vererbt
wird, dürfte wohl kaum zu führen sein. Der oben zitierte Übergang
existiert also nicht.
- Zitat: 'Vom Zweck der Medizin, eines Dienstes am Menschen, der
ihnen hilft, alles auszuhalten, was ihnen zugemutet wird, wollen
freilich die von ihrer segensreichen Tätigkeit überzeugten Medi-
ziner nichts wissen' - hier werden die Helfer am falschen Punkt
gepackt. Daß sie lediglich Reparateure sind, geben sie doch
(gerne) zu. Sie haben jedoch reichlich wenig an den zugemuteten
Schweinereien auszusetzen ('ein Standpunkt, dem die körperliche
Ruinierung der Leute geläufig ist'), bzw. sie relativieren die
Zumutungen an ökonomischen 'Erfordernissen'. (Für krebserregende
Stoffe existieren in der Regel keine MAK-Werte (= Maximale Ar-
beitsplatzkonzentration), die noch fordern, daß bei Einhaltung
ihres Wertes keine Gesundheitsstörungen innerhalb eines Achtstun-
dentages auftreten sollen. Vielmehr gibt es bei Kanzerogenen TRK-
Werte (= Technische Richtkonzentration), die sich an den techni-
schen Schutzmöglichkeiten und an Meßtechnik orientieren.)
- Der Schlußsatz schließlich: 'Das falsche Enzymmuster und dann
noch rauchen kein Wunder, daß Sie Asbestose haben!' tut so, als
ob medizinisches Wissen (Asbestose) absichtlich unterschlagen
wird. Es ist aber doch vielmehr so, daß jeder, der es will, er-
fahren kann, woher Asbestose kommt - nur: die Einbildung, seine
Gesundheit sei anerkanntermaßen höchstes Gut (Abschaffung von As-
best), die soll er sich aus dem Kopf schlagen.
U.L., Tübingen
Krebsforscher - solche und solche!
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"Geschätzte Redaktion!
Laut Eurer Ankündigung zum Krebsartikel in der MSZ, soll dieser
zeigen, "daß alles, was die Medizin da rauskriegen muß, längst
erforscht ist". Diese Ansicht kann ich nicht teilen. Gut und
richtig finde ich Eure Charakterisierung des medizinischen Zynis-
mus, der 'die Resultate der Forschung, daß ca. 70 bis 80% der
Krebse chemisch induziert sind, nicht zum Anlaß nimmt, gegen die
Exposition der bekannten Noxen gegnerisch tätig zu werden, son-
dern lieber diese Kenntnis vor der weiteren Unkenntnis der Canze-
rogenese blamiert. Das bornierte und darin gesellschaftlich so
affirmatiue Bemühen, eine strikt medizinische Lösung des
Krebsproblems zu finden und für alles weitere seine Hände in Un-
schuld zu waschen, schlägt dann bei so Leuten wie z.B. Grundmann
seine Kapriolen, der lieber spekulativ auf einen irgendwann mög-
lichen gesteuerten Einsatz von DNS-Reparaturenzymen setzt, von
denen man aber bisher nicht viel mehr weiß, als daß es da was in
der Richtung überhaupt gibt.
Falsch finde ich es jedoch, die Kritik der affirmatiuen Stellung
der Krebsforschung auch auf deren sachliches Bemühen anzuwenden.
So bleibt es doch wissenschaftlich eine spannende Frage, wie ein
bekanntes Canzerogen nun in der Zelle eine Entartung bewirken
kann. Eure selbstzufriedene Feststellung, daß, "wenn die Krebser-
krankung nicht ginge, wären wohl alle ziemlich heil geblieben,
die je einen Tumor hatten", ist da schlichtweg wissenschafts-
feindlich. Ebenso ignoriert Euer Abtun der Resultate der Krebs-
forschung bezüglich der Viren, Immunologie und Gen-Beteiligung
als ideologisch motivierte Forschungsansätze, daß es mit diesen
Gebieten wesentlich mehr auf sich hat, als es ihr darstellt.
(Vgl. Publikationen Klin. Wschr., Verh. d. dt. Ges. f. Innere
Med., etc) Ein gemeinsames Prinzip der Wirkung von Cancerogenen
zu suchen und evtl. auch "das" Mittel gegen den Krebs zu finden,
finde ich für sich gesehen nicht kritikabel. Denn für dieses wäre
sicherlich auch der kettenrauchende Genosse im Kommunismus sehr
dankbar.
