Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens
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Gesundheitswesen
GESUNDHEIT UND GESUNDHEITSWESEN
1. Das Lob der Gesundheit bedeutet nichts Gutes
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Das wäre einmal etwas: Mediziner wundern sich darüber, daß die
Gesundheit, also das schlichte Faktum körperlicher Unversehrt-
heit, in unserer Gesellschaft als ein hohes Gut gilt, um das sich
jedermann nicht ernsthaft genug kümmern kann! Die Frage, warum
der Erhalt heiler Knochen und funktionsfähiger Organe eine beson-
dere Anstrengung ist und wert sein soll, könnte glatt zu der
Überlegung führen, daß mit dem Lob der Gesundheit die traurige
Wahrheit gemeint und anerkennend verklärt wird, daß hierzulande
nicht krank zu werden ein unverdientes Glück ist, das wie jedes
Glück Ausnahme bleibt. (Der Unzufriedenheit mit der gängigen Me-
dizin und der Kritik an der Gesellschaft wäre damit gleichermaßen
geholfen: Beide könnten sich auf handfeste Gründe berufen, statt
den ständigen Mißerfolg ärztlicher Hilfe gegenüber einem zum
Schicksal erklärten Gegner "Zivilisationskrankheit", "Umweltbe-
lastung" und "Krankheitsdisposition" zu bejammern.)
Stattdessen reisen kritische Mediziner zu einem "Gesundheitstag"
an, um sich als die einzigen Menschenfreunde zu feiern, die sich
wirklich um die Gesundheit der Leute Sorgen machen - was nun
überhaupt nicht stimmt! Ihre unkritischen Kollegen, die mehr an
das Honorar als an den Patienten denken sollen, werden ihr Hand-
werk ja noch ausüben, für das sie bezahlt werden. Und für die
Mehrzahl der Leute in unserer Republik steht die Gesundheit auf
der Liste der wünschenswerten Dinge ganz obenan, "rangiert" "weit
vor Frieden, Freiheit und Geld" (Spiegel). In jeder Illustrierten
stehen Ratschläge, was man anstellen soll, um alt zu werden, oder
was man zu meiden hätte, um keinen Krebs zu bekommen.
Statt sich dieser Sorge um die Gesundheit anzuschließen, könnte
ein kritischer Mensch sich doch einmal über die Selbstverständ-
lichkeit wundern, mit der hier von der Schädigung an Leib und Le-
ben als allernormalster Lebensbedingung geredet wird. Und man
könnte sich fragen, was eine Medizin, die leider noch nicht hin-
ter das Geheimnis des Krebses gekommen ist, dafür aber reihum so
ziemlich alles zur möglichen Krebsursache erklärt, damit zu tun
hat.
Dem Staat schließlich ist die Volksgesundheit so wichtig, daß er
für sie sogar ein eigenes Ressort einrichtet. Auf den "Schutz des
Lebens" und der Gesundheit gibt es einen gesetzlich verbrieften
Anspruch: ein unmißverständlicher Hinweis, daß der Sozialstaat
mit dem Ruin der normalen Existenzvoraussetzung seiner Bürger
rechnet und Gründe weiß, für die er deren Gesundheit und Leben
aufs Spiel setzt - dazu gehört nicht nur die "körperliche Ertüch-
tigung" bei der Bundeswehr. Neben dem Recht auf Gesundheit ist
sie auch noch eine Pflicht, der mit täglicher Gymnastik und
"gesunder" Ernährung nachzukommen ist. Wollen die Leute krank
werden?
Offensichtlich kommt es schon sehr auf Gesundheit an, aber nicht
einfach als den erfreulichen Zustand, der für sich nichts ist,
mit dem sich aber allerhand anfangen läßt, sondern als einen
Zweck, um den man sich so kümmern muß, daß man am besten das
ganze Leben danach auszurichten hätte. Zweck und Anstrengung wird
die Sorge, nicht krank zu werden, aber doch nur, weil für die
meisten Menschen hierzulande d e r R u i n d e r
G e s u n d h e i t d i e G r u n d l a g e i h r e s
L e b e n s ist; weil sie es sich nicht leisten können, krank zu
werden - was die Wartezimmer nicht leerer macht. Wie kommen
eigentlich kritische Mediziner dazu, das Ideal dieser traurigen
Verhältnisse zu einem Lob auf die Gesundheit zu idealisieren?
