Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK BESCHAEFTIGUNG - Vom demokratischen Arbeitsdienst


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ARBEITSLOSIGKEIT

Demokraten sind sozial denkende Menschen. Arbeitslosigkeit halten sie für ein Übel. Auf dieses Übel angesprochen, pflegen sie ener- gisch zu beteuern: "Damit dürfen wir uns nicht abfinden." Gele- genheit zu solchen Bekenntnissen gibt ihnen der Arbeitsmarkt der Bundesrepublik seit Jahren reichlich. Seit der ersten Million - bei so markanten Zahlen ist dann von echter Massenarbeitslosig- keit die Rede - finden sich Politiker, Gewerkschaftler und Jour- nalisten öffentlich nicht damit ab. Jede angekündigte oder vollzogene Entlassung ist eine Herausforderung für sie; und immer landen sie bei der radikalen Forderung, jetzt und schon längst müsse gehandelt werden. Der Konsens in dieser Frage ist erstaun- lich. Gott und die Welt sind der Überzeugung, daß Arbeitslosig- keit gebremst, vermindert und eigentlich ganz weg gehört. Demokraten sind aber auch vernünftig und realistisch. Das heißt, sie prüfen ihre Wünsche und unverzichtbaren Anliegen auch, und zwar an den Erfordernissen der Praxis. Sie halten sich an das Ma- chbare und Mögliche, anerkennen also auch Notwendigkeiten, wo im- mer sie welche antreffen. Daß ein Unternehmen bei Verlusten, ein- gefahrenen oder drohenden, wegen Exportrückgang oder sinkendem Dollar, nicht einfach Leute bezahlen und arbeiten lassen kann, leuchtet ihnen ein. Wo kein Geschäft geht, ist "Beschäftigung" nicht drin. Umgekehrt muß die "Beschäftigung" natürlich so bemes- sen sein, daß sie auch ein Geschäft garantiert. Denn ohne Ge- schäft keine "Beschäftigung". Realistische Menschen wissen eben, welche "Sachzwänge" die Welt regieren. Nur deswegen finden sie sich dann auch mit der Arbeitslosigkeit ab. Zähneknirschend und allzeit bereit, die Opfer zu beklagen und zu bemitleiden, "resignieren" sie vor den inzwischen zwei oder drei Millionen Ar- beitslosen. Demokraten sind unehrliche Leute. Sie betören ihre Umwelt mit dem moralischen Auftrag entschlossen gegen die Arbeitslosigkeit vor- zugehen. Und gleichzeitig bekunden sie, daß die Erfüllung dieses Auftrags wohl scheitern m u ß: nämlich an den Notwendigkeiten, die mit den Grundrechnungsarten der freien Marktwirtschaft nun einmal in Kraft sind. So gerne sie ihr Bedauern und ihre "Betroffenheit" und ihr Entsetzen über die Massenarbeitslosigkeit zur Schau stellen, so sachkundig geben sie sich in ihrem Respekt vor den Kalkulationen, die ihres Wissens Arbeitslosigkeit unver- meidlich machen. Demokraten stehen nicht an, aus den Arbeitslosen Werbeträger für ihre g u t e n A b s i c h t e n zu machen, deren Scheitern sie haargenau d e m S y s t e m anlasten, das sie befürworten. Ein abschreckendes Muster demokratischer Kritik ----------------------------------------------- Arbeitslose vermehren sich auf denkbar einfache Weise. Immer wie- der vermeldet ein Unternehmen, daß das Arbeiten seiner Beleg- schaft, insgesamt oder teilweise, nicht mehr rentabel ist. Wenn die Entlassungen mit roten Zahlen begründet werden, melden sich garantiert gestandene Gewerkschaftler, aber auch "Bild"-Zeitung und "Handelsblatt" zu Wort. Sie klären die Schuldfrage, bezichti- gen die Unternehmensleitung ernster Fehler und ernennen die fri- schen Arbeitslosen zu O p f e r n d e s "M i ß m a n a g e- m e n t s". Mit diesem Vorwurf tun sich besonders Betriebsräte im Namen der Kollegen lautstark hervor. Sie wissen sich, soviel haben sie von der Demokratie mitgekriegt, als Arbeitnehmervertreter zur Kritik berechtigt; selbstverständlich sind sie gegen die Kündigungen, weil sich