Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK BESCHAEFTIGUNG - Vom demokratischen Arbeitsdienst
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ARBEITSLOSIGKEIT
Demokraten sind sozial denkende Menschen. Arbeitslosigkeit halten
sie für ein Übel. Auf dieses Übel angesprochen, pflegen sie ener-
gisch zu beteuern: "Damit dürfen wir uns nicht abfinden." Gele-
genheit zu solchen Bekenntnissen gibt ihnen der Arbeitsmarkt der
Bundesrepublik seit Jahren reichlich. Seit der ersten Million -
bei so markanten Zahlen ist dann von echter Massenarbeitslosig-
keit die Rede - finden sich Politiker, Gewerkschaftler und Jour-
nalisten öffentlich nicht damit ab. Jede angekündigte oder
vollzogene Entlassung ist eine Herausforderung für sie; und immer
landen sie bei der radikalen Forderung, jetzt und schon längst
müsse gehandelt werden. Der Konsens in dieser Frage ist erstaun-
lich. Gott und die Welt sind der Überzeugung, daß Arbeitslosig-
keit gebremst, vermindert und eigentlich ganz weg gehört.
Demokraten sind aber auch vernünftig und realistisch. Das heißt,
sie prüfen ihre Wünsche und unverzichtbaren Anliegen auch, und
zwar an den Erfordernissen der Praxis. Sie halten sich an das Ma-
chbare und Mögliche, anerkennen also auch Notwendigkeiten, wo im-
mer sie welche antreffen. Daß ein Unternehmen bei Verlusten, ein-
gefahrenen oder drohenden, wegen Exportrückgang oder sinkendem
Dollar, nicht einfach Leute bezahlen und arbeiten lassen kann,
leuchtet ihnen ein. Wo kein Geschäft geht, ist "Beschäftigung"
nicht drin. Umgekehrt muß die "Beschäftigung" natürlich so bemes-
sen sein, daß sie auch ein Geschäft garantiert. Denn ohne Ge-
schäft keine "Beschäftigung". Realistische Menschen wissen eben,
welche "Sachzwänge" die Welt regieren. Nur deswegen finden sie
sich dann auch mit der Arbeitslosigkeit ab. Zähneknirschend und
allzeit bereit, die Opfer zu beklagen und zu bemitleiden,
"resignieren" sie vor den inzwischen zwei oder drei Millionen Ar-
beitslosen.
Demokraten sind unehrliche Leute. Sie betören ihre Umwelt mit dem
moralischen Auftrag entschlossen gegen die Arbeitslosigkeit vor-
zugehen. Und gleichzeitig bekunden sie, daß die Erfüllung dieses
Auftrags wohl scheitern m u ß: nämlich an den Notwendigkeiten,
die mit den Grundrechnungsarten der freien Marktwirtschaft nun
einmal in Kraft sind. So gerne sie ihr Bedauern und ihre
"Betroffenheit" und ihr Entsetzen über die Massenarbeitslosigkeit
zur Schau stellen, so sachkundig geben sie sich in ihrem Respekt
vor den Kalkulationen, die ihres Wissens Arbeitslosigkeit unver-
meidlich machen.
Demokraten stehen nicht an, aus den Arbeitslosen Werbeträger für
ihre g u t e n A b s i c h t e n zu machen, deren Scheitern
sie haargenau d e m S y s t e m anlasten, das sie befürworten.
Ein abschreckendes Muster demokratischer Kritik
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Arbeitslose vermehren sich auf denkbar einfache Weise. Immer wie-
der vermeldet ein Unternehmen, daß das Arbeiten seiner Beleg-
schaft, insgesamt oder teilweise, nicht mehr rentabel ist. Wenn
die Entlassungen mit roten Zahlen begründet werden, melden sich
garantiert gestandene Gewerkschaftler, aber auch "Bild"-Zeitung
und "Handelsblatt" zu Wort. Sie klären die Schuldfrage, bezichti-
gen die Unternehmensleitung ernster Fehler und ernennen die fri-
schen Arbeitslosen zu O p f e r n d e s "M i ß m a n a g e-
m e n t s".
