Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK BESCHAEFTIGUNG - Vom demokratischen Arbeitsdienst
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Sozialreport III
DIE ARBEITSLOSEN
WARUM ES SIE GIBT UND WOFÜR SIE ALLES GUT SIND
Ein Arbeitsloser gehört zu jener gesellschaftlichen Menschengat-
tung, die durch Arbeit Geld verdient. Als Lohnabhängiger ist er
seiner einzigen Verdienstquelle beraubt, weil kein wirtschaftli-
ches Interesse an seiner Arbeit besteht. Mag er auch noch so auf
Verdienst angewiesen und zur Arbeit bereit sein; es liegt ganz
beim Unternehmer, ob und zu welchen Bedingungen er wieder be-
schäftigt wird. Allein hierzulande zählt man offiziell mehr als 2
Millionen, in der EG über 10 Millionen... und behauptet, sie
seien
"Das gesellschaftliche Problem Nr. 1"
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Soweit kann es damit nicht her sein. Denn mit dem "Problem" leben
die einschlägigen "Gesellschaften" schon seit Jahrzehnten, wächst
der Reichtum unablässig, nimmt die Politik ungerührt ihren Gang!
Man kann die Arbeitslosen nicht einfach mit durchfüttern, weil
z u w e n i g p r o d u z i e r t wird, heißt es einerseits.
Sie sind nicht zu beschäftigen, weil sie i n d e r
P r o d u k t i o n n i c h t g e b r a u c h t werden, hört
man andererseits. Eine schöne Logik! Wenn es ums Produzieren
nützlicher Dinge ginge, könnten die Unterbeschäftigten den Be-
schäftigten, die viel zuviel zu tun haben, doch gut Arbeit abneh-
men und alle zusammen mehr zuwege bringen. Und was das
"Durchfüttern" angeht: Eine Menge, Leute mit ehrenwertem Beruf,
der zwar Arbeit heißt, aber keine ist, leben nicht schlecht vom
gesellschaftlichen Reichtum: Unternehmer, Politiker, Militärs,
Künstler, Pfaffen... "K n a p p" erscheinen die G ü t e r nur
dann, wenn die Gewinnansprüche der Wirtschaft und die Finanzbe-
dürfnisse des Staates vor jeder "Verteilungs"diskussion für un-
verzichtbar gelten; "z u w e n i g A r b e i t für alle" gibt
es nur dann, wenn nicht die Konsumtions- und Freizeitbedürfnisse
derjenigen gelten, die sie leisten, sondern die Geschäftsinteres-
sen der Arbeitsanwender.
Das Kapital schafft Arbeitslose
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Für diese Anwender von Arbeitskraft ist es überhaupt kein Pro-
blem, einen Teil der Arbeiterschaft so viel wie möglich, einen
anderen Teil aber überhaupt nicht arbeiten zu lassen. Im Gegen-
teil, genau das ist eine goldende Grundregel jedes konkurrenzfä-
higen Geschäfts. Das produziert nämlich mit möglichst niedrigen
Stückkosten. Die sinken, wenn produktiver und intensiver gearbei-
tet wird. Moderne Arbeitsplätze zeichnen sich deshalb durch einen
immer größeren Einsatz von teurer Maschinerie aus, die den Unter-
nehmern Kosten sparen soll, Lohnkosten nämlich. Aus diesem Grund
ersparen Maschinen nicht den Arbeitern Arbeit, sondern machen Ar-
beiter überflüssig, indem mit ihnen die Arbeitsleistung gestei-
gert wird. Aus diesem Grund müssen andererseits Arbeiter rund um
die Uhr zur Bedienung der teuren Maschinerie bereitstehen; und
aus diesem Grund ist jede Erleichterung der Arbeit ein Argument
für ihre Intensivierung und Verbilligung. Erst durch den entspre-
chenden Einsatz der Arbeiter wird die Anwendung der Maschinerie
ja so richtig lukrativ. Das Ergebnis erfolgreicher Konkurrenz
heißt also: mehr Leistung für weniger Geld für die einen; Entlas-
sung für andere; Vernichtung von Arbeitsplätzen bei den Konkur-
renten, die entsprechende Anstrengungen unternehmen oder zu La-
sten der Belegschaft aufgeben. Das Ergebnis ist also ferner, daß
nun ein Arbeitsplatz immer mehr Kapitalaufwand erfordert und im-
mer mehr Gewinn abwerfen muß, sonst "gibt" es ihn nicht. Und
schließlich stehen die überzählig Gemachten als Reserve in Be-
reitschaft und befördern damit Fleiß und Billigkeit der Beschäf-
tigten.