Beste Grüße, K.D."
Ein paar Klarstellungen über Krebs,
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Krebsmedizin und Gesundheitspolitik
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1. Wissen und Wissenslücken
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Vorweg sei ein Mißverständnis ausgeräumt, das als Vorwurf gegen
unseren Artikel in MSZ 6/1984 nichts taugt. Wir haben nicht be-
hauptet, daß die Krebsforscher alles wissen über die zur Debatte
stehende Krankheit mit ihren sämtlichen Unterabteilungen. Und
noch viel weniger sind wir auf die Kritik gekommen, dieses schöne
Wissen würde "absichtlich unterschlagen". Wenn ersteres unserer
Darstellung angehängt wird, so ist das "schlicht gelogen":
"Lücken mag es zwar auch noch geben, zumal die 'Zivilisation' we-
nigstens auf dem Gebiet der Krankheften noch für manches Neue gut
ist."
Der Behauptung, daß die Biochemie der Krebsentstehung einiges
herausgekriegt hat, sollte man auch besser nicht mit dem Verweis
auf ein "z.B" begegnen: Unwissenheit an einer Stelle zeugt näm-
lich noch lange nicht davon, daß in anderen Dingen ebenfalls
nichts geklärt ist!
Deshalb nochmals, was wir nicht abstreiten lassen möchten, auch
wenn in der Krebsforschung selbst der eben erwähnte Typus der Re-
lativierung vorhandener Kenntnisse reichlich zu Ehren gelangt:
Pathologische Veränderungen kommen durch Einwirkungen äußerer No-
xen zustande; mit physiologischen Vorgängen, zu denen im Genbe-
reich auch die Spontanmutationen gehören, ist weder die Anzahl
noch die Zunahme der Chromosomenabweichungen zu erklären. Über
das gehäufte Zusammentreffen von bestimmten chemischen, physika-
lischen oder infektiösen Noxen mit umschriebenen Krebsformen hin-
aus ist bei einigen Karzinomen das "wie" geklärt: Ionisierende
Strahlen zerstören Molekülverbindungen, chemische Radikale verän-
dern die Nucleotid-Sequenzen etc, Asbestose bei bestimmter Faser-
größe und Konzentration von Asbest...
2. 'Wie ist Krebs möglich'
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Eine falsche Frage und ihre Beantwortung
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Die einschlägigen Kenntnisse sind freilich eines nicht: Wissen,
das eine m e d i z i n i s c h e H a n d h a b u n g der Er-
krankung erlaubt. Vom Standpunkt der Reparatur oder gar Verhinde-
rung aus gesehen, erscheinen die vorhandenen Erklärungen als Be-
funde, die (noch) nichts taugen. So gesehen wird die Frage
"spannend",
"wie ein bekanntes Cancerogen nun in der Zelle eine Entartung be-
wirken kann"
Warum, lieber Fachmann, ist Dir wie der ganzen Krebsforscher-
Zunft dieses "kann" eingefallen? Weil Du die Fortsetzung der For-
schung in Richtung auf die M ö g l i c h k e i t e n für ratio-
nal hältst? Und deswegen unsere Bemerkung für wissenschaftsfeind-
lich erachtest, die nur besagt, daß die M ö g l i c h k e i t
der Krebserkrankung nun wirklich nicht zur Debatte steht!
Wer die Frage nach der Möglichkeit ernst nimmt, befaßt sich zwar
damit, wie Kadmium, Chlormethyläther, Radongase oder das SV40-Vi-
rus die DNS-Struktur verändern. Allerdings in der Überzeugung,
daß alle Ursachen n u r "Auslöser" sind, der Grund aber in ei-
nem Versagen liegt, in einem M a n g e l der Zelle und der Re-
aktionen, die sich in ihr abspielen. Diese Unzufriedenheit be-
trifft nicht mangelhafte Erklärungen, sondern den Volksgesund-
heitszweck der Immunität, die durch die Medizin herzuschaffen
ist. Wie kann man unter Fortbestand aller schädlichen Noxen deren
Folgen vermindern; es müßte ein gemeinsames Prinzip gefunden wer-
den, was den Körper i m m u n macht - die Impfung gegen den Vi-
rus, - die Gentherapie gegen das Krebs-Gen. Der Fehler ist bei
beiden der gleiche: Das Resultat, die Schädigung, wird als i m
O r g a n i s m u s b e d i n g t behauptet, so daß es durch
die bekannten Kanzerogene nur "ausgelöst" wird; die Plattheit;
daß ohne Wirkung kein Ding Ursache wäre, wird gegen die Ursache
gewendet.
