Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK BESCHAEFTIGUNG - Vom demokratischen Arbeitsdienst
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Berufliches Fortbildungszentrum
DIE UNTERNEHMER ZEIGEN IHRE SOZIALE ADER
Über zwei Millionen Arbeitslose. Leider müssen wir auf längere
Sicht mit ihnen rechnen. Und wer hat sie entlassen? Die Abeitge-
ber. Es blieb ihnen ja nichts anderes übrig wegen internationaler
Konkurrenz, Erhöhung der Produktivität, dringend notwendiger Ra-
tionalisierung, Überkapazitäten etc. Wo "Sachzwänge" dieser Art
als Entschuldigung akzeptiert werden und die wichtigste Aufgabe
der Kapitalisten weiterhin nicht in der Profitmacherei, sondern
im Arbeitgeben gesehen wird, pflegen diese ihr öffentliches Image
und übernehmen gerne die Verantwortung:
"Wir stellen uns der sozialen Verantwortung für eine gesicherte
Zukunft. Die Arbeitgeberverbände Bayerns wollen einen Beitrag zur
Behebung der Arbeitslosigkeit leisten... Wir beheben Qualifikati-
onsengpässe.... geben Schwächeren eine Chance."
Als Ankündigung, die gerade Rausgeworfenen wieder einzustellen,
ist dieses heuchlerische Verantwortungsgetue natürlich nicht miß-
zuverstehen. Hier reden Leute. die wissen, daß es auf sie an-
kommt, und die sich nichts vorwerfen lassen wollen. Schon gleich
gar nicht die über zwei Millionen, die sie von ihren Lohnlisten
gestrichen haben. Das war nämlich für eine "gesicherte Zukunft".
Dafür wollen sie auch noch öffentlich gelobt und beklatscht wer-
den als Wohltäter für die arbeitslose Menschheit. Die muß sich
vorhalten lassen, daß sie nichts gelernt und insofern nichts für
eine gesicherte Zukunft getan hat. Als wenn Kapitalisten selbst
nicht mehr wüßten, warum sie entlassen, kommen sie mit dem zyni-
schen Vorschlag daher: Wir wissen schon, was euch fehlt, weswegen
wir euch damals entlassen mußten und was jetzt eine Einstellung
verhindert: mangelhafte Qualifikation. Zwar ist noch kein Ge-
schäft nicht gemacht worden, weil die Unternehmer händeringend
nach Arbeitskräften suchen und dabei auf 'Engpässe' gestoßen
sind. Aber zur Imagepflege ist die Forderung nach Qualifikations-
programmen für Arbeitslose allemal gut: Man tut was für sie.
"In den ersten vier Wochen wird für jeden im Gespräch abgeklärt:
Was haben sie bisher gemacht? Was sind ihre beruflichen Interes-
sen und Erfahrungen, Stärken und Schwächen? Dann folgen je 3 x im
Wechsel 12-14 Wochen Praktikum im Betrieb und zwei Wochen Unter-
richt... Zeigt sich, daß ein anderer Beruf besser ist, wird das
Programm des Teilnehmers umgestellt... Der Schwerpunkt liegt
stets im Betrieb, beim Lernen am Arbeitsplatz... die Kosten trägt
das Arbeitsamt... die Teilnehmer bekommen Unterhaltsgeld..."
Eine gute Sache, dieses Qualifikationsprogramm für Unternehmer
mit sozialer Verantwortung: Gut ein halbes Jahr einen Gratisar-
beiter, der von der Arbeitslosenversicherung gezahlt wird und der
"am Arbeitsplatz" beweisen kann, ob er bedingungslos tauglich
ist. Ob er dann eine "Chance" bekommt, hängt sicher nicht von der
auf diese Weise erworbenen "Qualifikation" ab - er hat halt ganz
einfach gearbeitet -, sondern davon, ob sich sein Einsatz fürs
Geschäft lohnt, also von der "gesicherten Zukunft" - des Be-
triebs.
Das ist sie, die "Chance" für die "Schwächeren" - ein Spitzenpro-
dukt deutschen Unternehmertums.
Da kennen Unternehmer nichts. Für die Verbreitung einer Lüge sind
sie sogar bereit, Werbekosten zu zahlen. Die freche Lüge ist die,
daß Kapitalisten und Lohnabhängige der Metallindustrie an einem
gemeinsamen Strang zögen: die gleichen Ziele, die gleichen
Schwierigkeiten! Noch frecher als der Unsinn, daß "Mitarbeiter
u n d Unternehmer" gleichermaßen "gefordert" seien, ist aber,
daß sie die erfundene Gemeinsamkeit selbst wieder dementieren.
Erst beschweren sie sich über Lohnerhöhungen und Arbeitszeitver-
kürzungen, wohl weil 'wir Metaller' alle von unseren Gewinnen le-
ben, oder? Dann sagen sie, was nicht "wir", sondern sie brauchen:
- "modernste technische Anlagen" - Seit wann sind denn Rationali-
sierungen nicht mehr dafür da, die Arbeit intensiver zu machen
und Arbeitsplätze abzubauen, sondern ein Mittel der Arbeitnehmer?
- "erstklassige Produkte" - Wer muß die denn eigentlich für wenig
Lohn erarbeiten?
- "flexible Arbeitszeiten" - Haben das etwa die Lohnabhängigen
verlangt, nach Bedarf des Betriebs antreten zu wollen, Tag und
Nacht und an den Wochenenden?
Und das alles noch unter dem Ziel "Arbeitsplatze sichern!" ver-
kaufen. Ein starkes Stück Unternehmertum!
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