So also sorgen die "Arbeitgeber" mit der Anwendung der Arbeiter-
schaft für das "gesellschaftliche Problem Nr. 1".
Der Sozialstaat verwaltet die Arbeitslosen
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Die Politiker haben nicht nur alle nötigen Freiheiten des Eigen-
tums und seiner Benutzung gesetzlich geregelt; sie rechnen auch
mit den entsprechenden Folgen: einer dauernden Zahl von Arbeits-
losen, die mittellos sind. Wie bei den anderen Fährnissen des
Lohnarbeiterlebens müssen die Arbeiter sich dagegen versichern:
Sie zahlen laufend, und zwar soviel, wie der Staat beschließt;
andererseits entscheidet der auch darüber, wieviel Geld sie be-
kommen, wenn der Fall eintritt. Dabei hat er sich zu dem staats-
dienlichen Grundsatz verpflichtet, um so mehr zu kassieren und um
so weniger zu zahlen, sowie die Auflagen um so härter zu machen,
je mehr und je länger die Arbeiter auf diese Zahlungen angewiesen
sind. Der Staat läßt Beschäftigte und Unbeschäftigte dafür zah-
len, daß ein Teil der Arbeiterschaft überflüssig gemacht wird,
und sorgt dafür, daß ihre Dienstbarkeit erhalten und ihre Dienst-
bereitschaft auch zu schlechterer Arbeit garantiert bleibt. So
regeln die politischen Herren das "gesellschaftliche Problem Nr.
1"!
Soweit gibt es also g a r k e i n e P r o b l e m e. Diejeni-
gen, welche die Arbeitslosen selber haben, zählen ja nicht. Damit
müssen sie selber fertig werden.
"Das Problem der Arbeitslosigkeit" - eine nützliche Erfindung
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Ganz anders sieht das aus, wenn öffentlich über "das gesell-
schaftliche Problem Nr. 1, die Arbeitslosigkeit", debattiert
wird. Da steht alles Kopf. Plötzlich sind Fabrikherren, Sozial-
staatsverwalter, Arbeitslose und Beschäftigte allesamt Betroffene
eines gesellschaftlichen Mißstands, des Mangels an Beschäftigung.
Und gemeinsam sind sie aufgerufen, diesen Mißstand zu bekämpfen -
die einen natürlich als Arbeiter, die anderen als Arbeitsanwender
und politische Verwalter, jeder durch die Erfüllung eines gemein-
schaftsdienlichen Auftrags.
- D i e A r b e i t s l o s e n erfahren unverblümt, daß sie
weniger Probleme haben als vielmehr ein Problem sind, für die Ge-
sellschaft nämlich, weil sie ihrer Bestimmung, zu arbeiten, nicht
gerecht werden. Das Bedauern über den fehlenden Lohn mündet um-
standslos in die Aufzählung der Schäden, die das große Ganze
durch die fehlende Benutzung der Arbeitskraft angeblich erleidet:
entgangene Profite, verringerte Staats- und Versicherungseinnah-
men, höhere Kosten für nutzlos brachliegende Produktivkraft, das
sind die eigentlichen Verluste. Den Arbeitslosen wird das Recht
auf Arbeit gleich in Form versäumter Pflichten attestiert: Arbei-
ten, Zahlen und nichts kosten, das ist die soziale Bestimmung ei-
nes Arbeiters, der die Arbeitslosen nicht nachkommen, weil sie
nicht benutzt werden. Und wer nicht dient, der hat auch nichts
verdient!
