Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens


       zurück

       Gesundheitstag in Westberlin
       

LAUTER REAKTIONÄRE GUTE MENSCHEN

Der Gesundheitstag war ein voller Erfolg. Nicht allein die Masse von 10.000 war es, die den parallel im Internationalen Kongreß Zentrum tagenden Ärztetag und dessen Gezeter über eine "radikale kleine Minderheit" beschämten, und nicht allein das Erscheinen zweier leibhaftiger Gesundheitsminister aus Ländern der '3. Welt', welches bewies, daß dieser Gesundheitstag allein seinen Namen auch wirklich verdient hatte, dokumentiert diesen Erfolg - jeder selbst trug zu seinem Gelingen bei durch Diskussion, Fröh- lichkeit und Improvisation, die ein Wanderer zwischen zwei Ärz- tewelten zu würdigen wußte: "Es ist ein Glücksfall für uns alle, endlich mal nichts Perfek- tes, keine Kongreßmaschine zu haben." (So der kongreßerfahrene Hackethal) Es kann mit Fug behauptet werden: "Der Gesundheitstag ging über das Zusammentreffen physischer Personen weit hinaus" (Basaglia). Denn - dies übrigens der Generalnenner aller Selbstbeweihräuche- rung auf der Schlußveranstaltung in der Deutschlandhalle - hier waren die guten Menschen versammelt, die sich am Gesundheitssy- stem nicht nur nicht bereichern, sondern erhebliche Kritik an ihm haben; hier waren die versammelt, die für den Patienten gegen die Medizin Partei ergreifen, kurz diejenigen, die sich entschlossen haben, den Patienten als Opfer der Medien aufzufassen. Daß es sich bei dieser Sichtweise um eine verrückte Parteilichkeit han- delt, die ziemlich ignorant gegen die wirklichen Gründe der Rui- nierung der Gesundheit ebenso wie den Zweck medizinischer Heilung ist, bekundet dabei das Motto des Gesundheitstages: "Kranken und Irren ist menschlich" ---------------------------------- Das Motto macht der Medizin den Vorwurf der S c h a r l a t a- n e r i e, und damit ist keineswegs die uralte Beschimpfung von Kurpfuscherei und Baadermethoden aus Zeiten einer nichtent- wickelten Medizin gemeint - ganz im Gegenteil. Die auf besagtem Gesundheitstag erhobene Forderung nach einem "Rückzug von einem Gesundheitssystem, das vom Fanatismus des Hei- lens ergriffen ist." (K.H. Roth), macht der Medizin ausgerechnet den Vorwurf, sich a l s M e d i z i n zu betätigen, und den Patienten darin zum Opfer, daß diese Krankheiten bekämpft: "Nicht das Besondere ist das Charakteristische an der NS-Medi- zin," (d e r e n Ungeheuerlichkeiten stehen ja auch gar nicht zur Debatte!) "sondern das Alltägliche, die Leidenschaft des Arz- tes, die Gesellschaft (!), wenn nötig, um jeden Preis von Leiden zu befreien und das Ziel, die Andersartigkeit von Menschen abzu- schaffen." (Dörner) Man interpretiert also die faschistische Gleichung "Kranksein = Unbrauchbar sein = das Leben nicht verdient haben" um in die Gleichung "Kranksein = Anderssein = zur Beseitigung des Anders- sein behandlungswürdig sein" und wirft der Medizin nicht ihren Beitrag zur Beseitigung für überflüssig erklärter Menschen und ihre Benutzung des 'wertlosen Lebens' für rücksichtslose Experi- mente vor, sondern den angeblichen Standpunkt des Mediziners überhaupt, die Gesellschaft von Krankheit überhaupt zu befreien, was angeblich zu solchen Konsequenzen führen müsse. Damit hat man sich gekonnt über den schlichten Zweck, Kranke gesund zu machen, hinweg in die Höhen eines ganz anderen Dienstes an der Gesell- schaft erhoben, die Änderung ihrer Einstellung zum Kranksein als sinnvoller