Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut
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Bremer Hochschulzeitung Sonderausgabe Sozialpädagogik, 11.12.1980
DAS "SOZIALMAGAZIN" -
BETTLEKTÜRE FÜR EINEN EXTRAORDINÄREN BERUFSSTAND
Sozialpädagoge ist kein gewöhnlicher Beruf, sondern ein
"problematischer". Dieses Prädikat bezeichnet allerdings nicht
einfach die Probleme, die sich hinter dem Schreibtisch eines So-
zialamtes einstellen mögen; auch nicht die Probleme, die besagtes
Amt seinen Kunden macht. Problematisch wird die ganze Angelegen-
heit dadurch, daß ein Sozialpädagoge seinen Job als Quelle - oder
Hindernis, je nachdem - für den Sinn betrachten will, den er sei-
ner Tätigkeit beilegt. Und damit hat er sich etwas aufgeladen,
das ihn von den minderen Berufen so herrlich abhebt. Während z.B.
die Maurer immer noch auf ihre Zeitschrift "Kelle, Sinn und Mör-
tel" warten und auch das Bierfahrerblatt "Der Fremde am Zapfhahn"
ein Flop wurde, können die Sozialarbeiter stolz auf eine eigene
Illustrierte blicken, der es allmonatlich in vorbildlicher Weise
gelingt, das ganze Ethos dieses schönen Berufs lesergerecht auf-
zubereiten: das "sozialmagazin (sm), Deutschlands größte sozial-
politische Zeitschrift".
Allein die Lektüre der Septembernummer vermittelt eine derart
große Portion Sinn, daß es auf Jahre hinaus reicht.
Sinnvoll-problematische Praxis wie du und ich
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Die Septemberausgabe des 'sm' überrascht ihre Leser mit einer
längst überfälligen Neuerung: die obligaten Erfahrungsberichte
"über die alltäglichen Schwierigkeiten und nichtalltäglichen Lö-
sungsvorschläge" werden ab sofort als eigene "Praxis-Serie" auf
graues Papier gedruckt. "Die Helfer" - wie die 'sm'-Werbung tref-
fend das verbreitete Selbstbewußtsein ihrer Adressaten aus-
spricht, daß die staatliche Einrichtung eines solchen Berufes die
Qualifikation dafür abgibt, sich das moralisch wertvolle Prädikat
an die Brust zu heften, als das Humanum schlechthin im selbstlo-
sen Dienst an der Menschheit aufzugehen (was wurden diese men-
schlichen Individuen nur machen, wenn es diesen Beruf nicht
gäbe?) - sie erhalten damit von ihrem Zentralorgan endlich auch
graphisch eindrucksvoll dem heftigen Bedürfnis Rechnung getragen,
den eigenen sozialen Horizont via Artikel mit dem Stempel origi-
nal und subjektiv von der 'Basis' zu erweitern. Um solcherlei Be-
richte interessant oder gar anregend zu finden, bedarf es also
schon eines einigermaßen gefestigten Standpunkts, Sozialarbeit
für eine so notwendige und selbstverständliche Angelegenheit zu
halten, daß ihm B e g r ü n d u n g e n mindestens so überflüs-
sig wie ein Kropf, wenn nicht gar ärgerlich als "graue Theorie"
verkommen: er will sich ja ausdrücklich i n s p i r i e r e n
lassen von den Erlebnissen seiner Kollegen. Und wenn man es dann
für einen "alten Hut" - das härteste hier mögliche Urteil - be-
findet, ist es auch recht, denn dann bestätigt sich der Leser,
daß er wohl up to date ist.
Allen Unmittelbarkeitsspechten bietet das 'sm' diesmal einen Ob-
dachlosenreport aus dem Hessischen. A l s Erfahrungsbericht, so
fast nebenbei, serviert dieser Artikel seine sozialpädagogische
Ideologie: Die hessischen Helfer haben entdeckt, daß - wahr-
scheinlich von Ostfriesland bis Niederbayern - die Sozialhilfege-
setze "nicht richtig ausgeschöpft werden". Weil "sparsame Beamte"
ständig mit der gesetzlich erlaubten Riesensumme von 326.- gei-
zen, müssen die Basisarbeiter, die den Höchstsatz für "die prin-
zipiell mögliche sinnvolle Hilfe" erklären, Kollegenschelte üben
- Schulter an Schulter mit ihren geliebten Klienten, die sie ab
sofort schonungslos "über ihre Rechte informieren". Und weil der
Leserkreis des 'sm' so wahnsinnig mulitsensibel ist, liefert die
Zeitschrift auch gleich noch die passenden Bilder dazu, die doku-
mentieren, wie Sozialmenschen ihren reizenden Kundenstamm ins
Herz geschlossen haben: zerlumpt und dumm, wie Obdachlosenkinder
- und zwar keineswegs aus charakterlichen Gründen - s i n d,
dürfen sie mit großen Kulleraugen das humane Zentrum des Betrach-
ters ergötzen, das die an diesen Kindern durchgesetzte
G e w a l t der Verhältnisse kurzerhand als "spontanen, kreati-
ven" Charakter verherrlicht.
