Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK BESCHAEFTIGUNG - Vom demokratischen Arbeitsdienst
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Lehrstellenaktion '87:
MÖLLEMANN MACHT MOBIL
Die Kommentare, die die zuständigen Politiker dieses Jahr zur
"Lage auf dem Lehrstellenmarkt" losgelassen haben, strotzen vor
Selbstzufriedenheit. Nachdem sie die Beteiligten in den letzten
Jahren daran gewöhnt haben, daß auch Neuanfänger im Beruf Lohnar-
beiter noch vor dem ersten Handschlag für mehr oder minder über-
flüssige Kostgänger erklärt werden, fahren sie jetzt die Ernte
des "Lehrstellenproblems" ein. Ein Erziehungsminister Möllemann
beispielsweise sieht den Grund dafür, daß immer noch mehr Nach-
frager nach Lehrstellen da sind als Anbieter, im wesentlichen
darin, daß Nachfrager und Anbieter zuweit auseinander sind. Um
diesen Grund zu beseitigen, bietet er staatliche Hilfe an:
"Einen wesentlichen Beitrag zum Abbau der regionalen Probleme
verspricht sich der Minister von den finanziellen Unterstützun-
gen, die nach dem Arbeitsförderungsgesetz - insbesondere bei aus-
wärtiger Unterbringung von Lehrlingen - möglich sind. Er griff
dabei einen schon früher von der FDP gemachten Vorschlag auf,
Kolping-Häuser und Jugendherbergen für Auszubildende zu öffnen,
die außerhalb ihres Heimatortes Beschäftigung suchen. Ein
gesondertes Programm zur Unterstützung der "Mobilität" lehnte
Möllemann hingegen ab. Die Hälfte aller Berufsneulinge würde äl-
ter als 18 Jahre sein, somit durchaus fähig sein, aus eigener
Kraft Mobilität zu zeigen." (Süddeutsche, 1.9.87)
Der Minister findet also Verhältnisse vor, die ihm sehr behagen:
Das rasante Überangebot an Lehrstellensuchern hat die schöne Wir-
kung gebracht, daß es als Selbstverständlichkeit gilt, einmal-
längs-durch-die-Republik als Arbeitsweg in Kauf zu nehmen, um an
die bloße Voraussetzung dafür zu kommen, irgendwann einmal einen
Arbeitsplatz zu "haben". Und weil das Lehrstellensucher - er-
zwungenermaßen - tun, ist der Herr Minister so frei, ihnen dies
gleich als Forderung nach dem Motto "jung = ungebunden und an-
spruchslos" an die Wanderschuhe zu hängen. Mit 18 ist man eben
ein fertiger Staatsbürger und hat es zu beherrschen, seine priva-
ten Kalkulationen etwa mit Lage und Art der Lehrstelle immer als
nachgeordnete (= zu vernachlässigende) Größe zu handhaben.
Sein Vorschlag, "Kolping-Häuser und Jugendherbergen für Auszubil-
dende zu öffnen", ist deshalb auch die passende Frechheit zu dem,
worauf seine Hilfsbereitschaft beruht: Lehrlinge sind schließlich
keine Verdiener. Ihre Einnahmen sind nicht auf ein Lohnar-
beiterdasein "berechnet", sondern taugen als Beitrag zu Kost und
Logis bei Muttern, die mit Unterbringung und Beaufsichtigung ih-
rer Sprößlinge ihrem restlichen Erziehungsauftrag nachkommt.
Daß Lehrlinge und ihre Eltern sich die Finanzierung auswärtiger
Unterbringung gar nicht leisten können (und sie den Lehrherrn na-
türlich nicht in Rechnung gestellt werden soll ...), an ihrer Ar-
mut also will der Minister Möllemann eine Armutskarriere nicht
scheitern lassen. Das Feldbett im Schlafsaal bei Kolpings - Zap-
fenstreich um halb elf! - ist doch die passende Umgebung, um eine
"sinnvolle Freizeit" in Ergänzung zur erzieherischen Wirkung der
Arbeit zu verbringen.
Sehr sozial gedacht, Herr Minister! Am Dach überm Kopf und an der
erzieherischen Begleitung soll es schließlich nicht scheitern,
daß der Arbeiternachwuchs das Arbeiten lernt.
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