Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK FAMILIE/FRAU - Fröhliches im Intimbereich
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DARF MAN EINEN BEHINDERTEN EMBRYO ABTREIBEN?
Diese Frage haben sich Grüne und Mitglieder des Genforums vorge-
legt. Ihre Antwort besteht in einer Mahnung an alle Frauen: Er-
stens sei die pränatale Diagnostik ein Instrument des Staates, um
die Krankenkassen von Versorgungskosten freizuhalten, die bei der
Austragung behinderten Lebens entstünden. Zweitens dürften sich
Frauen diesem "sozialen Druck" nicht beugen, indem sie einfach
einen behinderten Embryo abtreiben. Drittens schließlich sei Be-
hinderung eine von vielen Lebensformen, die in unserer Gesell-
schaft nicht ausgegrenzt werden dürfe.
*
Es ist richtig, daß die Enquete-Kommission des Bundestages die
Abtreibung behinderter Embryos unter dem Gesichtspunkt betrach-
tet, daß Behinderte dem staatlichen Maßstab der Nützlichkeit
nicht entsprechen und Kosten verursachen. Ein Maßstab übrigens,
der auch beim geborenen Leben zur Anwendung kommt: Wer sich für
einen Arbeitgeber nicht nützlich machen kann, weil er unter einem
Gebrechen leidet, oder nicht nützlich machen darf, weil er hin-
ausrationalisiert wurde, der steht ohne Einkommen da. So jemand
muß zusehen, wie er sich mit Arbeitslosen- oder Sozialhilfe über
Wasser hält.
Etwas ganz anderes dagegen ist die Überlegung, ob eine Frau
s i c h und dem K i n d ein Leben mit Behinderungen zumuten
will, die aus dem Leben eine einzige Plage machen. Ganz unbe-
streitbar ist eine schwerwiegende körperliche oder geistige
Behinderung ein H i n d e r n i s für die Realisierung der
Zwecke, auf die es einem Menschen ankommen mag. Behinderung ist
schlecht f ü r i h n, und das ist ganz etwas anderes, als die
Behinderung an der Erfüllung f r e m d e r B e n u t z u n g s-
i n t e r e s s e n zu messen und ihn so für minderwertig zu
befinden.
Warum soll man einem bloßen Zellhaufen unbedingt zu einem Leben
verhelfen, in dem der Mensch auf die schiere
V o r a u s s e t z u n g jeden Genusses reduziert ist, auf das
Existieren schlechthin, weil ihm geistige oder körperliche Bedin-
gungen für die Befriedigung verschiedenster Bedürfnisse fehlen?
Warum soll es vernünftig sein, daß eine Frau auch noch ihr Leben
der Austragung einer Behindertenexistenz widmet, die zum lebens-
langen Pflegefall wird?
Das schlechte Gewissen, das Grüne und Genforum allen Frauen ein-
reden, die mit solchen oder ähnlichen Überlegungen eine Frucht-
wasseranalyse vornehmen lassen, operiert mit einer Verwechslung.
Wer den Maßstab des p r i v a t e n I n t e r e s s e s zur
Anwendung bringt bei der Frage, ob ein behinderter Embryo geboren
werden soll oder nicht, hat sich mit dem s t a a t l i c h e n
I n t e r e s s e an nützlichem Menschenmaterial auch dann nicht
gemein gemacht, wenn in beiden Fällen das Ergebnis Abtreibung
heißen sollte.
Die Mitglieder des Genforums neigen aber zu dieser Verwechslung,
weil sie selbst einen sehr unvernünftigen Standpunkt zur Frage
des behinderten Lebens einnehmen. Ihnen kommt eine Fruchtwas-
seranalyse, die zur Abtreibung führt, fast wie eine an Euthanasie
gemahnende P f l i c h t v e r l e t z u n g vor. Und zwar ge-
genüber dem Gebot, behindertes Leben zu integrieren statt auszu-
grenzen. Schließlich sei Behinderung eine von vielen Lebensfor-
men, wie die Rollstuhlfahrerin Köbsell anmerkt.
Wer mit einer Behinderung leben muß, hat es nicht leicht. Außer
der Behinderung macht solchen Menschen zusätzlich zu schaffen,
daß sie an marktwirtschaftlichen Nützlichkeitskriterien wie der
Rest gemessen und für ziemlich untauglich befunden werden. In der
Regel ohne ordentliches Einkommen, müssen solche Leute dann den
Staat um Geld und Pflegehilfen angehen. Der zählt dergleichen
nicht zu seinen bevorzugten Aufgabengebieten und antwortet mit
einer Kostenkalkulation, die es in sich hat. Das beschwerliche
Leben eines Behinderten kommt also nicht von der
A u s g r e n z u n g aus der Gesellschaft, sondern von der
E i n b e z i e h u n g auch der Behinderten in die in dieser
Gesellschaft übliche Taxierung der Leute nach marktwirtschaftli-
chem Nutzen und staatlichen Kosten.
Wer dagegen die Ausgrenzung Behinderter beklagt, auf Integration
dringt, weil doch auch der Behinderte eine von vielen Lebensfor-
men repräsentiere, der hat den Schaden der Behinderten ganz woan-
ders angesiedelt. Der hält nicht den brutalen M a ß s t a b für
das Übel, mit dem Behinderte als minderwertig abgestempelt wer-
den, sondern den Umstand, daß Behinderte ihm n i c h t
g e n ü g e n und deswegen unter der m a n g e l n d e n
A n e r k e n n u n g seitens des Rests der Gesellschaft leiden.
Nur deswegen kommt das Bedürfnis auf, die Behinderung als eine
neben viele andere Lebensformen zu stellen, also das
G l e i c h a r t i g e zu betonen, dessentwegen Behinderte doch
eigentlich die Anerkennung verdient hätten, die ihnen versagt
ist. Statt K r i t i k der sozialen Maßstäbe ist da das Bemühen
um Anerkennung v o r i h n e n am Werke, auch wenn der Inhalt
dieser Maßstäbe dazu umgedeutet werden muß. Eine Umdeutung, die
obendrein das F a k t u m d e r B e h i n d e r u n g
l e u g n e t, indem die U n f ä h i g k e i t zur Verrichtung
mancher Tätigkeiten einfach als a n d e r e F o r m z u
l e b e n hingestellt wird.
Wem ist damit geholfen? Das einzige, was einem Behinderten wirk-
lich helfen würde, wäre seine Ausstattung mit allen erdenklichen
Hilfsmitteln, von der Versorgung ganz zu schweigen. Aber ohne
einen Bruch mit der marktwirtschaftlichen Rechnungsführung ist
offenbar nicht einmal das zu haben.
Erst recht daneben ist die Mahnung der Frau Köbsell, man dürfe
behinderte Embryos nicht abtreiben, weil man sich sonst derselben
Ausgrenzung schuldig mache wie diese Gesellschaft. Wer mit einer
Behinderung lebt und an seinem Leben Geschmack gefunden hat, soll
das tun. Aber er sollte es lassen, die Abtreibung eines verkrüp-
pelten Embryos als menschenverachtende Ausgrenzung zu geißeln.
Einem Zellhaufen, einem noch gar nicht existierenden Subjekt den
Leidensweg des Behindertendaseins z u e r s p a r e n, ist das
glatte Gegenteil davon, einem Behinderten auch noch zusätzlich
das Leben s c h w e r z u m a c h e n, wie es ein Sozialstaat
schafft.
Der Respekt vor dem W e r t L e b e n ist offenbar b l i n d
gegen die Lebens q u a l i t ä t und büßt deswegen jedes Unter-
scheidungsvermögen ein.
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