Ihren Eltern dagegen scheint jegliche Listigkeit abhanden gekom-
men zu sein, weshalb ihre Sozialbetreuer ihnen ein "Redetraining"
verordnet haben
"damit sie künftig in der Lage sind, ohne beklemmende Ängste auf
Ämtern vorzusprechen."
Wie im Kindergarten dürfen die Erwachsenen dann "im Chor, im
Wettkampf" oder "möglichst laut" vorlesen. Ganz nebenbei wird
noch ein Sozialkundeunterricht verabreicht: an den Formen des
Elends, wie sie in der Dritten Welt und sonstwo Platz greifen in
Gestalt von jeder Menge Hungertoten, erscheint die eigene be-
schissene Lage in relativ besserem Licht. So lernt man, daß man
sich über seine miesen Existenzbedingungen nicht zu grämen
braucht. Die Hilfe besteht in der Aufforderung, sich zur Obdach-
losigkeit zu bekennen
"daß sie zunehmend zu ihrer Obdachlosigkeit stehen können, nicht
mehr über ihre Situation beschämt sind..."
Das sind nun wirklich "Erfahrungen", die ein informierter Sozial-
arbeiter kennen muß! Danach braucht er eine
Meinung zur Sozialpolitik,
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wofür sich das 'sm' ein bewährtes Schema ausgedacht hat, das auch
in dieser Nummer am aktuellen Thema "Asylrecht" sich als durchaus
gerecht erweist:
a) E m p ö r u n g über die vermeintlich unsachmäße Behandlung
dieses sozialen Themas:
"Das Buhlen um die Macht scheint im Wahljahr 1980 keine Grenzen
zu kennen."
Gehen Sozialarbeiter eigentlich nicht zur Wahl? Na also! Wenn die
Ausländer nicht zum Gegenstand des Wahlkampfs geworden wären,
hätte das gleiche Blatt - ganz Stimmbürger - die Vernachlässigung
der Randgruppen durch den Staat, der dieses "Problem" ja zu
"lösen" hat, beweint. So folgt äußerst konsequent
b) die kritische A u f f o r d e r u n g an eben diesen Sach-
walter aller "anstehenden Probleme", sich durch nichts und schon
gar nicht durch das gemeine Volk in der Ausübung seiner Souverä-
nität beirren zu lassen -
"Nützlich ist, was der öffentlichen Meinung entgegenkommt. Deren
Motto lautet: Schickt die Fremden nach Hause, macht die Grenzen
dicht..."
und tun dabei so, als ob nicht genau der die Ausländer geholt
hätte und jetzt ebenso gezielt wieder abschiebt, also nach seinen
politischen Zwecken h a n d h a b t; als ob also nicht der
Staat dieses "Problem" auf die Tagesordnung gesetzt hätte, son-
dern der "Pöbel"; und als ob der Staat nicht dessen gewöhnlichen
Rassismus sehr wohl die feine Unterscheidung angedeihen ließe,
wann ein gelbes Schlitzauge plötzlich zur freiheitssuchenden ar-
men Kreatur wird und wann nicht.
c) Das B e k e n n t n i s zu diesem Staat, vorgetragen als un-
ser aller S c h u l d, ein Verfahren, das die verrückte Lei-
stung vollbringt, s i c h zu schämen, wenn die
P o l i t i k e r eine Sauerei beschließen -
"Andererseits ist eine Politik, die den Flüchtlingen hier das Le-
ben möglichst schwer machen will, eine beschämende Antwort auf
die Forderungen des Grundgesetzes nach Toleranz und Solidtät."
