Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK FAMILIE/FRAU - Fröhliches im Intimbereich
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Bonner Charaktere: Rita Süssmuth
DER NEUE GEISSLER IST EINE FRAU
Selten ist ein neuer Minister von allen Seiten mit derart vielen
Vorschußlorbeeren eingedeckt worden wie Frau Prof. Dr. Süssmuth.
Die dafür allenthalben strapazierten Gründe: Der Rita ist erstens
ein Weib, zweitens Wissenschaftlerin, hat drittens bisher noch
kein Staatsamt ausgeübt, viertens dafür um so mehr polit-christ-
lichen Gremien vorgesessen und will fünftens alles für die Frauen
tun kurzum: Sie ist "Fach f r a u von hohen Graden" (taz), eine
Anwältin der Frauen.
Na, und?
Der bundesdeutschen Öffentlichkeit reichten solcherlei kolpor-
tierte "Eigenschaften" für ein einhelliges Lob freilich voll aus.
Daß es sich bei diesen sehr offensichtlich um lauter waschechte
Vorurteile handelt - von wegen Frau = weich, Professor = Geist,
kein Staatsamt = Unschuld, alles für Frauen = gut! -, stört da
nicht. Im Gegenteil: Diese Technik der Vorstellung einer exquisi-
ten Politiker p e r s ö n l i c h k e i t taugt - gerade weil
k e i n einziges Wort über Amt und Politik laut wird - ganz aus-
gezeichnet für die ebenso offensichtliche Absicht, per se und
vorab die P o l i t i k der Ministerin zu adeln! Klar, daß Kohl
und Geißler mit ihrem Mut zur süßen Rita weidlich auf diesen Ef-
fekt spekuliert haben; und von der "Welt" bis zu "Emma" haben
alle gern daran mitgestrickt.
So wurde Frau Süssmuth dem staunenden Publikum flugs als
"Unbekannte mit gutem Ruf" (Süddeutsche Zeitung) vorgestellt: Da
also alle die sie nicht kennen, nur Gutes über sie zu berichten
wissen, war das Interesse an Deutschlands neuer Familienverwutze-
rin mit diesen Auskünften auch schon befriedigt und positiv be-
schieden. Ja, gerade Kohls scharfzüngigste Kritiker sahen sich
durch dessen Griff nach Prof Rita in ihrer Sehnsucht nach gebil-
deten Machthabern so sehr gebauchpinselt, daß sie dem Kanzler
mannauf-frauab zu diesem "absoluten Glücksgriff" gratulierten und
plötzlich zu rätseln begannen, ob diese Entscheidung nicht ihr
Bild von der "Birne" korrigieren müsse...
Na bitte!
Wer mag da noch daran denken, daß diese habilitierte Androgyne
immerhin einem Heiner Geißler im Amte folgt, der seine Auser-
wählte grinsend als "würdige Nachfolgerin" präsentierte: Und wer
mag da selbst der nüchternen Feststellung, daß "Geißler vor sei-
nem Abgang die politischen Weichen für die Frauen- und Familien-
politik gestellt hat" (taz), zumindest den ebenso simplen Hinweis
entnehmen, daß die neue Geißlerin dessen Geschäft halt fortführen
wird?
Nichts von alledem; darauf kommt es explizit nicht an. Man/frau
will sich vielmehr die Attitüde l e i s t e n, "lovely Rita"
(Emma) als "neue Hoffnungsträgerin" zu stilisieren - und gibt
darin ganz nebenbei zu Protokoll, daß das Naserümpfen über den
"Chauvi" und Frauenfeind Geißler eh nie anders denn als bloße
S t i l kritik an dessen Familienpolitik gemeint war (was Alice
Schwarzer mit ihrem TV-wirksamen Patscher an Heiners Knie kürz-
lich sinnfällig demonstrierte).
W a s diese Fachfrau sich bisher an Klöpsen geleistet hat, wird
nach eben diesem Schema gewürdigt. Z.B. ihre Stellungnahme zum
Paragr. 218. Die Süssmuth hat ja - ganz im Sinne ihrer selbstge-
wählten Rolle als "Frauenministerin" - sehr schnell kundgetan,
was sie an ihrer bevorzugten Klientel schätzt und zu befördern
gedenkt:
"Wir wissen, daß ungeborenes Leben menschliches Leben von Anfang
an ist. Jedenfalls ist alles, was nach der Nidation an Eingriffen
erfolgt, Tötung menschlichen Lebens. Das Gesetz sagt ganz deut-
lich, daß alles zu tun ist, was dem Schutz des menschlichen Le-
bens dient, und daß der Staat verpflichtet ist, menschliches Le-
ben zu schützen."
