Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK FAMILIE/FRAU - Fröhliches im Intimbereich


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       Münchner Hochschulzeitung Sonderausgabe Medizin, 15.07.1980
       

PROBLEME MIT DEM GESCHLECHT

Unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, vielleicht gar bedingt durch überholte Prüderie und falsch verstandene ärztliche Schwei- gepflicht, findet hinter und auf dem Rücken unseres freiheitli- chen Gesundheitssystems ein verbissener Stellungskrieg statt. Es geht um die Gynäkologie, die ein sozialistisches Büro endlich als Klassenfeind ausgemacht hat und um das Instrument, mit dem die Frauen niedergemacht werden: "Das Spekulum ist wichtigstes Werkzeug und Symbol eines Spezial- bereiches der Medizin, für die es keine gegengeschlechtliche Par- allele gibt: Frauenheilkunde. Diese schöne Bezeichnung impliziert leider nicht, daß hier Frauen andere Frauen heilen, oder daß Frauen von den sie betreffenden Heilungsprozessen Kunde hätten - wie es zu Zeiten der Hexen und Hebammen durchaus Brauch gewesen sein soll." So armselig scheint die Lage der Frau also doch nicht zu sein: sie hat nicht nur i h r e Tage, bisweilen einen dicken Bauch (der dann auch i h r gehört, sondern auch ihre Heilkunde. Allerdings ist gerade die Frau vom Einblick in den Teil des Kör- pers für den "es keine gegengeschlechtliche Parallele gibt" aus- geschlossen. Expropriation der Expropriateure! --------------------------------- "Die Frauenbewegung hat diese intime Situation öffentlich gemacht und die Kontrolle über die Reproduktionsfähigkeit zu einer zen- tralen politischen Frage erklärt. Sie greift das tradierte gynä- kologische Behandlungsystem an, indem sie die Produktionsmittel dieses Spezialistenbereiches allen Frauen zugänglich machen will und mit dem Spekulum als symbolische Waffe einen Prozeß der An- eignung initiiert: Frauen nehmen sieh das Wissen, die Kontrolle und die Lust." (Aus "Humanisierung des Gesundheitswesens", Hrsg. Sozialistisches Büro Offenbach) Da konnte die Reaktion nicht ausbleiben: "Wer all das für Übertreibung oder das pathologische Verirrtsein einiger "neurotischer Weiber" hält, der irrt. Der Angriff ist gezielt und dient in seiner Weise, den demokratischen Staat und seine Organisationsformen in ein sozialistisches Kollektiv umzuwandeln." (DA 7/79, Von Feministinnen, Hexen, Kräutern und Gynäkologen) Wie berüchtigt diese Warnung der wachsamen Ärzteschaft war, be- stätigt sich dieser Tage mit dem "medicus aktuell" 1/80, S. 39. Ausgerechnet in den Reihen unserer christlich-unabhängigen Fach- schaft finden sich Handlanger einer Inge Heinz, die deren um- stürzlerische Kritik veröffentlichen. Frau Heinz ist nicht nur aufs spekulum scharf, sie vermißt mehr, weit mehr: "Besonders stark fiel uns die Geringschätzung des weiblichen Ge- schlechts in der Anatomie-Vorlesung auf: Die äußeren Geschlechtsmerkmale wurden erst am Ende, und dann auch nur ober- flächlich besprochen. Die Klitoris wurde überhaupt nicht erwähnt. Sie existierte auch in den Kolloquien nicht, die wir ansonsten als sehr informativ empfanden. Im Gegensatz dazu wurde der Penis in höchster Ausführlichkeit im Längs- und Querschnitt durchgenom- men. Ein produktives Organ zählt in einer leistungsorientierten Gesellschaft eben viel mehr. Die landläufige Meinung, daß die Va- gina das weibliche Gegenstück zum Penis darstellt, "herr"scht im- mer noch vor." (Recht hat sie, es i s t umgekehrt!) zurück