ein entlassener Kollege eben eindeutig schlechter stellt als ein verdienender. Dieser Tatsache entnehmen sie aller- dings sogleich den Leitfaden für ihren Protest. Der geht auf in dem Anspruch auf "Beschäftigung" - und für dessen Erfüllung ist bzw. wäre schließlich der Betrieb zuständig. Daß er dieser Pflicht bisher nachgekommen ist, jetzt aber nicht mehr, verrät den Fehler: Wenn bis gestern die Kalkulation des Unternehmens so erfreulich mit dem Interesse an "Beschäftigung" harmoniert hat, jetzt aber das Geschäft die Indienstnahme der Arbeiter nicht mehr "erlaubt", dann hat sich die Betriebsleitung vertan. Hätte sie für einen guten Geschäftsgang Vorsorge getroffen, wären die E n t l a s s u n g e n glatt ü b e r f l ü s s i g gewesen! Es ist nicht zu bestreiten, daß diese Sorte Kritik, die ein wenig sehr wie eine nachträgliche Unternehmensberatung klingt, einiges leistet. Sie würdigt sehr grundsätzlich die Berechnungen eines kapitalistischen Betriebs als Lebensbedingung von Lohnabhängigen. Daß d i e s e Berechnungen gerade gegen die großartige Sozial- leistung namens "Beschäftigung" ausschlagen - die Entlassungen finden ja gerade z w e c k s G e s c h ä f t statt -, über- setzt ich der Anwalt gedeihlichen Zusammwirkens von Arbeit und Kapital in einen Fehler, den letzteres entgegen seinen Gewohnhei- ten und Pflichten verbrochen hat. Genau in dem Augenblick, wo das Interesse am guten Geschäft nun wirklich nicht einmal dem dümm- sten Beobachter wie ein Dienst am Arbeiter und seinem Lebensun- terhalt vorkommen kann, wird dem Kapitalisten nach gutem demokra- tischen Brauch nur eines zur Last gelegt: Er hat s e i n e S a c h e s c h l e c h t g e m a c h t, sich an seinen eige- nen Maßstäben vergangen, und nur deshalb "m u ß" er jetzt ent- lassen! Mit dem peinlichen Eindruck, daß sie sich zum Fürsprecher des Konkurrenzerfolgs "ihres" Betriebs aufschwingen, also ganz locker dafür eintreten, daß sich anderswo "ver"kalkuliert wird, können diese Fanatiker der Gleichung "ordentliches Geschäft = sichere Arbeitsplätze" offenbar gut leben. Ebenso mit dem begründeten Verdacht, daß der Eifer, den ein Betriebsrat in seiner Partei- nahme für geschäftstüchtig herbeikalkulierte Arbeitsplätze an den Tag legt, in anderer Hinsicht Zurückhaltung verrät. Wer sich so für A r b e i t s p l ä t z e s c h l e c h t h i n als" Lei- stung" des Kapitals begeistert, hat es nämlich nicht so sehr mit einer Kritik daran, wie Arbeitsplätze beschaffen sind. Und noch weniger fällt ihm ein Zusammenhang zwischen den Anforderungen an "geschaffenen" Arbeitsplätzen und den abgeschafften auf. Das würde nun wirklich nicht gut zu der als Kritik daherkommenden Aufforderung an Unternehmer passen, sie möchten genau rechnen und allzeit erfolgreich Geschäfte machen. Kapitalisten lassen sich den "Mißmanagement"-Vorwurf übrigens gerne gefallen. Was die Anspielung auf ihr persönliches Versagen angeht, entlasten sie sich mit dem Verweis auf den Markt, auf Konkurrenten und auf allerlei Faktoren, für die sie garantiert nichts können. Wenn sie dann zugeben, nicht rechtzeitig auf die neue Lage reagiert zu haben dann ist dies die Vorbereitung der Botschaft, daß sie mit der jetzt beschlossenen Umstellung, zu der eben die Entlassungen gehören, genau das Nötige tun. Von ihren betriebswirtschaftlichen Kritikern gar nicht mit einem Angriff konfrontiert, der die U n v e r e i n b a r k e i t ihres guten Geschäfts mit den Interessen der Lohnabhängigen behauptet, tragen s i e den G e g e n s a t z gelassen aus. Während sie sich praktisch dem Geschäft auf Kosten der Belegschaft widmen, begeben sie sich theoretisch ganz auf die Linie derjenigen