Daß die DNS vor der "Auslösung" keineswegs Krebs war, sondern so-
gar physiologische Funktionen ausgeübt hat, ficht solche Forscher
nicht an:
"Besonderes Interesse finden die Onkogene (Herv. i.O.) in ihren
viralen und ihren zellulären, d.h. in jeder Zelle vorkommenden
Formen. Ein Onkogen kann durch eine Punktmutation (!), also durch
Austausch eines einzelnen Nucleotids, von einer ruhenden in eine
maligne transformierende Form umgewandelt werden... In anderen
Fällen war die Aktivierung der Onkogene von größeren Vmkigerungen
begleitet... Es zeichnen sich Lösungen für einige (sicher nicht
für alle) brennenden Fragen der Tumorentstehung ab." (MMW 125
(1983) 26, 585)
S o gesehen ist jedes Gen, dessen V e r ä n d e r u n g Mali-
gnität bedeutet, ein O n k o-Gen; der Krebs hat seinen Grund in
dem Gen, weil es möglicherweise entartet - die Verwandlung der
Möglichkeit in eine Notwendigkeit: Wenn die Krebserkrankung nicht
ginge, wären wohl alle ziemlich heil geblieben...
Ein normales Gen wird so zu einem ruhenden Krebs-Gen verfabelt,
mag man es mal Onko-Gen, mal Proto-Onkogen nennen:
"Die Onkogene scheinen von sogenannten Proto-Onkogenen abzustam-
men, die in allen normalen Zellen vorhanden sind und bei Wachstum
und Differenzierung eine Rolle spielen. Durch Mutation wird das
Proto-Onkogen zum Onkogen und produziert jetzt ein abnormales
'bösartig' machendes Protein." (Moku ärztl. Fortb. 34 (1984)
6,24)
Wer will da, wo sich sogar "Lösungen abzeichnen", noch groß fra-
gen, was es mit den Kanzero- bzw. Mutagenen auf sich hat;
schließlich sind das bloß die Auslöser, deren Beseitigung
"d e n" Krebs ja gar nicht beseitigen k a n n!
Mit der Virus- und Gentheorie wird unabhängig von den verursa-
chenden Substanzen gefragt, wie es zu dem veränderten Genmaterial
kommen kann: Lagert sich ein DNS-Virus irgendwie an die DNS an,
oder ist die DNS-Sequenz, die dann "mutiert", schon immer in dem
DNS-Strang enthalten?
Mit dem Verlassen der Virus-Hypothese zugunsten der Gen-Hypo-
these, deutet sich allerdings auch ein ideologischer Übergang an,
nämlich in der Schuldzuweisung. Offenbar ist mit dem Virus zu
sehr das "außen" im Visier und zu wenig klargestellt, daß die
N a t u r d e s M e n s c h e n an dem Krebs s c h u l d
ist. Der Schluß, nicht alle Asbestarbeiter bekommen Krebs, also
muß an der Konstitution mancher Leute etwas falsch sein, oder der
Hinweis darauf, daß schon Hippokrates 500 vor unserer Zeit so et-
was wie Krebs beschrieben hat, sind Abgänge ins "Menschlich-
Allzumenschliche".
Leider geht auch die Verwendung von Gegenbeispielen. (Burkitt-
Lymphom, Darmkrebs etc.) in dieselbe Richtung. Wenn man w e i ß,
daß für eine spezielle Erkrankung ein Virus verantwortlich ist,
muß man doch nicht die Hypothese aufstellen, daß der Virus auch
bei Asbestose sein Werk tut. Wir haben ja auch nicht das Umge-
kehrte gefordert, wie es vorwurfsvoll in den Satz anklingt:
"Asbestaufnahme ist nun wirklich nur für einen geringen Teil der
Malignome Ursache ihrer Entstehung."
Eher schon haben wir moniert, daß selbst bekannte Ursachen für
genau umschriebene Krankheiten in die Abteilung der Rätsel zu-
rückverwiesen werden, weil sie für a n d e r e Erkrankungen
n i c h t in Frage kommen!