Mit diesem Vorwurf tun sich besonders Betriebsräte im Namen der
Kollegen lautstark hervor. Sie wissen sich, soviel haben sie von
der Demokratie mitgekriegt, als Arbeitnehmervertreter zur Kritik
berechtigt; selbstverständlich sind sie gegen die Kündigungen,
weil sich ein entlassener Kollege eben eindeutig schlechter
stellt als ein verdienender. Dieser Tatsache entnehmen sie aller-
dings sogleich den Leitfaden für ihren Protest. Der geht auf in
dem Anspruch auf "Beschäftigung" - und für dessen Erfüllung ist
bzw. wäre schließlich der Betrieb zuständig. Daß er dieser
Pflicht bisher nachgekommen ist, jetzt aber nicht mehr, verrät
den Fehler: Wenn bis gestern die Kalkulation des Unternehmens so
erfreulich mit dem Interesse an "Beschäftigung" harmoniert hat,
jetzt aber das Geschäft die Indienstnahme der Arbeiter nicht mehr
"erlaubt", dann hat sich die Betriebsleitung vertan. Hätte sie
für einen guten Geschäftsgang Vorsorge getroffen, wären die
E n t l a s s u n g e n glatt ü b e r f l ü s s i g gewesen!
Es ist nicht zu bestreiten, daß diese Sorte Kritik, die ein wenig
sehr wie eine nachträgliche Unternehmensberatung klingt, einiges
leistet. Sie würdigt sehr grundsätzlich die Berechnungen eines
kapitalistischen Betriebs als Lebensbedingung von Lohnabhängigen.
Daß d i e s e Berechnungen gerade gegen die großartige Sozial-
leistung namens "Beschäftigung" ausschlagen - die Entlassungen
finden ja gerade z w e c k s G e s c h ä f t statt -, über-
setzt ich der Anwalt gedeihlichen Zusammwirkens von Arbeit und
Kapital in einen Fehler, den letzteres entgegen seinen Gewohnhei-
ten und Pflichten verbrochen hat. Genau in dem Augenblick, wo das
Interesse am guten Geschäft nun wirklich nicht einmal dem dümm-
sten Beobachter wie ein Dienst am Arbeiter und seinem Lebensun-
terhalt vorkommen kann, wird dem Kapitalisten nach gutem demokra-
tischen Brauch nur eines zur Last gelegt: Er hat s e i n e
S a c h e s c h l e c h t g e m a c h t, sich an seinen eige-
nen Maßstäben vergangen, und nur deshalb "m u ß" er jetzt ent-
lassen!
Mit dem peinlichen Eindruck, daß sie sich zum Fürsprecher des
Konkurrenzerfolgs "ihres" Betriebs aufschwingen, also ganz locker
dafür eintreten, daß sich anderswo "ver"kalkuliert wird, können
diese Fanatiker der Gleichung "ordentliches Geschäft = sichere
Arbeitsplätze" offenbar gut leben. Ebenso mit dem begründeten
Verdacht, daß der Eifer, den ein Betriebsrat in seiner Partei-
nahme für geschäftstüchtig herbeikalkulierte Arbeitsplätze an den
Tag legt, in anderer Hinsicht Zurückhaltung verrät. Wer sich so
für A r b e i t s p l ä t z e s c h l e c h t h i n als" Lei-
stung" des Kapitals begeistert, hat es nämlich nicht so sehr mit
einer Kritik daran, wie Arbeitsplätze beschaffen sind. Und noch
weniger fällt ihm ein Zusammenhang zwischen den Anforderungen an
"geschaffenen" Arbeitsplätzen und den abgeschafften auf. Das
würde nun wirklich nicht gut zu der als Kritik daherkommenden
Aufforderung an Unternehmer passen, sie möchten genau rechnen und
allzeit erfolgreich Geschäfte machen.
Kapitalisten lassen sich den "Mißmanagement"-Vorwurf übrigens
gerne gefallen. Was die Anspielung auf ihr persönliches Versagen
angeht, entlasten sie sich mit dem Verweis auf den Markt, auf
Konkurrenten und auf allerlei Faktoren, für die sie garantiert
nichts können. Wenn sie dann zugeben, nicht rechtzeitig auf die
neue Lage reagiert zu haben dann ist dies die Vorbereitung der
Botschaft, daß sie mit der jetzt beschlossenen Umstellung, zu der
eben die Entlassungen gehören, genau das Nötige tun. Von ihren
betriebswirtschaftlichen Kritikern gar nicht mit einem Angriff
konfrontiert, der die U n v e r e i n b a r k e i t ihres guten
Geschäfts mit den Interessen der Lohnabhängigen behauptet, tragen
s i e den G e g e n s a t z gelassen aus. Während sie sich
praktisch dem Geschäft auf Kosten der Belegschaft widmen, begeben
sie sich theoretisch ganz auf die Linie derjenigen die sie ta-
deln. Erstens betonen sie, wie sehr sie selbst unter ihrem kran-
ken Unternehmen leiden, das sie immerhin mit der Belegschaft und
zu ihrem Wohl aufgebaut hätten. Zweitens sind sie jetzt zur Ge-
sundung entschlossen, so daß die Entlassungen nur als die unum-
gängliche Maßnahme zur Sicherung der - übrigen - Arbeitsplätze
betrachtet werden müßten.