- Die Beschäftigten umgekehrt erscheinen als ausgemachte Glücks-
pilze, weil sie sich um Profit und Staatskasse verdient machen
dürfen und dafür auch was verdienen. Dieses Glück will extra ver-
dient sein. Nach der Logik vom knappen Gut Arbeitsplatz sind die
vom Kapital angewandten Arbeitskräfte nämlich ein Hindernis für
die Beschäftigung der Arbeitslosen, weil sie im "Besitz" eines
der kostbaren Arbeitsplätze sind und weil sie den Unternehmern
Kosten verursachen. Dem Lob der Arbeitsplätze folgt daher die
Aufzählung all dessen auf dem Füße, was einem Arbeiter sein kost-
barer Besitz wert sein muß - die Einschränkung von Ansprüchen an
Arbeit und Lohn nämlich, die Verbilligung des Preises der Arbeit,
die Unternehmer und Staat praktisch besorgen. Jede Kritik daran
gilt als "Klassenkampf" - der Beschäftigten gegen die Unterbe-
schäftigten.
- D i e U n t e r n e h m e r erfüllen mit der Vermehrung ihres
Reichtums einen menschenfreundlichen Dienst: Sie benutzen nicht
Arbeitskräfte, sondern sind "Arbeitgeber" und versorgen die Ge-
sellschaft mit Arbeitsplätzen: "Hier entstehen x Arbeitsplätze",
werben da Banken mit Geschäftsneubauten, und Baufirmen preisen
ihr Geschäft mit Werbetafeln an: "Hier werden für zwei Jahre x
Arbeitsplätze gesichert." Wenn erst einmal der Profit als einzi-
ges und einzigartiges Mittel für Beschäftigung gilt und nicht um-
gekehrt, dann beweisen die Arbeitslosen, daß die Wirtschaft sich
in Schwierigkeiten befindet. Der Profit kann noch so steigen, er
ist immer noch zu niedrig - um zu beschäftigen. Also muß man ihn
befördern. Nach dieser absurden Logik sind alle Geschäftsmetho-
den, die die Arbeit ungemütlicher und Arbeiter überflüssig ma-
chen, die einzigen Mittel zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit:
Rationalisieren, mit weniger Arbeitern mehr Arbeit flüssig machen
und andere entlassen, das dient einzig und allein dem Erhalt von
Arbeitsplätzen. Im Zweifelsfall hilft die Vorstellung weiter, es
hätten ja noch mehr entlassen werden können; dann sind sogar et-
liche tausend Entlassungen ein Dienst an der Restbelegschaft. Die
härtesten Konsequenzen der Lohnabhängigkeit sollen nach dieser
Sichtweise den besten Grund abgeben, sich völlig der Unternehmer-
kalkulation auszuliefern. Das heißt dann "Realismus".
- D e r S o z i a l s t a a t ist das eigentliche Opfer der Ar-
beitslosigkeit, weil ihm Steuern entgehen und Kosten entstehen.
Zugleich erwächst ihm eine neue schwere Verantwortung. Im Nach-
hinein immer unschuldig an den Arbeitslosen, muß er im Blick nach
vorn für mehr Beschäftigung sorgen. Wenn er Unternehmer subven-
tioniert und gesetzlich beim Rationalisieren unterstützt, bemüht
er sich um den Abbau der Arbeitslosigkeit. Wenn er den Kündi-
gungsschutz lockert, härtere Arbeitsbedingungen für junge und äl-
tere Arbeiter erläßt und den Unternehmern neue Freiheiten ge-
währt, dann beseitigt er Beschäftigungshemmnisse, fördert Ausbil-
dungs- und erhält Arbeitsplätze. Wenn er mehr Beiträge und Steu-
ern kassiert und davon Arbeitslosen, Rentnern und Kranken weniger
auszahlt, dann leidet er unter steigenden Lasten, verhindert Miß-
brauch, sorgt für Gerechtigkeit und stellt in aller Interesse
seinen Haushalt wieder auf eine solide Basis. Der wirkliche Er-
folg dieser Maßnahmen - sinkende Löhne, konsolidierte Arbeitslo-
senzahlen und eine wachsende Zahl von Sozialfällen auf der einen
Seite; steigende Profite, ein wachsender Staatshaushalt mit immer
größeren Militärausgaben und zunehmender Verschuldung auf der an-
deren Seite - gilt allenfalls wieder, "kritisch" begutachtet, als
immer noch nicht gelungene Lösung des angeblichen gesellschaftli-
chen Problems. Solche Fortschritte sind daher der untrüglichste
Ausweis dafür, daß diese menschenfreundlichen Bemühungen unbe-
dingt fortgesetzt werden müssen - ohne Versprechen auf baldige
Änderung allerdings.
