Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK FAMILIE/FRAU - Fröhliches im Intimbereich
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Familienpolitik
DIE DEUTSCHEN STERBEN DOCH NICHT AUS
Diese Sorge sind die Politiker los, die sich schon bange fragten,
wer morgen dem Kapital die Arbeit, dem Staat die Steuern, der
Bundeswehr die Rekruten und der Rentenversicherung die Beiträge
liefern wird. Sowohl für die zukünftigen Beitragszahler wie für
die Beitragseinsammler, -verwalter und konjunkturbewußten ausge-
ber ist wieder gesorgt. Die Geburtenzahlen steigen - und zwar in
allen Klassen!
"Politik für die Familie"
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Für die Klasse, deren Bereitschaft zur Aufzucht von Jungmenschen
für die Zukunft unseres Staates besonders wichtig, aber eben auch
nur durch gewisse Anreize zu erhalten ist, hat Vater Staat in den
Jahren der Geburtenrückgänge eine "Politik für die Familie" be-
trieben. Die Liberalisierung des Paragr. 218 hat den Abtreibungs-
raten nicht geschadet, da sich nun mehr Frauen an die staatlichen
Stellen wenden, die ihnen das Austragen der Kinder aufschwatzen
bzw. ihre Gründe für die Abtreibung einfach nicht gelten lassen.
(Die höheren Klassen trifft dieses Gesetz weniger: Studentinnen
wissen entweder die nötigen Sprüche für die Anerkennung einer so-
zialen Indikation oder die Adresse in Amsterdam.) Ein weiterer
Meilenstein der "Politik für die Familie", der die Aufzucht der
nicht abgetriebenen Erdenwürmer sichert, hat Anfang März endlich
seine Verfassungsmäßigkeit bescheinigt bekommen. Es war ja auch
wirklich ein lustiger Einfall der Kirchen; gerade die Liberali-
sierung des Scheidungsrechts für einen Verstoß gegen den "Schutz
von Ehe und Familie" (GG Art. 6) vor dem Willen der Eheleute zu
halten. Tatsächlich hat das Gesetz den Zusammenhalt der Familien
nämlich eminent gefördert und den Scheidungswillen der Eheleute
entschieden gedämpft. Scheidungen sind seit 1976 "sensationell
zurückgegangen" ( Spiegel 48/79).
Die Reform des Eherechts - eine Jahrhundertreform - ist darin
echt fortschrittlich, daß sie die staatliche Regulierung des Ge-
schlechtslebens wieder zu eben dem Klassenrecht machte, das es
schon immer war. Das veraltete Kriterium der Ehescheidung, die
e h e b r e c h e r i s c h e S c h u l d, wurde abgeschafft,
weil es die nichtverdienenden Ehepartner a l l e r Klassen von
der Freiheit der Auflösung der ehelichen Zwangsgemeinschaft aus-
schloß. Dies wurde zurecht als eine Benachteiligung der Frau er-
kannt, die bei schuldhafter Scheidung jeden Versorgungsanspruch
verlor, also als unliebsames Vorrecht des Mannes, sich ohne allzu
große finanzielle Verpflichtungen scheiden lassen zu können. Das
neue Scheidungskriterium der Zerrüttung fragt nicht mehr danach,
wer wem davongelaufen ist, sondern stellt die "Lebens- und Ver-
sorgungsgemeinschaft" auf ihre materielle Basis: Scheidung zieht
in jedem Fall eine "Versorgungsausgleichszahlung, Rententeilung
und Teilung des übrigen gemeinsam erworbenen Vermögens" nach
sich. Damit setzt gerade die sozialliberale Politik das christli-
che Gebot der "Unauflöslichkeit der Ehe" für die den Sozis beson-
ders ans Herz gewachsene Klasse so recht in Kraft... Die Reduzie-
rung der Ehescheidung auf eine Frage der Finanzen mag den Chri-
sten als eine Herabwürdigung des Sakraments erscheinen, den
staatlichen Zweck der Nachwuchsproduktion und Aufzucht erfüllt
sie herrlich: Geschieden wird nur mehr, wer es sich leisten kann,
d.h. wessen Einkommen eine Halbierung verträgt. Wo nichts ist,
läßt sich erst recht nicht teilen; wenn Lohn und erst recht Rente
auch für bescheidene Ansprüche kaum ausreichen, verbietet sich
die Aufteilung des zu wenigen auf zwei Haushalte von selbst und
die Fortführung der Ehe wird zur finanziellen Notwendigkeit.
"Erfahrungen und Praxis lehren, daß Familien mit Monatsnettoein-
kommen zwischen 2000,- und 2400,- DM je nach Zahl der Kinder nach
der Scheidung ganz oder teilweise der Sozialhilfe überantwortet
werden müssen, weil das zur Verfügung stehende Einkommen nicht
ausreicht, um praktisch zwei Haushalte zu versorgen." (Spiegel
48/79)
2000,- DM netto verdienen Leute vom verheirateten Volksschulleh-
rer aufwärts, für die Mitglieder der arbeitenden Klasse heißt Ehe
also lebenslänglich oder Abstieg auf den Lebensstandard von Aso-
zialen - d.h. Ausstieg aus dem bürgerlichen Erwerbsleben. Der
Klasse der Lohnarbeiter ist so die heiße - und stets heikle Frage
"Ob - du mich liebst..." vom Vater Staat abgenommen; die einstige
Liebe dieser Personen wird zum Hebel des lebenslangen Zwanges,
zusammenzubleiben und die nicht abgetriebenen Kinder aufzuziehen.