Das Kapital vermehrt also nicht nur seinen Reichtum, sondern auch
den Blödsinn, der in seiner Gesellschaft umläuft. Wenn schon
daran geglaubt wird, daß die Schaffung und Sicherung von Ar-
beitsplätzen den - ordentlich versehenen - Beruf des Unternehmers
ausmacht, dann sind Arbeitslose allemal der beste Beweis dafür.
Warum es Arbeitslose gibt
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Das fragt sich mancher Zeitgenosse, vor allem deswegen, weil sie
öfter zunehmen und immer nachgezählt werden. Und da es in der De-
mokratie üblich ist, alles, was man nicht versteht noch billigt,
zu erklären, gibt es Auskünfte über die Notwendigkeit der über-
flüssigen Lohnarbeiter. Dabei scheuen Demokraten, gestandene Geg-
ner überholter Klassenkampfvorstellungen, keine Mühe. Insofern
als sie ihre Staatsform als die Überwindung der rohen Sitten ver-
gangener Tage schätzen gelernt haben, ist ihnen jede Vereinfa-
chung zuwider, die bei übrigen Lohnarbeitern zu der Überlegung
führt, w o f ü r sie denn eigentlich nicht gebraucht werden.
Daß sie auf Lohnarbeit angewiesen sind, ihre Dienste sich aber
einfach nicht r e n t i e r e n - dergleichen käme ja einer Po-
lemik gegen die freie Marktwirtschaft ziemlich nahe. Eine solche
Vorstellung würde glatt das allseits beliebte "Gewinnstreben" und
unser "Wachstum" dazu dafür verantwortlich machen, daß es eine
erhebliche Anzahl von dienstbaren Geistern gibt, deren Dienste
nicht gefragt sind. Kurz: In einer freien Gesellschaft wie der
unsrigen gehört Arbeitslosigkeit nicht einfach "dazu ", sondern
ist das traurige, bedauernswerte Resultat von lauter nicht in den
Griff zu bekommenden Umständen.
Daß kein geltendes und geheiligtes Interesse an überflüssigen Ar-
beitskräften schuld sein kann, geht schon einmal daraus hervor,
daß die eine oder andere Ziffer bei der Zählung des Volkes be-
weist, wie r e g i o n a l bedingt der Bedarf an Arbeitskräften
ist. Wo es an der Gegend liegt, herrscht "r e g i o n a l e
A r b e i t s l o s i g k e i t". Das leuchtet ein, denn es ist
ja nicht zu übersehen, daß d o r t - z.B. im Bayerischen Wald -
ein schöner Prozentsatz tobt.
Ganz anders liegt die Sache anderswo, wo nicht der Ort, sondern
die Veränderungen im Geschäftsleben Prozente stiften. Das erlaubt
den Schluß auf die Z u s a m m e n s e t z u n g der Wirtschaft
dort, die einseitige oder auch nicht genügend "gezielte" Ausrich-
tung des Handels und Wandels. In solchen Fällen - vielleicht die
Küstenstädte mit Werften, womöglich das Revier - h e r r s c h t
eine ganz andere, nämlich die "s t r u k t u r e l l e
A r b e i t s l o s i g k e i t". Das sitzt, weil ein solcher
Grund für das Auftreten des Übels ja wirklich kaum von jemand
verursacht oder gewollt sein kann. Genau so ist es mit einem
Prozentsatz der Arbeitslosenstatistik, der immer wieder vorkommt.
