Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK FAMILIE/FRAU - Fröhliches im Intimbereich
zurück
Korrespondenz
"Stupide Glucken durch gesellschaftliche Bedingungen"
-----------------------------------------------------
An die Redaktion der MSZ
In Eurem Artikel "Familienglück in Theorie und Praxis" (vgl. MSZ
Nr. 4/1980) erweckt Ihr den Eindruck, als ob die Tatsache, daß
Frauen in dieser Gesellschaft auf die körperlichen Funktionen re-
duziert werden, von ihnen selbst g e w o l l t wäre. Ihr be-
zeichnet gewisse Mütter als Geschöpfe mit "stupidem Gluckenge-
sicht", die sich "f r e i w i l l i g" dem "Hecken und Aufzie-
hen" von Kindern stellen, als ihre "sie vor den Männern auszeich-
nende größte Aufgabe" (S. 18). Ihr vergeßt die Bedeutung der Ge-
sellschaft, besonders der bürgerlichen Familie und Familienideo-
logie, die durchgesetzt hat, daß Frauen auf die körperlichen
Funktionen des "Heckens und Aufziehens von Kindern" (und die
Brauchbarkeit für die sexuelle Befriedigung der Ehemänner) redu-
ziert werden. Hinzu kommt: Von klein auf werden sie so erzogen,
daß sie diese Funktionen erfüllen können, nicht zu vergessen die
moralische Abrichtung.
Daß also die Reduzierung von Frauen auf "stupide Glucken" durch
gesellschaftliche Verhältnisse und Ideologien verursacht wird,
kommt in Eurem Artikel nicht zum Ausdruck.
Es ist doch idealistisches Denken, nur das Bewußtsein, ohne es in
Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Sein zu sehen, zu kriti-
sieren.
Im übrigen frage ich mich, wie Eure Genossinnen zu dieser ober-
flächlichen und unwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der
Lage von Frauen in dieser Gesellschaft stehen.
E. R., Bonn
Mit Entschuldigungen ist nichts gewonnen
----------------------------------------
Liebe E.
Daß Karin Struck ihr stupides Gluckengesicht nicht "durch gesell-
schaftliche Verhältnisse und Ideologien" haben kann, sondern es
als charakterlichen Ausdruck einer Mutter ausgebildet hat, die im
Kinderhecken die sie vor den Männern auszeichnende größte Aufgabe
sieht und für ihresgleichen gesehen haben will, hätte Dir immer-
hin auffallen können. Daß sie in einem Dressurakt zur Mutter
"erzogen" worden sei, wie Du vermutest, läuft auf die etwas abge-
schmackte Vorstellung einer Urhenne heraus, von der alle weiteren
ihre "moralische Abrichtung" erfahren hätten. Jedenfalls ist das
ganz und gar nicht eine materialistische Erklärung "im Zusammen-
hang mit dem gesellschaftlichen Sein".
Dies findet sich nämlich in den Familien selber vor, in dem, was
sie tagtäglich - so auch in der Kindererziehung - tun und lassen:
Lauter normale Menschen ringen da, m i t e i n a n d e r ihr
Leben in Gang zu halten, was über den wenig erfreulichen Zweck
solcher Beziehungen die nötige Auskunft gibt sie d i e n e n
der Reproduktion der Beteiligten. Grund genug, sollte man meinen,
sich keine Illusionen über ein solches Miteinander zu machen.
Nicht jedoch für Eltern, die sich und ihren lieben Kleinen die
verlogene Perspektive vorbehalten haben, in der Familie
m ü s s e es eben 'anständig' zugehen, weil ausgerechnet d a s
Garant sei für's Zurechtkommen in einem Leben, von dem i n der
Familie zu spüren ist, daß es sie zugrunde richtet.
S o wird Familie b e t r i e b e n - vom Bewußtsein und Willen
der Betroffenen. Und keiner von denen hat im Kopf, er "reduziere"
sich dabei auf irgendwelche "Funktionen" in der Gesellschaft.
Ganz anders: Jeder tut, was er kann, die F a m i l i e funktio-
nieren zu lassen, erhält sich so in ihr seine eigene beschissene
"Lage" - womit ganz nebenbei die gesellschaftliche Aufgabe der
Familie erfüllt ist. Damit hat sich so jemand p r a k t i s c h
"reduziert", und das gehört kritisiert. Mit
E n t s c h u l d i g u n g e n, wie Du sie für die "Reduzierung
von Frauen" geltend machst nach dem Muster: Wie war das möglich?
ist nichts gewonnen außer einer sicher interessanten Bereicherung
der vieldiskutierten 'Probleme der Familie' um die 'd e r Frau'
- kaum ein Beitrag zur A b s c h a f f u n g der Familie.
P.S.: So enttäuschend es für Dich klingen mag: An der "Lage von
Frauen" sind auch bei uns mehr die Männer als die Frauen interes-
siert - was eben auch heißt, daß diese sich deswegen 'als Frauen'
noch die allergeringsten Sorgen zu machen brauchen.
Mit kollektivistischen Grüßen, Deine MSZ Redaktion
*
"Wo bleibt da Raum für das Infragestellen
-----------------------------------------
der theologischen Wahrheit?"
----------------------------
Liebe Redaktion, ich habe ein paar Fragen zu den Ergebnissen die
Euer Blick in die Werkstatt des Geistes (Resultate Nr.
1/Neufassung) zutagegefördert hat.