Daseinsweise. Mit dem Trick, Krankheit in Leiden zu übersetzen und dieses dann in eine gar nicht bloß physische Emp- findung mit höherem Sinn. Kranksein und Schmerzen empfinden ist allerdings etwas ganz anderes als die in sie psychologisch hineininterpretierte Opfer- und Demutshaltung, und Kranke sind nicht Mahnmale von vorbildlicher Andersartigkeit, sondern sehr normale bürgerliche Individuen mit einer lädierten Physis, die ganz normal wieder gesund werden wollen. Was sich die Gesundheitsapostel hier zusammenbasteln, ist also ein gestandenes Menschenbild, in dem das verphilosophierte Leiden zur Grundlage der geistigen Gesundheit der Gesellschaft erklärt wird. Mit der Umdrehung der faschistischen Ideologie - statt 'Kranksein' = 'sich am Volkskörper versündigen', jetzt 'Kranksein' = 'der Gesellschaft einen höheren Sinn bieten'; statt 'unwertes Leben ausmerzen' jetzt 'Kranksein ist ein sinnvolles Leben', Bekämpfung der Krankheit Versündigung an der Person - wird der Medizin die verrückte Aufgabe aufgetragen, das Kranksein 'anzuerkennen' (als ob die überhaupt so ein Problem hätte) und der Gesellschaft beizubringen, den Kranken als den Leidenden zu würdigen, als den ihn die Deuter des 'menschlichen Leidens' und Patientenfreunde so sehr ins Herz geschlossen haben. Gegen die Behandlung der Krankheit durch die Medizin fordern die Kritiker der Medizin das "Recht auf Krankheit" (Carpentier). Darin wollen sie nicht bemerken, daß sie der bürgerlichen Unver- schämtheit, die Krankheit den Leuten anzulasten, welche gefäl- ligst mehr a u s h a l t e n sollen, statt zimperlich eine bronchitis oder Magenschmerzen mit dem Urteil Krankheit zu bele- gen, auf ihre Weise das Placet und die höheren Weihen erteilen. Denn ihre Kritik - die Patienten werden Opfer eines "Krankheitsbegriffes, der Krankheit als etwas Unanständiges, als soziale Schande betrachtet, die man bekämpfen muß." - operiert mit dem Unsinn, den Patienten vor der Krankheit in Schutz zu nehmen: "Er kann nichts dafür", so debattieren die Kri- tiker die Schuldfrage munter mit, als bedürfe Krankwerden tatsächlich einer moralischen Legitimation! Dies deshalb, weil man selber Krankheit in "ein Verhältnis z u s i c h und seinem Körper" (SB-Info) in "den Aufschrei des Körpers gegen alle Wid- rigkeiten" (Carpentier), in eine Methode, sich "andersartig" auf- zuführen, verwandelt hat, welche Sorte M e n s c h s e i n kon- sequent vor der Medizin in Schutz zu nehmen ist; der man also nicht ihre Gesundschreibe-, Schnellabfertigungs- und sonstigen staatsnützlichen Praktiken vorwirft, sondern den medizinischen Standpunkt, daß Krankheit eine Störung des Organismus aus den un- terschiedlichsten Gründen ist. All dies gipfelt in der barbari- schen Konsequenz, die Medizin als "Eingriff in die Persönlich- keit" zu verteufeln. In einem mit Ovationen bedachtem Gedicht auf der Schlußkundgebung weiß man davon zu berichten, daß Krankheit R e b e l l i o n der Organe (!) sei, welche der böse Arzt, kaum kriegt er sie unter seinen Röntgenschirm, mit dem Anarchismusver- dacht belegt - ergo ist Heilung der Exorzismus von Widerstand. Widerstand macht gesund ----------------------- Diese Spinnerei ist natürlich nicht als Schließung sämtlicher Op's gemeint, obwohl ein Hackethal genau dies meint, wenn er ge- gen Krebsoperationen zu Felde zieht. Unsere Gesundheitsarbeiter haben sich entschlossen, Krankheit als Ausdruck von viel Komple- xerem zu begreifen; von wegen, daß ihr medizinisch beizukommen