Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK FAMILIE/FRAU - Fröhliches im Intimbereich
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 13, 23.05.1984
Teach In
Soziologie und Familie
IDEOLOGIE UND REALITÄT DER BÜRGERLICHEN FAMILIE
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Wenn es um die Erklärung der Familie geht, pflegen Münchner So-
ziologen mit Vorliebe im Stammes- und Liebesleben ausgestorbener
Urmenschen, primitiver Völker und anderer Tiere zu wühlen. Aus
diesen "Vorformen" und "Paradigmen" könne man - so lautet das
Lernziel - ersehen, wie naheliegend es sei, die Familie als Re-
sultat des "Frauentausches", als modernen "Typus der Mahlgemein-
schaft", jedenfalls aber als "Ort der weiblichen Fruchtbarkeit"
zu betrachten. Was die Frau betrifft, so hätte man sie sich vor
allem als "Gefäß" vorzustellen, dem seine "biologische Ausstat-
tung als Weibchen" keine andere Wahl ließe, als sich zusammen mit
einem Mitglied der "Männerbande" auf "Paarung" und "Nachwuchs"
hin zu orientieren.
Die Frage ist nur, warum die Soziologie eine ganze
"gesellschaftliche Institution" bis hin zu den Feinheiten der mo-
dernen "Arbeitsteilung in der Familie" als n a t ü r l i c h e
D e t e r m i n i e r t h e i t betrachtet haben will.
2
Von der politischen Sorge "Sterben die Deutschen aus?", mit der
ein Fami]ienminister mangelnde Pflichterfüllung und Verantwor-
tungslosigkeit unserer "0,9-Kind-Familie" geißelt, lassen sich
Soziologen durchaus bestärken. In der Tat - so heißt die theore-
tische Auskunft - "in der Familie w i r d die Gesellschaft re-
produziert", ob Papa und Mama nun bewußt wollen oder nicht. Ge-
wisse Unterschiede zwischen der politischen Indienstnahme und dem
soziologischen Begriff dieser Institution lassen sich anderer-
seits nicht übersehen. - GEISSLER oder Prof. HELLE - das kann
doch nicht die Alternative sein!
3
Was man beim Vögeln nach Auskunft der Soziologen so alles voll-
bringt - man glaubt es kaum. "Sexuelle Kontakte" schaffen da an-
geblich "soziale Bindung" - wenn sie nur wiederho]t und regelmä-
ßig mit derselben Person betrieben würden; die "Eltern-Kind-Be-
ziehung" sei geradezu ein Muster an und eigentlich der Garant für
"sozialen Zusammenhalt". Die Familie ein "Modell des Gesell-
schaftlichen", eine Institution, die dem natürlichen Trieb und
dem privaten Gefühl absolut entspricht?
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Aber hat die Soziologie, die Theorie des "sozialen
D i e n s t e s", den das private Gefühl angeblich so unaus-
weichlich vollbringt, nicht doch irgendwie recht? Vielleicht hat
die Ehe die Verwirklichung des privaten Glücks gar nicht zum
Zweck. Was folgt aus der Realität des bundesdeutschen Familienle-
bens? Wozu gibt es ein Familienrecht? Was beweist eigentlich der
ebenso ungemütliche wie eintönige Verlauf, den der ehestiftende
Entschluß, es "ganz anders als die eigenen Eltern" anpacken und
machen zu wollen, immer nimmt? Daß - "zumindest" - die
"Privatsphäre" frei ist? Oder daß man gerade deswegen "zumindest"
mißtrauisch werden sollte: Wofür privates Gluck nicht alles ent-
schädigen soll! Oder kurz: Worauf läßt man sich eigentlich ein,
wenn man eine Familie gründet? Garantiert unsoziologische Aus-
künfte über diese Frage und ein Stück Lebenshilfe auf dem Teach-
In.
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