Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens
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Aids
EINE KRANKHEIT WIRD ERFORSCHT
I. Die Genforscher entdecken das Retrovirus
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Das Aids-Virus gehört zur Gruppe der sogenannten Retroviren. Be-
kannt ist diese Virusgruppe schon lange als Erreger von bösarti-
gen Tumoren und auch von Immundefekten bei Tieren. Der spezielle
Wirkmechanismus der Retroviren wurde Anfang der siebziger Jahre
entdeckt und stieß in der Gentechnologie auf großes Interesse.
Die Experten der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages äu-
ßern sich in ihrem Bericht 'Chancen und Risiken der Gentechnolo-
gie' dazu folgendermaßen:
"Prinzipiell sind die Methoden, Konzepte und Vehikel zum Transfer
rekombinierter DNA in Säugerzellen nicht anders als in Bakterien-
zellen. Die Eigenschaften einiger Virusgenome konnten derart ver-
ändert werden, daß sie sich de facto wie Plasmide höherer Zellen
verhalten. Eine wichtige Rolle spielen hier das sog. Affenvirus
40, auch SV40 genannt, sowie die sog. Retroviren...
Eine zentrale Rolle als Vektoren in eukaryotischen Zellen spielen
die Retroviren. Sie weisen zwei besondere Vorteile als Vektorsy-
steme auf: Sie erlauben das Eindringen rekombinierter DNA in das
Genom, d.h. in die chromosomale DNA der Wirtszelle; sie sind in
ihrer Wirtsspezifität leicht zu verändern und können daher ein
breites Spektrum von Säugerzellen infizieren. Das Genom der Re-
troviren ist ein RNA-Molekül einer Länge von ca. 8000 Basen, auf
denen drei bis vier Gene angeordnet sind. Zwei dieser Gene kodie-
ren für Hüllproteine, eines für die sog. reverse Transkriptase
und ein viertes gelegentlich für ein sog. Tumorgen (s.u.). Zur
Vermehrung wird das RNA-Genom in der infizierten Zelle mit Hilfe
der viralen reversen Transkriptase in eine DNA-Kopie umgewandelt.
Diese DNA-Kopie wird anschließend in die Zell-DNA an beliebiger
Stelle, d.h. unspezifisch, eingebaut... Voraussetzung für das In-
tegrationsereignis ist die Gegenwart charakteristischer, identi-
scher Sequenzabschnitte an den beiden Enden des DNA-Moleküls,
die, je nach Retrovirus, ca. 200 bis 1 000 Basenpaare lang sind
und als LTR-Regionen (Long terminal Repeats) bezeichnet werden.
Aufgrund der Existenz defekter Retroviren weiß man heute, daß
jede DNA-Sequenz, solange sie sich nur innerhalb zweier solcher
Sequenzbereiche befindet, in die chromosomale DNA eingebaut
werden kann." (Wolf-Michael Catenhusen, Hanna Neumeister (Hrsg.),
Chancen und Risiken der Gentechnologie, Dokumentation des
Berichts an den Deutschen Bundestag. / Enquete-Kommission des
Deutschen Bundestages, München 1987, S. 26f.)
Der Enquetebericht ist zwar kein Lehrbuch; er stellt jedoch eine
Zusammenfassung des aktuellen Stands der Gentechnologie durch
ausgesuchte Wissenschaftler dar, die erklärtermaßen dem Deutschen
Bundestag als Grundlage für gesetzgeberische Entscheidungen die-
nen soll. Insofern dürfte es sich um den politisch
v e r b i n d l i c h e n Stand des Wissens handeln.
1. Es geht um gezielte Veränderungen am "Erbgut" der Zellen
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a) Träger des genetischen Codes der Zellen sind die Chromosomen,
die bei eukaryotischen Organismen (höhere Lebewesen von den Hefen
bis zum Menschen) im Zellkern lokalisiert sind Die sog. prokaryo-
tischen Lebewesen (Bakterien) besitzen keinen Zellkern; hier be-
findet sich das genetische Material im intrazellulären Raum
(Zytoplasma).
Chromosome bestehen aus DNA (Desoxyribonukleinsäure). Es handelt
sich dabei um unverzweigte Fadenmoleküle, die im wesentlichen aus
vier verschiedenen Basen (Nucleoitide) aufgebaut sind: Adenin
(A), Guanin (G), Thymin (T) und Cytosin (C). Die übrigen Bau-
steine der DNA - Zucker und Phosphat - spielen für das hier zu
Erklärende keine Rolle. Der genaue Aufbau der Nucleinsäuren kann
in jedem modernen Biologiebuch nachgelesen werden.
Die DNA wird aus zwei parallel verlaufenden Polynucleotid-Strän-
gen gebildet, wobei die einander gegenüberliegenden Basen über
Wasserstoffbrücken miteinander verbunden sind. Dabei verbinden
sich immer Adenin und Thymin, Guanin und Cytosin. Die Sequenzen
der Basenstränge der DNA laufen also komplementär zueinander. Da-
mit ist eine identische Verdoppelung des Erbmaterials möglich:
Während der Zellteilung trennen sich die beiden Stränge, und je-
der dient als Matrize für die Anordnung eines neuen Komplementär-
stranges. So entstehen neue Zellen mit dem gleichen Erbgut.
b) Das gesamte genetische Material einer Zelle wird als Genom be-
zeichnet. Je nach Organismus kann es aus einem oder mehreren
Chromosomen zusammengesetzt sein - beim Menschen sind es bekannt-
lich 46. Die Länge der DNA-Moleküle ist sehr variabel. Bei einfa-
chen Organismen kann sie nur 3000 Basenpaare, in einem einzelnen
menschlichen Chromosom bis zu 500 Millionen Basenpaare betragen.
"Für die Entwicklung der Gentechnik war es essentiell, daß Ver-
fahren zur Bestimmung der Reihenfolge der Basen, d.h. zur Sequen-
zierung der DNA entwickelt wurden. Es ist heute ohne weiteres
möglich, die Struktur eines DNA-Moleküls von einer Länge von ei-
nigen Tausend Basenpaaaren in wenigen Tagen aufzuklären."
(Enquete, S. 13)
Daß die DNA eine Aneinanderreihung weniger Molekültypen ist und
als solche durch Einfügen, Weglassen, Umgruppieren u.ä. chemisch
verändert werden kann, ist die sachliche Grundlage für gentechno-
logische Eingriffe. Die Reihenfolge der Basen auf der DNA deter-
miniert wiederum, und zwar in artübergreifender und universeller
Weise, den Stoffwechsel der Zelle und damit sämtliche biologi-
schen Funktionen des Organismus. Durch sie wird nämlich die Pro-
teinbiosynthese gesteuert. Proteine, die für das Funktionieren
des Körpers eine besondere Rolle spielen und deshalb laufend ge-
bildet und aus der Zelle abgegeben werden, sind beispielsweise
Hormone, Enzyme, Antikörper, Hämoglobin, Hormonrezeptoren, Neuro-
transmitter.
Proteine sind aus ca. 100 bis 300 Aminosäuren aufgebaute Eiweiß-
moleküle. Insgesamt existieren 20 verschiedene Aminosäuren, von
denen jede durch die Abfolge von jeweils drei der verschiedenen
Basen (A, T, G, C) auf der DNA codiert wird. Die Zuordnung dieser
sog. Nucleotidtriplets zu den entsprechenden Aminosäuren ist be-
kannt. Gene nennt man die Abschnitte auf der DNA, die durch eine
entsprechende Reihenfolge von Basenpaaren den genetischen Code
für ein Eiweißmolekül tragen. Die Proteinsynthese der Zelle wird
über RNA (Ribonukleinsäure) gesteuert. RNA ist ein immer nur ein-
strängiges Molekül, das sich von der DNA außerdem durch den
Zuckerbestandteil (Ribose anstelle von Desoxyribose) sowie durch
den Einbau der Base Uracil anstelle von Thymin unterscheidet. Im
Zellkern wird eine RNA an den aktivierten Abschnitten der chromo-
somalen DNA komplementär zu deren Basensequenz gebildet. Sie ver-
läßt den Zellkern und wirkt im Zytoplasma der Zelle als Matrize
für die Bildung von Eiweißketten. In der blumigen Sprache der
Biologen heißt sie daher "messenger" (= Botschafter)-RNA (m-RNA).
2. Das gentechnologische 'Handwerkszeug'
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Für den Genforscher, der Gen t e c h n i k e r sein will, be-
steht das zentrale Problem darin, DNA-Fragmente mit bekannter und
mit der beabsichtigten Wirkung in das Genom einer intakten Zelle
hineinzubringen. Dazu werden sog. Vektoren benötigt: Hilfsmittel,
die die fremde DNA so mit dem zellulären Erbgut verknüpfen -
"rekombinieren" -, daß die Zelle nicht - unmittelbar - zugrunde-
geht. Das gewünschte Resultat ist eine Wirtszelle, die mit ihrer
eigenen Vermehrung die eingeschleuste DNA und die damit determi-
nierten Stoffwechselvorgänge reproduziert.
a) Als 'Handwerkszeug' für Eingriffe in den Zellkern werden in
der Gentechnologie schon seit Jahren R e t r o v i r e n be-
nutzt. Sie bestehen wie alle Viren - nur aus einem Nucleinsäureo-
lekül und dessen Umhüllung, haben also keinen eigenen Stoffwech-
sel und benötigen daher für ihre Vermehrung eine Wirtszelle. Re-
troviren gehören zu den RNA-Viren, d. h. ihr Genom besteht nur
aus einem RNA-Strang. Daneben besitzen Retroviren ein Enzym
(reverse Transkriptase), das als Katalysator für die Synthese ei-
ner DNA-Kopie des viralen NA-Stranges in der Wirtszelle wirkt.
Diese DNA wird von der DNA der Wirtszelle eingebaut. Die
'Fähigkeit' zur Umwandlung von RNA in DNA ist die Besonderheit
der Retroviren, nach der auch ihr Name gebildet worden ist; sie
bildet die einzige bekannte Ausnahme von der biochemischen Regel,
daß sonst nur DNA in RNA abgebildet wird. Bei jeder Vermehrung
der Wirtszelle wird das in DNA übersetzte Genom des Virus mit
vermehrt. Diese Eigenschaft macht Retroviren als 'Handwerkszeug'
der Gentechnologie so brauchbar.
