Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut


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       Bremer Hochschulzeitung Sonderausgabe Sozialpädagogik, 11.12.1980
       

BERUFSREPORT: STREETWORKER

in seiner schäbigen Lederjacke und den alten Jeans unterscheidet sich der Mann an der Theke auf den ersten Blick durch nichts von dem Publikum, das die schmuddelige. Vorstadtkneipe bevölkert. Selbst wenn man dem Gespräch zuhört, das er mit einem Jungen fahrt, verdeckt zumindest sein perfekt dem Milieu angepaßter Jar- gon, daß er keiner der arbeitslosen Jugendlichen ist, die hier herumhängen, Bier trinken und Drogen konsumieren. Erst beim nähe- ren Zuhören fällt auf, daß er nicht der Kumpel seines Gespräch- spartners ist, sondern vielmehr auf eine kumpelhafte Tour ver- sucht, dem Widerstrebenden einen Besuch im Drogenberatungszentrum schmackhaft zu machen. Der Mann geht in der Kneipe keinem Frei- zeitvergnügen nach, sondern befindet sich hier an seinem Arbeits- platz: Er ist Streetworker, ein Sozialarbeiter im Außendienst, der, nach der sozialpädagogischen Definition seines Berufs "selbst an der sozialen Situation der Zielgruppe teilnimmt, um die Bedingungen, unter denen seine Klienten leben, unmittelbar zu erfahren." Diese Bedingungen sind mies. Das weiß der Streetworker allerdings bereits, bevor er in die Kluft seiner "Zielgruppe" steigt und seine abendliche Anmache-Reise beginnt. Auch der Behörde, in de- ren Auftrag er handelt, ist bekannt, daß es Jugendkriminalität und Drogenkonsum gibt, und dies etwas mit dem Elend der Leute zu tun hat, die mit einem knapp bemessenen Einkommen ihr Leben im sozialen Wohnungsbau fristen. Der Streetworker will also etwas anderes, als einfach Erfahrungen über das Leben seiner. Klienten zu machen. "Streetwork wurde nötig, weil die Städte unüberschaubar geworden sind. Die Aktionsfelder der Jugendlichen versacken in unsichtba- ren Subkulturen, aus denen Kriminalität und Drogensucht ent- springt. Vom Schreibtisch aus sind diese Prozesse nicht mehr zu lenken. Mit polizeilicher Gewalt sind sie nicht einzudämmen." Von Problemen, die kriminelle und drogensüchtige Jugendliche ha- ben, ist hier nicht die Rede, sondern von denen, die sie den Be- hörden machen. Schon gar nicht geht es der "Streetwork" um die Beseitigung der Kriminalität oder des Drogenkonsums, denn auch sie beläßt - ebenso wie die Polizei - die "Subkulturen", aus denen diese entspringen sollen, so wie sie sind und ändert keine Spur etwas an den schlechten Bedingungen, unter denen ihre Adres- saten leben. Der Streetworker ist tatsächlich Partner der poli- zeilichen Gewalt, weil er als Ergänzung zu dieser auch noch die, vom Standpunkt der anderen staatlichen Institutionen aus betrach- tet, verborgenen Winkel der Gesellschaft ausleuchten soll, um auch sie der Behandlung durch die Ämter zugänglich zu machen. Diese Unterwelt gibt es angeblich deshalb, weil deren Bewohner nichts von staatlichen Behörden wissen wollen: "Straßensozialarbeit wird bevorzugt dort eingesetzt, wo das Miß- trauen der Betroffenen gegen die Institutionen, die für sie zu- ständig sind, derart ausgeprägt ist, daß dadurch jeder sozialpäd- agogische Kontakt im Rahmen der Institutionen, entweder nicht möglich ist oder er entbehrt der Vertrauensbasis, die für den Er- folg notwendig ist." Mit dieser Begründung der "Streetwork" wird geleugnet, daß es überhaupt Gründe geben kann, etwas gegen staatliche Institutionen zu haben, denn wenn der Streetworker das Vertrauen in diese her- stellen soll, müssen sie wohl mächtig vertrauenswürdig sein. Zum zweiten werden mit der Behauptung, die Betroffenen würden aus Mißtrauen keinen Kontakt zu den Behörden aufnehmen, den Leuten ihre wirklichen Gründe bestritten, sich nicht an diese zu wenden. Kein Jugendlicher erwartet vom Jugendamt, daß es ihm Freizeitver- gnügungen finanziert oder die miesen Wohnverhältnisse in der Vor- stadt beseitigt. Auch die schulterklopfenden Sozialarbeiter und deren Moralsprüche werden im