2. Auf Gesundheit angewiesen zu sein, ist ein Pech
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Haben sie nicht gemerkt, daß die Ausführungen ihrer Klage, sie
könnten dem Menschen mit ihrer ärztlichen Kunst nicht helfen und
deshalb sei ein Gesundheitsbewußtsein so wichtig, ein einziger
Beleg für die Existenz genau der Klassengesellschaft ist, die je-
der aufgeklärte Mensch heute für überwunden hält? Es gibt nämlich
die Leute, in nicht zu geringer Zahl, die in die Fabrik gehen und
das Ideal der kritischen Mediziner, die ernsthafte Pflege des ho-
hen Guts Gesundheit, deshalb praktizieren, weil ihre Arbeitsfä-
higkeit die e i n z i g e Grundlage ihrer Existenz ist. Daß nur
ihre Arbeits l e i s t u n g geschätzt und bezahlt wird - mit
einem Lohn, der für die Gewißheit sorgt, sie ein Leben lang acht
Stunden täglich neu bringen zu müssen! - garantiert den Ruin ih-
rer körperlichen und geistigen Kräfte. Worauf sonst sollte es
denn hinauslaufen, wenn von diesen Kräften möglichst wenig gefor-
dert wird, um dieses Wenige möglichst intensiv zu benutzen? Und
genau das ist die Folge von "Leistungslohn" plus "Humanisierung
der Arbeit"!
Dennoch wird die Behauptung, Lohnarbeit bedeute Krankheit, sicher
bezweifelt. Zwar ist viel von "Abnutzungskrankheiten" die Rede,
doch will damit niemand etwas über den Arbeiter gesagt haben, der
sein Leben lang "bloß" an der Stanzmaschine steht - womöglich "in
einem hellen, gut belüfteten Raum", was ihn gleich in eine nied-
rigere Lohngruppe einrangiert. Linke beklagen hier vornehmlich
die "Entfremdung" und übersehen auch als Mediziner tunlichst die
harten physischen Merkmale und Folgen der "ganz normalen" Ausbeu-
tung - obwohl die Arbeitsplätze lauter Variationen über das eine
immergleiche Thema sind: w i e heutzutage die Lohnarbeit die
Ursache der "Modernen Volkskrankheiten" ist. Das liegt - entgegen
der Ideologie von den "Berufskrankheiten" - nicht an "technischen
Notwendigkeiten", sondern daran, daß sie für den Zweck, dem Ar-
beiter Mehrleistung abzunötigen, eingerichtet sind.
Wenn die dem Akkord zugrundegelegte N o r m a l leistung tarif-
vertraglich definiert ist als eine, die "ohne Schaden für die Ge-
sundheit dauerhaft erbracht werd en kann", so wird mit dieser De-
finition ausgesprochen, daß diese Form von Arbeit auf Kosten von
Körper und Geist geht. Und es wird auch kein Hehl daraus gemacht,
was es bedeutet, wenn der Arbeiter Überstunden macht, Akkord ar-
beitet und so die "Normalleistung" beständig überbietet. Noch
drastischer wird das Verhältnis zwischen Lohnarbeit und Gesund-
heit deutlich, wenn der Lohnempfänger für das Aushalten von Lärm
oder Hitze, das Einatmen giftiger Dämpfe und dergleichen eine
P r ä m i e erhält.