"Retroviren... können nicht nur, sondern sie müssen zu ihrer Ver-
mehrung das genetische Material in das Genom der Zelle selbst
einschleusen (integrieren). Sie sind daher - sieht man von mögli-
chen Risiken ab - ideale Vehikel für die effiziente Einschleusung
von Genen in höhere Zellen." (Enquete, S. 11)
In einem gewissen Gegensatz dazu, was Gentechnologen sich an se-
gensreichen Wirkungen vom Einsatz der Retroviren erwarten, sind
zwei Wirkungen sicher bekannt. Durch den Einbau des viralen Ge-
noms kann die befallene Zelle zur Tumorzelle transformiert wer-
den; oder es kann der zelluläre Stoffwechsel bei einer entspre-
chenden Aktivierung der viralen DNA für die Synthese von neuen
Viren Aufbau von RNA-Ketten und Hüllproteinen im Zytoplasma - in
Anspruch genommen werden, was letztlich zum Absterben der Wirts-
zelle führt.
b) Die chemische Affinität der Virushülle zur Zellmembran der
Wirtszelle ist die entscheidende Voraussetzung dafür, daß ein Vi-
rus in eine Zelle eindringen und sie infizieren kann. Für den
Einsatz als Vektor bei gentechnologischen "Neuzüchtungen" stellt
diese sog. Wirtsspezifität der Viren eine Schranke dar. Ein gän-
giges Verfahren, sie zu überwinden, ist die Kombination von Vi-
ren, also das Herstellen von neuen Erregern mit erweitertem
"Wirtsspektrum":
"Die Möglichkeit, einen Vektor als Viruspartikel in eine Zelle
einzubringen, ist, wie wir schon bei den Bakterienviren gesehen
haben, wegen der Wirksamkeit des DNA-Transfers immer bestechend.
In Viruspartikel kann jedoch wegen der Größenbeschränkung der
Partikel selbst nicht beliebig viel DNA eingebaut werden. Über-
dies ist in den meisten Fällen, wie z.B. bei dem erwähnten SV40,
das für Affenzellen spezifisch ist, die Wirtsspezifität extrem
eingeschränkt. Bei Retroviren läßt sie sich jedoch verändern.
Hier hängt sie nur von der Natur des Hüllproteins ab. Infiziert
man z.B. Mäusezellen gleichzeitig mit einem rekombinierten Retro-
virus, das nur in Mäusezellen wächst, und einem anderen Retrovi-
rus, das sowohl in Mäusen als auch in menschlichen Zellen sich
vermehrt, so wird in der gemischten Infektion das rekombinierte
Genom auch mit dem Hüllprotein desjenigen Virus verpackt werden,
das sich ursprünglich in beiden Systemen vermehrte. Das rekombi-
nierte Virus kann nun auch in menschlichen Zellen wachsen. Diese
'Wolf-im-Schafspelz-Strategie' erlaubt es, rekombinierte Retrovi-
ruskonstruktionen für Zellen unterschiedlicher Spezies herzustel-
len." (Enquete, S. 28)
3. Das sogenannte "Restrisiko"
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Bei dieser Sorte Genmanipulation fällt die Absicht mit dem Ergeb-
nis notwendigerweise nicht immer zusammen.
a) Zum einen treten gewußte, nicht beabsichtigte Effekte auf. Die
Gentechnologen thematisieren das als Problem. Wenn sie beispiels-
weise mit tumorerzeugenden Viren als "Helferviren" bei DNA-Über-
tragungen operieren, wird die durchaus bekannte Wirkung dieser
Viren als lästige Nebenwirkung besprochen, die es durch entspre-
chende Techniken zu unterdrücken gilt.
"Die Helferviren sind jedoch unerwünscht, da sie, wenn auch mit
langen Latenzzeiten, als Tumorviren wirken, d.h. schließlich im
Wirtsorganismus zur Ausbildung von Tumoren führen. Glücklicher-
weise gibt es hier einen eleganten Ausweg." (Enquete, S. 27)
- dessen Chancen und Tücken hier nicht erörtert zu werden brau-
chen. Gentechniker wissen auf alle Fälle, daß die verwendeten
Vektoren ihre Fähigkeit, genetisches Material ins Genom der Zelle
hineinzutransportieren, nicht verlieren, wenn sie einmal für
einen bestimmten Zweck eingesetzt worden sind. Wenn Gentechniker
sich natürliche Hilfsmittel für ihr Programm besorgen, dann wer-
den gar nicht zufälligerweise besonders schädliche Agentien frei-
gesetzt oder geschaffen, deren Wirkungsweise bekannt, deren Wir-
ken aber nicht beherrscht ist. Was zur Veränderung der Zelle
taugt, ist eben deswegen besonders schädlich.
Zum anderen ist bei jeder Veränderung eines Genoms mit n i c h t
vorhersehbaren "Neben"-Effekten zu rechnen; schon allein
deswegen, weil das übertragene DNA-Stück an einer nicht im voraus
bestimmbaren Stelle in das ohnehin nur bruchstückhaft bekannte
Genom der Wirtszelle eingebaut wird, so daß sich nicht absehbare
Rückwirkungen auf und Wechselwirkungen mit anderen Genen ergeben.
Wenn Gentechnologen daran gehen, in ihrer Wirkweise bekannte
'harmlose' Mikroorganismen neu zu kombinieren, müssen sie einräu-
men, daß sie als Naturwissenschaftler unmöglich die Eigenschaften
des von ihnen manipulierten Organismus vorher angeben können.
"Bei der Anwendung dieser Technik sind Risiken aber nicht mit Si-
cherheit auszuschließen. Risiken können entstehen, wenn Organis-
men, die Träger neukombinierter Nukleinsäuren sind, das mit dem
Versuch betraute Personal infizieren oder sich außerhalb des La-
bors unkontrolliert verbreiten. Es kann nicht immer vorausgesehen
werden, wie sich die durch die neuen Nukleinsäure-Kombinationen
veränderten Organismen verhalten werden, wenn sie an die Umwelt
gelangen. Deshalb ist es notwendig, daß die Arbeiten unter sorg-
fältigen Sicherheitsvorkehrungen durchgeführt werden, um die be-
teiligten Menschen und die Allgemeinheit vor unerwünschten Folgen
zu schützen." (Enquete, S. 196)
b) Für "Experimente, die eine Erweiterung der Wirtsspezifität von
Retroviren auf den Menschen zum Ziel haben " (Enquete, S. 202) -
ein wichtiges Vorhaben, um diese Viren als Vektoren handhabbar zu
machen -, werden die zweitschärfsten Laborsicherheitsmaßnahmen
(L3) empfohlen: Ein von der Umgebung abgeschirmtes Labor mit
zweitüriger Schleuse, ohne Wasserversorgung, das unter ständigem
Unterdruck zu halten ist, damit keine Luftströmung von innen nach
außen erfolgen kann usw. usf. (Vgl. hierzu Enquete, S. 383 ff)
Diese "sorgfältigen Schutzvorkehrungen" belegen zweierlei. Sie
zeugen davon, daß die Gentechnologen - und ihre Auftraggeber -
durchaus von den Unsicherheiten wissen, die mit ihrer Sorte For-
scherei und 'Produktion' verbunden sind, daß sie es mit den dies-
bezüglichen Bedenken aber auch nicht übertreiben wollen. Neben
ihren Hochsicherheitslabors mit Notstromversorgung und Alarmanla-
gen - falls der ein oder andere Ventilator doch mal ausfällt -
verfügen diese Naturwissenschaftler über einen ausgesprochen loc-
keren Optimismus. In ihrer naturwissenschaftlichen Forschung le-
gen sie Wert auf nachprüfbare Beweise; sobald sie sich zur Frage
der sog. "Restrisiken" äußern, hört das schlüssige Argumentieren
auf. Um die Geringfügigkeit der gewußten Gefahr plausibel zu ma-
chen, sind ihnen Aussagen wie "relativ selten, bisher nicht be-
kannt, weitgehend auszuschließen" allemal exakt genug. Ein paar
Kostproben aus dem Bericht der Enquete-Kommission:
"Solche Rekombinationsereignisse in Zellkulturen sind allgemein
ein Risikofaktor. Sie können stattfinden zwischen zwei verschie-
denen Viren, zwischen verschiedenen Varianten eines Virus oder
auch zwischen Viren und genetischem Material der Wirtszellen. Da-
bei können auch Viren mit veränderten Pathogenitäten entstehen.
An derartigen Rekombinationsereignissen können Retroviren, Adeno-
viren, Herpesviren und andere beteiligt sein. Bei diesen Rekombi-
nationsereignissen handelt es sich um relativ seltene Prozesse.
Trotz der Züchtung astronomisch großer Zahlen an Adenoviren auch
und gerade unter Bedingungen, die Rekombinationsereignisse mit
der Wirts-DNA fördern, ist nicht bekannt, ob es zur Aufnahme ei-
nes menschlichen Onkogens oder eines anderen, evt. toxischen-
Gens gekommen ist...
Bei Viren, die beim Menschen nicht infektiös sind, ist bislang
ein besonderes Risiko nicht erkennbar geworden. Auch wenn dadurch
die Chance, daß dank der neuen zellbiologischen und gentechnolo-
gischen Verfahren jetzt in vielen Laboratorien mit großem Kultur-
volumina und vielen Zellpassagen gearbeitet wird, um ein Vielfa-
ches erhöht wird," (steht so da. Gemeint ist offenbar die durch
eine fabrikmäßig angewandte Gentechnologie erhöhte "Chance", daß
für den Menschen zunächst nicht infektiöse Viren doch zu Krank-
heitserregern mutieren. Die bliebe klein, trotzdem. Das ist ein
schöner Trost - neben der Mitteilung, daß viel Gentechnik die
"Erweiterung der Wirtsspezifität" von Viren z u m Z i e l hat.
Zur Erinnerung: Das ist nur ein anderer Ausdruck für die
H e r s t e l l u n g von Infektiosität.) "handelt es sich bei
den beschriebenen, in der Zelle ablaufenden Rekombinations- und
Mutationsereignissen um relativ seltene Ereignisse." (Enquete S.
200)
Diese 'Argumentation' läßt sich auch umkehren, ohne an Plausibi-
lität einzubüßen: Angesichts der "astronomisch großen Zahl von
Züchtungen" wird die Wahrscheinlichkeit, daß ein an sich "relativ
seltenes Rekombinationsereignis" eintritt, immer größer.
"Zusätzlich und unabhängig von Rekombinationsereignissen können
auch Mutationen zur Veränderung von Struktur und Pathogenität
durch Austausch, Einsatz oder Herausnehmen von DNA-Bausteinen
führen. Dabei kann schon der Austausch weniger DNA-Bausteine zu
schwerwiegenden Pathogenitätsveränderungen führen. Auch für diese
Mutationsereignisse gilt, daß es sich um relativ seltene Vorgänge
handelt." (Enquete, S. 200)
Und was ist los, wenn das "schwerwiegend pathogene Mutationser-
gebnis" - bei aller "relativen Seltenheit" - dann vorliegt und
sich epidemisch weiterverbreitet: Das Ganze reduziert sich auf
die ganz und gar nicht beruhigende Beteuerung, daß "unter den
Wissenschaftlern eine weitgehende Beruhigung gegenüber den Gefah-
ren dieser Technologie eingetreten ist." (Enquete, S. 209) Mehr
als ihren guten Glauben, d ß alles schon irgendwie gut gehen
wird, haben die Männer der Wissenschaft nicht anzubieten. Und das
soll auch gleich noch den Grund dafür abgeben, eine Unbedenklich-
keitsbescheinigung für gentechnologische Verfahren in industriel-
lem Maßstab ausstellen zu können.
