Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens
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1981 - Internationales Jahr des Behinderten
DAS BRINGT'S
Ein Behindertenjahr? Ob's das bringt? Da werden doch wieder nur
gute Absichten von oben verkündet, so einfach lassen sich gesell-
schaftliche Probleme nicht lösen! Unsere Antwort darauf: Und
wie's das bringt! Ganz freiwillig und unter Einsatz ihres ganzen
Erfindungsreichtums befassen sich Intellektuelle, die den Ruf
vernommen haben, mit dem "von oben verordneten" Thema, um es ei-
ner aufgeklärten Behandlung zuzuführen: "Leute, diesmal macht
euch ein Gewissen aus den Behinderten, und bittschön, macht's
euch dabei nicht zu leicht!"
Bestellte Skepsis...
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Die Ausübung des Berufs, öffentliches Gewissen zu sein, bringt
Journalisten, Fernsehreportern und sonstigen kritischen Geistern
das gehobene Gefühl ein, man selber sei mit seiner bestellten
Skepsis: "Ob's das denn bringt?" der einzige Mensch mit wirkli-
chem Verantwortungs- und Mitgefühl, war wiederum die angenehme
Kehrseite hat, den Rest der Menschheit als oberflächlich und roh
entlarvt zu haben, womit zuguterletzt die eigene Heuchelei auch
noch zum Beweis avanciert, wie sehr es einen selbst als Erzieher
der Öffentlichkeit braucht - zum Nutzen der Behinderten, versteht
sich. Der besteht darin, daß
1.) auch 1981 nachdrücklich festgestellt wird, daß einem Men-
schen, dem ein Arm fehlt, nicht etwa ein Arm fehlt, sondern daß
er ein gesellschaftliches Problem ist, daß ihm in dieser
Eigenschaft Anerkennung gezollt werden muß und daß es sich bei
denen, die ihm diese verweigern, ebenfalls um gesellschaftliche
Problemfälle handelt.
2.) Nach fein ausgeklügeltem Organproporz läßt man Behinderte im
Fernsehen auftreten, um mit ihnen über Vor- und Nachteile eines
Behindertenjahres zu labern, verpaßt dem Publikum ein schlechtes
Gewissen, ganz als ob es einen Zusammenhang zwischen z.B. dem ei-
genen Augenlicht und dem zerstörten der im Rampenlicht Stehenden
gäbe. Und wenn hierüber eine Spende zusammenkommt, dann wird ex-
tra noch einmal klargestellt, daß dies bei weitem nicht der Zweck
der Veranstaltung ist, allen vielmehr am Herzen zu liegen habe,
d a ß hier miteinander a l s gesellschaftliches Problem über-
einander gesprochen wird.
3.) wird aus Behindertem-Munde (Bayern III-Moderator Georg
Kostya) klargestellt, daß natürlich nicht dem Behinderten was
fehlt, sondern die G e s e l l s c h a f t b e h i n d e r t
ist. Versehrt sei sie darin, daß ihr der "sense of freakness" ab-
geht, das m o r a l i s c h e Sinnesvermögen für Kaputtheit.
..und abrufbare Gewissensnöte
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So hat man 1981, nachdem man schon einmal ein Jahr lang die Rolle
eines Freundes d e r Frau, d e s Kindes hat einnehmen sollen,
ganz Freund d e r Behinderten zu sein und sie mit den Urteilen,
die die öffentliche Moral für solche Fälle auf Lager hat, zu be-
glücken: "Wie tapfer der sein Schicksal trägt". Als ob z.B. den
409.000 durch Arbeitsunfälle und den 241.000 durch
"Berufskrankheiten" Behinderten etwas anderes übrig bliebe, als
"mit der Behinderung zu leben." W i e mit der Behinderung zu
leben ist, hat unser aller Bundespräsident schon im letzten Jahr
gewußt:
"Wir sollten viel mehr miteinander reden, damit die Schranken
zwischen behinderten und nicht-behinderten Gruppen der Bevölke-
rung überwunden werden."