Jugendfreizeitheim nur dann wider- willig hingenommen, wenn keine Freizeitalternative da ist. Dro- genkonsumenten haben ziemlich genaue Vorstellungen von den Maß- nahmen, die sie in der Drogenentzugsanstalt erwarten. Alle diese "Zieggruppen" der Streetwork wissen also genau, daß den staatli- chen Behörden nicht die Beseitigung ihrer Schwierigkeiten oder die Befriedigung ihrer Bedürfnisse am Herzen liegen. Der Auftrag des Streetworkers muß daher mit einem erfundenen Interesse seiner Kundschaft begründet werden, die eigentlich die schönen Angebote der Behörden in Anspruch nehmen will, aber sich selbst daran durch Mißtrauen hindert - und damit die Sozialpädaogik an der Kontaktaufnahme. Die ganze Anwanzerei, die Maskerade und die Anmache-Tricks, die ja gerade deshalb notwendig sind, weil die Jugendlichen einem un- maskierten Sozialarbeiter sofort den Rücken kehren wurden, sind in der Berufsideologie des Streetworkers nun die notwendigen Ac- sesoires zur Lösung eines Problems, das mit seinem Beruf in die Welt kommt: Wie schaffe ich es, mich so aufzuführen, daß ich ein Vertrauensverhältnis zwischen dem Adressaten und mir herstellen kann. Das klappt natürlich nie ganz. Läßt er den Sozialarbeiter heraushängen, machen die Adressaten einen Rückzieher. Läßt er nur den Kumpel raushängen, kann die Botschaft nicht an den Mann ge- bracht werden. Macht jemand einen Deal, so stellt sich die Frage, ob man zuschaut, die Polizei holt oder die Leute zur Rede stellt. Solche als innere Konflikte vorgebrachten Probleme löst der Streetworker ohne persönliche Skrupel; Er geht beim Verpfeifen nur soweit, daß sein Aufenthalt in der Scene nicht gefährdet ist. Der "persönliche Kontakt" wird eben solange "persönlich" gehal- ten, bis man sich Chancen ausrechnet, dem Adressaten ein paar Wünsche des Staates an ihn unterzujubeln. Man muß sich angesichts dieses Treibens nicht mehr fragen, ob die Streetworker selbst ernsthaft daran glauben, ausgerechnet in der Kneipe, wo der Mensch seinen Freizeitvergnügungen nachgeht, die- sen zu einem Behördengang bewegen zu können oder einen Drogen- süchtigen, der seine Sinne mit Heroin bewußt zerstören will, mit Appellen von seinem Tun abzubringen. Nimmt man die Selbstver- ständnisdebatten der Streetworker zur Kenntnis, so wird sofort klar: Sie glauben es nicht. Dort wird gejammert darüber, wie "deprimierend die Feststellung über konkrete Hilfsmöglichkeiten" seien, so daß schließlich nur noch eines übrigbleibt: "Der Straßensozialarbeiter als Person wird selbst zum Hilfsange- bot." Und zwar - man glaubt es kaum - so: "Das was da in Kneipen und Discos so locker als Auslabern, Aus- quatschen bezeichnet wird, ist sehr wichtig, weil hilfreich, eine notwendige Ergänzung zu den (vielleicht möglichen) materiellen Hilfen." Der Streetworker, der soviel Mühe hat, an seine Adressaten heran- zukommen, soll nun derjenige sein, den die Kneipen- und Discobe- sucher brauchen, weil sie offenbar dort verkehren, um einem Sozi- alarbeiter ihr Herz ausschütten zu können. Hilfreich ist es schon, wenn die Bemühungen des Streetworkers tatsächlich dazu führen, daß ihm Jugendliche in den Kneipen das erzählen, was er hören will - aber nicht für diese: "Viel ist erreicht, wenn über den Straßensozialarbeiter gedacht oder zu ihm gesagt wird: 'Dir kann ich vertrauen'." Auch wenn der Streetworker nur einen von tausend Klienten zur Drogenberatung lotsen kann, übt er einen durchaus nützlichen Be- ruf aus. Diesen Nutzen aus der Straßensozialarbeit ziehen aus- schließlich die Behörden, die sie initiieren. Sie erhalten ein paar Informationen über die Beschaffenheit der Scene, darüber, wo und in welchem Umfang Drogen konsumiert werden und kontrollieren so das Elend ihrer Adressaten. Daß zu einem solchen Job eine or- dentliche Portion Zynismus gegenüber den Klienten gehört, wird von den Streetworkern keineswegs verschwiegen: "Wir verbringen einen Teil unserer Zeit mit ihnen und haben es uns angewöhnt, traurig zu sein, wenn wir mal kein Problem lösen mußten." zurück