Gerade weil diese Leute sich Kinder kaum leisten können, weil
ihre Pflege für diesen Stand ein Opfer darstellt, wird er dazu
gezwungen - denn wer sollte "unsere Renten" einst erarbeiten,
wenn nicht neue Proletengenerationen.
"4000 Gramm... geben ihrem Alltag eine neue Dimension" (Eltern)
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Aber auch um das Zuchtverhalten der Leute, für die die Ehe ein
freiwilliger Bund bleibt, weil es für sie die Scheidung gibt,
braucht sich die Nation keine Sorgen mehr zu machen. Gerade weil
ihre finanzielle Lage die Kalkulation mit der Teilung der
"gemeinsam erworbenen Ansprüche" erlaubt, benutzen die Intellek-
tuellen diese Freiheit verantwortungsbewußt - also möglichst gar
nicht. Wer nicht zur Ehe und Kinderaufzucht gezwungen werden muß,
weil er sich Kinder l e i s t e n kann, darf sich auch schei-
den; braucht es aber aus eben dem Grunde nicht, sondern benutzt
nach 10 Jahren Unsicherheit in den Fragen des Ehelebens die Frei-
heit, so richtig aus eigenen Stücken wieder zu seiner Familien-
R o l l e zu finden.
Unter Studenten gibt es den Heirats-Boom, dem natürlich ein Baby-
Boom folgt, die Langhaarigen sehen sich Dustin Hoffmann nicht
mehr als ausgeflippten Puertoricaner im A s p h a l t
C o w b o y, sondern nach bestandener R e i f e p r ü f u n g
als Supervater C r a m e r an, und die Emanzipation der Frau
gipfelt in der alten Rolle der Gebärmaschine, die ihre Freiheit
darin bestätigt, gegen alle materiellen Bedingungen der Kinder-
aufzucht, gegen die Einwände ihrer Freunde und Verwandten, die
noch in Kategorien von persönlicher Bequemlichkeit denken, das
Kind auszutragen. (Auch dies wird als preisgekrönter deutscher
Jungfilm 1 + 1 = 3 dem entsprechenden Kinokneipen-Publikum zur
gefälligen Selbstbespiegelung präsentiert.) Während die Mitglie-
der des Proletariats ihrer staatlichen Pflicht nachkommen müssen,
entdecken die kritischen Stände in ebenderselben eine neue, all-
zulang vemachlässigte Chance der Selbstverwirklichung. Der SPIE-
GEL räumt das nur von ihm und seinen Geistesverwandten in die
Welt gesetzte Vorurteil, nur die Frau könne - und zwar qua Biolo-
gie - Kinder richtig aufziehen, aufwendig aus, berichtet von ei-
nem "Boom der Vater-Forschung" (11/80) und wundert sich ausgiebig
über das Resultat derselben, daß Kinder ihre Väter genauso gut
kennen und mögen wie ihre Mütter.
Für reaktionär gilt, wer den Müttern die drei großen K (Kinder,
Küche, Kirche) als den Bereich ihres Lebenssinns abverlangt, in
dem sie ihre Opfer für die Menschheit zu bringen haben; progres-
siv ist heute, wer dies den Vätern empfiehlt. Ein Kind zu machen
- man sollte doch meinen: eine leichte Sache - ist gerade in un-
serer Zeit der Kriegsgefahr eine Sache großer Verantwortung, also
Frage einer neuen Definition:
"Wir befinden uns gegenwärtig in einer Phase, wo Vaterschaft sich
neu zu definieren und inhaltlich aufzufüllen beginnt." (Spiegel)
Spießer-Glück der gebildeten Stände
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Endlich hat die Studentenbewegungsgeneration der heute 30-35-Jäh-
rigen den Gegenstand gefunden, an dem man sie ihr Verantwortungs-
gefühl bestätigen läßt. Hatte man sich erst für die ganze Gesell-
schaft verantwortlich gefühlt, wollte man die Demokratie mündig
machen, dann eine Perspektive im Beruf, schließlich in den per-
sönlichen Beziehungen, so hatte sich zum Leidwesen der zur Ver-
antwortung Bereiten stets herausgestellt, daß das vorgesehene Ob-
jekt der Verantwortung schon seine eigenen Gesetze und Verant-
wortlichen hatte. Die Demokratie blieb, was sie war, und mitma-
chen durfte nur, wer in die SPD ging; die Berufe wurden natürlich
brav ausgeübt, aber perspektivlos; und sogar die freie Gestaltung
der B e z i e h u n g e n hatte ihre Schranke darin, daß die
andere Seite auch einen Willen hatte.