ist. "Nur die Betrachtung des Menschen als widersrüchliche Einheit von biologischen Vorgängen, psychischen Strukturen und sozialen Be- dingungen und die Analyse des Krankheitsprozesses als ganzheitli- ches Geschehen kann den Kranken begreifen." (Programmflugblatt) "Hinter dem kranken Menschen erscheint die krankmachende und selbst kranke Gesellschaft." (ebd.) Hiermit ist nicht nur das ganze Gesundheitssystem aus dem Schnei- der - kann an es doch gar nicht das Kriterium des Einsatzes und der Entfaltung des medizinischen Wissens zum Zwecke der Heilung angelegt werden. Alles funkt den Gesundheitsarbeitern dazwischen, ja die "krankmachende Gesellschaft" stellt mit der ganzen Wucht dieser Abstraktion ein einziges Hindernis für Gesundheit dar. Denn Gesundheit heißt "Wohlbefinden überhaupt", d i e Gesell- schaft läßt das harmonische Verhältnis einer "ganzheitlichen Per- son" nicht zu, in welcher "biologische Vorgänge, psychische Strukturen und soziale Bedingungen" im Einklang sind, womit ganz nebenbei bekannt wird, daß die andauernd stattfindende Ruinierung der Gesundheit in den Fabriken und die Wiederherstellung der Ar- beits k r a f t wirklich nicht d e r Kritikpunkt ist. Der ge- sunde Körper ist so besehen eine ziemliche Banalität, gemessen an der Gleichung Gesundheit = Zufriedenheit, die selbstbewußt jegli- ches Nichtzurechtkommen mit den Schranken, die der Staat und das Kapital der Verfolgung individueller Zwecke setzen, in ein Ge- sundheitsproblem verwandelt. Nicht ohne Grund macht man der Medi- zin den Vorwurf der Bornierung auf die "naturwissenschaftliche Seite", die den Menschen gar auf den "Körper" "reduziere" - und ebenfalls nicht ohne Grund gelingt die Gleichsetzung vom patholo- gischen Befund des Krebses und der Pathologie d e s modernen Individuums so außerordentlich lässig! Das Bewußtsein, daß der Mensch krank ist, die Gesellschaft krank m a c h t und krank i s t, und die Gesuadheitsarbeiter eben für "diesen Zusammen- hang" zuständig und verantwortlich - welcher Gesundheitsminister und welcher munter tagende Ärztetag würde nicht davor verblassen! Die generelle S c h u l d z u s c h r e i b u n g (= Mißachtung d i e s e r volksgesundheitlichen Definition hat sich dabei nicht nur von der tatsächlichen Ruinierung der Gesundheit und de- ren Gründen emanzipiert ("soziale Bedingung" heißt das eben), sondern zum Gesundheitsbewußtsein als Dreh- und Angelpunkt, an dem die Welt zu genesen hat, vorgearbeitet. Die Ideologie der Ge- sundheitsarbeit vom "hilflosen Helfen" macht also vor ganz or- dinären Kritiken mangelnder Gesundheitseinstellung nicht halt. Denn das Verständnis für das widersprüchliche Gebilde 'Mensch', dem man als Grund seiner Krankheit angehängt hat, es handle sich um Protest dagegen, daß Gesundheit = Zufriedenheit nicht zugelas- sen sei, speist sich ja aus dem eigenen Menschenbild, an dem man den Normalmenschen mißt: "Die Sehnsucht nach einem Leben, das als erstes der eigenen Ab- sicht folgt, wird durch Konsum, passive Unterhaltung, Alkohol und Tabak und andere (!) Drogen verdrängt und drückt sich in Krank- heit aus." (Gesundheit am Morgen) Die Gleichung Gesundheit = Zufriedenheit läßt sich nämlich auch gut umdrehen, womit sich sämtliche Genüsse wie Essen, Trinken, Rauchen etc. als Widerspruch gegen die "eigenen Absichten" desavouieren, vor der Einsicht drücken, daß es um die rundum ganzheitliche Person, die i n s i c h das Wohlbefinden findet, zu gehen hat. Am Gesundheitstag haben