Genau aus diesem Grund halten wir auch einen erwiesenermaßen
v e r e r b t e n Krebs nicht für einen Anlaß, die These zu ver-
fechten, Krebs sei Erbkrankheit, nach dem Motto: Diese Krankheit
gehört dazu "Krebs als Erscheinung des Lebens" (Koeppe, Therapie-
woche 31 (1981) 41, 6465). Ganz im Gegensatz zu wirklichen Erb-
krankheiten, der Phenylketonurie oder der Bluterkrankheit, bedarf
das Krebs"erbe " noch einer Erbgutveränderung, um überhaupt eine
Krankheit zu werden.
Damit sagen wir nicht, daß Krebs nicht vererbt werden kann: Es
gibt Formen wie den Strahlenkrebs der Nachkommen der Hiroshima-
Opfer, wo das Agens die Keimzellen-DNS getroffen hat und die ver-
änderte DNS weitergegeben wurde. Und wenn Kinder Malignome haben,
dann ist das eher ein Beleg dafür, wie die Verbreitung der Kanze-
rogene fortgeschritten ist - und nicht dafür, daß hier nicht die
Exposition durch schädliche Stoffe am Werk ist. Also von wegen
Erbe, wie es die bürgerlichen Apologeten glauben machen wollen:
"...vermuten wir, daß die Karzinogenese aus der Umwelt im Ursa-
chengefüge des neoplastischen Wachstums nur die Spitze des Eis-
bergs darstellen, während die wichtigste Komponente, die Suszep-
tibilität zur Krebsbildung, bei unseren Vorfahren im Verborgenen
liegt." (Anders, Klinische Wochenschrift, 1981)
Tja, die alten Germanen! - Wenn das kein Abgang ist!
3. Das Gesundheitsideal: der resistente Mensch
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Bei jeder Krankheit liegt - gemäß dem Ideal, der Körper sollte
nicht an ihr erkranken - ein M a n g e l seitens der Körperzel-
len vor, eine fehlende Abwehrkraft gegen die Schädigung:
D i s p o s i t i o n. Der Schnupfen wäre, so gesehen, die Unfä-
higkeit, Viren beim Eindringen in die Zellen zu identifizieren
und ihre Permeation zu verhindern. Beim Rheuma, der Zerstörung
der Gelenke durch Antigen-Antikörper-Komplexe und die nachfol-
gende Entzündungsreaktion, läge eine Unfähigkeit der Antikörper
vor, die körpereigenen Knorpelsubstanzen als solche zu erkennen
und keine Antikörper dagegen zu entwickeln; die Lymphozyten lie-
gen da ziemlich schief. - Bei der Arteriosklerose proliferieren
die Myelozyten in Nachbarschaft der Intima der Gefäße, z.B. bei
ständigem Hochdruck, die Intima wird brüchig und Cholesterin la-
gert sich ein - warum hält denn die Zelle den Hochdruck nicht
einfach aus?!
Daß die Mediziner das Ideal der Bekämpfung der Krankheit durch
Veränderung der Zellen nur beim Krebs verfolgen, hat seinen Grund
in der volksgesundheitlichen Handhabbarkeit der anderen Krankhei-
ten: Dank der modernen Pharmakologie schließen Schnupfen, Rheuma
und Arteriosklerose die Brauchbarkeit der Leute nicht in einem
Ausmaß aus, das der V o l k s gesundheit abträglich wäre. Anders
beim Krebs: Hier gibt's keine Blocker, die die Arbeitsfähigkeit
trotz Schädigung erhalten. Und der SPIEGEL weiß sich einig mit
der epidemiologischen Betrachtung der Sache ("Krebsatlas"):
"Krebs: ein Leichenberg, weil nichts geschieht?"
Deshalb kaprizieren sich andererseits nicht wenige Forscherhirne
auf die Umsetzung des Wunsches, doch die Onko-Gene durch Genver-
änderung zu beseitigen:
"Im Prinzip sollte es möglich sein, Gene nicht nur in beliebige
Körperzellen, sondern auch in die Zellen sich entwickelnder Em-
bryonen einzuführen... Derartige Versuche sind bei Mäusen bereits
gelungen. Mit den Methoden der extrakorporalen Befruchtung soll-
ten sie auch beim Menschen in den Bereich des Möglichen rücken."
