Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK BESCHAEFTIGUNG - Vom demokratischen Arbeitsdienst
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Stichwort
NEUE ARMUT
Die "neue Armut" ist ein mittlerweile in 8 Jahren ergrauter
"Skandal", der alle Aussichten hat, ein Evergreen zu werden. Hei-
ner Geißler hatte ihn 1976 eigens zu den Bundestagswahlen
"entdeckt", als die Sozis noch für die Sozialpolitik verantwort-
lich zeichneten, die er mit seinen christlichen Freunden nun sel-
ber macht: Etwa 6 Millionen Arme sollten bis dato nicht ordent-
lich registriert worden sein - und doch mitten in "unserer Wohl-
standsgesellschaft" leben. Wie konnte das passieren? Erstauntes
Kopfschütteln, daß die sich so lange verstecken konnten.
Die erste Verwunderung ist heute dem routinierten Abspielen der
Platte gewichen, daß
"Leid, Unglück, Krankheit, auch die neue Armut ein Teil des Le-
bens sind".
Ein höchst problematischer Teil, gewiß; denn als
e i g e n t l i c h B e t r o f f e n e "muß unsere Gesell-
schaft mit der Armut leben." Allerlei sorgenvolle Theorien haben
sich inzwischen der Leiden dieses eingebildeten kranken Subjekts
angenommen und schon dadurch demonstriert, voll auf der Höhe des
"sozialen Geistes" zu sein, den sich Politiker als T i t e l
für ihre jedem Zweifel enthobene Verwaltung der Armut zugelegt
haben. Hier ein paar Grundmuster aus der Pathologie des "sozialen
Wesens" der Gesellschaft.
1. Die Krankheit ist außerordentlich tückisch, nicht etwa weil
der Befund schwerwiegend wäre, sondern weil sie sich einfach
n i c h t z e i g t: "Die neue Armut ist unsichtbar, sie zeigt
sich nicht in den Straßen."
2. Es gibt das zum Phantom verrätselte Ding tatsächlich, sonst
könnte man ja gleich die Beschäftigung mit ihm wieder einstellen.
Man muß es nur s e h e n w o l l e n! Ein paar "Überlegungen
zum Armuts-Begriff" - und schon entspringt aus Sichtweisen ein
veritabler Gegenstand:
"Armut bezeichnet... das, was als Grenzfall der Existenzsicherung
in einer Gesellschaft definiert wird."
3. "Armut" ist A n s i c h t s s a c h e, weshalb sich über sie
"als Selbst- oder als Fremdeinschätzung" mit reichem Ertrag spe-
kulieren läßt:
"Wo fängt das Verhungern an? Sobald man nichts mehr zu essen hat,
sobald man zu wenig zu essen hat, sobald man nicht genügend zu
essen hat etc.?"
Das sind die Feinheiten einer wissenschaftlich geführten Küche.
4. Das eigentliche Problem "der Gesellschaft" ist damit die
s u b j e k t i v e E i n s t e l l u n g zur "Lebenslage":
"Scham, so könnte die Diagnose lauten, übergroße Anstrengung, den
Arbeitsverlust, die Krankheit, den plötzlichen sozialen Abstieg
zu verbergen, lösten die Krankheit... aus. Neue Armut nennt man
das Phänomen."
5. Mit ihrem schwächlichen Charakter ("mentale Verelendung") ge-
fährden die Armen nicht nur sich selbst, sondern vor allem auch
das Auskommen der Gesellschaft mit ihnen. Und das, wo doch
"die bisherige Sozialpolitik... die Mangellagen beseitigt (hat),
die sich aus dem Arbeitsleben ergeben..."
Politologisch gesehen ein Unding. Aber so sind die Menschen!
6. Soziologisch betrachtet ist die "soziale Ordnung" gefährdet,
die es mit den Armen so gut meint, daß sie für diese extra einen
sinnvollen Platz in der "Sozialhierarchie" vorgesehen hat:
"Die Leistungsgesellschaft braucht Armut als Schreckgespenst...
Das Leben an der unteren Sozialhierarchie ist ein konstitutiver
Bestandteil dieser Gesellschaft, notwendig negativer Pol einer
Leistungsgesellschaft... Erwerbsarbeit kann nur dann als vorherr-
schende Subsistenzform durchgesetzt werden, wenn Nicht-Arbeit
deutlich mit Einschränkungen des Lebensstandards verbunden ist."
Na, dann her mit den Kürzungen im Sozialbereich! Mit diesem
"Schreckgespenst" hält sich eine ansonsten faulenzende Menschheit
geschickt selbst auf Trab. Klar, daß die Armen dabei ordentlich
mitspielen müssen: Sich vor "Scham" in "Isolation" zu begeben,
das ist kein kluger Beitrag. Eher schon, in Sack und Asche an der
Ecke zu stehen und ein nettes "Dankeschön" sagen.
7. Letztendlich ist der ganze S i n n d e r A r m u t in
Frage gestellt, "uns allen" ein "reiches Leben" in der
"Selbstverständlichkeit des Helfens" zu gewähren - und das nicht
nur zur Weihnachtszeit, nein, auch zu Zeiten, wenn's nicht
schneit. H i l f s b e r e i t s c h a f t ziert schließlich
eine Gesellschaft immerzu, die immerzu Anlässe zur Hilfe
s c h a f f t. Also lassen "wir" "uns" die Hilfe nicht verunmög-
lichen!
8. Die T h e r a p i e ist damit schon eingeleitet: Der im Ge-
ruch der Armut lebende Teil der Bevölkerung, insbesondere der ar-
beitslose, sollte endlich ein verantwortungsvolles Bewußtsein für
die "Probleme" entwickeln, die e r "der Gesellschaft " auf-
halst. Die Wissenschaft steht bereit, den "Betroffenen" der
"Krise" eine "sozialsensible, die Problematik erkennende Haltung"
erst einmal beizubringen. Diesen empfindungslosen Geschöpfen geht
es leider nie so dreckig, daß sie gleich wüßten, wie sie sich in
ihr Los "sozial sensibel" zu schicken hätten:
"Trotz der starken Krisenbetroffenheit, die verbreiteter ist, als
oft angenommen wird, vollzieht nur ein Teil der Arbeiter die ob-
jektive Betroffenheit subjektiv nach."
Am besten ist, den "subjektiven Faktor" im "Rahmen einer Theorie
der Gesellschaft", auf Vordermann zu bringen, geht es doch darum
"zu kapieren, daß man diese Krise gemeinsam meistern kann".
Die "Betroffenen" schön "solidarisch" in der Scheiße der "neuen
Armut" - so möchte es die Wissenschaft im "sozialen Geist" Heiner
Geißlers gern geregelt oder zumindest betrachtet haben. So können
sich auf alle Fälle die Nichtbetroffenen am Ideal einer menschen-
freundlichen Sozialpolitik erbauen. Damit ist der eigentliche
"Problemfall", die "G l a u b w ü r d i g k e i t der Sozialpo-
litik", die da "auf dem Spiel stehen" soll, seiner gerechten Lö-
sung zugeführt worden.
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