die sie ta- deln. Erstens betonen sie, wie sehr sie selbst unter ihrem kran- ken Unternehmen leiden, das sie immerhin mit der Belegschaft und zu ihrem Wohl aufgebaut hätten. Zweitens sind sie jetzt zur Ge- sundung entschlossen, so daß die Entlassungen nur als die unum- gängliche Maßnahme zur Sicherung der - übrigen - Arbeitsplätze betrachtet werden müßten. Das Kapital vermehrt also nicht nur seinen Reichtum, sondern auch den Blödsinn, der in seiner Gesellschaft umläuft. Wenn schon daran geglaubt wird, daß die Schaffung und Sicherung von Ar- beitsplätzen den - ordentlich versehenen - Beruf des Unternehmers ausmacht, dann sind Arbeitslose allemal der beste Beweis dafür. Warum es Arbeitslose gibt ------------------------- Das fragt sich mancher Zeitgenosse, vor allem deswegen, weil sie öfter zunehmen und immer nachgezählt werden. Und da es in der De- mokratie üblich ist, alles, was man nicht versteht noch billigt, zu erklären, gibt es Auskünfte über die Notwendigkeit der über- flüssigen Lohnarbeiter. Dabei scheuen Demokraten, gestandene Geg- ner überholter Klassenkampfvorstellungen, keine Mühe. Insofern als sie ihre Staatsform als die Überwindung der rohen Sitten ver- gangener Tage schätzen gelernt haben, ist ihnen jede Vereinfa- chung zuwider, die bei übrigen Lohnarbeitern zu der Überlegung führt, w o f ü r sie denn eigentlich nicht gebraucht werden. Daß sie auf Lohnarbeit angewiesen sind, ihre Dienste sich aber einfach nicht r e n t i e r e n - dergleichen käme ja einer Po- lemik gegen die freie Marktwirtschaft ziemlich nahe. Eine solche Vorstellung würde glatt das allseits beliebte "Gewinnstreben" und unser "Wachstum" dazu dafür verantwortlich machen, daß es eine erhebliche Anzahl von dienstbaren Geistern gibt, deren Dienste nicht gefragt sind. Kurz: In einer freien Gesellschaft wie der unsrigen gehört Arbeitslosigkeit nicht einfach "dazu ", sondern ist das traurige, bedauernswerte Resultat von lauter nicht in den Griff zu bekommenden Umständen. Daß kein geltendes und geheiligtes Interesse an überflüssigen Ar- beitskräften schuld sein kann, geht schon einmal daraus hervor, daß die eine oder andere Ziffer bei der Zählung des Volkes be- weist, wie r e g i o n a l bedingt der Bedarf an Arbeitskräften ist. Wo es an der Gegend liegt, herrscht "r e g i o n a l e A r b e i t s l o s i g k e i t". Das leuchtet ein, denn es ist ja nicht zu übersehen, daß d o r t - z.B. im Bayerischen Wald - ein schöner Prozentsatz tobt. Ganz anders liegt die Sache anderswo, wo nicht der Ort, sondern die Veränderungen im Geschäftsleben Prozente stiften. Das erlaubt den Schluß auf die Z u s a m m e n s e t z u n g der Wirtschaft dort, die einseitige oder auch nicht genügend "gezielte" Ausrich- tung des Handels und Wandels. In solchen Fällen - vielleicht die Küstenstädte mit Werften, womöglich das Revier - h e r r s c h t eine ganz andere, nämlich die "s t r u k t u r e l l e A r b e i t s l o s i g k e i t". Das sitzt, weil ein solcher Grund für das Auftreten des Übels ja wirklich kaum von jemand verursacht oder gewollt sein kann. Genau so ist es mit einem Prozentsatz der Arbeitslosenstatistik, der immer wieder vorkommt. Die "s a i s o n a l e A r b e i t s l o s i g k e i t" steigt und fällt mit den Jahreszeiten, wie der Name schon sagt. Das Ent- lassen und Einstellen läßt sich eben auch gut am Wetter entlang registrieren, wenn man unbedingt den Wechsel von Temperaturen für die Entscheidungen verantwortlich machen will, die da immer so fallen. Nicht viel anders als das Wetter kommt das w i r t s c h a f t l i c h e Klima in Betracht. Wer wüßte nicht, daß es Aufs und Abs gib, die noch so findige Unternehmer