Das Einklagen der Benutzung, von der ein Lohnarbeiter abhängig
ist, erweist sich so als ein einziges
Armutsprogramm.
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Die Debatten über die Schäden, die dem großen Ganzen aus der Ar-
beitslosigkeit angeblich erwachsen, sind ein Bekenntnis zum be-
schlossenen Verarmungsprogramm. Jeder Vorschlag zur Lösung des
beschworenen gesellschaftlichen Problems führt unweigerlich auf
die Interessen zurück, die Unternehmer und Politiker geltend ma-
chen und als Sachzwänge durchsetzen. Kein Wunder, daß Gewinne,
Preise, Steuern, Staatsschulden, Arbeitsleistung steigen; kein
Wunder, daß die Löhne, Renten, Kranken- und Arbeitslosengelder
sinken - nur die Arbeitslosenzahlen nicht.
Die Wissenschaft
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hat sich auch darum verdient gemacht, die Arbeitslosen in ein be-
dauerliches menschliches und ein höheres drängendes gesellschaft-
liches Problem umzudenken. Im Hinblick auf ersteres rückt sie den
Problemfällen mit psychologischem Rat zu Leibe:. Nur nicht die
rechte Einstellung verlieren, wenn man schon keine Anstellung
hat; Einkommensverluste kann man ja verschmerzen, den Verlust des
Selbstvertrauens nie; schließlich muß man sich brauchbar halten,
wenn man schon nicht gebraucht wird. Das zweite Problemfeld
beackert die Soziologie mit so erlesenen Fragestellungen wie:
Geht de Arbeitsgesellschaft die Arbeit aus? Oder droht die totale
Freizeitgesellschaft? Welcher Wertewandel hat sich in der
Arbeitswelt vollzogen? Sind die Grenzen des Sozialstaates
erreicht? Die Besorgnis um das Funktionieren unserer schönen
Ordnung und der Opfer in ihr beflügelt die Phantasie der
geistigen Verantwortungsträger mit lauter möglichen
Problemlösungen. Sowas heißt dann: praxisorientierte Wissenschaft
nimmt Stellung zu aktuellen Problemen.
Die Gewerkschaft
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tritt als der entschiedenste Anwalt einer Lösung des unerträgli-
chen Problems der Arbeitslosigkeit auf:
- Wo Unternehmer entlassen, rechnet sie ihnen die brachliegende
Produktiv- und gesunkene Kaufkraft vor, ermahnt sie, den Auf-
schwung nicht zu verpassen und ihre Managerpflichten nicht zu
vernachlässigen - und unterschreibt gleichzeitig die Entlassun-
gen, weil nur so die Konkurrenzfähigkeit und damit Arbeitsplätze
zu retten seien.
- Wo der Staat Konkurrenzerfolg nach Kräften unterstützt und die
sozialen Folgen billig regelt, rechnet sie ihm vor, was er an Ar-
beits- und Zahlungsmoral alles brachliegen läßt und wie teuer die
unproduktiven Kosten ihn kommen. Gegnerschaft kennt sie nur auf
dem Felde des volkswirtschaftlichen "Sachverstandes", wo es um
die fiktiven Rechnungen von Wirtschaftswachstum und Beschäftigung
geht. In der Tarifrunde setzt sie sich nicht gegen die Umstände
der Beschäftigung und ihre laufende Verschlechterung zur Wehr,
sondern macht einen idealistischen Streit um die Verteilung der
knappen Arbeit an alle zur Lohnarbeit Berufenen auf und macht
sich damit für die Benutzung jeder Arbeitskraft stark: "35-Stun-
den-Woche für mehr Arbeitsplätze". Dabei nimmt sie den Grundsatz,
daß sich Beschäftigung für die Arbeitsanwender lohnen muß, gleich
in ihre Streitposition mit auf. "Kostenneutral" soll die Arbeits-
zeitverkürzung sein. Lohnsenkung, Leistungssteigerung, freie Ein-
teilung der Arbeitszeit heißt das ziemlich offene Angebot, das
sie den Unternehmern aus volkswirtschaftlicher Alternativverant-
wortung macht. Solidarität mit den Arbeitslosen, Opfer für den
Erhalt von Arbeitsplätzen und die Beschäftigung aller, heißt ihre
Forderung an die eigene Mannschaft.
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