Die Illusion, ein Leben lang solche Leistungen erbringen zu kön-
nen, existiert hier von vorneherein nicht: Für mehr Geld sich
gründlicher und schneller zu ruinieren, lautet die Kalkulation,
die auch entsprechend aufgeht. Sich mit dem Akkordlohn zur Ruhe
zu setzen, geht allerdings schon gar nicht. In den Ruhestand wird
der Arbeiter zwangsläufig gesetzt, sobald dem Betrieb die Vernut-
zung seiner ruinierten Arbeitskraft nicht mehr lohnend erscheint;
oder er darf zu niedrigerem Verdienst zeigen, was dennoch aus
seinen morschen Knochen noch herauszuholen ist. Das Rentnerdasein
gestaltet sich demgemäß auch als eine Abfolge von
"altersbedingten" Krankheiten und fällt kurz aus; von der ein Le-
ben lang hergestellten Unfähigkeit zum G e n u ß der endlich
gewonnenen Freiheit von Arbeit einmal ganz abgesehen.
3. Wer die Zerstörung seiner Person aushält, ist gesund!
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lautet die Antwort der Medizin auf diese "Herausforderung des mo-
dernen Lebens"; und sie wird nicht nur in der Gleichung: gesund
ist gleich arbeitsfähig schreiben (!) praktiziert. Auch Unterneh-
mer und Gewerkschaften wissen um das "Arbeitsleben" Bescheid; und
der Forderung nach "Humanisierung der Arbeit" folgen jene
Erleichterungen am Arbeitsplatz, die eine unerträgliche Belastung
aushaltbar machen sollen, damit mit neuem Schwung der Ruin der
Gesundheit leistungsbewußter fortgesetzt werden kann.
Kompensationen sind das keine, ebenso wenig wie die vom Arzt
verschriebenen Herz-, Schmerz- und Kreislaufmittel den Verschleiß
durch L e i s t u n g, das "Geschäftsmittel" des Arbeiters,
r ü c k g ä n g i g machen; sie werden daher auch stets mit der
Warnung überreicht, der Patient solle mehr auf seine Gesundheit
achten, weil er sich sonst endgültig ruinieren würde - als ob er
das nicht selbst wüßte.
So erklärt sich auch ganz einfach, warum der Arbeiter ständig zur
Rücksicht auf seine Gesundheit gezwungen werden muß, obwohl sie
sein einziges "Kapital" ist, sie tut für ihn ja nur dann ihre
Wirkung, wenn er sie im Dienst an der Arbeit kaputt macht. Des-
halb schätzt ein jeder sie über alles - und trägt sie Tag für Tag
zu Markte, fein differenziert gegen die verschiedensten Lohnbe-
standteile, von denen er sich keinen nehmen lassen will: Er
schützt sie also nur sehr b e d i n g t. Der Mensch
b r a u c h t seine Gesundheit eben, um sie zu b e n u t z e n;
und dabei geht sie schneller als befürchtet flöten. Daß das
staatliche Gesundheitswesen den Zwang verwirklicht,
t r o t z d e m gesund zu bleiben, gibt keinen Anlaß, über einen
M a n g e l der medizinischen Versorgung zu klagen, und schon
gar keinen Grund für das Lob einer derart durchgesetzten Gesund-
heit. Eher folgt daraus ein Schluß auf diese ach so menschen-
freundliche Einrichtung:
4. Ein öffentliches Gesundheitswesen gibt es, weil die Lohnarbeit
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ein Großverbraucher von Gesundheit ist, also damit dieses
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Geschäftsmittel nicht ausgeht.
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Vorsicht! Ob das nicht eine sehr einseitige "Betrachtungsweise"
ist? Muß einem gebildeten Zeitgenossen da nicht einfallen, daß
das alles "viel komplexer" ist: Geißel der Menschheit - wissen-
schaftlicher Fortschritt - Helfen und Heilen - Wohlstandskrank-
heit...?