(DÄ 81 (1984) 27, 2097)
Und in gewohnter Mediziner-Manier wägen sie diesen E i n-
g r i f f i n d i e G r u n d b a u s t e i n e d e s O r-
g a n i s m u s in einer Wirkungs-Nebenwirkungs-Debatte gegen-
einander ab:
"Würde aber ein solcher Versuch mit menschlichen Embryonen ausge-
führt, wobei man möglicherweise sogar bis zur Geburt oder noch
darüberhinaus warten müßte, bis sich der Erfolg der Manipulatio-
nen zeigt, so wäre man gezwungen, die 'erfolglosen' Fälle krank
leben zu lassen oder sie zu töten." (ebd.)
Andererseits, man bedenke den Nutzen krebsresistenter Individuen,
darf man nicht so einfach die Hände in den Schoß legen angesichts
der "Weisheit einer Evolution von Millionen Jahren", die gar
nicht so weise ist - angesichts der
"Weisheit einer Evolution " nämlich, "die uns Genkombinationen
beschert hat für Beulenpest, Pocken, Gelbfieber, Typhus, Polio-
myelitis und Krebs." (Molekularbiologe Cohen, zit. nach Start
1/1982)
Was hier ausgesprochen wird, ist eine Naturkritik, eine Unzufrie-
denheit mit dem Organismus, die bemängelt, daß der Körper die Be-
lastungen nicht aushält; eine Kritik, die nicht die Belastung,
sondern den Organismus ändern will. Praktisch umgesetzt bedeutet
die Veränderung des Genmaterials den Eingriff in die Zellen mit
dem rein negativen Inhalt, es solle nicht mehr die Möglichkeit
der Entartung in ihnen enthalten sein. Dieser Eingriff - abgese-
hen von der neuen "Disposition", die er schafft, - geschähe am
funktionierenden Organismus mit der Folge, das normale Funktio-
nieren umzuformen. Eine Umgestaltung der Zelle ist etwas anderes
als eine Impfung gegen Pocken, die Benutzung von physiologischen
Vorgängen gegen die Noxe. Die Perspektive einer Genveränderung
z.B. prospektiver Asbestarbeiter, damit sie keinen Asbestkrebs
mehr bekommen, ist die vom Standpunkt der Volksgesundheit ausge-
sprochene Vision des ewigen Lebens, pardon: der unendlichen Resi-
stenz!
Eher bescheiden muten dagegen, die Vorstellungen der Genforscher
an, die Leute so gen-differenziert zu untersuchen, daß sie auf
jeden Fall den zugemuteten Dreck ertragen:
"Die Zunahme der diagnostischen Möglichkeiten und der allgemeinen
humangenetischen Kenntnisse wird es möglich machen, die Disposi-
tion von einzelnen Personen für bestimmte Gifte festzustellen.
Kann dies dazu führen, daß die Industrie im großen Maßstab poten-
tielle Arbeitnehmer genetisch testet, um nur die unempfindlich-
sten einzustellen?... Im Augenblick handelt es sich nicht darum,
besonders resistente Arbeitnehmer auszuwählen, sondern in manchen
Fällen besonders empfindliche Menschen zu finden, die auf eine
gängige Schadstoffkonzentration am Arbeitsplatz übermäßig reagie-
ren." (DÄ 81 (1984) 27, 2095)
4. Der Dienst an der Gesundheit: Pflege für ein knappes Gut
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"An der Kompensation wäre ja etwas dran, wenn sie möglich wäre" -
meint unser Kritiker; und er denkt wohl wie seine Kollegen an das
"gemeinsame Prinzip der Wirkung von Cancerogenen", das, einmal
gefunden, "d a s" Mittel gegen den Krebs zum Einsatz zu bringen
gestattet.
Manchmal hat man schon den Eindruck, daß Leute nur deswegen an
Krebs sterben, w e i l die Medizin nichts dagegen weiß, oder?
Deswegen noch ein paar Bemerkungen über die Perspektive,
"Wege zu finden, die tödlichen Krebsgene rechtzeitig zu blockie-
ren oder auch Anti-Krebsgene im Labor nachzubauen und damit die
körpereigene Abwehr zu unterstützen. " (So die SPIEGEL-Wiedergabe
des im Moment favorisierten Programms)
Mit Reparatur und Wiederherstellung läuft bekanntlich nicht mehr
viel, wenn die schöne Gesundheit v e r b r a u c h t ist, was
ja vorkommen soll; sich bescheiden "lediglich als Reparateur"
verstehen, ist bisweilen schon eine Übertreibung. Und selbst bei
Krankheiten, wo es Heilverfahren gibt, haben sie auffallend oft
den Charakter einer Notlösung, die etwas anderes ist, als wenn
man die verlorenen 100 Mark wiederbekommt: Kompensation. Jeder
Mediziner fragt nicht zufällig in der Anamnese nach früheren Er-
krankungen, da sie prädilektieren für neue Krankheiten oder eben
selbst noch Beschwerden machen. Der Kompensationsfreund bekommt
seine Zufriedenheit ja auch über einen unterstellten Vergleich:
Angesichts des Schadens, den eine entzündete Gallenblase dar-
stellt, ist der Zustand nach Entfernung dieses Organs das gerin-
gere Übel. Das dazugehörige Ideal lautet restitutio ad integrum.