und auch die allerfleißigsten Leute endgültig zur Ohnmacht verur- teilen! Manchmal h e r r s c h t eben "k o n j u n k t u- r e l l e A r b e i t s l o s i g k e i t" - und das kann jeder verstehen, dem es einleuchtet, daß Krisen, ein unter Zahlungsunfähigkeit "leidender" Markt, schlechte Anlagemög- lichkeiten usw. allemal für eines gut sind: daß die auf Lohnar- beit angewiesenen gewöhnlichen Menschen dafür haftbar gemacht werden. Region, Struktur, Saison und Konjunktur sorgen mithin dafür, daß es in der Bundesanstalt für Arbeit dauernd etwas zum Zählen gibt. Lauter "F a k t o r e n" des Geschäfts, Dinge, m i t denen kalkuliert wird, erhalten die Bedeutung einer unbeherrschbaren Ursache dessen, was wir alle nicht mögen. Diejenigen, die sich der schwierigen Aufgabe verschrieben haben, ein Unternehmen marktgerecht zu leiten und darüber Arbeitsplätze zu schaffen, sind in mancher Hinsicht aufgeschmissen. Und der Gipfel ihrer O h n m a c h t ist damit noch nicht einmal erahnt. Der letzte und immer häufiger auftretende Grund für den leidigen Umstand, daß Unternehmen weniger Arbeitskräfte brauchen als es gibt, be- steht nämlich darin, daß es K o n k u r r e n t e n gibt. Die wohnen und unternehmen im Ausland, tun genau genommen nichts an- deres als ihre Kollegen bei uns ja sie sehen ihre Schwierigkeiten ziemlich genau so wie die Arbeitgeber hierzulande - und doch: S i e sind der Grund für die Entlassungen h i e r. Das S c h ö n e an diesem Ergebnis demokratischer Ursachenfor- schung ist so o f f e n k u n d i g, daß es selbst die bemerken müssen, die es einleuchtend finden und mit den Konsequenzen ein- verstanden sind. 1. Wenn schon Geschäftsleute in den sauren Apfel beißen müssen und Arbeitsleute entlassen müssen, dann nicht hier und bei uns. Das ist das Prinzip der Solidarität - mit dem "eigenen" Betrieb, mit dem "Arbeitgeber", von dem man schließlich abhängig ist. 2. Wenn der "e i g e n e" Arbeitgeber durch die ziemlich un- faire Tour der anderen - Subventionen, Handelshemmnisse usf. - dazu gezwungen ist, s e i n Geschäft durch Ersparnisse bei den Lohnkosten gegen die Konkurrenz zu retten, dann geht das Opfer der Lohnabhängigen auch in Ordnung. Zum Ausgleich für die erlit- tenen Verluste kann er sich dem I n t e r e s s e d e r N a t i o n verschreiben. 3. Gefragt ist also gerade an der s o z i a l e n Frage, beim "Problem" der Arbeitslosigkeit, eine E i n s i c h t. Sie gilt der Notwendigkeit Rationalisierung und damit verbundene Entlas- sungen verdienen rückhaltlosen Respekt. Es handelt sich dabei um die einzig brauchbaren, weil unausweichlichen Maßnahmen, mit denen sich "Arbeitgeber" durchsetzen können und ihres Amtes wal- ten. Unterliegen sie nämlich in der internationalen Konkurrenz, haben die Proleten a u c h nichts zu lachen. 4. Die "Klärung" der Schuldfrage ist richtig verstanden, wenn die Bereitschaft zum richtigen "wir" daraus folgt. Nur durch Opfer bleibt "u n s e r A r b e i t g e b e r" einer. Die Gefahren der Arbeitslosigkeit --------------------------------- Die Suche nach Gründen für überzählige Lohnabhängige verläuft durchaus erfolgreich. Auch über die Lehren, die praktisch aus den theoretischen Anstrengungen des engagierten demokratischen Sach- verstandes zu ziehen sind, besteht kein Zweifel. Und dennoch - die beste aller Staatsformen mag sich offenbar nicht nachsagen lassen, daß sie und ihre Repräsentanten nichts unternehmen. Zwar steht auf der Grundlage von reichlich absurden Beweisführungen fest, daß die industrielle Reservearmee ohne Zutun derer, die sie schaffen, entsteht und auch wächst. Doch zum B e f ü r- w o r t e r einer unsozialen Affäre dieser