Die "s a i s o n a l e A r b e i t s l o s i g k e i t" steigt
und fällt mit den Jahreszeiten, wie der Name schon sagt. Das Ent-
lassen und Einstellen läßt sich eben auch gut am Wetter entlang
registrieren, wenn man unbedingt den Wechsel von Temperaturen für
die Entscheidungen verantwortlich machen will, die da immer so
fallen. Nicht viel anders als das Wetter kommt das
w i r t s c h a f t l i c h e Klima in Betracht. Wer wüßte
nicht, daß es Aufs und Abs gib, die noch so findige Unternehmer
und auch die allerfleißigsten Leute endgültig zur Ohnmacht verur-
teilen! Manchmal h e r r s c h t eben "k o n j u n k t u-
r e l l e A r b e i t s l o s i g k e i t" - und das kann jeder
verstehen, dem es einleuchtet, daß Krisen, ein unter
Zahlungsunfähigkeit "leidender" Markt, schlechte Anlagemög-
lichkeiten usw. allemal für eines gut sind: daß die auf Lohnar-
beit angewiesenen gewöhnlichen Menschen dafür haftbar gemacht
werden.
Region, Struktur, Saison und Konjunktur sorgen mithin dafür, daß
es in der Bundesanstalt für Arbeit dauernd etwas zum Zählen gibt.
Lauter "F a k t o r e n" des Geschäfts, Dinge, m i t denen
kalkuliert wird, erhalten die Bedeutung einer unbeherrschbaren
Ursache dessen, was wir alle nicht mögen. Diejenigen, die sich
der schwierigen Aufgabe verschrieben haben, ein Unternehmen
marktgerecht zu leiten und darüber Arbeitsplätze zu schaffen,
sind in mancher Hinsicht aufgeschmissen. Und der Gipfel ihrer
O h n m a c h t ist damit noch nicht einmal erahnt. Der letzte
und immer häufiger auftretende Grund für den leidigen Umstand,
daß Unternehmen weniger Arbeitskräfte brauchen als es gibt, be-
steht nämlich darin, daß es K o n k u r r e n t e n gibt. Die
wohnen und unternehmen im Ausland, tun genau genommen nichts an-
deres als ihre Kollegen bei uns ja sie sehen ihre Schwierigkeiten
ziemlich genau so wie die Arbeitgeber hierzulande - und doch:
S i e sind der Grund für die Entlassungen h i e r.
Das S c h ö n e an diesem Ergebnis demokratischer Ursachenfor-
schung ist so o f f e n k u n d i g, daß es selbst die bemerken
müssen, die es einleuchtend finden und mit den Konsequenzen ein-
verstanden sind.
1. Wenn schon Geschäftsleute in den sauren Apfel beißen müssen
und Arbeitsleute entlassen müssen, dann nicht hier und bei uns.
Das ist das Prinzip der Solidarität - mit dem "eigenen" Betrieb,
mit dem "Arbeitgeber", von dem man schließlich abhängig ist.
2. Wenn der "e i g e n e" Arbeitgeber durch die ziemlich un-
faire Tour der anderen - Subventionen, Handelshemmnisse usf. -
dazu gezwungen ist, s e i n Geschäft durch Ersparnisse bei den
Lohnkosten gegen die Konkurrenz zu retten, dann geht das Opfer
der Lohnabhängigen auch in Ordnung. Zum Ausgleich für die erlit-
tenen Verluste kann er sich dem I n t e r e s s e d e r
N a t i o n verschreiben.
3. Gefragt ist also gerade an der s o z i a l e n Frage, beim
"Problem" der Arbeitslosigkeit, eine E i n s i c h t. Sie gilt
der Notwendigkeit Rationalisierung und damit verbundene Entlas-
sungen verdienen rückhaltlosen Respekt. Es handelt sich dabei um
die einzig brauchbaren, weil unausweichlichen Maßnahmen, mit
denen sich "Arbeitgeber" durchsetzen können und ihres Amtes wal-
ten. Unterliegen sie nämlich in der internationalen Konkurrenz,
haben die Proleten a u c h nichts zu lachen.
4. Die "Klärung" der Schuldfrage ist richtig verstanden, wenn die
Bereitschaft zum richtigen "wir" daraus folgt. Nur durch Opfer
bleibt "u n s e r A r b e i t g e b e r" einer.
Die Gefahren der Arbeitslosigkeit
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Die Suche nach Gründen für überzählige Lohnabhängige verläuft
durchaus erfolgreich. Auch über die Lehren, die praktisch aus den
theoretischen Anstrengungen des engagierten demokratischen Sach-
verstandes zu ziehen sind, besteht kein Zweifel. Und dennoch -
die beste aller Staatsformen mag sich offenbar nicht nachsagen
lassen, daß sie und ihre Repräsentanten nichts unternehmen. Zwar
steht auf der Grundlage von reichlich absurden Beweisführungen
fest, daß die industrielle Reservearmee ohne Zutun derer, die sie
schaffen, entsteht und auch wächst. Doch zum B e f ü r-
w o r t e r einer unsozialen Affäre dieser Größenordnung will
sich keine Instanz aufschwingen. Gegen die Arbeitslosigkeit muß
man schon sein, und sei es nur in der Form, daß man ein besseres
Investitionsklima samt der einschlägigen Anreize schaffen möchte.