Engagement ist nicht out - weil es so etwas verantwortungsloses
bei Lehrern, Richtern, Pfarrern usw. sowieso nicht gibt -, man
hat ihm nur einen anderen Bereich gewählt. Man leistet sich nicht
mehr die alte E i n b i l d u n g, die demokratische Herrschaft
hätte auf die Ideale der Studenten gewartet, sondern weiß heute,
daß sie auch ohne funktioniert und ist sich so sicher, daß alles
seine Ordnung hat, daß man sich darum nicht mehr kümmert. Der
Kampf um den Fortschritt der Humanität wird jetzt daheim geführt
- am eigenen Balg. Die kleine V e r a n t w o r t u n g ist ge-
genüber der eingebildeten großen für den Lauf der Welt aber we-
nigstens lohnend. Endlich hat der Mensch, was er schon immer
wollte, etwas, wo er nicht dagegen, sondern ganz und gar dafür
sein darf, wo er ein Opfer bringen kann, das ihm gedankt wird.
Das Engagement 'Kind' hat gegenüber allen anderen saueren Feldern
der gesellschaftspolitischen Ideale den großen Vorzug, daß das
Kind erst noch zu was gemacht wird, also noch nichts ist. Was
sich der junge Vater an Menschenbild einbildet, das kann er dem
Kind anerziehen. Er hat also endlich das richtige Objekt für
seine Menschenformungswünsche entdeckt - hier kann er, wenigstens
für einige kurze Jährchen, lieber Gott spielen; solange nämlich,
bis der Teddy bekanntgibt, daß er keiner ist und alles mögliche
will und wird, nur nicht das, was sich der Vater gerade ausge-
dacht hat.
Bis dorthin aber hat die Kinderaufzucht nur Vorteile: Daß man dem
Kleinen den Arsch ausputzt, bis er es selber kann, versteht sich,
daß man aber aus der Hilflosigkeit der Kleinen den tiefen Genuß
des G e b r a u c h t - w e r d e n s ziehen kann, ist in der
Vergangenheit wohl nur den lieben Muttis aufgefallen, jedenfalls
"rücken die jüngeren Familienväter näher heran", da sie "gewahr
wurden, daß sie sich, nicht zuletzt durch die Mann-Frau-Arbeits-
teilung, praktisch selbst ausgeschlossen hatten vom emotionalen,
einfühlsamen Umgang mit ihren Kleinkindern." (Spiegel 11/80)
Aber nicht nur die Liebe der Kinder ist billig und sicher zu ha-
ben, auch der Erfolg dieses Engagements kann gar nicht anders,
als sich einstellen: Kinder wachsen nun einmal auf. Daß der Ben-
gel nicht mehr in die Hosen scheißt, daß er laufen und 'papa' sa-
gen lernt, alles ist ein Erfolg des engagierten Vaters, bei dem
er nicht nur seine Leistung, sondern ganz nebenbei auch noch
seine Erbmasse bewundern kann.
So werden alle normalen, mühseligen und auch nervenaufreibenden
Banalitäten des Erziehungsgeschäfts zum Ereignis von Lebenssinn -
und wir können der glücklichen Intellektuellengeneration noch ein
ganzes Jahrzehnt von diesem Sinn prognostizieren, bis das zweite
Jahrzehnt des jungen Lebens ins Land geht, wo sich der Vater
ebensolange am Kind dafür rächen wird, daß es dieser Sinn nicht
mehr so einfach ist.
Einsatz für die Zukunft der Gesellschaft
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Die Kinder wachsen also reichlich heran, aber doch nicht eines
wie das andere. Die Kinder der arbeitenden Klasse sind ihren El-
tern eine selbstverständliche Last - und werden auch so behan-
delt. Sie lernen frühzeitig, daß man kuschen muß, schauen, daß
man irgendwie durchkommt und den Eltern nicht so lange auf der
Tasche liegen darf. Kurz: sie werden wieder Proleten.
Damit alles seine Ordnung hat, reproduziert sich auf der anderen
Seite ebenfalls die gesellschaftliche Stellung der Eltern als
Charakter der Kinder: Ein Kind, das der Sinn des elterlichen Le-
bens ist, merkt schnell die Wichtigkeit, die seiner noch ganz un-
bestimmten Persönlichkeit beigemessen wird. Es leistet sich Indi-
vidualität, und die besteht darin, sich die blöden Moralsprüche
und Lebensweisheiten der studierten Eltern anzueignen und Ver-
nunft auszuplappern, längst ehe es die Neigungen und Interessen
entwickelt, zu deren Zügelung die Moralsprüche erfunden wurden.
Altkluge Kinder, kleine bornierte Ekel, die schon früh merken,
wozu man diese Weisheiten allein brauchen kann! Kurz, aus diesen
Familien kommen junge Menschen heraus, die die besten Vorausset-
zungen dafür mitbringen, selbst wieder in die verantwortliche
Stellung aufzusteigen, von der aus die Väter ihr Bedürfnis nach
dem Sinn durchs Kind entwickelten.
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