Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK FAMILIE/FRAU - Fröhliches im Intimbereich
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KLARSTELLUNGEN ZUR ABTREIBUNGSDEBATTE
1.
Die Sache mit der Abtreibung, sollte man meinen, verhält sich
recht einfach. Aufgeklärte Menschen wissen um die mögliche Konse-
quenz ihres mehr oder minder fröhlichen Treibens miteinander und
beugen ihr, so sie selbige vermeiden wollen, entsprechend vor.
Wenn, durch Ungestüm oder Vergeßlichkeit, dann doch Nachwuchs im
Anmarsch ist, muß man sich halt bei Zeiten überlegen, ob man den
Balg doch will - oder eben nicht. Die Medizin verfügt ja mittler-
weile über Wissen und Technik, diesen Entschluß ohne großen Auf-
wand in die Tat umzusetzen. Und damit Schluß.
2.
In einem m o d e r n e n R e c h t s s t a a t freilich geht
es jetzt erst los.
- Zum einen entwickelt der zwar keine "Liebe zum Kind", aber im-
merhin ein Verlangen danach, daß seine Untertanen sich vermehren.
An der amtlicherseits penibel errechneten Geburtenrate wird das
gar nicht vornehme Interesse kenntlich, das der Staat am Liebes-
leben seiner Bürger nimmt. Als Material zum Einsatz in Wirt-
schaft, Verwaltung und Kriegswesen will er stets über einen soli-
den Grundstock an eigenem Volk verfügen. 2,5 oder so, wegen der
unvermeidlichen Ausfälle, gilt ihm als Ideal der durchschnittli-
chen Wurfmenge pro Pärchen. Weil entweder das Bedürfnis bürgerli-
cher Liebesleute, gemeinsam einen leibhaftigen Beweis ihrer groß-
artigen Liebe zueinander zu produzieren, oder auch einfach das
Bewußtsein, daß sich so etwas für anständige Eheleute gehört, re-
gelmäßig zu genügend Nachwuchs führen,- hat der Staat nichts da-
gegen, wenn sich seine Bürger M e t h o d e n d e r
E m p f ä n g n i s v e r h ü t u n g bedienen. Im Gegenteil: er
rät ihnen sogar dazu, weil er auf nützlichen Staatsbürgernach-
wuchs scharf ist und nicht auf hoffnungslose Sozialfälle, die ihm
von Geburt an auf der Tasche liegen. In der Schule läßt er seine
Volkserzieher S e x u a l k u n d e u n t e r r i c h t ertei-
len und Aufklärung geben über den "verantwortlichen", also
staatsnützlichen Umgang mit Geschlechtsorganen. Ein Unterfangen,
dem sich vor allem "fortschrittliche Lehrer" schamlos und mit
Freude widmen.
- Zum anderen gewährt der demokratische Staat, großzügig wie er
ist, seinen Untertanen ein R e c h t a u f L e b e n, macht
also für sich ein M o n o p o l zum Töten geltend, indem er es
allen anderen verbietet. Weil der Staat praktisch von allen vor-
handenen Interessen, von Willen und Bewußtsein
a b s t r a h i e r t, wenn er seine Staatsbürger mit dem Recht
auf Leben verwöhnt, fällt es ihm auch leicht, in einem Zellhäuf-
chen den jungen Mitbürger zu begrüßen, dessen Leben unbedingt
"geschützt" gehört. Nicht, weil er "die Frauen in Abhängigkeit
halten" will, wie manche argwöhnen, und auch nicht, weil er unbe-
dingt auf Nachwuchs bestehen würde, v e r b i e t e t der mo-
derne Staat die A b t r e i b u n g und stellt sie unter Strafe
- sondern weil er ganz prinzipiell auf seine alleinige Entschei-
dungsbefugnis über Tod und Leben beharrt.
Aus Gründen der Funktionalität für ein geordnetes Gemeinwesen,
also aus gar nicht menschenfreundlichen Erwägungen heraus, ge-
stattet er bedingte Ausnahmen und gewährt S t r a f f r e i-
h e i t:
M e d i z i n i s c h e I n d i k a t i o n: Wenn sich statt
strammen Nachwuchses ein Krüppel einzustellen droht, der nichts
leistet aber viel kostet, oder aber wenn es gilt, Gesundheit und
Leben einer fertigen Staatsbürgerin gegenüber der ungewissen Per-
spektive eines ungewissen Neuzugangs den Vorrang zu geben!
