Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut
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"SOZIAL SCHWACHE"
Wer ist das, warum gibt es die, und wozu heißen sie so?
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I. Sozial schwach - wer ist das?
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Als Adventskalender der Frankfurter Rundschau und ähnlicher Blät-
ter (neuerdings auch der Bild-Zeitung) sind sozial Schwache schon
lange eine feste Einrichtung. Jedes Jahr zur besinnlichen Vor-
weihnachtszeit wird täglich einer dieser Schwachen mit Lebenslauf
vorgestellt (Motto der Serien: viel Arbeit, viel Schicksal, viel
Einsamkeit, wenig Geld, alles tapfer ertragen und den Humor nicht
verloren). In der letzten Zeit aber sind sozial Schwache weit
mehr als ein Thema für die Tränendrüsen an Weihnachten mit nach-
folgendem Spendenaufruf. Wenn man den DGB hört, besteht immerhin
gut die Hälfte der Bevölkerung der Republik aus solchen Schwäch-
lingen. Wer gehört nicht alles dazu?! - Arbeitslose, Invalide,
Rentner, kinderreiche Familien.
Zum Sqzialfall zu werden, geht hierzulande offensichtlich ganz
schön fix: ein Verkehrsunfall oder ein Kind, zur Unzeit in die
Welt gesetzt, können schon genügen, ab dem 5. Kind ist sowieso
alles klar, und mit dem Alter geht's automatisch.
Bloß, eine Kleinigkeit muß doch wohl noch dazukommen, damit die
bekannten 'Wechselfälle des Lebens' nicht bloß einfach bedeuten:
der Mensch, den es trifft, ist krank, alt oder mit 5 Kindern ge-
segnet, sondern einen 'sozial Schwachen' zum Resultat haben. Bei
dem Betroffenen muß es sich um einen Menschen handeln, für den
bei jedem derartigen Ereignis gleich sein finanzielles Auskommen
oder sogar sein gesamtes Einkommen mit auf dem Spiel steht. Ein
Kapitalist müßte schon das Kunststück fertigbringen, bei einem
Unfall nicht nur seine Gesundheit, sondern auch noch seine Fabrik
zu verlieren, um seiner Existenzgrundlage beraubt zu sein - und
wäre auch dann noch lange nicht auf Sozialhilfe angewiesen. Für
einen Lohnarbeiter dagegen, für den das Interesse anderer an sei-
ner Arbeitskraft einzige Existenzgrundlage ist, werden Krankheit
ebenso wie Kindersegen und hohes Alter regelmäßig zu einer mitt-
leren Katastrophe. Die ganze Auspinselei von 'Fällen, die das Le-
ben schreibt', zeigt immer nur eins: ob einer zu einem 'sozial
Schwachen' wird, hängt nicht an 'Schicksalsschlägen' - wie Unfäl-
len oder dem 5. Kind, sondern daran, was einer i s t, oder, was
dasselbe ist, was er b e s i t z t, wenn ihn einer dieser
'Schläge' ereilt. Umgekehrt: für die Klasse von Leuten, die außer
sich selbst nichts besitzen - vornehm: die Arbeitnehmer in unse-
rem Land - hängt 'soziale Schwäche' nicht einmal von den Zufällen
ab, durch die sie beim einzelnen eintritt, sondern ist ihre
s i c h e r e L e b e n s p e r s p e k t i v e. Zum 'sozial
Schwachen' wird man als Lohnarbeiter ganz von selbst! Wenn sonst
alles gut geht, braucht einer nur noch alt genug zu werden -
schon hat er als 'vereinsamter Rentner' auf jeden Fall die
Chance, einmal als Adventskalender-Türchen in der Frankfurter
Rundschau eine Spalte gewidmet zu kriegen.