1. Ihr meint auf Seite 90, daß niemand mehr die Grundsätze der
Volksreligion für wahr hält, und das angesichts einer zunehmenden
Begeisterung für das ewig moderne theologische Gedankengut sowie
der gewaltigen Massenerfolge des Papstes, der demnächst auch uns
heimzusuchen gewillt ist. Erläutert mal, warum ausgerechnet der
heutige freie Christenmensch seiner hochdogmatischen Glaubensge-
wißheiten über Gott und die Welt u n s i c h e r sein soll,
warum sich also Glaube und Skeptizismus irgendwie ziemlich gut
ergänzen und einander voranbringen. An meinen Eltern, die sich
ziemlich oft streng katholisch zu benehmen wissen, konnte ich die
von Euch behauptete Dialektik noch nicht studieren, Ihnen gelingt
es regelmäßig, die Kritik an ihrem religiösen Bild von der Welt
sehr souverän mit dem soliden Argument zurückzuweisen, daß das
innere Seelenheil für jeden Menschen ein echtes Angebot in Sachen
Sinnstiftung darstellt, ein Heil, das durchs Praktizieren der
Duldsamkeit gegenüber den lieben Mitmenschen hervorgebracht sein
will. Wie man sieht, wird hier der der abendländischen Religion
eigentümliche Dogmatismus geradezu genossen und voll ausgekostet.
Im übrigen hat schon Christus glaubhaft versichert:
"Wenn ihr in meinem Worte verharret, dann seid ihr wahrhaftig
meine Jünger. Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit
wird euch frei machen." (Johannes 8/31-33)
Wo bleibt da Raum für den Zweifel, für das Infragestellen der
theologischen "Wahrheit"?
2. Auf Seite 87 wird auf das elementare Motiv philosophischer Ge-
lehrter hingewiesen, das darin besteht, sich von der theoreti-
schen Beschäftigung mit bestimmten Gegenständen zu emanzipieren,
wobei es ihnen gelingt, gestrenge Sittenlehren fürs Denken und
Methodologien fürs Menschsein zu kreieren, die sich des Scheins
der Sachkenntnis gründlich entledigt haben, In der MSZ 4/80,
Seite 68 steht nun eine Anzeige der MG, worin für die Theorie-
Werkausgabe von Hegel geworben wird, was ich einfach nicht ver-
stehe. Könnt Ihr mir bitte mal ein paar sachdienliche Hinweise
geben, warum Hegels Gedanken es nicht verdient haben, nur als
philosophisch streng kontrollierter höherer Blödsinn qualifiziert
zu werden.
3. Auf Seite 91 wird in der Kurzdarstellung der formalen Logik
erwähnt, daß dieselbe über das wenig aufwendige vernünftige Ge-
schäft hinausgewachsen ist, die Schlüssigkeit von Gedankengängen
formell zu überprüfen. Sicher, die These, man könne die Richtig-
keit von Aussagen getrennt von den Inhalten, eben formell, über-
prüfen, ist damit nicht gemeint. Warum aber soll dieses Bemühen
gleichwohl vernünftig sein können? Ist damit die rein grammatika-
lische Korrektheit von Gedanken gemeint oder was?
Grüße, J.S.
Zu jedem Glauben gehören Zweifel
--------------------------------
Lieber J.S.,
mit dem "für wahr halten" haben wir alles andere gemeint als das,
was du mit "unsicher" heraushören willst. Wir wollten darauf hin-
weisen, daß moderner Glaube nicht darüber seine Festigkeit ge-
winnt, daß er in der Bibel und ihren schönen Geschichten seine
"Wahrheit" sucht, sondern von vorneherein in der "Bedeutung" - in
dem also, was mit den für einen modernen Menschen ziemlich exoti-
schen Berichten von Aposteln etc. "gemeint" ist. Anders herum:
Das Argument für den Glauben ist das für seine F u n k t i o n.
Ein verständiger Mensch des 20. Jahrhunderts erspart sich die
Last, das Wort Gottes buchstäblich zu nehmen, um ein anständiger
Mensch, um Christ zu sein. Da hätte er manchen Widerspruch zu
verteidigen. Lieber leistet er sich den Widerspruch, Gründe für
den religiösen Irrationalismus und dessen prinzipielle Berechti-
gung zu suchen, was über sämtliche Varianten von "Menschlichkeit"
(= Antimaterialismus) läuft. Und darin wird er in der Tat sehr
dogmatisch: Der zu jedem Glauben gehörige Zweifel, die Heimsu-
chung aller frommer Leute durch ihren Verstand den sie ja sehr
berechnend einsetzen müssen, wenn sie etwas putzen wollen - wirft
ihn nicht um, sondern beflügelt ihn zu seiner moralischen Gewiß-
heit und Selbstgerechtigkeit.
Daß ein uns freundschaftlich verbundener Buchladen Hegel an den
Mann bringen will, ist seine Sache. Die Werbung, die du von uns
erwartest, ist uns demnächst einen Artikel wert. Bis dahin können
wir mit der Empfehlung dienen, einmal einen Blick in die "Logik"
zu tun und zu prüfen, ob nicht z.B. die Bestimmungen des Urteils
und des Schlusses bei Hegel etwas für sich haben. Wir sind sogar
sicher, daß da F o r m e n des Denkens selbständig analysiert
sind, ohne daß es sich um erfundene, konstruierte Regeln handelt,
die vom Inhalt so getrennt daherkommen, daß sie mit ihm nichts
mehr zu tun haben. Mehr dazu jedoch an anderer Stelle in der MSZ.
Bis dann, Deine MSZ-Redaktion
zurück