uns die 10.000 jungen und fröhlichen Men- schen Gesundsein vorbildlich vorgelebt: nicht nur dauerndes Müsli-Essen und Rauchverbot, freundschaftliche Diskussion, son- dern die praktische Umsetzung der Ideologie, daß die Beziehung jeden Tuns und Zweckes auf den Maßstab des Gesundheitsbewußtseins eine einzigartige Polemik gegen die krankmachende Gesellschaft darstellt. Dieser wurde jedenfalls ein Schnippchen geschlagen: "Mit unserem Widerstand wurden wir jeden Tag gesünder.", so R. Jungk auf der Schlußveranstaltung. Therapie der Krankheit gleich Therapie der Gesellschaft ------------------------------------------------------- Wo Gesund m a c h e n das Programm von Gesellschaftsveränderung zu verfolgen hat, und diese in einer generellen Veränderung des Gesundheits b e w u ß t s e i n s besteht, wird dem tatsächlich Kranken einiges zugemutet. Die Verrückten sollen nicht mehr kaserniert werden, nicht etwa deshalb, weil die Methoden der Verwahrung in den Irrenanstalten die Zerstörung des Restes von Vernunft und Willen und damit ihrer Person ist, sondern als lebendiges Mahnmal der Verrücktheit der Gesellschaft "mitten unter uns" ihren Platz erhalten. "Therapeu- tische Wohngemeinschaften", so Basaglia, heißt nicht "mitten unter uns", denn sie "machen aus dem Irrenhaus ein Hilton. Es wird zum Luxus-Ghetto.", und für eine Verbesserung ihrer Lage war die Auflösung der psychiatrischen Kliniken wirklich nicht gedacht. Der Kranke "entmündigt" sich durch Ansprüche an die Medizin, da er dem Irrtum aufsitzt, die Beseitigung seiner Krankheit besei- tige sein "Leiden". Gemäß der Logik, der Kranke verfolge immerhin schon das eigene Ideal von Gesundheit, soll er sich von den Ge- sunden nicht "spalten" lassen oder gar auf die Idee kommen, daß er als Kranker einer besonderen Behandlung bedarf - und in "Selbsthilfegruppen" die Verwaltung seiner Krankheit selbst be- sorgen. "Die Medizin trennt Kranke von Gesunden" und die Kranken noch einmal untereinander, damit sie sich alle für "besondere Fälle halten." (Carpentier) Gar nicht witzig also, daß das patientenfreundliche und medizin- kritische Getue unserer Gesundheitsarbeiter als "Kontrastprogramm "zu den am Ärztetag beschlossenen "Effektivierungsmaßnahmen" des Gesundheitswesens ganz gut paßt. Gilt dort das Dogma, daß Gesund- heit ein hohes G u t sei, das folglich dem nur zusteht, der es mit klingender Münze zu bezahlen gewillt ist - "Wir sind kein Selbstbedienungsladen" ( Der Patient als blindwütiger Konsument - so läßt sich auch die Angewiesenheit auf ärztliche Hilfe im Krankheitsfall als Erpressungsmittel gegen die Zwangsversicherten einsetzen) -, so verbreitet die Basis des Gesundheitswesens die Ideologie, daß die "Betroffenen selbst ihre Gesundheit in die Hand nehmen müssen", denn der vermehrte Griff in den Geldbeutel ist gar nicht effektiv. Der Vorwurf an die Bundesärztekammer, sie ignoriere, "daß Selbstbeteiligung erfahrungsgemäß keinen Beitrag zum gesundheitsgerechten Verhalten erwarten läßt", der selbstre- dend auf dem Ärztetag selbst erhoben worden ist hat mit der Er- findung des Kranken als Hindernis von Gesundheit und dem Heiler- folg der Medizin kein Problem. "Gesundheitsgerechtes Verhalten" ja - nur nicht von oben verordnet. Die Gleichung des Ärztetages, Entmündigung des Patienten = "Anspruchsdenken" ist ja immerhin auf dem Gesundheitstag ganz alternativ gemeint. Wie lautete doch das Schlußwort von Jungk: W i r müssen jeden Tag Gesundheitstag machen. zurück