"Alle bisherigen Erfahrungen mit der Gentechnologie sprechen ge-
gen die anfänglich vertretene Hypothese, daß mit der Neukombina-
tion von Nukleinsäuren ganz neue, bisher nicht absehbare und
nicht definierbare Gefahrenpotentiale verbunden sein könnten. Die
Grundlagenforschung unter vorbeugenden Sicherheitsmaßnahmen funk-
tionierte insofern als eine Art implizite Sicherheitsforschung.
Die Wahrscheinlichkeit, daß man neue, unbekannte Gefahrenpoten-
tiale im Laufe von unzähligen Experimenten entdeckt hätte, wäre
groß gewesen. Diese Erfahrungen kann man theoretisch vorsichtig
extrapolieren, zumindest auf solche Stämme und Verfahren, die den
in der Forschung verwendeten ähneln." (Enquete, S. 209)
Die Behauptung, im Bereich der vergleichsweise kleinen Grundla-
genforschung hätten bisher keine Anhaltspunkte für
"Gefahrenpotentiale" ergeben, ist falsch. Sie wird durch densel-
ben Bericht ein paar Seiten vor der zitierten Stelle widerlegt:
"So hat es z.B. tödliche Erkrankungen durch das Marburg-Virus ge-
geben, ein Virus, welches in einer Affenzellkultur trotz monate-
langer Quarantäne ausbrach." (Enquete S. 198), "1986 sind bei
fünf Mitarbeitern des Institut Pasteur, die mit krebsauslösenden
Viren und mutations- und krebsauslösenden Chemikalien arbeiteten,
Krebserkrankungen aufgetreten." (Enquete, S. 200)
Die Frage, wie es sich mit den "Stämmen und Verfahren" verhält,
die den in der Forschung verwendeten nicht ähnlich sind, wird
lieber gar nicht gestellt. Leute, die es besser wissen, tun so,
als hätten sie beispielsweise noch nie etwas davon gehört, daß
jede gentechnologische "Neuzüchtung" auch den Ausgangspunkt für
ganze Mutationsketten bilden kann. Deren vielfältige Resultate
samt Wirkungen sind nie abzusehen; schon gar nicht dann, wenn
eine massenhafte Züchtung im Labor - ganz zu schweigen von einer
industriellen Produktion - auch entsprechend viele Mutationen
hervorbringt, die in der Natur sonst nur in größeren Zeiträumen
auftreten würden.
Auch folgender Erfahrungswert hat zur Beruhigung der Fachwelt
beigetragen:
"Die Verwendung von Organismen/Viren, die an besondere Bedingun-
gen im Fermenter (höhere Temperaturen, Sterilität) angepaßt sind,
und daher in der natürlichen Umwelt nicht überleben können, ver-
hindert in der Regel, daß sich die Organismen im Fall des Versa-
gens des technischen Containments in der Umwelt ausbreiten und
etablieren können." (Enquete, S. 209)
In der Regel wird also die "Ausbreitung in der Umwelt" verhindert
- Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Und dann gibt es
höchstens noch solche Mikroorganismen, die für ihre Ausbreitung
und Etablierung zwar mit der "rauhen Umwelt" nichts anfangen kön-
nen, sich dafür aber um so besser in ihrem "Wirtsorganismus" ver-
mehren. Daß sie auf einen Übertragungsweg ohne Dazwischentreten
der "Umwelt" angewiesen sind, also "nur" durch Blut oder direkten
Schleimhautkontakt eine Infektion hervorrufen können, schließt
ihre epidemische Ausbreitung eben überhaupt nicht aus.
II. Das Aids-Virus und die unerwünschte Frage
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nach seiner Herkunft
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1. Erreger und Krankheitsbild
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a) AIDS (Acquired Immune Deficiency Syndrome) wird durch eine Vi-
rusinfektion ausgelöst. Der Erreger HIV (Human Immunodeficiency
Virus) ist ein Retrovirus. Abgesehen von seinen bisher noch nicht
eindeutig zugeordneten Vorstufen oder Mutanten ist es das dritte
menschenpathogene Retrovirus, das bisher beschrieben wurde. Der
amerikanische Virologe Robert C. Gallo entdeckte 1978 und 1982
die ersten beiden für Menschen pathogenen Retroviren, HTLV I und
HTLV II (Human T-cell-lymphotropic Virus), die T-Zell-Leukämien
hervorrufen können. Das Aids-Virus befällt ebenfalls in erster
Linie die T4-Lymphozyten. Es handelt sich bei diesen Zellen um
eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen, die die Immunaktivi-
tät des Organismus - d.h. die Produktion von Antikörpern gegen
Krankheitserreger - steuert. Wie bei allen Viren muß bei HIV eine
Affinität der Virushülle zu der Zellmembran der Wirtszelle vor-
liegen, damit das Virus sein Genom in die Zelle einschleusen
kann. Einigkeit herrscht bei Virologen mittlerweile darüber, daß
das Virus mit einem bestimmten zellulären Oberflächenprotein -
dem sog. T4-Marker - in Wechselwirkung tritt.
"Ist das Virus erst einmal im Körper, dann sind Zellen mit dem
T4-Marker-Molekül sein Ziel. Dieses Oberflächenmolekül ist vor
allem für T4-Lymphozyten charakteristisch, kommt aber auch auf
anderen Zellen - den sogenannten Monozyten und Makrophagen -
vor." (Robert C. Gallo, Das Aids-Virus, in: Spektrum der Wissen-
schaft, März 1987)
Auch Monozyten und Makrophagen, die ebenfalls zu den weißen Blut-
körperchen gehören, werden von HIV infiziert. Diese Zellen können
die sogenannte Blut-Hirn-Schranke zwischen Blut und Zentralner-
vensystem überwinden, wodurch das Virus ins Gehirn und Rückenmark
eindringen kann.
b) Die pathogene Wirkung von HIV auf die T-Lymphozyten unter-
scheidet sich deutlich von den Folgen einer HTLV I- oder II-In-
fektion. Die Retroviren HTLV I und II können die Erbsubstanz der
Lymphozyten so verändern, daß diese zu Leukämiezellen entarten
können. Was diese Mutation auslöst, ist noch unbekannt. Feststeht
nur, daß die Krebszellen bei dieser Sorte Leukämie identische
Teilungsprodukte nur eines einzigen infizierten T-Lymphozyten
sind, die Aufnahme des Virus in die Zelle allein also noch nicht
den Krebs auslöst. Eine Virusvermehrung innerhalb der Zellen fin-
det hier nicht statt.
Das in die zelluläre DNA integrierte HIV-Genom führt dagegen zu
einer Aktivierung des Stoffwechsels der befallenen Zellen für die
Neusynthese von Aids-Viren, die aus der Zelle freigesetzt werden
und weitere Zellen infizieren. Die Virusvermehrung führt zum Ab-
sterben der T4-Lymphozyten, wodurch der Organismus die Fähigkeit
zu einer wirksamen Immunabwehr verliert. Es kommt zu sog. oppor-
tunistischen Krankheiten und Infektionen - Krankheiten, die bei
Menschen mit normaler Immunaktivität nur selten und dann nur in
wesentlich schwächerer Form auftreten. Da es bislang kein Mittel
gibt, die fortschreitende Vernichtung der T-Lymphozyten zu stop-
pen, führen diese Erkrankungen zwangsläufig zum Tod des Infizier-
ten. Die Gründe der langen - meist mehrjährigen - Latenzphase
zwischen der HIV-Infektion und dem Ausbruch der Aids-Erkrankung
sind noch nicht geklärt. Es gibt jedoch Anhaltspunkte dafür, daß
gerade die immunologische Aktivierung der T-Zellen bei beginnen-
den Infektionen zu einer Stimulierung der viralen Gene führt, wo-
durch die intrazelluläre Virusvermehrung in Gang kommt (Vgl. Ro-
bert C. Gallo, Das Aids-Virus, a.a.O.). Das würde bedeuten, daß
gerade dann, wenn körpereigene Abwehrstoffe gebildet werden sol-
len, eine Vernichtung der die Immunantwort steuernden Zellen ein-
geleitet wird.
Über die pathogenen Wirkmechanismen des HIV in Gehirn und Rücken-
mark ist noch weniger bekannt. An Krankheitsbildern werden Demen-
zen, Lähmungen und Hirnhautentzündungen beschrieben. Sicher zu
sein scheint nur, daß das Virus hier unabhängig von einer Immun-
schwäche unmittelbar pathogen wirkt und daß die HIV-Infektionen
des Zentralnervensystems eine große Ähnlichkeit mit Gehirnkrank-
heiten aufweisen, die bei Huftieren durch das Visna-Maedi-Retro-
virus ausgelöst werden.