Und wo unsere Magazinmacher selbst ihre moralischen Skrupel als
die "Forderung" des obersten Gesetzes vorbringen, da läßt sich
d) der endgültige E i n k l a n g nicht mehr lange bitten. Der
Satz.
"Man muß jedem Asylbewerber die Chance geben, daß sein Asylbegeh-
ren rechtsstaatlich einwandfrei geprüft wird" -
kommt uns so bekannt vor, daß man fragen muß, ob Helmut Schmidt
vom 'sm' abgekupfert hat oder umgekehrt?
Psycho-Bluse und Sozialcharakter
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Nun hat sich der sozial engagierte Leser aber lange genug mit den
Gedeckelten dieser Gesellschaft und deren wirkungsvoller Verwal-
tung abgegeben - nun möchte er s e i n e Probleme ein bißchen
gebauchpinselt haben, schließlich hat man es im Umgang mit diesen
verquer "sozialisierten" Halbwilden ja auch nicht gerade leicht!
Und schon ist das 'sm' in geradezu vorbildlicher Weise zur
Stelle, indem sich fast jede Ausgabe der schwierigen Situation
des Sozialarbeiters widmet, der unter dem auf ihn gezielten An-
sturm der "verschütteten Zärtlichkeitspotentiale" seiner Klienten
zusammenzubrechen droht. Auch im September passiert wieder fol-
gendes:
"Durch ihre dünne Bluse fühle ich ihre Wärme und die Weichheit
ihres Körpers, als sie sich immer enger an mich kuschelt. Das ist
mir angenehm..."
Soweit die Erotik, der Mann und die Frage, was das im 'sm' soll.
Antwort:
"In meinem Hinterkopf ist ihre schwierige häusliche Situation,
ihre Suche nach Geborgenheit, angenommen sein..."
Als Psychologe müßte man ja nun fast fragen, woran es wohl liegt,
daß die Sozialarbeiter darauf verfallen, hier würden ihre Klien-
tinnen beim Knutschen tiefliegende Komplexe lösen wollen. Gibt es
da nicht die unschöne These daß, wer anderen eine Macke anhängt,
selber nicht ganz richtig tickt? Es ist aber viel schlimmer: psy-
chologisch gebildete Sozialpädagogen können sich
i n t e l l e k t u e l l daran aufgeilen, die ganze Welt,
inclusive s i c h als Nabel, als psychologisches Beziehungsge-
flecht voller Schweinigeleien auszumalen - und das können sie
nicht mal für sich behalten.
Alle sind mehr oder weniger behindert
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Dieser Botschaft hat das 'sm' eine regelmäßige Rubrik eingerich-
tet, in der Sozialarbeiter mit literarischer Begabung unter Auf-
forderung zu bedingungsloser Subjektivität - ihre intimsten Ge-
fühle zum Umgang mit verschiedenen Klientengruppen zu Glanzpapier
bringen dürfen. Im September darf Monika A. Unter der Überschrift
"Gegen den Zwang, schön, heil und gesund zu sein" vollbringt sie
die absurde Leistung, gerade dadurch, daß sie ihr Innerstes nach
außen stülpt, exakt und komplett die Ideologien zu reproduzieren,
die die ganz normale Begleitmusik zur staatlichen Behindertenpo-
litik spielen. Wenn sie "empfindet":
"Gerade der Überfluß an Reichtum (!) in Behinderteneinrichtungen
und Bürokratien macht alle Integrationsversuche viel komplizier-
ter",
dann heißt das auf deutsch "Kostendämpfung im Gesundheitswesen",
wenn sie eine "Spezialbehandlung für Behinderte" für eine Krän-
kung hält, dann werden Behinderte schon längst ganz gleichmache-
risch nach ihrer Arbeitsfähigkeit therapiert; und wenn ihre Seele
davon "weg will, Behinderung als Krankheit zu sehen", dann han-
delt staatliche Sozialpolitik schon zweimal nach dem Grundsatz,
daß "Behinderte nützliche Mitglieder unserer Gesellschaft sind",
die sich noch nützlich machen dürfen.
Fazit:
Die sozialpädagogische Verwaltung von Krüppeln und anderen Klien-
ten wird zu einer unglaublich guten Tat, wenn der Sozialarbeiter
fähig ist, ein paar edle Gefühle auszukramen, in deren Namen er
angeblich seinen Beruf erledigt. Oder, wie Moni sagt:
"Die Fähigkeit, damit gelassen und liebevoll umzugehn."
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