Größenordnung will sich keine Instanz aufschwingen. Gegen die Arbeitslosigkeit muß man schon sein, und sei es nur in der Form, daß man ein besseres Investitionsklima samt der einschlägigen Anreize schaffen möchte. Gegen die Arbeitslosigkeit energisch wettern sie für unerträglich halten - das läßt sich erst einmal ganz gut durch kräftiges Deu- ten auf die O p f e r erledigen. Ein Gewerkschafter vermerkt angesichts einiger tausend neuer Entlassungen, daß da wohl "M e n s c h e n v e r s c h o b e n u n d v e r s c h e r- b e l t w e r d e n". Klar, wem er damit Eindruck machen will. All denen, die meinen, das stünde dem Laden, in dem sie leben und dem sie die Treue halten, auf keinen Fall an. Der radikal- humanistische Schrei lebt einzig von der Opposition zum Glauben, daß so etwas b e i u n s nicht ständig auf der Tagesordnung wäre. Irgendwie hat man den Eindruck, daß der Vorstand der IG- Metall etwas versäumt hat. Nicht nur die zweieinhalb Millionen offiziell Verschobenen, sondern auch wie es im wirklichen Leben sonst und in den Fabriken im allgemeinen zugeht. Wer das Erniedrigen und - Beleidigen von leibhaftigen Menschen verhindern will, sollte um seiner Glaubwürdigkeit willen besser nicht schon dreißig Jahre ein Amt in einer deutschen Gewerkschaft, damit auch in Aufsichtsräten bekleidet haben. Es sei denn, er meint mit seiner Anklage etwas ganz anderes. Nämlich, daß es ein schlechtes Licht auf das von ihm mitverwaltete S y s t e m, auf die von ihm mitgestaltete Arbeitswelt wirft, was im Revier nun zum vierzigsten Mal passiert - eine brottrocken angesagte Massenentlassung, die dann auch mindestens halb so groß abläuft. Die Sorge um den guten Ruf des Systems, das n i c h t f e r t i g w i r d mit dem - natürlich unabhängig von ihm ent- standenen - "Problem" gebietet auch einen gründlichen Blick nach Osten. Der hat nun einmal, weil er anders funktioniert, d i e s e s Minuspünktchen nicht zu verzeichnen. So daß wir zu einem beherzten "Nein" greifen müssen, gegen eine völlig i n e f f i z i e n t e V o l l b e s c h ä f t i g u n g, durch die A r b e i t s l o s e in der Arbeit und anderswo v e r s t e c k t und verköstigt werden, obwohl sie nach unseren Maßstäben nun wirklich nichts bringen. So wäre die Systemblamage per Vergleich mit den Brüdern drüben ganz passabel erledigt. Die Frage, ob nicht einer hier ganz ohne Sympathien für drüben auf den Trichter kommt, in dem Laden könne ja wohl etwas nicht stimmen, wenn er Armut per Arbeitslosigkeit zur Regel mache, bleibt allerdings offen. Deshalb gibt es unter den Gegnern einer übertriebenen, schnörkellosen und immerzu sach- kundig begründeten Arbeitslosigkeit auch schwer besonnene Gemü- ter. Aus Gewerkschaftskreisen tönt die Warnung man solle nicht zuviel "s o z i a l e n S p r e n g s t o f f" anhäufen - und diese Warnung ist schwerlich mit dem Willen zu verwechseln, auf- rührerisch tätig zu werden. Genau umgekehrt will die Botschaft verstanden sein: Sie möchte das gute System vor Schaden bewahren und rät deshalb zum vorsichtigen und dosierten Kalkulieren mit den Arbeitslosen. Natürlich in Deutschland mit einer kaum, aber immer noch salonfähigen Anspielung auf den Faschismus - als wäre Entlassung dasselbe wie ein automatisches Bedürfnis nach einem Hitler. Die Kritik an der Arbeitslosigkeit, wie sie unsere Staatsform be- lebt, leidet also keinesfalls an Orientierung. Ihr Leitfaden ist die Befürchtung, daß eine stattliche Reservearmee ein Argument dagegen abgeben und als solches irgendwem einleuchten könnte. Leider ist diese Logik nicht nur bei denen üblich, die etwas zu melden und zu verantworten haben. Man kann auch schwer "betroffen" und