"Forscher von der John Hopkins Universität fanden jetzt, in wel-
chem Teil des Gehirns das Visna-Virus, ein naher Verwandter des
Aids-Erregers HIV, sich vermehrt... Das könnte auch für die Aids-
Forschung ein entscheidender Durchbruch sein; bislang sind näm-
lich die Zielzellen im Gehirn noch nicht bekannt." (Visna-Virus-
Vermehrung in Zellen des Neurophils, in: Ärztliche Praxis,
XXXVIII, Nr. 61, 2.8.1986)
"Das Retrovirus HIV ist offenbar in der Lage, relativ rasch das
ZNS zu besiedeln. Manche Patienten erkranken auch an Enzephalopa-
thien und sterben daran, ohne je irgendeine für Aids oder ARC ty-
pische Symptomatik zu zeigen. Wie L.G. Epstein von der New Jersey
Medical School auf dem Münchner Infektiologie-Kongreß betonte,
ist die virale Replikation ebenso wie die Produktion HIV-spezifi-
scher Antikörper im ZNS mittlerweile gesichert. Besonders auffäl-
lig ist die Ähnlichkeit von HIV mit dem Visna-Maedi-Virus, das
Slow Infections bei Schafen und Ziegen auslösen kann." (Aids-En-
zephalopathie - Neurologische Störungen auch ohne Immundefekt,
in: Ärztliche Praxis, XXXVIII, Nr. 68, 26.8.1986)
"Aids ist eine echte Retrovirusinfektion, die sich letztlich ge-
nauso verhält, wie man es von tierischen Retrovirusinfektionen
gewohnt ist. Die bei Schafen seit vielen Jahrzehnten bekannte Re-
trovirusinfektion Visna ist recht weitgehend eine Kopie des men-
schlichen Aids." (Eilke Helm, Wolfgang Stille, Aids ist das End-
stadium einer jahrelangen Erkrankung; in Frankfurter Allgemeine
Zeitung, 29.4.1987)
2. Das Aids-Virus unter antimilitaristischem Verdacht
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Verwunderlich ist es nicht, wenn Kenner der Gentechnologie und
Molekularbiologie auf die Idee kommen, HIV sei ein gentechnologi-
sches Kunstprodukt. Professor Jakob Segal, ehemaliger Leiter des
Instituts für allgemeine Biologie an der Humboldt-Universität in
Ostberlin, hat seine diesbezüglichen Schlußfolgerungen in der
"taz" vom 18.2.1987 und 26.3.1987 öffentlich bekanntgemacht. Er
besteht darauf, das Aids-Virus sei "man-made in USA ", und zwar
in einem Labor der US-Armee. Segal beruft sich auf die - von kei-
nem Virologen bestrittene - Ähnlichkeit des Genoms des menschen-
pathogenen Aids-Virus mit dem tierpathogenen Visna-Maedi-Virus
und auf die ebenfalls unbestrittene Gemeinsamkeit, die die Hülle
des Aids-Virus mit der Hülle des HTLV I aufweist. Die Hüllen bei-
der Viren zeichnen sich durch eine Eiweiß-Affinität zu dem T4-
Markermolekül der Zellmembran der T4-Lymphozyten aus. Hierdurch
können sowohl HIV als auch HTLV I in menschliche Lymphozyten ein-
dringen. Segal zitiert genetische Untersuchungsergebnisse, in
denen gezeigt wurde, daß die Genome von HIV und HTLV I in einem
kleinen Nucleinsäureabschnitt übereinstimmen - eben in dem Ab-
schnitt, der diese Hüllproteine codiert. Eine solche Übereinstim-
mung muß angesichts der bestehenden Übereinstimmung der Wechsel-
wirkung beider Virushüllen mit dem T4-Oberflächenmolekül nach al-
len bekannten biologischen Gesetzen vorliegen.
Aus diesen Erkenntnissen schließt Segal, daß das Aids-Virus das
Produkt einer gezielten Veränderung der Wirtsspezifität des
Visna-Maedi-Virus ist. Aus den beschriebenen genetischen Beson-
derheiten schließt er auf einen gentechnologischen Eingriff, in
dem das Genom des Visna-Maedi-Retrovirus um das Gen erweitert
wurde, das bei HTLV das Hüllprotein für die Anheftung an men-
schliche T4-Lymphozyten codiert. Hierdurch wäre aus dem ursprüng-
lich für menschliche Zellen ungefährlichen Virus ein neues men-
schenpathogenes Virus entstanden.
Seine molekularbiologische Argumentation verhält sich zu dem In-
teresse der Gentechnologen an den Retroviren und ihrer Verände-
rung wie die Analyse eines Beispiels zum allgemeinen Programm.
Insofern läßt sich hieraus durchaus ein Schluß auf die Interessen
ziehen, die in diesem Forschungszweig bestimmend sind (dazu spä-
ter). Einen solchen Schluß zieht Segal nicht. Er stellt seine
Analyse in den Dienst einer ganz anderen Beweisführung. Es geht
ihm darum, eine lückenlose Indizienkette vorzulegen, die aufs im-
perialistische Militär als Auftraggeber für die Herstellung des
Aids-Virus führt. Daß er das US-Militär für eine der übelsten
Einrichtungen der Weltgeschichte hält und dem Pentagon jede
Schweinerei zutraut, mag man Segal nicht vorwerfen. Als aufrech-
ter Moralist kann er sich allerdings eine Argumentation gegen den
imperialistischen Kriegsapparat nur als Aufdeckung von 'dunklen
Machenschaften' vorstellen. Die Vorstellung, militärische For-
schung sei böse und verbrecherisch und zu unterscheiden von ihren
staatlichen, guten und demokratischen Auftraggebern, hat es ihm
so angetan, daß er allen Ernstes zusammen mit seinem Gespräch-
spartner Stefan Heym in der taz die fiktive Frage aufwirft, ob
die US-Regierung wohl "den Leuten, die das Aids-Virus hergestellt
haben," die Erlaubnis geben würde, vor einem amerikanischen Ge-
richt oder Kongreßausschuß auszusagen.
So interpretiert er seinen molekularbiologischen Befund als einen
Beweis, daß das Aids-Virus n u r durch Gentechnik entstanden
sein k a n n, und übersieht dabei, daß, gerade wenn seine Über-
legung stimmen sollte und das Virus gemacht ist, dem fertigen
Produkt seine Entstehungsgeschichte nicht eindeutig nachzuweisen
ist: Eine 'Nahtstelle' ist an einem RNA-Strang mit allen Mitteln
der Molekularbiologie ebensowenig zu entdecken wie dasjenige Gen,
das als letztes eine Mutation durchgemacht hat. Segal will jedoch
seine naturwissenschaftlichen Überlegungen in eine quasi gericht-
staugliche "Beweiskette" einbauen, die zum schuldigen Verbrecher
- dem US-Militär - führt. Ohne kriminalistische Spekulationen
über den wahrscheinlichsten Tathergang kommt er dabei nicht aus.
Er muß annehmen, daß der von ihm vermutete Gentechniker im Auf-
trag des Pentagon ein für die biologische Kriegsführung taugli-
ches Virus konstruieren wollte. Da das Aids-Virus dies offen-
sichtlich nicht ist, erklärt Segal es zum "mißglückten Lehrlings-
stück " der Militärforscher. Er verweist auf ein Laboratorium mit
höchsten Sicherheitsvorkehrungen für biologische Experimente im
Dienste der Armee, das bereits 1977 auf dem Gelände des Fort De-
trick in Maryland eröffnet wurde. Er erinnert daran, daß durch
Berichte des amerikanischen Kongresses längst offiziell bestätigt
wurde, daß die US-Army radioaktives Material und biologische
Kampfstoffe an menschlichem Versuchsmaterial ausprobiert. Die
"freiwilligen Versuchspersonen" rekrutieren sich meist aus Straf-
gefangenen mit lebenslänglichen Haftstrafen, die im Falle ihres
Überlebens mit der Freiheit 'belohnt' werden. Segal nimmt an, daß
die zu Versuchszwecken Infizierten wegen der langen Inkubations-
zeit des Aids-Virus nach einigen Monaten für gesund gehalten und
in die versprochene Freiheit entlassen wurden. Dort hätten sie
ihre im Knast angenommenen homosexuellen Gewohnheiten fortgeführt
und so für eine Ausbreitung des Virus gesorgt. Segal macht sich
sogar die Mühe zu begründen, warum die freigelassenen Häftlinge
wohl eher von der Millionenstadt New York als von Washington an-
gelockt wurden, das von Maryland gleich weit entfernt liegt. Er
legt darauf Wert, weil in New York 1979 die ersten Aids-Fälle re-
gistriert wurden.
P l a u s i b e l mag das alles sein - aber eben eine plausible
S p e k u l a t i o n und damit durch eine Gegenspekulation an-
fechtbar. Das läßt sich die interessierte Fachwelt nicht entge-
hen.
3. Die Fachwelt schlägt zurück
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a) Im Paul-Ehrlich-Institut in Frankfurt
"hält man von Segals Überlegungen nichts. ... Der Retrovirologe
Löwer hält eine solche gentechnische Bastelarbeit auch nach dem
heutigen Stand der Wissenschaft für nicht machbar. Das hätten
'molekularbiologische Supermänner' sein müssen." (Frankfurter
Rundschau, 18.3.1987)
Die Technik, Retroviren als Vektoren für genetische Manipulatio-
nen zu benutzen und zu diesem Zwecke ihre Wirtsspezifität zu ver-
ändern, kennt Professor Löwer natürlich haargenau. Für die Abfer-
tigung der Segalschen Theorie bezieht er sich allerdings nicht
auf diese sicher auch am Paul-Ehrlich-Institut durchaus
"machbare" - "genetische Bastelarbeit". Er greift den von Segal
selbst nahegelegten Maßstab auf, die unterstellten HIV-Bastler
hätten nach einem vorher genau ausgetüftelten Plan ein neues Vi-
rus konstruiert und seien sich dabei über dessen zu erwartende
Eigenschaften und Wirkungen im klaren gewesen. Diese Vorstellung
ist leicht unter dem Beifall der Fachkollegen ins Reich der Uto-
pie und "molekularbiologischen Supermänner" zu verweisen. Denn
gerade die Fachwelt weiß am allerbesten, "daß nicht immer voraus-
gesehen werden kann, wie sich die durch neue Nukleinsäure-Kombi-
nationen veränderten Organismen verhalten werden. ..." (Enquete,
S. 196)
Dieselbe Argumentation versteht auch Professor Meinrad Koch, Lei-
ter der Abteilung Virologie beim Robert-Koch-Institut in Westber-
lin, der in der taz vom 28.2.1987 auf Segal antwortete:
"Das Virus ist hervorragend an den Menschen adaptiert. Das als
Produkt gentechnologischer Experimente hinzustellen, ist hirnris-
sig. Es macht eine Krankheit erst nach langer Inkubationszeit.
Und dieses Virus bringt ja den Infizierten erst um, wenn er
selbst für Nachkommen gesorgt hat. Ein solches Virus als Kampf-
mittel zu benutzen, scheint mir absurd."
Warum eine Adaption an den Menschen ein Einwand gegen die Theorie
sein soll, ein Virus sei kein Produkt der Gentechnologie - wo
eine nicht unerhebliche Abteilung dieser Wissenschaft sich mit
der Konstruktion genau solcher Mikroorganismen beschäftigt -,
bleibt das Geheimnis von Professor Koch. Recht hat er mit seinem
nicht sonderlich originellen Hinweis, daß das Aids-Virus ein
denkbar miserables Kampfmittel wäre. Aber wieso soll das eigent-
lich gegen Segals "Indizienkette" sprechen? Der Ostberliner Pro-
fessor - dem sein Westkollege an anderer Stelle sein hohes Alter
und damit das Recht, "nicht a jour zu sein", bescheinigt - war
doch immerhin so realistisch, davon auszugehen, daß die Wirkungen
der gentechnologischen Neuzüchtungen erst noch durch Versuchsrei-
hen ausgetestet werden sollten.
Wo Segal behauptet, daß die Genome von HIV und HTLV I einander in
einem einzigen kleinen Abschnitt entsprechen, setzt Koch dagegen,
daß er "kaum" eine Übereinstimmung gefunden habe. Dieses "kaum"
hält er für eine solide Grundlage für die Schlußfolgerung, beim
HIV könne es sich u n m ö g l i c h um ein Produkt der Gentech-
nologie handeln. Ein solches apodiktisches "geht nicht!" mag be-
ruhigen; wissenschaftlich gesehen ist es (mindestens) genauso un-
haltbar wie Segals umgekehrter 'Beweis'.