Nun: Die proletarische "Wohlstandskrankheit" muß erst noch erfun-
den werden, die nicht auf den trostlosen, notwendig verheerend
wirkenden Versuch zurückgeht, die Wirkungen der Lohnarbeit am ei-
genen Leibe zu kompensieren; ebenso die "Geißel der Menschheit",
von der das westdeutsche Arbeitsvolk aus einem anderen Grund ge-
troffen wird als wegen der außerordentlichen Resistenz, die der
Zwang, mit viel Leistung hinreichend wenig Geld zu verdienen, ih-
rer Physis verleiht. Und was die Fortschritte der Medizin be-
trifft, so sind sie, von den Feinheiten der Unfallchirurgie bis
zu den raffiniertesten Errungenschaften medikamentöser Ulcus-Be-
handlung, von dem rührenden Bemühen diktiert, den jeweils neue-
sten Errungenschaften des lohnenden Verschleißes von Gesundheit
die nötige Reparaturabteilung hinzuzufügen, was, wenn man vom
Grund des Ganzen konsequent absieht, durchaus einigen Helfer-,
Heiler- und Sanitäterstolz begründet. Die auf Krankenschein prak-
tizierte Therapie sieht, wie jeder weiß, d e m entsprechend aus:
In der "medizinisch verantwortbaren" Beendigung der Krankschreib-
nng hat sie ihr Ziel und ihr Kriterium. Unterschiede zwischen
kausaler und symptomatischer Behandlung werden, wie ebenfalls je-
der weiß, vor diesem Kriterium belanglos - eine "Unwissen-
schaftlichkeit", der man R e a l i s m u s nicht absprechen
kann: Wenn es um die G r ü n d e der Krankheit nicht geht,
warum sollte es dann um die medizinischen Gründe gehen? Die
Restauration einiger Leistungsfähigkeit durch Medikamente, die,
wie und mit welchen Haupt- und Nebenwirkungen auch immer, die
Schmerzen lindern, die "Progredienz der entzündlichen Erscheinun-
gen" hemmen, die "Erregbarkeit des Nervensystems" dämpfen, ist
der entscheidende wissenschaftliche und therapeutische Erfolg der
modernen Massenmedizin.
Unbestritten, daß auch die anderen Klassen der modernen
"Leistungsgesellschaft" ihre Medizin brauchen und haben. Die
fällt allerdings, sachgerechterweise, weniger in die Sphäre des
eigentlichen, als sozialstaatliche Eigenschaft gefeierten öf-
fentlichen Gesundheits w e s e n s. Das hat sich seine Kompli-
mente für die sinnreichen Einrichtungen verdient, mit denen es
einem weiteren Prinzip der modernen Klassengesellschaft Rechnung
trägt, das zum Verhältnis zwischen Lohn und Verschleiß als not-
wendige Kehrseite hinzugehört:
5. Für den Lohnarbeiter, der sie braucht, ist die Gesundheit z u
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t e u e r - deswegen gibt es sie aber noch lange nicht geschenkt
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Wenn das Geld, für das ein Lohnarbeiter sich verausgabt und seine
Gesundheit aufbraucht, reichen würde, um ihn im absehbaren und
todsicheren Krankheitsfall wiederherzustellen - dann hätte er
sich wahrhaftig gar nicht erst so zu verschleißen brauchen; dann
wäre ihm ja wohl seit jeher die "Schonung" und das "gesunde Le-
ben" gelungen, das sein Hausarzt ihm mit dem standeseigenen Zy-
nismus ans Herz legt, nachdem es sowieso für dieses Leben zu spät
ist. Weil der Lohn aber so bemessen ist, daß es mit der Lohnar-
beit auch dauerhaft und zweckentsprechend vorangeht - nämlich so,
daß mit jeder absolvierten Arbeitswoche der ökonomische Zwang zur
verlangten Leistung sich erneuert, deswegen reicht er - trivial-
erweise! - nicht, um dem Arbeiter über Zeiten des krankheitsbe-
dingten Lohnausfalls hinwegzuhelfen, geschweige denn zusätzlich
die Kosten für die Wiederherstellung einer lohnarbeitsfähigen
Physis zu bestreiten. Ein Dilemma, dessen die öffentliche Gewalt
in ihrer Eigenschaft als um das Funktionieren der Klassengesell-
schaft besorgter S o z i a l s t a a t sich in der rührendsten
Weise annimmt: Mit der gesamten lohnarbeitenden Klasse organi-
siert sie ein umfängliches Z w a n g s s p a r e n, aus dessen
Erträgen die Anbieter von Gesundheitsmitteln und -prothesen sich
bezahlt machen können, ohne an der allzu beschränkten Zahlungsfä-
higkeit ihrer Klientel an eine allzu enge Schranke zu stoßen.