Gegen die Arbeitslosigkeit energisch wettern sie für unerträglich
halten - das läßt sich erst einmal ganz gut durch kräftiges Deu-
ten auf die O p f e r erledigen. Ein Gewerkschafter vermerkt
angesichts einiger tausend neuer Entlassungen, daß da wohl
"M e n s c h e n v e r s c h o b e n u n d v e r s c h e r-
b e l t w e r d e n". Klar, wem er damit Eindruck machen will.
All denen, die meinen, das stünde dem Laden, in dem sie leben und
dem sie die Treue halten, auf keinen Fall an. Der radikal-
humanistische Schrei lebt einzig von der Opposition zum Glauben,
daß so etwas b e i u n s nicht ständig auf der Tagesordnung
wäre. Irgendwie hat man den Eindruck, daß der Vorstand der IG-
Metall etwas versäumt hat. Nicht nur die zweieinhalb Millionen
offiziell Verschobenen, sondern auch wie es im wirklichen Leben
sonst und in den Fabriken im allgemeinen zugeht. Wer das
Erniedrigen und - Beleidigen von leibhaftigen Menschen verhindern
will, sollte um seiner Glaubwürdigkeit willen besser nicht schon
dreißig Jahre ein Amt in einer deutschen Gewerkschaft, damit auch
in Aufsichtsräten bekleidet haben. Es sei denn, er meint mit
seiner Anklage etwas ganz anderes. Nämlich, daß es ein schlechtes
Licht auf das von ihm mitverwaltete S y s t e m, auf die von
ihm mitgestaltete Arbeitswelt wirft, was im Revier nun zum
vierzigsten Mal passiert - eine brottrocken angesagte
Massenentlassung, die dann auch mindestens halb so groß abläuft.
Die Sorge um den guten Ruf des Systems, das n i c h t
f e r t i g w i r d mit dem - natürlich unabhängig von ihm ent-
standenen - "Problem" gebietet auch einen gründlichen Blick nach
Osten. Der hat nun einmal, weil er anders funktioniert,
d i e s e s Minuspünktchen nicht zu verzeichnen. So daß wir zu
einem beherzten "Nein" greifen müssen, gegen eine völlig
i n e f f i z i e n t e V o l l b e s c h ä f t i g u n g,
durch die A r b e i t s l o s e in der Arbeit und anderswo
v e r s t e c k t und verköstigt werden, obwohl sie nach unseren
Maßstäben nun wirklich nichts bringen.
So wäre die Systemblamage per Vergleich mit den Brüdern drüben
ganz passabel erledigt. Die Frage, ob nicht einer hier ganz ohne
Sympathien für drüben auf den Trichter kommt, in dem Laden könne
ja wohl etwas nicht stimmen, wenn er Armut per Arbeitslosigkeit
zur Regel mache, bleibt allerdings offen. Deshalb gibt es unter
den Gegnern einer übertriebenen, schnörkellosen und immerzu sach-
kundig begründeten Arbeitslosigkeit auch schwer besonnene Gemü-
ter. Aus Gewerkschaftskreisen tönt die Warnung man solle nicht
zuviel "s o z i a l e n S p r e n g s t o f f" anhäufen - und
diese Warnung ist schwerlich mit dem Willen zu verwechseln, auf-
rührerisch tätig zu werden. Genau umgekehrt will die Botschaft
verstanden sein: Sie möchte das gute System vor Schaden bewahren
und rät deshalb zum vorsichtigen und dosierten Kalkulieren mit
den Arbeitslosen. Natürlich in Deutschland mit einer kaum, aber
immer noch salonfähigen Anspielung auf den Faschismus - als wäre
Entlassung dasselbe wie ein automatisches Bedürfnis nach einem
Hitler.
Die Kritik an der Arbeitslosigkeit, wie sie unsere Staatsform be-
lebt, leidet also keinesfalls an Orientierung. Ihr Leitfaden ist
die Befürchtung, daß eine stattliche Reservearmee ein Argument
dagegen abgeben und als solches irgendwem einleuchten könnte.