Daß HIV wie das Visna-Maedi-Virus zur Gruppe der Lentiviren ge-
hört und daß sein Genom auch Übereinstimmungen mit dem des HTLV
aufweist, wird von keinem der Wissenschaftler bestritten. Der
Streit geht einzig und allein um verschiedene Interpretationen
dieser Feststellung, denen man allerdings ihre Unterordnung unter
die jeweilige Beweisabsicht anmerkt. Robert Gallo, der beweisen
wollte, daß das Aids-Virus dem von ihm entdeckten HTLV sehr nahe
verwandt ist, sprach anfangs von einer s t a r k e n Überein-
stimmung. Luc Montagnier vom Pasteur-Instit, der als Kontrahent
von Gallo das Gegenteil beweisen wollte, interpretierte die Über-
einstimmung von weniger als 10%, die er zwischen den Nucleinsäu-
resequenzen von HIV und HTLV gefunden hatte, als relativ gering
(vgl. Deutsches Ärzteblatt, 19.3.1987).
Wenn Koch jetzt behauptet, er hätte mit verfeinerten Methoden so
gut wie keine Übereinstimmung der DNA-Sequenzen von HIV und HTLV
gefunden, widerspricht er nicht nur Segal, sondern auch den bei-
den "Virologen-Päpsten" Gallo und Montagnier, auf die er sich be-
züglich ihrer Mutations-Theorien zum Aids-Virus sonst beruft.
In der Sache geht der Streit um folgendes. Die Aufklärung der
Nucleinsäuresequenz ist nicht das Problem. Strittig ist, welches
Maß an Übereinstimmung der Basenabfolge man fordern muß, um von
ursprünglich gleichartigen Sequenzen in dem Teil des Genoms, der
das entscheidende Hüllprotein codiert, ausgehen zu können. Koch
fordert offensichtlich eine hundertprozentige Übereinstimmung.
Segal betrachtet eine 50-prozentige Übereinstimmung der Nucleo-
tid-Paare als ausreichenden Beweis für seine Theorie. Er bezieht
sich bei seiner Einschätzung auf den ausgesprochen variablen Ge-
nomstrom der Retroviren - also auf deren Tendenz zur Mutation.
Dieses Faktum wird ebenfalls von keinem Virologen bestritten:
"Das Aids-Virus ist das komplizierteste Retrovirus, das je gefun-
den wurde, und es verwandelt sich ständig. Jedes HIV ist anders."
(Dr. Helga Rübsam-Waigmann von der Georg-Speyer-Stiftung in
Frankfurt, lt. FR, 18.3.1987)
Bei dem Streit um viel oder wenig Ähnlichkeiten zwischen den Vi-
ren steht Interpretation gegen Interpretation, streiten läßt sich
bestenfalls um die Plausibilität. Genauso ist es mit der Beurtei-
lung des Sicherheitslabors im Gebäude 550 in Fort Detrick. Segal
ist überzeugt, daß dort hochbrisante militärische Experimente
durchgeführt werden. Koch hält es für eine Widerlegung, wenn er
damit angibt, daß er erstens dieses Gebäude höchstpersönlich be-
sichtigt habe und daß es zweitens seines Wissens überhaupt nur
ein einziges Mal und drittens nie militärisch genutzt worden sei.
Ob der Mann allen Ernstes glaubt, daß das Pentagon ihn im umge-
kehrten Fall immer informiert hätte? Unrichtig ist auf jeden Fall
seine Behauptung, die Experten seien heute davon überzeugt, daß
"kein Experiment solcher Hochsicherheitsvorkehrungen bedarf". Er
sollte mal den Bericht der Enquete-Kommission des Bundestags S.
383-401 nachlesen. Prof. Koch ist übrigens seit 1976 erster Vor-
sitzender der Kommission für die biologische Sicherheit bei der
Neukombination von Nucleinsäuren.
Als wichtiger Einwand gegen Segals Theorie wird schließlich noch
angeführt, Gallo habe HTLV I erst 1981 (Prof. Koch in der taz)
bzw. "Ende 1980" (Rita Süssmuth, Aids - Wege aus der Gefahr, Ham-
burg 1987, S. 46) entdeckt. Wenn sie das schon für ein so ent-
scheidendes Argument halten, sollten die Experten vielleicht ein-
mal bei Gallo selber nachlesen. Er gibt nämlich in all seinen
Veröffentlichungen das Jahr 1978 als Entdeckungsjahr an (Vgl. Ro-
bert C. Gallo, HTLV 1 - das erste menschliche Retrovirus, in:
Spektrum der Wissenschaft, Feb. 1987)
b) Um die Segalsche These zurückzuweisen, ist die versammelte
Fachwelt auffällig darum bemüht, ihr wissenschaftliches Licht un-
ter den Scheffel zu stellen. Um eine Inschutznahme des Militärs
geht es ihnen dabei nicht - daß zu militärischen Zwecken Versuche
an Strafgefangenen durchgeführt werden, hat in der ganzen Debatte
zum Beispiel kein Mensch zurückgewiesen. Als Männer der reinen
Forschung sind sie darüber entrüstet, daß ihre Wissenschaft unter
einen schmutzigen Verdacht gestellt wird. Mit dem besten Gewissen
der Welt vergessen sie sämtliche Restrisiko-Debatten und leugnen
wider besseres Wissen alle Errungenschaften und Verfahrensweisen,
zu denen es die Gentechnologie mittlerweile gebracht hat.
Noch mal Professor Koch in der "taz".
"Die Gentechnologie ist nur eine Nachahmung der Natur. Wir benut-
zen die gleichen Werkzeuge, nur wir können zielgerichteter und
schneller vorgehen. Überleben kann in der Natur nur, was ihr gut
angepaßt ist. Was wir im Labor herstellen, kann in der Natur
nicht überleben. Denn die Rekombinanten, die die Natur selbst
durch Trial und Error gefunden hat, die finden wir draußen in der
Natur vor. Was wir im Labor machen, hat die Natur sicher auch
schon einmal ausprobiert, aber es war nicht überlebensfähig." Man
fragt sich, welche Laune die Natur bewogen hat, ihren Rekombinan-
ten, der Aids auslöst, erst ausgerechnet kurz vor Ende des 2.
nachchristlichen Jahrtausends "auszuprobieren".
Immerhin erklärt der gute Mann hier genau genommen seine ganze
Zunft für überflüssig. Aber der Einsatz für die Reputation seiner
Wissenschaft scheint ihm diese kleine Täuschung wert zu sein. Die
Verwalter der Forschungsetats werden ihn sicher nicht beim Wort
nehmen.
In anderen Zusammenhängen - wenn sie beispielsweise ihre neuesten
Forschungsergebnisse einer interessierten Fachöffentlichkeit vor-
stellen - sind Molekularbiologen nicht so bescheiden. Da liest
man dann z.B. folgendes:
"Sie" (Kollegen von der Columbia University in New York) -schleu-
sten das T4-Gen in Zellen ein, die diesen Marker normalerweise
nicht tragen und nicht infiziert werden. Wurde dieses Gen expri-
miert, d.h. der Marker synthetisiert und in die Zellmembran ein-
gebaut, so ließ sich jede beliebige menschliche Zelle (mit HIV)
infizieren." (Robert C. Gallo, Das Aids-Virus, in: Spektrum der
Wissenschaft, März 1987).
c) Die Theorien der Virologen über einen natürlichen Ursprung des
Aids-Virus gehören genauso wie Segals "Beweiskette" ins Reich der
Spekulation. Die Vorstellungen und Wahrscheinlichkeiten, die sie
anzubieten haben, sind allerdings um einiges dubioser als die Se-
galschen Annahmen. So wird schon der Befund bestritten, der ja
nicht bloß dem Prof. Segal zu denken gegeben hat, nämlich daß es
sich bei Aids um eine n e u e Krankheit handelt. Daß das dazu-
gehörige Krankheitsbild früher noch keinem Mediziner aufgefallen
ist, soll unerheblich sein; da wären die Krankheitsbilder eben
verwechselt worden, oder an hätte bloß die opportunistische In-
fektion diagnostiziert, die zum Tod des Patienten führte, statt
auf ein Immunschwäche-Syndrom zu schließen. Da mit diesem Argu-
ment - im Unterschied zur ideologischen Botschaft - logisch gar
nicht mehr behauptet wird als eine nicht ganz auszuschließende
Möglichkeit, ist ein Streit darüber müßig. Daß Aids erst seit
knapp einem Jahrzehnt epidemisch auftritt, also auf alle Fälle
eine n e u e S e u c h e ist, läßt sich mit dieser Verwechs-
lungstheorie sowieso weder widerlegen, noch ist es zu erklären,
wenn man ein höheres Alter dieser Krankheit annimmt. Im übrigen
sind Täuschungen nicht so naheliegend, wie der Laie denken soll:
"Bei den Tumoren ist die Hauptmanifestation das Kaposi-Sarkom,
den es vor der Aids-Ära praktisch in Europa nicht gegeben hat.
Dieser... Tumor... war schon Gegenstand der Tropenmedizin, als
von Aids noch gar nicht die Rede war. Ein Kaposi-Sarkom wurde in
der Vergangenheit sicherlich nicht übersehen. Daher muß man das
ganze Gerede, Aids sei etwas Altes, das habe man nur neuerdings
diagnostiziert, zurückweisen: Aids ist sicherlich eine neue Er-
krankung." (Eilke Helm, Wolfgang Stille, a.a.O.)
Bleibt das Stichwort "Tropen". Daß Aids aus Afrika stammen soll,
konnte man in allen einschlägigen Illustrierten lesen. Namhafte
amerikanische Virologen wie Robert Gallo und Max Essex habe diese
Theorie in Umlauf gebracht. Sie berufen sich dabei erstens auf
alte, "gebunkerte" afrikanische Blutseren aus den sechziger Jah-
ren, in denen angeblich Antikörper gegen HIV nachgewiesen werden
konnten. (Inzwischen ist Seemannsblut aus dem Jahr 1959 hinzuge-
kommen: Rita Süssmuth, a.a.O.) Daß die Diagnose eines Erregers
durch den Nachweis von Antikörpern schon bei frischen Blutseren
ihre Tücken hat, weiß jeder Arzt. Es wird nicht das Virus selbst
nachgewiesen, sondern die gegen den Erreger gebildeten Abwehr-
stoffe. Bei dieser Nachweismethode kommt es zu sog. Kreuzreaktio-
nen, d.h. das Reagenz reagiert mit Antikörpern, die gegen einen
anderen Erreger gebildet wurden. Hierdurch kommt es zu einem
"falsch positiven" Testergebnis. Das Bundesgesundheitsministerium
weist im Rahmen seiner Aids-Aufklärungskampagne beispielsweise
darauf hin, daß bei den derzeit gängigen Nachweismethoden für
HIV-Antikörper mit ca. 10% falsch positiven Ergebnissen zu rech-
nen ist.