Was soll man sich da als "nicht-behindert" angesprochener Bevöl-
kerungsteil wohl denken? Dankbar hat man dafür zu sein, daß man
seine 2 Beine hat (wem eigentlich?) Klar, wo gemäß Minister Eh-
renberg angeblich materiell alles für unsere behinderten und
nicht-behinderten Bevölkerungsgruppen getan ist, da müsse sich
jeder fragen lassen, ob es nicht bei ihm noch
V o r u r t e i l e gebe, von denen es sich zu emanzipieren
gilt, denn sonst wüchse die Gefahr, daß sich hier Klassen heraus-
bilden.
Programmgestaltung in Sachen öffentlicher Heuchelei
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Die verlogene Anerkennungstour, der Krüppel sei letztlich doch
auch "ein Mensch wie du und ich", hat zwar heutzutage jedermann
drauf. Wirklich schön wird die Feier des öffentlichen Gewissens
aber erst dann, wenn Experten dazutreten, um die "Behinderten-
problematik" mit intimen Detailschilderungen erst so richtig
interessant zu machen. Für ein ganzes Jahr haben sie jetzt grünes
Licht hierzu bekommen und garantiertes öffentliches Interesse,
dem die Besten unter ihnen schon im alten Jahr in entsprechenden
Publikationen entsprachen. Hier eine Kostprobe:
Die Methodik dieser Sorte von Aufklärung bringt das ZDF in seiner
Ankündigung der am 19.1.81 beginnenden "thematischen Schwerpunkt-
woche zum Internationalen Jahr der Behinderten" am schönsten auf
den Begriff. Freundlich wird da das eigene Publikum als Hindernis
einer geschickten Programmgestaltung in Sachen öffentliche Heu-
chelei angesprochen:
"Auf unterschiedlichen Sendeplätzen - um eine Übersättigung des
Publikums zu vermeiden (Gesundheit!) wird die Thematik in ver-
schiedenen Programmformen aufgegriffen. Geplant sind u.a.:
...eine Dokumetation "Unnützes Leben?", ein Konzert des Behinder-
ten Itzhak Perlman..., "Treffpunkt Ü-Wagen",.. Tele-Zoo ...Blin-
denhund,...Wilma Rudolph,... ein katholischer Gehörlosengottes-
dienst;..."
Das Prinzip dieser Zumutungen lebt von der Gewißheit, daß die An-
mache mit der Behindertenproblematik keine Unterhaltung ist, wes-
halb immer etwas dabei sein muß, was fürs Publikum von Interesse
sein könnte: Sport - der Fußballer Ewald Lienen, der "ohne jedes
Sorgenkinderpathos vorführte, wie anstrengend und einfach
zugleich das Leben mit behinderten Jugendlichen sein kann", oder
etwas Show - Peter Alexander, geführt von einem blinden Schäfer-
hund.
Die öffentlich bestallten Agitatoren zum Thema Behinderung werden
es feinfühlig wie sie sind - schon hinkriegen, abwechslungsreich
übers Jahr verteilt die Quintessenz zu bebildern, daß körperliche
und geistige Einschränkungen als ideale Voraussetzungen für die
Entfaltung der Persönlichkeit zu betrachten sind.
So gesehen gebührt der UNO und dem Staat Dank, sich die Entschei-
dung darüber, was für Themen den Bürgern zu welchem Zeitpunkt zur
Gewissensbildung anempfohlen werden, vorbehalten zu haben. Ko-
misch nur, daß nie ein "Jahr der Regierungen" oder ein "Jahr des
Militärs" dran ist. Das muß wohl daran liegen, daß es sich hier
(im Unterschied zu der Frau und d e m Behinderten) nicht um mo-
ralische Schimären, sondern um handfeste politische Größen han-
delt, die kein "Problem" für die Gesellschaft darstellen und des-
halb schon gar nicht "in die Gesellschaft integriert" werden müs-
sen.
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