Originalton Geißler? Na klar! Aber auch doch wieder ganz anders -
weil lovely Rita es sagt. Daran ändert offenbar auch nichts, daß
sie freimütig darüber plaudert, in solchen "Fragen" bis in die
letzte moralische Faser hinein "sehr rigoros" zu sein, sich also
vorbehaltlos zu jenem brutalen Standpunkt bekennt, den der Para-
graph 218 den Frauen gegenüber gültig macht: So verschwenderisch
wir freiheitlichen Politiker auch mit dem "g e b o r e n e n
Leben" unserer Untertanen zu kalkulieren pflegen, so kleinlich
wollen wir das behandeln, was wir "ungeborenes Leben" getauft ha-
ben - und b e i d e Male reklamierein bzw. praktizieren wir
nichts anderes als unser uneingeschränktes und exklusives Verfü-
gungsrecht über Leben und Tod.
Aber immer gehört der Bauch den Weibern, aber wenn's drin ge-
scheppert hat, steckt er voller Paragraphen - meint Geißlers
Braut und winkt freundlich mit dem Gesetzbuch. Dessen Bestimmun-
gen hat sie ganz flott auswendig gelernt: Gerade weil Kinder
hierzulande häufig ein P r o b l e m sind (warum, weiß übrigens
jeder), ordnet der Gesetzgeber an, daß dieses Problem nicht zu
gelten hat. Als Produktion von zukünftigen Untertanen wissen
Süssmuth und Co ein munteres Treiben in Deutschlands Schlafzim-
mern nämlich viel zu sehr zu schätzen, als daß sie dessen Folgen
irgendwelchen persönlichen Überlegungen überlassen wollten. Gebä-
ren ist Dienst an der Nation (und dem entzieht sich keiner so
schnell aus Motiven, die als "kleinlich" und "verantwortungslos"
gegeißlert werden) - so lautet die Parole der Fans schwarz-rot-
goldenen Nachwuchses!
Daß der Staat werdende Mütter damit natürlich erst recht in Not
bringt, ist erstens beabsichtigt und zweitens willkommene Ge-
schäftsbasis für all jene pfäffischen Sprüche, mit denen die
Süssmuth derzeit so aufdringlich hausieren geht:
"Wir müssen ein Bewußtsein für werdendes Leben schaffen... Bera-
tung muß als Beratung zum Leben erfolgen... Die Bedingungen müs-
sen so geändert werden, daß Frauen nicht aus wirtschaftlicAer Not
abtreiben." (Sie denkt da an die Stiftung "Mutter und Kind", die
Almosen für die rechte Gebärstimmung ausstreut)
Kunststück! Schließlich hat der Paragr. 218 schon längst ein
"Bewußtsein für werdendes Leben" geschaffen: daß frau sich näm-
lich eine Menge Scherereien einhandelt, wenn sie das sich ankün-
digende "freudige Ereignis" gar nicht lustig finden will!
Auf dieser Grundlage, die eine Abtreibung ebenso riskant wie
teuer macht, breitet Süssmuth ihr Ideal aus, Deutschlands Frauen
das Kinderwerfen so sehr als ihr zutiefst natürliches Bedürfnis
aufzuschwätzen, daß die Strafandrohung überflüssig werde. So
schmarotzt eine "Beraterin zum Leben" nochmal zusätzlich von der
Wucht ihres eigenen Paragraphen.
K e n n e n tut diese Oberratgeberin also materielle Gründe mehr
als genug, Papa Staat keine Kinder schenken zu wollen -
a n e r k e n n e n will sie davon keinen einzigen. Ein christ-
lich-ministerialer Propagandafeldzug für das hemmungslose "Ja zum
Kind": Das ist das oberste Recht, welches frau '85 zukommt! Und
dies nun im besonderen, weil es eine Geschlechtsgenossin ist, die
jenes unsägliche Recht repräsentiert - ein Rassismus, den
Süssmuths Rita genüßlich ausnutzt:
"Aber die Tatsache, daß es überwiegend Männer sind - nicht immer
die jüngeren Familienväter -, die über die Frage der Abtreibung
reden, da wird mir erhebliche Selbstdisziplin abverlangt, um
nicht explosiv zu werden."
Nicht zu vergessen allerdings, daß kurz danach bereits das ebenso
natürliche Recht der Frau auf Doppelbelastung folgt, sich für Fa-
milie und Beruf aufzureiben. In dieser Hinsicht vermag Rita
Süssmuths Lebenslauf (soweit bekannt) durchaus Vorbildfunktion zu
übernehmen: Zur Frau geboren, katholisch getauft, Bildung stu-
diert, Geschichtsprofessor geheiratet, eine Tochter gemacht, an-
geblich nie abgetrieben, angeblich in Dortmund Pädagogik gelehrt,
an die Macht berufen - und Gatte Hans macht immer noch den Ab-
wasch.
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