Die bei jahrelang tiefgefrorenen Blutseren zu erwartenden Eiweiß-
Denaturierungen schränken die Aussagekraft dieser Tests noch zu-
sätzlich erheblich ein. All das ist längst bekannt, die ursprüng-
lichen Aussagen über die alten Blutproben wurden mittlerweile in
der Fachpresse auch teilweise zurückgenommen, trotzdem wird sich
weiterhin unverwüstlich - auch von Prof. Koch - auf diese Ge-
schichte berufen.
Zweitens wird darauf hingewiesen, die Durchseuchung der afrikani-
schen Bevölkerung mit HIV sei im Vergleich mit der Durchseuchung
in anderen Kontinenten besonders hoch. Auch wenn das stimmt - ge-
stritten wird nämlich auch hierüber -, ist das weniger ein Beweis
für ein afrikaursprüngliches Virus als für die verheerenden hy-
gienischen Zustände, unter denen der Großteil der dortigen Bevöl-
kerung im Zeitalter der Entwicklungshilfe zu leben gezwungen ist.
Der Hinweis, daß in den meisten zentralafrikanischen Staaten
keine Mittel vorhanden seien, um Blutkonserven auf Aids-Antikör-
per zu überprüfen, fehlt in keiner epidemiologischen Studie.
Drittens wollen afrikanische Virologen die grüne Meerkatze als
Urwirt des Aids-Virus entdeckt haben. Bei dieser afrikanischen
Affenart wurde zwar nie ein Aids-Virus festgestellt, sondern das
Simian-T-lymphotrope Virus III (STLV III), von dem Gallo folgen-
des berichtet:
"Das Affen-T-lymphotrope Virus III könnte durchaus ein Vorfahr
des Aids-Erregers sein; es ist mit HTLV III" (so bezeichnete
Gallo ursprünglich das Aids-Virus) "näher als mit jedem anderen
tierischen Retrovirus verwandt. Allerdings ist die Verwandtschaft
nicht besonders eng. Außerdem ruft das Affenvirus in seinem na-
türlichen Wirt keine Erkrankung hervor." (Robert C. Gallo, Das
Aids-Virus, a.a.O.)
Der Affe könnte also der Ausgangspunkt für Aids sein oder auch
nicht, weil sein Virus dem Aids-Virus einerseits irgendwie ähn-
lich ist, dann aber auch wieder ziemlich anders. Wenn Prof. Koch
an seinen berühmten Kollegen Gallo den gleichen kritischen Maß-
stab anlegen würde wie an Segal, müßte er wahrscheinlich zugeben,
daß die Übereinstimmungen auch nicht größer sind als zwischen HIV
und HTLV I.
Wo sowieso nur im Konjunktiv geredet wird, kann man genauso mun-
ter weiterspekulieren:
"Eine einleuchtende(?) Hypothese ist, daß STLV III irgendwie(?)
in den Menschen gelangte und dort eine Reihe von Mutationen
durchmachte." (Robert C. Gallo, Das Aids-Virus, a.a.O.)
Eine Begründung, warum man ausgerechnet diese Ansammlung von Un-
bestimmtheiten so furchtbar einleuchtend finden soll, wird nicht
geliefert.
Der Leiter des Pariser Pasteur-Instituts, Professor Luc Monta-
gnier, mit dem Gallo im Streit liegt, wer zuerst das Aids-Virus
entdeckt hat, hat auch keine andere Theorie anzubieten. Er möchte
nur nicht völlig ausschließen, daß vielleicht auch früher der
Affe mal vom Menschen gebissen wurde.
"Es gibt da nichts als Spekulationen. Eine ist, daß das menschli-
che Virus auf die Affen übergesprungen ist; die andere ist, daß
das Virus vom Affen auf den Menschen übertragen wurde. Ich per-
sönlich halte letzteres für wahrscheinlicher, weil ein Affe eher
einen Menschen beißt als umgekehrt." (taz, 16.4.1987)
Zur Theorie Segals fällt ihm im wesentlichen ein, daß er sie
nicht glaubt:
"Dies ist kein vom Menschen hergestelltes Virus. Diese von eini-
gen Kollegen in der DDR aufgestellte These ist angesichts der von
uns analysierten Sequenz sehr unwahrscheinlich." (ebd.)
Einen wissenschaftlichen Beweis für ihre Mutations-Theorie, die
sich irgendwo zwischen Affe und Mensch abgespielt haben soll, -
kann die Fachwelt nicht liefern. Um so mehr wird an die Vorstel-
lungskraft appelliert; mitten in einem Artikel über seine neue-
sten molekularbiologischen Entdeckungen in einer wissenschaftli-
chen Fachzeitschrift präsentiert Gallo beispielsweise das Foto
eines Affen. Ein Foto von Fort Detrick hätte ungefähr dieselbe
Beweiskraft für die Segalsche These. Daß der amerikanische Top-
Virologe Gallo offensichtlich Schwierigkeiten hat, zwischen na-
turwissenschaftlichen Erkenntnissen und epidemiologischen Speku-
lationen zu unterscheiden, hat er auch in Veröffentlichungen über
das von ihm entdeckte erste menschliche Retrovirus (HTLV I) de-
monstriert. Zur Untermauerung seiner Theorie, daß dieses Virus
ursprünglich aus der grünen afrikanischen Meerkatze stammt,
greift er auf Bildbeschreibungen alter japanischer Holzstiche zu-
rück:
"Portugiesische Kaufleute könnten - mit Sklaven oder Affen aus
Afrika - HTLV I nach Japan eingeschleppt haben. Im sechzehnten
Jahrhundert kamen portugiesische Seefahrer mehrfach nach Japan.
Einen solchen Besuch zeigt diese zeitgenössische japanische Dar-
stellung. Links erkennt man einen Afrikaner, der einen Baldachin
über zwei in lebhafte Unterhaltung verwickelte portugiesische
Kaufleute hält, im Hintergrund sind neugierige Einheimische zu
sehen." (Robert C. Gallo, HTLV I - das erste menschliche Retrovi-
rus, a.a.O., S. 54)
Ein Streit, in dem wissenschaftliche Erkenntnisse ausgetauscht
und überprüft werden, ist das ganze Hin und Her wirklich nicht.
Alle Beteiligten verstehen sich darauf, ihre Fachkunde in den
Dienst politischer Interessen zu stellen; und wahrscheinlich sind
sie diese Art, wissenschaftlich zu denken, so gewöhnt, daß sie es
noch nicht einmal merken.
III. Die merkwürdige Allianz von Gentechnologen und Imperialisten
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1. Die Männer der Wissenschaft...
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a) Die wissenschaftlichen Experten der Enquete-Kommission des
Deutschen Bundestages haben zur Wahrscheinlichkeit von Mutationen
bei tierpathogenen Retroviren folgendes vermeldet:
"Ein entscheidender Sicherheitsfaktor besteht darin, daß bei Re-
troviren, zu deren Wirtsbereich der Mensch nicht gehört, trotz
ihrer genetischen Instabilität eine zufällige Änderung des Wirts-
bereichs, die solche Viren für den Menschen infektiös machen,
ausgeschlossen ist. Eine Änderung der Infektiosität, die solche
Viren etwa über die Atemwege wirksam werden lassen würde, setzt
eine Vielfalt von Mutationen der Virushülle voraus, die als ein
zufälliges Ereignis ausgeschlossen ist." (Enquete, S. 200)
Wenn das stimmt, dann hätte Segal - zumindest in dem Punkt, daß
es sich bei dem Aids-Virus um ein gentechnologisches Kunstprodukt
handelt - zweifellos recht. Und dann wiederum wäre es, gelinde
gesagt, ein sträflicher Leichtsinn, den Gentechnologen die Be-
hauptung zu glauben, daß sie prinzipiell nur völlig ungefährliche
Mikroorganismen herstellen. Wenn die wissenschaftlichen Kontra-
henten von Segal aber mit ihrer Mutations-These richtig liegen,
dann widerlegen sie das fachmännische Urteil der Experten-Crew
des Deutschen Bundestages als falschen, zweckdienlichen Optimis-
mus. Diese Fachleute wollten in der zitierten Stellungnahme
selbstverständlich gar nichts über die Entstehung des HIV gesagt
haben - hätten sie daran gedacht, hätten sie sich vielleicht so-
gar ein wenig anders ausgedrückt. Aber das macht die Sache nicht
besser. Es ging um die sachgemäße Beurteilung der "Restrisiken"
der Gentechnologie und unter d i e s e r Fragestellung schlie-
ßen die Fachleute gefährliche zufällige Mutationen eben aus.
Wie man es auch dreht und wendet - d a s A i d s - V i r u s
b l a m i e r t d i e S i c h e r h e i t s p h i l o s o-
p h i e d e r G e n t e c h n o l o g e n.
b) Die maßgeblichen Vertreter dieser Naturwissenschaft sind
schwer daran interessiert, ihr "Handwerk" weiter auszubauen. Von
diesem Standpunkt aus interpretieren sie sämtliche negativen Wir-
kungen, die sich notwendigerweise aus ihren genetischen Manipula-
tionen ergeben, als völlig unbedenkliche, harmlose "Restrisiken".
Diese Überzeugung gehört geradezu zu ihrem Berufsethos. Die dazu-
gehörige korrupte Denkweise ist ihnen als
"Sicherheitsphilosophie" in Fleisch und Blut übergegangen. Sol-
chen Fachleuten soll der naturwissenschaftliche Laie blind ver-
trauen, wenn sie immer wieder beteuern, daß sie sich nur zum
Wohle des menschlichen Fortschritts oder sonst eines hehren Gutes
an die Arbeit machen. Sie fordern den Glauben, daß sie Krankhei-
ten immer heroisch bekämpfen, nie erzeugen - das selbstverständ-
lich auch für Aids.
Ihre Forschungspraxis sieht genauso aus wie ihre Sicherheitsphi-
losophie. Für diese Schlußfolgerung braucht es keinen Indizienbe-
weis, der zu dem einen oder anderen "Ausrutscher" führt. Es kann
erstens gar nicht ausbleiben, daß bei der Neukombination von ge-
netischem Material Organismen mit unabsehbaren Eigenschaften und
unkontrollierbaren pathogenen Wirkungen entstehen. Zweitens ist
jedes gentechnische Produkt ein Ausgangspunkt für Mutationen de-
ren Resultat bekanntlich immer ungewiß ist. Durch entsprechende
Zellkulturen und Nährböden wird in den Labors ja dafür gesorgt
daß Viren und Bakterien sich in einem Umfang vermehren, der sämt-
liche Vermehrungsraten von Mikroorganismen in der "freien Natur"
um einige Zehnerpotenzen in den Schatten stellt. Für die Kon-
strukteure handelt es sich bei schädlichen Endergebnissen soweit
sie nicht auf dem Sektor der biologischen Kampfmittel arbeiten -
allemal um "unerwünschte Nebenwirkungen". Dummerweise werden die
dann für Leute, die daran krepieren, zur nicht zu übersehenden
"Hauptwirkung". Daß es beim Personal der entsprechenden Laborato-
rien hin und wieder zu "unerklärlichen Todesfällen" kommt, ist
kein Geheimnis; die Sicherheitskommission führt darüber Buch und
gründet Untersuchungskommissionen.
c) Böswillige, dunkle Absichten gibt es bei den maßgeblichen wis-
senschaftlichen Größen der Molekularbiologie nicht zu entlarven.