Leider ist diese Logik nicht nur bei denen üblich, die etwas zu
melden und zu verantworten haben. Man kann auch schwer
"betroffen" und von unten klagen, daß mit einer Massenentlassung
in einem Stadtteil des Reviers so gut wie alles futsch ist. Daß
d a s L e b e n und d i e H e i m a t erledigt sind wenn ein
Stahlkonzern seine Kalkulation auf den fälligen Stand bringt,
taugt ziemlich schlecht, wenn es einen Antrag an die Thyssen-Auf-
sichtsräte darstellen soll. Mehr als die Erinnerung daran, daß
man sich - als Mensch, Konsument, Nachbar, Wirtshausgast, Mieter
und Fußballfan... - ziemlich i n A b h ä n g i g k e i t bege-
ben hat von dem "Arbeitgeber" der Gegend, ist es eben nicht. Und
der Vorschlag, es doch bei dieser Abhängigkeit zu belassen, ist
ziemlich müßig, weil die andere Seite gerade ermittelt hat, daß
es nichts mehr bringt. Wer den Schaden hat, sollte nicht mit sei-
nem Einverständnis protestieren gehen, das er für seine vorge-
stern noch in Anspruch genommenen Dienste aufbringt.
Immerhin gibt es genug kluge Köpfe in der Republik, die wenig-
stens eines mitbekommen haben vom Kapitalismus: Daß es ums
G e l d geht, und die Nicht-"Beschäftigung "von so vielen Leuten
die Folge einer Rechnung ist - und nicht der böse Wille, einen
Teil der arbeitenden Klasse heimatlos zu machen. Diese Durch-
blicker wenden das P r i n z i p d e m o k r a t i s c h e r
K r i t i k, welches ein energisches Dafürsein gebietet und je-
den Einwand so enorm konstruktiv ausfallen läßt, gleich ganz
glaubwürdig an. Sie verweisen auf die Kosten der Arbeitslosig-
keit. Nicht auf die, die bei den Opfern entstehen, sondern auf
die die sie dem System und seinen kalkulierenden Instanzen berei-
ten. So fällt ihnen die zweite ökonomische Bedeutung lohnabhängi-
ger Kreaturen im Kapitalismus ein. Sie verweisen darauf, daß mit
ihrem Lohn einiges an K a u f k r a f t für die Wirtschaft ver-
loren geht. Und daß der Staat, der bei beschäftigten Lohnabhängi-
gen kassieren kann und Geld in die Kassen seiner Zwangsversiche-
rungen kriegt, dieses schöne Geld nun zu dem gänzlich unwirt-
schaftlichen Zweck der Almosenverteilung verplempert. Mit solchen
gutgemeinten Klarstellungen über die Dienste, für die Lohnabhän-
gige außer ihrer Arbeit auch noch ausersehen sind, täuschen sie
sich nur ein wenig über die Rechnungen, die im Kapitalismus wirk-
lich entscheidend sind. Es geht um r e n t a b l e Arbeit und
um ebenso r e n t a b l e A r m u t und beides läßt sich mit
einer gut organisierten Reservearmee schon bewerkstelligen.
Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit
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ist eine schwierige Sache. Der Betreuungs- und Mitleidswahn, der
schwer in Mode gekommen ist, das Selbsthilfe-Wesen und die Sinn-
veranstaltungen, auf denen sich "Betroffene" ganz entschieden be-
zichtigen, n i c h t s M i n d e r w e r t i g e s zu sein -
all das ist von vornherein nicht darauf berechnet, etwas zu än-
dern. Da geht es ums Aushalten.
Das klassische Kampfmittel der Lohnabhängigen, der Streik, taugt
allerdings auch recht schlecht. Wie sollte man auch durch Entzug
von Diensten, die keiner in Anspruch nehmen will, die eigene
Benützung erzwingen!
Insofern stellt die Arbeitslosigkeit jeden, der sie loswerden
möchte, vor die Systemfrage. Entweder wollen die braven Opfer der
Lohnarbeit weiterhin mit und von den Grundrechnungsarten des Ka-
pitals leben - dann können sie es nicht. Oder sie wollen ein an-
ständiges Leben - das nicht in den vom Kapital eröffneten Alter-
nativen zu kriegen ist. Dann müssen sie aber auch Schluß machen
mit der Demonstration ihrer Bereitschaft, in s o z i a l-
f r i e d l i c h e r K o e x i s t e n z dem Kapital zur
Verfügung zu stehen. Man kann schließlich die Systemfrage auch
einmal umgekehrt aufmachen.
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