Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut


       zurück

       Diskussionsveranstaltung
       
       Sozialpolitik '81:
       

ABBAU DES SOZIALSTAATS ODER AUSBAU DER NÜTZLICHEN ARMUT?

1. Da geht in Bonn die "Operation 82 zur Sanierung der Staatsfinan- zen und zur Konsolidierung der Sozialversicherung" mit Beschlüs- sen über die Bühne, die sich gewaschen haben: für Schnaps und Zi- garetten muß man demnächst tiefer in die Tasche greifen, vom Lohn wird für die Arbeitslosenversicherung mehr einbehalten und neben dem Krankenkassenbeitrag muß man im Krankheitsfall für Rezepte zusätzlich Geld locker machen; zugleich werden das Kindergeld, die Arbeitnehmersparzulage, Wohngeld und Bafög gekürzt, und wer von seinem Betrieb entlassen wird, der muß sich auch noch Ein- schränkungen bei Arbeitslosengeld und -hilfe gefallen lassen. Und daß die Sozialhilfe gekürzt wird, gerade weil sie zunehmend in Anspruch genommen wird, ist inzwischen auch klar. 2. An den Bochumer Lehrstühlen für Wirtschaftspolitik und Sozialöko- nomie haben diese Maßnahmen kein Aufsehen erregt. Wenn Politiker davon sprechen, daß das "Volk verwöhnt ist", es ihm zu gut ginge, um neue Einsparungen an ihm vorzunehmen, dann entdecken hiesige Wissenschaftler, daß man Sozialpolitik als "Beseitigung nachtei- liger Lebenslagen" (Thiemeyer) oder als "Korrektiv" für die von der Wirtschaft leider notwendig erzeugte mißliche Lage der Arbei- ter (Klemmer) betrachten solle. Die Sozialpolitik, die es gibt, steht also nicht zur Diskussion, sondern einerseits ihr ideales Verständnis - so soll sie sich als "Verhinderung von Notlagen" oder als "Kompensation" verstehen - und andererseits ihre Behand- lung als eine Ansammlung von Aspekten wie z.B. der "Bezug auf ge- sellschaftliche Werte wie Anerkennung individueller Leistung und Gleichheit" (Thiemeyer) oder "wirtschaftliche Prinzipien": durch die Inanspruchnahme des "sozialen Netzes" werde das "Äquivalenzprinzip" gestört, damit das "Prinzip der sozialen Ge- rechtigkeit" verletzt, ja sogar die Politiker "erpreßt" (Klemmer). 3. Die außerwissenschaftlichen Urteile über die Sozialpolitik sind nicht minder idealistisch; so etwa die Rede von der "Rotstiftpolitik", die der Regierung vorhält, sie spare an der falschen Stelle und enttäusche damit die Hoffnungen insbesondere ihrer akademischen Jungbürger. Der Staat streicht ja nicht bloß etwas, sondern er hat sich ein nationales Programm vorgenommen, in dem er die Prioritäten seiner Aufgaben neu festsetzt. Seine Wirtschaft soll eine taugliche Grundlage abgeben für die Finan- zierung seiner weltpolitischen Vorhaben, was neue Maßstäbe für den Dienst des Arbeiters am Kapital setzt. So lässig die Politi- ker mit den daraus resultierenden Folgen für die Arbeiter kalku- lieren, so wenig sehen sie sich in ihren sozialpolitischen Maß- nahmen herausgefordert, dafür Abhilfe zu schaffen - im Gegenteil! 4. Angesichts der Härten, die der Staat seinen Bürgern abverlangt, fallen den idealistischen Begutachtern sozialpolitischer Maßnah- men lauter Entschuldigungen ein: K r i s e n seien es, die dem Staat zu schaffen machten. Die Wirtschaft floriere nicht so recht, die Zahl der Arbeitslosen steige, oder auch: die AKW-Geg- ner und die Gegner der Startbahn West brächten seine wirtschafts- politischen Pläne in Bedrängnis, ganz zu schweigen von den außen- politischen Fährnissen wie der amerikanischen Zinspolitik oder einigen mittelamerikanischen Staaten, die ihm Hindernisse bei der Ausbeutung ihrer Rohstoffe in den Weg legten. Was Wunder also, daß er zu Maßnahmen greife, die verhindern sollen, daß es mit ihm noch weiter bergab geht und er sich nach innen und nach außen rü- stet? Gerade die linken Kritiker haben es zu einiger Meisterschaft darin gebracht, den Politikern ausgerechnet O h n macht zu be- scheinigen Und da fällt sogar das böse Wort vom Rüstungshaushalt - aber wie: da sei es der Rüstungslobby gelungen, die Regierung zu z w i n g e n, die Ausgaben für die Anschaffungen von Kriegsgerät zu erhöhen! 5. Statt mit aller Phantasie Verständnis für die angeblichen "Schwierigkeiten" der Politiker aufzubringen, sollte man doch einfach mal klären, welche Fortschritte Wirtschaftspolitiker und Sozialpolitiker erzielen, wenn sie alle Etatposten des Haushalts '82 - am Posten Aufrüstung ausrichten: die ersteren dabei, dem Geschäft des Kapitals neue Bedingungen zu setzen, die letzteren dabei, sich um die nützlichen Formen der proletarischen Armut zu bekümmern. zurück