Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut


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       Bremer Hochschulzeitung Ausgabe Sozialpädagogik, Juni 1980
       

DIE SACHE MIT DER "STIGMATISIERUNG"

Populär ------- Kleider machen Leute. Die stinken ja. Und saufen. Wie die aussehen, gibt denen keiner einen Job. Die wollen doch gar nicht anders leben. Sollen sich erst mal waschen. Jeder ist seines Glückes Schmied. Und Unglück kommt nur vom Faulsein. So die Reaktionen von Passanten beim An- blick von Stadtstreichern. Der Hamburger Fotograf Jan Michael suchte sich einige Penner, ließ sie waschen, rasieren, frisieren, einkleiden. Resultat: Penner werden Leute Links steht Paul, wie immer besoffen, unrasiert, mit Trauerrän- dern unter den Fingernägeln und die Klamotten, na ja. Paul ist von Beruf Penner und "sammelt Pfandflaschen, für acht gibt es eine Flasche billigen Wermut, der heißt Ochsenblut und macht im Nu besoffen". Paul hat es nicht leicht: "Er hat als Bergmann ge- schuftet, und vor 16 Jahren hat er schlapp gemacht und ist ausge- stiegen zu den Pennern." Aber wenn es das nur wäre. Er gehört zwar zu den Leuten ohne Kleider, die durch das schöne Erwerbsle- ben geschafft worden sind und für die es deshalb nichts mehr zu erwerben gibt; aber daß alle Welt wegen der Wermutfahne aus sei- nem zerknautschten Gesicht sagt, Paul sei ein Penner, das geht zu weit. Schließlich wäre der Mann einer wie Du und er, wenn er so aussehen würde. Der STERN-Fotograf schreibt also auf, was viele kritische Menschen denken: der Grund für Pauls Penner-Dasein wäre aus der Welt geschafft, wenn die damit verbundenen Folgen retu- schiert werden. Denn dann würde niemand mehr sagen können, er sei ein Penner, also wäre er auch keiner mehr. Leute ohne Kleider brauchen eben Kleider, denn Kleider machen Leute. Das sieht man an dem Herrn rechts. Es ist schon wieder Paul, ge- nauer Herr Paul. Jan Michael hat für einen Hunderter einen Besuch bei einem Barbier und viel Theaterschminke springen lassen; dazu noch eine Krücke mit Silberknauf und ein duftes Sakko. Na also! Paul ist doch wer! Wer wird jetzt in dem Herrn mit dem seriösen Äußeren noch den alten Wermutbruder erkennen und so böse über ihn reden, daß er auch einer bleibt. Aller üblen Nachrede durch seine Mitmenschen ledig, liegt Herrn Paul nun die Welt zu Füßen - über- treiben wir nicht, so wie Hans und Franz kann er wieder auf eige- nen Füßen stehen und seiner traurigen Stadtstreicherexistenz den Rücken kehren. Neu eingekleidet ist er ja. Aber hier nimmt die STERN-Geschichte eine überraschende Wende: "Den ganzen Tag über hält er durch - ohne Wermut, ohne Bier. Abends fährt er zurück ins Diakonische Männerheim, will ein Bett für die Nacht. Die Sozialhelfer sind von Paul, dem Herrn ver- wirrt. Was will der denn hier? Der Fotograf erklärt alles, gibt Paul noch etwas Geld und bringt ihn in den Schlafsaal zu den an- deren." MORAL: Der STERN-Fritze hat wohl seiner eigenen Geschichte nicht so recht über den Weg getraut. Erst sucht er Leute ohne Kleider, behauptet, daß er mit seinen neuen Kleidern Leute aus ihnen macht, dann schickt er seine Leute wieder dahin, wo Leute ohne Kleider eben hausen. Insofern ist alles beim alten geblieben. Neu ist nur das folgende: der STERN-Fotograf hat für die Bildrepor- tage sein Honorar eingestrichen, der Penner Paul hat für ein paar Tage seine Klamotten gewechselt und die Leserschaft des Magazins fühlt sich nach der Lektüre vielleicht ein bißchen besser als vorher. Sie braucht nur Jan Michaels Botschaft zu beherzigen - wo immer sie auf Pauls trifft, sollte sie diese Kreaturen wenigstens als "Leute" achten, wenn sie schon keine sind. Das erleichtert das Gewissen, dem Paul das Leben. ... und wissenschaftlich ------------------------ Natürlich ist die STERN-Reportage völlig unwissenschaftlich und greift daher wesentlich zu kurz. Wissenschaftlich übersetzt heißt sie "Theorie der Stigmatisierung": "Dieser Mechanismus kann nun in einer zweifachen Weise wirken. Einmal kann das Individuum oder die Gruppe in eine Minusposition hineindefiniert werden, indem etwa bestimmte Stereotypisierungen vorgenommen werden: 'Alle Rothaarigen sind falsch', 'Blinde sind irgendwie anders', 'Homosexuelle sind auch sonst nicht normal', 'Stotternde haben einen geistigen Tick' usw. Dieser Mechanismus wird gemeinhin als Stigmatisierung oder Stereotypisierung be- zeichnet; er impliziert noch kein abweichendes Verhalten, sondern zunächst eine abweichende Rolle, aus der heraus dann unter dem Einfluß der Stigmatisierung auch konformes Verhalten als abwei- chend (miß)interpretiert wird. Das Auferlegen einer abweichenden Rolle kann dann aber auch zur Übernahme dieser Rolle führen, so daß das Individuum oder die Gruppe sich auf Grund einer nolens volens oder schließlich sogar bewußt-willentlich übernommenen ab- weichenden Rolle tatsächlich abweichend verhält."(Ob das Zitat von DOMBROWSKY, DRAKE, BLANDOW, MARZAHN oder allen zusammen ist, soll sich jeder selbst überlegen.) Wir rekonstruieren: Paul ist ein Mann wie jeder andere. Jetzt wirkt ein Mechanismus, der ihn in eine Minusposition hineindefi- niert: "Alle mit abgeschabten Klamotten, Wermutfahne und Knautschhut sind Penner." Paul ist stigmatisiert und stereotypi- siert, das impliziert aber noch gar nichts für Paul, sondern für die Leute, die ihn hineindefiniert haben in seine Minusposition: "unter dem Einfluß " ihrer eigenen Definition, Paul sei ein Pen- ner, h a l t e n sie ihn auch für einen solchen, auch da, wo er - angeblich - wie alle anderen ist. Nun läuft Paul mit seinem zerknautschten Stigma auf dem Kopf herum, und, statt sich um seine Minusposition nicht zu kümmern - die ist ja bloß definiert! -, macht der Trottel sie auch noch wahr. Er fängt an Pfandfla- schen für billigen Wermut zu sammeln. Die Theorie ist fertig, die Welt steht Kopf. Das, was die Stadtstreicherexistenz i s t, er- scheint als Resultat dessen, daß sich Leute g e d a c h t ha- ben, was Paul sei: ein Penner. Der schließlich tut nun auch noch, was andere denken, daß er täte. Nur: wie kommen die Leute darauf, Paul wegen seiner Kleidung und Alkoholfahne in eine Minusposition zu definieren, während die ausgefransten Jeans und der Suff von Gunter Sachs ihm eine flotte Plusposition nicht streitig machen? Und schließlich noch die Frage: warum müssen Leute, die sich als zukünftige Sozialarbeiter auch an Pennern von Berufswegen zu schaffen machen, solche Theorien genießen? Eine Antwort auf diese Frage soll sich jeder selbst geben, einen Hinweis darauf, wie die richtige lautet, ist der Moral aus der STERN-Reportage zu entneh- men. zurück