Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK FAMILIE/FRAU - Fröhliches im Intimbereich
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Heiner Geißler empfiehlt:
KINDERFREUNDLICHES VÖGELN GEGEN DIE RENTENLÜCKE
Bis ins Jahr 2000 und darüber hinaus sollen jetzt sogar die Ren-
ten "gesichert" werden. Dafür stehen 31 Experten der CDU und Hei-
ner Geißler ein. Sie haben herausgefunden, daß vor allem nach der
Jahrtausendwende durch die Zunahme des Anteils alter Menschen an
der Bevölkerung der Rentenversicherung eine finanzielle Krise
droht. Aber sie habe nicht untätig in Pessimismus gemacht, son-
dern schon ein Gegenrezept entwickelt. Weil sie gemerkt haben,
daß das Gegenteil von 'alt' 'jung' ist, empfehlen sie die Geburt
von mehr Kindern staatlich anzureizen; die arbeiten dann bald und
zahlen Rentenbeiträge, während die Alten nur noch Renten
b e z i e h e n sollen. Schließlich kann es sich der Staat nicht
leisten, auf das viele schöne Geld zu verzichten, das die Alten,
solange sie noch jung sind, in seine Kasse bringen und zum größ-
ten Teil später nicht mehr verjubeln können. Deshalb schlagen
sich Minister auch nicht einfach mit der Frage herum, wo denn das
Geld geblieben ist, das die alte Generation für ihre
"Altersversicherung" eingezahlt hat. Für sie ist das ja gar keine
Frage. Sie fragen sich lieber, wie man diesen schönen Zustand
fortentwickeln kann, daß ständig eine junge Generation mehr Ren-
tenbeiträge in die Staatskasse zahlt, als die jeweilige alte Ge-
neration jemals an Rente daraus bekommt - und machen folgende
menschenfreundliche Rechnung auf: Wenn die deutschen Mütter und
Väter es schaffen, die Geburtenrate des Jahres 1970 wieder zu er-
reichen, kämen ihre glücklichen Kinder in den Genuß, im Jahr 2030
nicht einen Beitragssatz von 31% (von Lohn und Gehalt) für die
Rentenkasse leisten zu müssen, sondern nur einen von 26%. Das ha-
ben Geißler und seine Experten genau ausgerechnet, und deshalb
schlagen sie vor, per staatlichen "Familienlastenausgleich" dafür
zu sorgen, daß die Familien die Last von mehr Kindern - wie der
Name es sagt - wegen des staatlichen "Ausgleichs" noch lieber auf
sich nehmen. Das tun sie gern, zumal es ihre Kinder einmal besser
haben sollen: nach Geißler um genau 9%. Aber diese politischen
Experten der "Sicherung der Renten" sind nicht nur kinderfreund-
lich, sie lassen auch die Alten an ihrem Lebensabend nicht in
Ruh', sondern kümmern sich liebevoll darum, daß sie ihn sich ein-
zuteilen haben:
"Orientierungsmarke für die Rentenhöhe soll langfristig ein Ren-
tenniveau von rund 60 Prozent des vergleichbaren Arbeitnehmernet-
toeinkommens sein" (Süddeutsche Zeitung vom 8. Juni).
Wegen dieser Alterssicherung - was ja jeder selbst nachrechen
kann - wird den Alten das Angebot gemacht, wie sie der Blamage,
zum nutzlosen und teuren alten Eisen zu gehören, ein paar Jahre
entrinnen können:
"...eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit auf freiwilliger
Grundlage (bei entsprechendem Anreiz einer höheren Rente) sowie
die bereits jetzt von der Bundesregierung vorgesehenen Einschrän-
kungen bei Berufs- und Erwerbsunfähigkeitsrenten. Durch jede der
beiden Maßnahmen könnte der projizierte hohe Beitragssatz um je-
weils 2% verringert werden." (Süddeutsche Zeitung vom 8. Juni)
Das erfüllt neben der eigenen Rentensicherung obendrein noch den
guten Zweck, der beitragszahlenden jungen Generation 2% zu erspa-
ren. Und es kommt dem Anliegen von Heiner Geißler entgegen, der,
wie man sieht, schwer darum kämpft, daß die Beitragssätze der ar-
beitenden Generation nicht ins Uferlose steigen.
Wie der Heiner sein Programm mit dem Kollegen Norbert Blüm ab-
stimmt, der doch
1. durch Arbeitszeitverkürzungen Arbeitslose von der Straße holen
will,
2. die "Beitragssätze für die Rentenversicherung nicht über 35%
ansteigen" lassen will,
3. das "Rentenniveau nicht unter den Sozialhilfesatz fallen" las-
sen möchte,
ist letztlich seine und Norberts Sache. Weil die Richtung so fein
zusammenstimmt, vermuten wir, daß die beiden schon zusammenkommen
werden. Was uns aber nicht in den Kopf will, ist die Tatsache,
daß der Geißler, obwohl er Philosophie und jesuitische Kasuistik
studiert hat, letztlich nur auf das n e u e L e b e n setzt,
um sein Rentenproblem zu lösen. Der Minister müßte doch wissen,
daß Geburt und Tod existentielle Akte sind, die nah beieinander-
liegen. Vor allem unter dem Gesichtspunkt der Rentenproblematik
hätte ihm doch einfallen müssen, daß die Gefahr der Zunahme des
Anteils alter Menschen an der Bevölkerung nach geschichtlicher
Erfahrungshäufung durch Krieg und andere Witterungsbedingungen
abgewehrt wird. Warum wird Heiner Geißler seiner eigenen Logik
untreu?
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