Frei vom unmittelbaren Verhältnis von Leistung und individueller
Gegenleistung, jenseits der geschäftsmäßigen Beziehung von Kunde
und Verkäufer, Ware und Geld, können sie sich ihrem edlen Tun
widmen - ein Umstand, der nicht bloß dem hippokratischen Eid sein
Überleben gesichert hat.
Ob dem Beitragszahler und Patienten diese Einrichtung allerdings
zu mehr als einem bloß relativen Vorteil gereicht - immerhin auch
ein Trost: O h n e staatliche Krankenversicherung wäre ihm als
Lohnarbeiter zum physischen Ruin der totale finanzielle als
Draufgabe sicher! -, ist zu bezweifeln. Schließlich fallen die
unabweisbaren Unkosten seines Verschleißes nicht dessen Nutznie-
ßern zur Last, sondern schmälern, sehr gerecht über seine gesamte
Klasse verteilt, das Einkommen, von dem er zu leben hat; ein
nicht unbeträchtlicher "Anreiz", jede "Chance" zum Mehrverdienst
wahrzunehmen - und so die Verausgabung seiner Gesundheit zu be-
schleunigen. Die große zwangsersparte Summe, zu der er mit seinem
Verzicht und seiner Mehranstrengung beiträgt, steht ihm anderer-
seits nicht einmal anteilig zur Verfügung. Ganz jenseits der
Frage, ob er etwas davon hat oder nicht, ist sie Gegenstand des
Verteilungsstreits zwischen den verschiedenen Fraktionen der Her-
steller und Verschreiber von Äquivalenten für die ruinierte Ge-
sundheit, die allesamt darin ihre Geschäftsgrundlage besitzen. Wo
eine so ansehnliche Geldsumme zur Aufteilung ansteht, darf über-
dies der Staat nicht fehlen - diesmal in seiner Eigenschaft als
geldbedürftiger Fiskus.
Umgekehrt werden den kläglichen Versuchen der geschröpften Bei-
tragszahler, mit Vitaminpillen auf Rezept und ähnlichen Machen-
schaften ihrerseits von dem großen Geldtopf ihrer Krankenversi-
cherung zu "profitieren", gleich mehrere Riegel vorgeschoben: Die
Verschreiber von Gesundheit, letzte Instanz in der Verfügung über
die zwangsangesparten Mittel, werden durch Sparsamkeitsvorschrif-
ten und schlimmstenfalls Regreßforderungen an ihre Verantwortung
für das Gemeinwohl erinnert, das die Volksgesundheit zwar
braucht, aber nicht gleich in übertriebenem Maß; die Patienten
werden durch Eigenbeteiligung zur Sparsamkeit im Verbrauch der
von ihnen eingezahlten Mittel angehalten. Vor- und fürsorglich
wie er ist, hat der bundesdeutsche Sozialstaat sogar schon wieder
auf die Konsequenz seiner eigenen Maßnahmen reagiert. Wenn schon
die "Leistungen" des Gesundheitswesens für das massenhafte
"Krankengut" zu teuer werden, weil sie gleich zweimal bezahlt
werden müssen, per Kassenbeitrag und per Rezeptgebühr und Eigen-
beteiligung, so darf der "kleine Mann" sich wohlfeile Ratschläge
in umso größerer Zahl und ganz umsonst abholen: nicht rauchen,
kaum trinken, kalorienbewußt ernähren, viel frische Luft, Trimm-
dich statt Auto... fragt sich bloß, wann der Mensch noch lohnar-
beiten und vor allem: wie er die Lohnarbeit aushalten soll.
(Vielleicht sollte er einfach mal all diese Ratschläge ernst neh-
men und sich dafür von Onkel Doktor Ehrenberg und seiner Bundes-
tagsgang täglich 100 Gramm Fünfzigmarkscheine aufs Rezept schrei-
ben lassen!)