So ist dann gegenüber der Heilung eines Krebses das, was derje-
nige durchgemacht hat und in welchem Zustand er sich befindet, zu
vernachlässigen und Grund für die erstaunte Frage, was da noch
Kritik soll. Und die Nebenwirkungen, die durch die Eingriffe in
die "gewöhnlichen" und für manches wichtigen Zellfunktionen ent-
stehen, weil sich da sicher neue "Dispositionen" auftun, fallen
dann wieder in die Sphäre des "Unwissens" - aber da ist man ja am
Forschen...
Die medizinische Weltanschauung bleibt intakt und demonstriert
ihr Unverständnis gegenüber dem Hinweis, daß bisweilen die Unfä-
higkeit zu heilen etwas anderes ist als eine Wissenslücke.
Sicher, vom Kompensationsgedanken her wird ein Mediziner aller-
dings gelegentlich sehr kritisch: Wenn keine Behebung geht, dann
müßte man die schädlichen Stoffe verbieten. Der Staat soll pro-
phylaktisch tätig sein, weil dem Volksgesundheitswart zu wenig
davon zustandekommt; und manchmal, wenn ihm die einkalkulierte
Zahl der Opfer als z u h o c h erscheint, schließt der Staat
ja auch mal ein Dioxin-Werk.
Gesundheit ist in dieser Gesellschaft eben das höchste Gut, das
man verbrauchen muß, will man existieren. Nicht die Beschränkung
der Medizin durch ökonomische Überlegungen ist der Punkt der Kri-
tik, sondern ihr massenhaft notwendiger Gebrauch, ohne den eine
moderne Ausbeutung gar nicht ginge.
5. Krebsforschung: Sozialhygieneprogramme
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Als Forschung muß die Einstellung daherkommen, die Robert Koch
beispielhaft nach seiner Entdeckung des Tuberkulose-Erregers for-
mulierte; dann erkennt sie keiner wie der:
"Bisher war man gewöhnt, die Tuberkulose als Ausdruck des sozia-
len Elends" (das heute 'Zivilisation' heißt) "anzusehen und er-
hoffte von dessen Besserung auch eine Abnahme dieser Krankheit.
Eigentlich gegen die Tuberkulose gerichtete Maßnahmen kennt des-
halb die Gesundheitspflege noch nicht. Aber in Zukunft wird man
es im Kampf gegen diese schreckliche Plage des Menschenge-
schlechtes nicht mehr mit einem unbestimmten Etwas, sondern mit
einem faßbaren Parasiten zu tun haben, dessen Lebensbedingungen
zum gröBeren Teil bekannt sind und noch weiter erforscht werden
können." (1882)
Jetzt geht das Elend ohne die Folgen auf den Volkskörper, die
seine Benutzung verunmöglichen. Was gilt angesichts der schönen
Tuberkulostatika da der Hinweis, daß die Tuberkulose zur Zeit
ziemlich am Steigen ist!
6. Alles, was recht ist!
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Wenn sich einer einen Krebs anraucht, soll er den Löffel abgeben,
statt sich über Viren oder seine "Proto-Krebsgene ", diese alten
Flaschen, zu beschweren. Und wenn die Blockade von Krebsgenen ge-
lingt, setzen vielleicht wir der unerquicklichen Raucherfrage ein
Ende, abgefeimt, wie wir sind. Ob aber dann nicht zwei, drei,
viele Buschhäuser der dann fälligen Skorpion-Forschung Auftrieb
geben, die die Anfälligkeit der DNS für... rügt, müssen uns die
Mediziner sagen.
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Krebsrätsel gelöst: Zellpolizei schläft; Onkogen bricht aus!
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Krebsrätsel gelöst: Zelle kann nicht richtig lesen!
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