II. Schwach oder stark?
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Eigentlich seltsam, daß ausgerechnet die Arbeiter unerschöpfli-
chen Nachschub liefern für das Lager der schwächsten Würstchen
der Nation! Bei jeder Gelegenheit werden sie doch von Politikern,
Gewerkschaftsfunktionären und sogar Kapitalisten gelobt als die-
jenigen, die "unser Land aufgebaut haben und von denen alles ab-
hängt". Und so unrecht haben diese Herrschaften damit gar nicht.
Der Reichtum, auf dem die ganze Macht und Herrlichkeit der BRD
beruht, wird ja wohl tatsächlich von der deutschen Arbeiterklasse
geschaffen. Ohne die und die Resultate ihrer Arbeit würde sich
hierzulande nichts schieben. Nicht nur die Kapitalisten, sondern
auch der Bundeskanzler mitsamt seinem Kabinett und die Opposition
gleich mit dazu wären ohne das Proletariat nichts als ein Haufen
trostloser Angeber, die nichts zu melden hätten. Früher gab es
sogar mal den Spruch: "Alle Räder stehen still, wenn..." Sind
s o g e s e h e n nicht die Nutznießer und tonangebenden Macher
der Gesellschaft die eigentlichen 'sozialen Schwächlinge',
o h n e die die Arbeiter glänzend, die aber o h n e die
A r b e i t e r überhaupt nicht zurecht kämen?!
S o g e s e h e n schon - bloß ist diese Sicht der Dinge hier-
zulande gerade nicht die praktisch gültige. Als
G e w a l t haber und als Inhaber des staatlich garantierten
P r i v a t e i g e n t u m s sind Geschäftemacher und Politiker
gerade die 'starken' Typen 'in diesem unserem Lande'; und
d a n k Privateigentum und d u r c h die es sichernde Gewalt
hat die Arbeiterklasse die Ehre, nichts als das M i t t e l
f ü r d i e M e h r u n g v o n E i g e n t u m u n d
G e w a l t i n d e n H ä n d e n a n d e r e r zu sein. Als
Lohnarbeiter haben die, an denen die ganze Gesellschaft hängt,
ihre Arbeit und deren Früchte schon an den Kapitalisten abgege-
ben, noch ehe sie sie abgeliefert haben. Mit den Resultaten die-
ser Arbeit - dem immensen Reichtum der Nation - und ihrer Verwen-
dung bekommen die Arbeiter dank dieser sinnreichen Vorkehrungen
erst gar nichts zu schaffen. Deswegen gehört - ausgerechnet! - zu
ihrer N ü t z l i c h k e i t die Armut: Kinder müssen vom
Staat subventioniert werden, weil mit dem Lohn der Unterhalt der
Familie nicht gesichert ist. Wohnen ist schon ein Luxus, den
große Teile der arbeitenden Menschheit sich wieder nur mit einer
spärlichen staatlichen Wohngeldbeihilfe leisten können. Und wo
schon die geschäftliche B e n u t z u n g der Arbeitskraft de-
ren stolzen Inhaber mit recht armseligen Mitteln ausstattet, da
bedeutet es sogleich Elend, wenn die Ausnutzung 'mal unterbrochen
oder beendet wird. Weil sie nach dem harten Gesichtspunkt der
lohnenden Benutzung hergenommen und behandelt worden sind, mar-
schieren Lohnarbeiter spätestens als Kranke, Invalide, Entlassene
oder Rentner ab ins große Lager der "sozial Schwachen", wo sie
von einem Bruchteil ihrer vorher zwangsgesparten Ver"sicher"ungs-
beiträge durchgefüttert werden.
Ganz wie der alte Karl Marx schon beurteilt hat: "In dieser Ge-
sellschaft ist es kein Glück, sondern ein Pech, produktiver Ar-
beiter zu sein!"