S o z i a l e I n d i k a t i o n: Wenn nach penibler Überprü-
fung das amtliche Urteil feststeht, daß hier nur ein Fall für die
Fürsorge ausgebrütet wird oder aber wenn die Frau nachweisen
kann, daß sie mit (noch) einem Kind ihren unbedingt notwendigen
Funktionen als Hausfrau, Mutter, Lohnarbeiterin nicht mehr nach-
kommen kann,
3.
Die K i r c h e mit ihrem Glauben, daß das Leben heilig ist,
hält naturgemäß gar nichts davon, dem Herrgott ins Handwerk zu
pfuschen. Unerschütterlich in dem Dogma, daß der Herr uns die
Kindlein schenkt, will sie schon die Liebe nur zulassen, sofern
sie in der keuschen Absicht erfolgt, diesem Akt göttlicher Schöp-
fung auf die Sprünge zu helfen.
Dogmatiker der reinen Lehre halten schon die Praktizierung des
vatikanischen Roulettes für einen sündigen Eingriff in den gött-
lichen Plan; gemäßigten Christen verdankt die Menschheit schlüpf-
rige Debatten über das heiße Thema, was alles noch mit dem Willen
Gottes zu vereinbaren wäre: nur Präservative oder gar auch die
Pille danach?
Aufgeklärte Hirten der oberen Ränge, die ihren Glauben immer
schon mit den jeweiligen staatlichen Geboten zu arrangieren wuß-
ten, mischen sich da nicht groß ein und überantworten ihren
Schäfchen die Methoden der Empfängnisverhütung als Gewissens-
frage, an der sie ihren Glauben bewähren können.
Bei der Abtreibung freilich bleibt der Stellvertreter Gottes auf
Erden stur: Wo sich zwei Zellen im Namen Gottes gefunden haben,
muß das Wunder des Lebens auch vollbracht werden - egal, in wel-
chem Zustand und unter welchen Umständen es das Licht der Welt
erblickt...
4.
Die Ä r z t e s c h a f t widmet sich dem Thema vom Standpunkt
der Gesundheit - aber nicht der der Frauen, die sie verarzten,
sondern der des V o l k s k ö r p e r s, für dessen Wohlbefin-
den sie sich verantwortlich wissen: Insbesondere die hochbezahl-
ten Facharbeiter für Unterleibsfragen fühlen sich dazu berufen,
ihr gewichtges Wort zu erheben - als würde es sich von selbst
verstehen, daß die mäßigen medizinischen Fertigkeiten, die zur
Durchführung der fraglichen Operation von Nöten sind, dazu füh-
ren, irgendeine statistische Zahl mit exquisiter Kompetenz für
"zu hoch" zu befinden, für mehr "Verantwortung gegenüber der Se-
xualität" oder auch für "gesunde Familien" zu plädieren.
Wenn sie nicht gerade als Volkshygieniker öffentliche Debatten
abwickeln, machen sie aus der Abtreibung das, was sie immer ma-
chen: ein Geschäft für sich.
5.
P r a k t i s c h sind Frauen mit der Abtreibung befaßt, indem
sie eine durchführen lassen. Dabei unterscheiden sie sich darin,
welche Modalitäten der Operation sie sich leisten können; was sie
finanzieren müssen, obwohl sie es sich eigentlich nicht leisten
können und welche Schwierigkeiten sie sonst noch zu bewältigen
haben, etwa weil in einem christlich inspirierten Krankenhaus
nichts läuft. Die Zumutung zurückzuweisen, daß sich der Staat bis
in den Bauch hinein für zuständig erklärt und an den finanziellen
Belastungen zu bemerken, daß eine Wohltat für Frauen gar nicht im
Sinne des staatlichen Erfinders der Fristenlösung gelegen hat,
das ist eine Sache;
um V e r s t ä n d n i s zu werben für Frauen, "die ihre
Schwangerschaft abbrechen wollen" und die B e r e c h t i-
g u n g dazu aus den erlesenen Gewissensbissen abzuleiten, die
sich eine verhinderte M u t t e r bei ihrer Entscheidung
bereitet hat - das ist allerdings eine ganz andere Sache. Und wer
dazu noch den Wunsch nach "Änderung der ökonomischen und
gesellschaftlichen Situation" laut werden läßt, damit endlich
"bessere Bedingungen für Kinder und Mütter geschaffen werden"
(ALW), der muß sich schon den Verdacht gefallen lassen, daß sich
seine M i l i t a n z gegen "Geborene für Ungeborene" und
ähnliche reaktionäre Menschenfreunde aus derselben Quelle speist
wie der Tatendrang der gehaßten "Abtreibungsgegner": aus der
"Verantwortung" vor dem Leben, der man gerne nachkommen würde,
wenn die "Situation" einen nur ließe.
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