Sie präsentieren sich der Öffentlichkeit genau so, wie sie nun
mal sind: als bornierte Fachidioten. Arbeitsteilig eingeordnet,
verfolgen sie mit beachtlicher Sturheit ihre großen Forschungs-
aufgaben und denken dabei nur an die Viren, die sie gerade bear-
beiten, oder an ihre neuesten "Erst"-Entdeckungen, die sie der
interessierten Fachwelt vorlegen wollen. Je höher sie in der Wis-
senschaftswelt angesehen sind, um so mehr sind sie von sich als
Forscherpersönlichkeit überzeugt, die - neben der sowieso selbst-
verständlichen materiellen Vergütung ihrer Leistungen - ein Men-
schenrecht auf "Forscherruhm" einklagen kann.
Daß dieses Gehabe keineswegs eine bloße Privatspinnerei ist, son-
dern ihren Forschungsergebnissen anzumerken ist, haben sie gerade
bei der Entdeckung und Erforschung der Aids-Viren in den letzten
Jahren unter Beweis gestellt. Die beiden "anerkanntesten Virolo-
gen der westlichen Hemisphäre" - der US-Professor Gallo vom Be-
thesda Laboratorium und Prof. Luc Montagnier vom Pariser Pasteur-
Institut - liefern sich seit 1983 einen erbitterten
"Gelehrtenstreit" um die spannende Frage, wer wann und wo eindeu-
tig zuerst den Aids-Erreger entdeckt hat. Welche Kindereien sich
diese Nobelpreis-Aspiranten wechselseitig zutrauen, also wohl
auch praktizieren, haben sie dabei ausgeplaudert. Montagnier be-
schuldigt die amerikanischen Kollegen als "Virusklauer". Sie sol-
len angeblich eine vom Pasteur-Institut überlassene Viruskultur
einfach hochgezüchtet und dann das Virus als eigene Entdeckung
vorgestellt haben. Seither verschickt das Pasteur-Institut keine
Kulturen mehr an Gallo (das fördert die Wissenschaft). Daß jeder
seine Entdeckung mit einem anderen Namen bezeichnet hat, war so-
wieso klar. Eine Einigung zwischen den beiden Top-Virologen, ob
die Viren, die sie entdeckt hatten, identisch waren, war nicht
möglich. Um das Durcheinander von Virus-Bezeichnungen und die Un-
klarheit darüber, wie viele verschiedene Viren damit gemeint wa-
ren, zu beseitigen, mußte die Weltgesundheitsorganisation WHO als
richtende Instanz tätig werden. Seither ist klar, daß die von
Montagnier und/oder Gallo entdeckten Dinger identisch sind und
einheitlich HIV I heißen. Beim Staatsbesuch des französischen
Premierministers im März 1987 in Washington war der Streit zwi-
schen den beiden Laboratorien Gegenstand der Verhandlungen zwi-
schen Reagan und Chirac. Man versprach, sich von höchster Stelle
aus um eine einvernehmliche Einigung zu bemühen.
Inzwischen tobt derselbe Zirkus anläßlich der mittlerweile von
den konkurrierenden Instituten entdeckten Varianten des ersten
Aids-Virus. Ob das "französische" LAV 2 mit dem "amerikanischen"
HTLV IV identisch ist, sollte die WHO auf ihrer Konferenz im Fe-
bruar 1987 in Genf entscheiden. Das Urteil steht bislang aus.
Inzwischen wird in sämtlichen Labors nach einem Impfstoff gegen
Aids geforscht. Die beteiligten Wissenschaftler wissen, daß "die
Zeit drängt": Die Konkurrenz schläft nicht!
2. ...und ihre Auftraggeber
---------------------------
Mit ihrer Sicherheitsphilosophie, ihrer wissenschaftlichen Praxis
und ihrem lächerlichen bis widerlichen Ehrgeiz sind diese Natur-
wissenschaftler die passenden Figuren zur Erledigung eines staat-
lichen Auftrags, dessen Inhalt sie überhaupt nicht zu kennen
brauchen. Die Auftraggeber äußern sich folgendermaßen:
"Sollten die Chancen der Gentechnologie durch allzu umfassende
Regelungen und schwerfällige, sachfremd bestimmte Entscheidungs-
abläufe eingeschränkt werden, so kann dies schwerwiegende Konse-
quenzen für die zukünftige Entwicklung dieses Wissensgebietes in
unserem Lande haben. Die Bundesrepublik Deutschland wird dann in
die Rolle eines Zuschauers versetzt, der von den Chancen nur noch
indirekt profitiert. Sie wird aber keinen Einfluß mehr darauf ha-
ben können, daß die Entwicklung in dem von ihr gewünschten Sinne
verläuft." (Aus dem Zusatzvotum der Kommissionsmitglieder der
CDU/CSU der Enquete-Kommission zu Abschnitt D: Übersicht über
gentechnologische Forschung und Entwicklungsstand, Förderung und
internationaler Vergleich, Enquete, S. 281)
a) In welchem Sinne die Entwicklung der Gentechnologie denn durch
die BRD beeinflußt werden sollte, könnten die Parlamentarier ga-
rantiert nicht angeben. Darauf kommt es auch überhaupt nicht an.
Deutschen Politikern fällt angesichts eines Berichts über die
neuesten molekularbiologischen Errungenschaften im wesentlichen
"Deutschland vor!" ein. Auch ohne den Unterschied zwischen DNA
und RNA erklären zu können, ist ihnen sofort klar, daß die Ent-
wicklung von Wissenschaft und Technologie ihre weltpolitischen
Interessen tangiert. Die Vorstellung, die BRD könnte auf irgend-
einem Gebiet der Naturwissenschaft nicht zu den führenden Natio-
nen der Welt gehören, ist ihnen unerträglich.
Was das Entsetzliche daran sein soll, wenn man mal bei der wis-
senschaftlichen Arbeit von anderen zuschaut und dann von deren
Ergebnissen profitieren kann, müssen Imperialisten gar nicht erst
erläutern. Abgesehen davon, daß ein Gebilde wie die Bundesrepu-
blik Deutschland schon mangels Augen nirgends hinsehen kann, mei-
nen sie mit ihrem blöden Bild ja auch etwas anderes:
"Zuschauende" Nationen, das sind solche, die sich einem fremden
nationalen Interesse unterordnen müssen. Mindestens 90% der Staa-
ten dieses Globus wurden nicht zuletzt durch den tatkräftigen
Einsatz bundesdeutscher Politiker auf diese "undankbare Rolle"
festgelegt. Und in Bonn wird weiter heftig daran gearbeitet,
durch den Einsatz deutscher Macht und Geschäftsmittel der restli-
chen Staatenwelt, die bei den EG-Partnern anfängt und dann einmal
so ziemlich um die Weltkugel führt, ihre "indirekten" Chancen ge-
mäß bundesdeutschen Interessen zu diktieren.
Nun ist die Vorstellung, die Weltmachtstellung der BRD hinge
tatsächlich an dem Genie und dem staatlich geförderten Forscher-
drang deutscher Naturwissenschaftler, einerseits maßlos überzo-
gen. Was wäre denn verloren, wenn die Bundesregierung gentechno-
logische Forschungsprojekte an deutschen Laboratorien nicht groß-
zügig fördern und restriktivere Sicherheitsbestimmungen erlassen
würde? Eine BRD ohne original schwarz-rot-goldene gentechnologi-
sche Erkenntnisse? Na und! Auch die CDU-Abgeordneten, die das als
erschreckendes Zukunftsgemälde an die Wand gemalt haben, sind
sich selbstverständlich darüber im klaren, daß die Größe der Na-
tion von ganz anderen Errungenschaften abhängt. Sie wissen, was
sie am florierenden bundesdeutschen Kapital haben, das längst die
ganze Welt als Anlagesphäre benutzt und zu Hause auf eine bil-
lige, jederzeit verfügbare Arbeiterschaft zurückgreifen kann die
durch nichts aus ihrem sozialen Frieden zu bringen ist. Deshalb
kann man sich in Bonn in aller Ruhe um die wirklich wichtigen na-
tionalen Fragen kümmern: Wie steht's um die Wirtschaftskraft der
Nation und die weltweite Nachfrage nach DM? Und wie viele neue
Waffensysteme will man sich als zweitstärkste NATO-Macht zulegen?
Das alles geht auch ohne Gentechnologie in den eigenen Grenzen.
Zumal man sich sicher sein kann, daß das Kapital sich pro-
fitträchtige gentechnologische Produktionsverfahren ganz ohne na-
tionalistische Vorbehalte nach geschäftlichen Kalkulationen ver-
schafft. Da zählt die Größe des Kapitals und nicht die nationale
Farbe der Erfindung.
Andererseits denken imperialistische Politiker, gerade weil sie
auf die Grundlagen ihrer gegenwärtigen Macht setzen, realistisch
in die Zukunft. "Die Zukunft besetzen" ist für sie mehr als ein
dummer Spruch. Sie legen den größten Wert darauf, die Erforschung
und Beherrschung sämtlicher Naturgesetze unter nationaler Regie
zu organisieren - egal, ob es sich um die Erforschung des Welt-
alls, des Atomkerns oder um die Möglichkeiten der technischen Ma-
nipulation des Erbmaterials handelt. Grundlagenforschung und For-
schungsprogramme, die die technische Verwendbarkeit der erzielten
Ergebnisse prüfen, werden in all diesen Bereichen staatlich ge-
fördert. Die Ergebnisse, die die Wissenschaft hervorbringt, und
wie deren potentieller Nutzen dann hinterher genau aussieht, kann
im voraus nie angegeben werden. Aber den Staatsmännern wären ei-
nige ihrer schönsten Machtmittel versagt geblieben, wäre z.B. ein
Otto Hahn, der sich in den Kopf gesetzt hatte, Atomkerne zu spal-
ten, in seiner Forschung nicht unterstützt worden. Denn eines ist
sicher: Wenn verwertbare Resultate vorliegen, dann werden sie auf
jeden Fall für den wirtschaftlichen und militärischen Nutzen der
Nation eingesetzt. Dafür stehen die Politiker mit ihren Sorgen um
eine "drohende Zweitklassigkeit" ihrer Nation gerade; denn die
sind eine einzige Absichtserklärung, sämtliche Abteilungen der
Naturbeherrschung zu Mitteln der nationalen Konkurrenz zu machen.