III. "Wer den Schaden hat..."
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dieses alte deutsche Sprichwort gilt hierzulande für die durch
Lohnarbeit geschädigte Klasse nicht. Im Gegenteil, die maßgebli-
chen Herrschaften der Republik spenden "den Arbeitnehmern in un-
serem Lande" ein dickes Lob nach dem andern. Kapitalisten und
Staatsmänner wissen offenbar, was sie an der deutschen Arbeiter-
klasse haben: daß ihr Nutzen mit der Benutzung (= dem Schaden)
der Arbeiter steht und fällt. Vielleicht ahnen sie sogar, daß
ihre so lohnend benutzten Lohn"empfänger" eben deswegen allen
Grund haben, sich zu wehren, und auch die Mittel, dies zu tun. Zu
einem Benutzungsverhältnis gehören nämlich immer zwei Seiten:
Leute, die es einrichten und davon profitieren, und solche, die
sich das gefallen lassen. Die ihre Lohnarbeit - obwohl ihnen täg-
lich tausendmal das Gegenteil bewiesen wird als taugliches Mittel
für einen gesicherten Lebensunterhalt schätzen. Die sich lieber
l o b e n statt anständig e n t l o h n e n lassen. Und die
sich die unausbleiblichen Wirkungen der Lohnarbeit lieber als
(gottgegebene) Schicksalsschläge ausdeuten, statt mit ihrer
"sozialen Stärke", nämlich mit ihrer Unentbehrlichkeit für den
ganzen Zirkus, einmal gegen ihre "soziale Schwäche"
v o r z u g e h e n.
Haben solche braven Lohnarbeiter es dann bis zu einem ordentli-
chen Elend gebracht, so leiden sie - schöner Lohn für ihre Mühen!
- zwar an so ziemlich allen Sachen Mangel, nur an einer nicht: An
moralischen A n w ä l t e n, die für diese harmlosen
'Schwachen' immer einen feuchten Händedruck und eine warme Rede
übrig haben, herrscht Überfluß hierzulande, angefangen von Poli-
tikern aller Parteien über die Pfaffen bis zum DGB. Und da hat
jeder seinen eigenen eigennützigen Grund, die armselige Auslese
der Gesellschaft mit seiner Fürsorglichkeit zu beglücken: Die Po-
litiker wollen gewählt werden. Den geistlichen Vorbetern hat das
Elend schon immer die Kirchen gefüllt. Und der DGB - Nachfolger
einer Gewerkschaft, die immerhin einmal gegründet wurde, um Ab-
wehrkämpfe gegen die Verelendung des Proletariats zu führen -
möchte als Anwalt Nr. 1 all das geheuchelte Mitgefühl, das Poli-
tiker und Öffentlichkeit für die unübersehbaren Opfer der Lohnar-
beit aufbringen, auf das Konto s e i n e r p o l i t i-
s c h e n Wichtigkeit und Bedeutsamkeit verbuchen. Aus dem
"schweren Schicksal" derer, die er vertritt, - und daraus, daß er
nichts dagegen unternimmt! - leitet der vereinigte deutsche
Gewerkschaftsklüngel für sich das Recht ab, ständig
b e r ü c k s i c h t i g t zu werden. Zum Beispiel in der Form,
daß Meister Breit ganz persönlich mit Obermeister Kohl Konferen-
zen halten darf.
Schon merkwürdig: Da leisten deutsche Lohnempfänger eine Arbeit
gegen Billiglohn, die aus der BRD ein Musterland kapitalistischer
Weltwirtschaft gemacht hat. Da leisten sie sich eine Gewerk-
schaft, die sich rühmt, die einigste und stärkste der Welt zu
sein. Und dann leisten sie sich zu ihren ziemlich trostlosen Le-
bensperspektiven lieber einen ganzen Stall von T r ö s t e r n,
von partei-, kirchen- und gewerkschaftseigenen P f a f f e n-
n a t u r e n - statt einmal i h r e "soziale Schwäche" aus
der Welt zu schaffen und ihre (dann überflüssigen) begnadeten
Tröster mit einem Arbeitslosenasyl zu trösten.
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