Und da gibt es k r i t i s c h e M e d i z i n e r, die haben
nichts Besseres zu tun, als dem zynischen Idealismus dieser Sorte
"Gesundheitsvorsorge" mit Spinnereien über die möglichen gesund-
heitlichen Segnungen eines möglichen ganz und gar alternativen
Lebens ihren gehobenen Tiefsinn zu widmen! Statt sich dem Ideal
einer "ganz anderen" Gesundheit zu widmen, sollte man sich viel-
leicht besser einmal den folgenden Grundsatz klar machen:
6. Sich als "Helfer des kranken Menschen" vorzukommen,
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ist verkehrt!
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Auch wer es nicht wissen will, bekommt die Belege dafür, was ein
staatlich verordnetes Gesundheitswesen bedeutet, in seiner ärzt-
lichen Praxis zu spüren. Die Patienten, die er als geheilt ent-
läßt, tauchen bei nächstbester Gelegenheit wieder im Wartezimmer
auf - von den Dauerkunden, die ihre wöchentliche Tablettenration
abholen, gar nicht zu reden -, und die Entscheidung über das be-
ste Heilmittel, relativiert sich daran, was die Krankenkasse zu
zahlen gewillt ist.
Eine gute, wenn auch unerfreuliche Grundlage, Realismus in der
Einschätzung der eigenen Tätigkeit an den Tag zu legen, sollte
man meinen, und dafür, den Ärger über die dauernde Erfolglosig-
keit in einige Einsicht in das "Gut Gesundheit" und dessen staat-
liche Verwaltung umzusetzen.
Kritische Mediziner ziehen einen anderen Schluß: Sie erklären die
geregelte Durchführung des Heilwesens für ein einziges Versagen
der staatlichen Gesundheitsfürsorge und sich selbst dagegen zu
"Helfern am kranken Menschen", die beständig an mangelnden Vor-
aussetzungen, an Kassenvorschriften und an der fehlenden Einsicht
der Patienten scheitern. Beliebt ist auch der Hinweis auf Kolle-
gen, die bloß möglichst viele Krankenscheine einsammeln - und
selbst daran fällt niemandem auf, wie wenige das Ethos vom leider
immer um seine Wirkung gebrachten "Helfen und Heilen" taugt. Auch
der Arzt, der ständig nur sein Wohlergehen im Auge haben soll,
braucht auf dieses Ethos ja nicht zu verzichten. Der Vorwurf,
solche Mediziner würden keine Zeit für ihre Patienten aufbringen,
paßt durchaus mit der Klage zusammen, daß diese Opfer ärztlicher
Habgier, sitzen sie im eigenen überfüllten Wartezimmer, einem
schon einmal die Zeit stehlen können - und so ergänzt sich auch
bei den Kritikern das Ideal um den dazu gehörigen Zynismus.
Daß "Helfen und Heilen" überhaupt, ein Wert für sich ist, gilt
schließlich auch für die Militärärzte, die im Kriegsfall Knochen
zusammenflicken, damit die geheilten Soldaten sich wieder den
feindlichen Kugeln stellen. Die Betonung, daß es auf den Menschen
im Patienten ankommt, sieht eben vornehm von der Art und Weise
ab, wie und wofür Leute verschlissen werden - und so gerät noch
jede Berücksichtigung des Menschen beim "Arzt-Patienten-Verhält-
nis" zu einer E n t schuldigung des Staats und zu einer
B e schuldigung des Patienten. Solche Kritiker der gängigen ärzt-
lichen Versorgung sind die ersten, die die Krankheit zu einem
persönlichen Versagen der sie Konsultierenden erklären. Auf die
nachgereichte Entschuldigung, er könne von wegen der Verhältnisse
nichts dafür, kann, der so Angesprochene leicht verzichten - sie
hilft ihm nichts, sondern bereichert bloß den berufsspezifischen
Z y n i s m u s d e s M i t l e i d s um eine neue Variante.
Was daran zynisch sein soll?
Gegenfrage: Was macht denn ein Helfer ohne Opfer?
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