von unten klagen, daß mit einer Massenentlassung in einem Stadtteil des Reviers so gut wie alles futsch ist. Daß d a s L e b e n und d i e H e i m a t erledigt sind wenn ein Stahlkonzern seine Kalkulation auf den fälligen Stand bringt, taugt ziemlich schlecht, wenn es einen Antrag an die Thyssen-Auf- sichtsräte darstellen soll. Mehr als die Erinnerung daran, daß man sich - als Mensch, Konsument, Nachbar, Wirtshausgast, Mieter und Fußballfan... - ziemlich i n A b h ä n g i g k e i t bege- ben hat von dem "Arbeitgeber" der Gegend, ist es eben nicht. Und der Vorschlag, es doch bei dieser Abhängigkeit zu belassen, ist ziemlich müßig, weil die andere Seite gerade ermittelt hat, daß es nichts mehr bringt. Wer den Schaden hat, sollte nicht mit sei- nem Einverständnis protestieren gehen, das er für seine vorge- stern noch in Anspruch genommenen Dienste aufbringt. Immerhin gibt es genug kluge Köpfe in der Republik, die wenig- stens eines mitbekommen haben vom Kapitalismus: Daß es ums G e l d geht, und die Nicht-"Beschäftigung "von so vielen Leuten die Folge einer Rechnung ist - und nicht der böse Wille, einen Teil der arbeitenden Klasse heimatlos zu machen. Diese Durch- blicker wenden das P r i n z i p d e m o k r a t i s c h e r K r i t i k, welches ein energisches Dafürsein gebietet und je- den Einwand so enorm konstruktiv ausfallen läßt, gleich ganz glaubwürdig an. Sie verweisen auf die Kosten der Arbeitslosig- keit. Nicht auf die, die bei den Opfern entstehen, sondern auf die die sie dem System und seinen kalkulierenden Instanzen berei- ten. So fällt ihnen die zweite ökonomische Bedeutung lohnabhängi- ger Kreaturen im Kapitalismus ein. Sie verweisen darauf, daß mit ihrem Lohn einiges an K a u f k r a f t für die Wirtschaft ver- loren geht. Und daß der Staat, der bei beschäftigten Lohnabhängi- gen kassieren kann und Geld in die Kassen seiner Zwangsversiche- rungen kriegt, dieses schöne Geld nun zu dem gänzlich unwirt- schaftlichen Zweck der Almosenverteilung verplempert. Mit solchen gutgemeinten Klarstellungen über die Dienste, für die Lohnabhän- gige außer ihrer Arbeit auch noch ausersehen sind, täuschen sie sich nur ein wenig über die Rechnungen, die im Kapitalismus wirk- lich entscheidend sind. Es geht um r e n t a b l e Arbeit und um ebenso r e n t a b l e A r m u t und beides läßt sich mit einer gut organisierten Reservearmee schon bewerkstelligen. Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ----------------------------------- ist eine schwierige Sache. Der Betreuungs- und Mitleidswahn, der schwer in Mode gekommen ist, das Selbsthilfe-Wesen und die Sinn- veranstaltungen, auf denen sich "Betroffene" ganz entschieden be- zichtigen, n i c h t s M i n d e r w e r t i g e s zu sein - all das ist von vornherein nicht darauf berechnet, etwas zu än- dern. Da geht es ums Aushalten. Das klassische Kampfmittel der Lohnabhängigen, der Streik, taugt allerdings auch recht schlecht. Wie sollte man auch durch Entzug von Diensten, die keiner in Anspruch nehmen will, die eigene Benützung erzwingen! Insofern stellt die Arbeitslosigkeit jeden, der sie loswerden möchte, vor die Systemfrage. Entweder wollen die braven Opfer der Lohnarbeit weiterhin mit und von den Grundrechnungsarten des Ka- pitals leben - dann können sie es nicht. Oder sie wollen ein an- ständiges Leben - das nicht in den vom Kapital eröffneten Alter- nativen zu kriegen ist. Dann müssen sie aber auch Schluß machen mit der Demonstration ihrer Bereitschaft, in s o z i a l- f r i e d l i c h e r K o e x i s t e n z dem Kapital zur Verfügung zu stehen. Man kann schließlich die Systemfrage auch einmal umgekehrt aufmachen. zurück