Es ist die Aussicht auf potentielle Macht- oder Geschäftsmittel
für den internationalen Konkurrenzkampf, die bundesdeutsche
Politiker zu begeisterten Anhängern des "High Tech" und "High
Chem" made in Germany macht. Die Führer einer Weltmacht pflegen
das Ideal einer nationalen Autarkie in Fragen der Forschung und
Technologie. Die Vorstellung, im eigenen Machtbereich nicht über
die Patente - für was auch immer - zu verfügen, ist für sie
gleichbedeutend mit einer potentiellen Erpreßbarkeit durch andere
Staaten. Und das können sie überhaupt nicht leiden. Insofern kann
man den "Sinn der Entwicklung", den die CDU-Parlamentarier sich
wünschen, schon angeben: Richtig läuft die Sache immer dann, wenn
die anderen von "uns" abhängig sind.
Das ist der Motor des losgelassenen Forschungsdrangs, über den
eine Mannschaft hingebungsvoller Fachidioten in jedem Land ver-
fügt, und es wäre nicht einmal günstig, wenn sie es wüßten: Die
Naturforscher der vordersten Front sind die Funktionäre eines im-
perialistischen Anspruchs, der jedes Stück Naturbeherrschung zur
Waffe im internationalen Konkurrenzkampf erklärt und macht und
keine Chance verpassen will.
b) Was Aids betrifft, lautet der staatliche Auftrag an die Wis-
senschaft derzeit, für die Entwicklung eines Impfstoffs zu sor-
gen. Ein moderner kapitalistischer Staat kann Zustände nicht lei-
den, in denen die Brauchbarkeit seines Volkskörpers von der Ver-
breitung eines Virus abhängen könnte. Wie alles, ist auch diese
Forscherei im Kapitalismus eine Frage des Geldes. Ein Mann wie
Kanzler Kohl weiß dabei sofort zwischen dem staatlichen Interesse
an einer wirksamen Bekämpfung von Aids und dem notwendigen Schutz
der Staatskasse vor "Ansprüchen" der Betroffenen zu unterschei-
den. Er ist sich sicher, daß sich die von oben heftig geschürte
Betroffenheit der Bevölkerung in klingende Münze verwandeln läßt,
mit der alles Nötige an Hilfe zu finanzieren ist: In Erinnerung
an die altbewährte Krebshilfe-Masche hat er die Gründung einer
Aids-Stiftung angeregt, die über mildtätige Spenden finanziert
werden soll. Die gibt es inzwischen auch. Was andererseits den
Konkurrenzkampf um staats- und geschäftsdienliche Pharma-Patente
betrifft, hat der Forschungsminister Ende April des Jahres Groß-
zügigkeit versprochen: Alles, was Erfolg verspricht, auch Unkon-
ventionelles, werde ohne Rücksicht auf die Kosten aus Riesenhu-
bers Haus gefördert.
Da das staatliche Interesse an Seuchenbekämpfung und die Ge-
schäftsinteressen der heimischen Pharmakonzerne sich hier hervor-
ragend decken, ist die Finanzierung der diversen Forschungspro-
gramme gesichert. Die unermüdlich forschende Wissenschaftlercrew,
die zuerst einen halbwegs wirksamen Aids-Impfstoff präsentieren
kann, kriegt nicht nur den Nobelpreis und jede Menge Eintragungen
in künftigen Lehrbüchern der Geschichte der Medizin, sie wird vor
allem ihren Auftraggebern zu einem Jahrhundertgeschäft verhelfen.
Denn mindestens so wichtig wie der Nachweis der Wirksamkeit eines
potentiellen Impfstoffs wird seine Anmeldung beim zuständigen Pa-
tentamt sein. Die Aussicht auf Riesenprofite und das Wissen um
die ärgerlichen Fortschritte der ausländischen Konkurrenz haben
die beiden deutschen Pharma-Multis Bayer und Hoechst dazu bewo-
gen, ab März 1987 ihre Aids-Forschung zusammenzulegen. Unter dem
menschenfreundlichen Motto: "Aids ist tödlich, die Zeit drängt",
wird seither auf deutschem Boden nicht mehr gegeneinander, son-
dern nur noch gegen die ausländische Konkurrenz der Wettlauf um
einen patentrechtlich geschützten Aids-Impfstoff geführt. Es wäre
ja auch zu blöd, wenn ausgerechnet kleinkariertes innerdeutsches
Konkurrenzdenken dazu führen würde, daß irgendein US-Konzern oder
sonst ein Sandoz die Nase in diesem Konkurrenzkampf um die alles
entscheidenden Wochen vorne hätte.
c) Zu den vom Staat leicht aufgebrachten Unkosten imperialisti-
scher Macht gehören seit langem die reichlichen Gelder für eine
ganz andere Abteilung "Impfstoff-Forschung". Die gesamte For-
schung im Bereich der biologischen Kriegsführung läuft nämlich
unter diesem Titel:
"Am 7. April 1983 ist die Bundesrepublik Deutschland dem Überein-
kommen über das Verbot der Entwicklung, Herstellung und Lagerung
bakteriologischer (biologischer) Waffen und von Toxinwaffen sowie
über die Vernichtung solcher Waffen vom 10. April 1971 beigetre-
ten. ...
Der Vertrag erlaubt Entwicklung, Herstellung und Lagerung mikro-
biologischen Materials und von Toxinen zu defensiven und sonsti-
gen friedlichen Zwecken. ...
Nicht verboten wird durch das Übereinkommen jede Art von For-
schung zu Zwecken biologischer Kriegführung." (Enquete, S. 264)
Gegen diesen Vertrag kann gar nicht verstoßen werden, weil er
nichts verbietet. Darüber hinaus ist die Forschung für die ehren-
werten "defensiven" Zwecke - also die Beschaffung von Schutzmit-
teln für die eigene Truppe - identisch mit der Beschaffung eines
kalkulierbaren Giftstoffes zur Vernichtung des Feindes.
"Zur Herstellung von Impf- und anderen Abwehrstoffen ist es in
der Regel erforderlich, die entsprechenden Agenzien zu produzie-
ren, um mit ihnen die geplanten Schutzmaßnahmen zu testen. Hier
besteht das Problem, daß zwischen Stoffen und Verfahren zu
Schutzzwecken und solchen zu aggressiven Zwecken nur sehr schwer
zu unterscheiden ist." (Enquete, S. 264)
Wer auch immer ein Problem mit dieser höchst interessanten Unter-
scheidung haben mag, die Befehlshaber der Bundeswehr sind es si-
cher nicht. Für die Verteidigungsfähigkeit ihrer Wehrmacht, die
bekanntlich ziemlich "vorne"-verteidigt, brauchen sie jede Waf-
fengattung. Also auch Impfstoffe, die die Truppe im Falle eines
Angriffs schützen. Die Impfstoff-Produktion in deutschen Labors
wird von der Hardthöhe kräftig gefördert: "Derzeit führt die
Tierärztliche Hochschule Hannover im Auftrag des BMVg ein For-
schungsprojekt durch, das dazu dient, mit nicht krankmachenden
Vertretern der Gruppe der Alphaviren Methoden zu entwickeln, die
zu einer verbesserten Früherkennung und im weiteren zu wirksame-
ren Impfmaßnahmen für möglichst alle Gruppen der Alphaviren füh-
ren sollen. Dazu werden in der Zellkultur monoklonale Antikörper
und mit gentechnologischen Methoden herstellbare Schutzstoffe
(Oligopeptide) entwickelt." (Enquete, S. 266)
Gegen den Vorwurf von Grünen-Abgeordneten, sie würden an potenti-
ellen Biowaffen basteln, haben die beiden Hannoveraner Professo-
ren ihre erste Einstweilige Verfügung erstritten. Sie hatten im-
mer wieder ehrlich entrüstet betont, es gehe um nichts anderes
als um eine "zeitgemäße medizinische Versorgung und einen optima-
len Schutz der Truppe". Einen guten Grund für ihr reines Gewissen
beziehen diese Männer der Wissenschaft sicher auch aus lapidaren
Feststellungen der folgenden Art:
"Welche Anwendungsmöglichkeiten sich der Gentechnologie im mili-
tärischen Bereich bieten, ist umstritten. Teilweise wird die An-
nahme geäußert, es könne mittels gentechnischer Methoden in Zu-
kunft möglich sein, neuartige, gefährlichere Mikroorganismen oder
Viren herzustellen, z.B. durch Übertragung von Resistenzgenen,
von pathogenen Eigenschaften oder durch Änderung der Wirtsspezi-
fität. Daß diese Annahmen von einer realistischen Einschätzung
der Möglichkeiten der Gentechnologie ausgehen, wird vielfach be-
zweifelt. Auch wenn die Gentechnologie in diesem Bereich Anwen-
dung fände, so sei derzeit nicht erkennbar, daß dadurch Mikroor-
ganismen und Viren herstellbar sind, die das Gefahrenpotential
bereits vorhandener B-Kampfstoffe übersteigen könnten. Ähnliches
gelte für Toxine, deren militärische Effektivität nicht an die
der chemischen Nervengase heranreicht." (Enquete, S. 265f.)
Na dann!
***
Dr. Rudolf Burger, seines Zeichens Leiter der Abteilung für ge-
sellschaftsbezogene Forschung im Bundesministerium für Wissen-
schaft und Forschung in Wien, stellt in seiner in der taz vom
2.4.1987 veröffentlichten Replik auf Segals Theorie dankens-
werterweise gleich klar, daß er von der Materie keine Ahnung hat.
Auf Segals naturwissenschaftliche Argumente kann und will er gar
nicht eingehen, sondern zu Protokoll geben, daß er sich nicht
vorstellen kann, daß der von Segal konstruierte Tathergang wahr-
scheinlich ist.
"Segal argumentiert nicht nur als Experte, er bringt vor allem
kriminologische Argumente vor. Das öffnet seine These der Laien-
kritik. Tatsächlich braucht man, um sie zu entkräften, auf keinem
Gebiet Fachmann zu sei. Man muß weder von Molekularbiologie noch
von Epidemiologie etwas verstehen. ..."
***
Folgende Reuter-Meldung brachte die "FR" am 21.4.1987:
"Einem Team britischer Biochemiker ist es offensichtlich gelun-
gen, auf gentechnischem Wege ein künstliches Aids-Virus herzu-
stellen. Dies sei möglicherweise ein Schritt zur Entwicklung ei-
nes Impfstoffs gegen die tödliche Immunschwächekrankheit... Die
Wissenschaftler der Universität Oxford... hätten eine Protein-An-
ordnung so kombiniert, daß ihre Oberflächenstruktur dem HIV-Virus
ähnle. Anders als das Virus selbst löse das synthetische Produkt
aber keine Krankheit aus."
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