Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut


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       Bremer Hochschulzeitung Ausgabe Sozialpädagogik, Juni 1980
       
       Diskussionsveranstaltung der Marxistischen Gruppe:
       

ÖKOLOGIE UND SOZIALARBEIT?

Über Idealismus und Gemeinheit eines Berufsstandes Sozialarbeiter und -pädagogen lassen keine Gelegenheit aus, um zu beteuern, wie sehr ihnen am Herzen liegt, ihrer gebeutelten Kund- schaft liebevoll unter die Arme zu greifen. Dazu bilden sie sich aus, denn in der bürgerlichen Gesellschaft gibt es einen ganzen Berufsstand, der von der staatlich geregelten Betreuung und Bear- beitung von Ausgeflippten, Obdachlosen und kaputten Familien lebt. Kritik haben sie an ihrem Traumberuf allerdings auch jede Menge und ganze Projekte der Ausbildung werden dafür eingerich- tet. Eigentümlicherweise aber vertragen sich ihre harten Angriffe auf den eigenen Berufsstand bestens mit der Ausbildung für ihn, und keiner der Kritiker kehrt seiner Zunft den Rücken oder gibt seine Wertschätzung des Sozialarbeiterberufs auf. Im Gegenteil, gerade die kritischen Bedenken dagegen scheinen die Anstrengungen zu beflügeln, so weiterzumachen wie bisher. Unter dem Titel "Ökologie und Sozialarbeit" ist an der HFSS eine neue Runde dieses Verfahrens eingeläutet worden. Neu scheint uns daran allerdings nur zu sein, daß man sich dabei einer grassie- renden Ideologie, der Ökologie nämlich angenommen hat, ohne die man genau das Gleiche, nur etwas anders auch hätte sagen können. Aber sei's drum. Die Ökologie ------------ ist eine moderne Weltanschauung, hat also mit Wissenschaft nichts zu tun. Den Schein dessen erzeugt sie allerdings mit Vorliebe: ausgerechnet mit dem Vokabular der Naturwissenschaften will sie ihre versponnene Idee belegen, in der Natur herrschten nicht ein- fach Gesetze, deren Kenntnis dem Menschen erlaubt, sie für seine Zwecke auszunutzen. Umgekehrt soll es sein: jede Benutzung der Natur sei ein Verstoß gegen das "ökologische Gleichgewicht" der Natur. Daß dieser Ausdruck wissenschaftlich gesehen eine Idiotie, in seinen praktischen Konsequenzen eine reaktionäre Zumutung ist, wird auf der Diskussionsveranstaltung bewiesen. Immerhin soll aus dieser Erfindung gegen den Einfall unseres Herrn Jesus "Macht euch d i e Erde untertan!" die moderne Fassung folgen "Macht euch d e r Erde untertan!" Das soll Entfaltung von "wirklicher Subjektivität" sein? Da lachen ja die Hühner. Genauso wie über die Fortsetzung des Gedankens: wenn schon der "Eingriff in die Natur" eine Sünde ist, dann müssen die Mittel, mit denen er be- werkstelligt wird, einfach böse sein. Die Technik soll der Grund für die Resultate ihrer A n w e n d u n g im Dienst von Staat und Kapital sein. Wollt ihr euch das wirklich von DRAKE und Kon- sorten weismachen lassen? Die trauen doch ihrer eigenen Idee nicht so recht über den Weg, wenn sie dafür Propaganda machen: konsequent will nämlich keiner von diesen Typen sein und einfach die Technik auf den Müll werfen; nur die besonders "große" und "zentralisierte" Technik soll von übel sein. Aber w i e groß sie denn auf keinen Fall sein darf, will auch wieder keiner sa- gen. Daß aber der feine Unterschied zwischen "groß" und "klein" - die Technik, was sie ist und wozu sie eingesetzt wird, kommt oh- nehin nicht zur Sprache - für so ziemlich alles verantwortlich zeichnet, was einem stinkt, behaupten sie ungerührt in jedem Se- minar. Auch uns ist wie den Veranstaltern dieser Debatte überhaupt nicht klar, was der ganze Quatsch mit der Sozialarbeit zu tun hat: "Ich weiß auch nicht, was die Ökologie mit der Sozialarbeit zu tun hat." (ein Doktorand mit dem Thema "Ökologie und Sozialarbeit" im DRAKE-Seminar). Aber mit dem lustigen Einfall, das Begriffspaar "groß" und "klein" sei der Schlüssel zur Welt, kriegt man schon irgendwie den Übergang hin auf das Thema Alternative Sozialarbeit ------------------------ Den Auftakt dazu bildet folgende Kritik an der herrschenden Sozi- alarbeit: sie ist irgendwie einfach - na was wohl? - zu "groß"! Oder etwas gehobener ausgedrückt: Sie ist "zentralisiert", "monetarisiert" und "professionalisiert" (dies wie das Folgende aus M. Heiner: Perspektiven einer zukünf- tigen sozialen Arbeit aus der Sicht der ökologischen Bewegung; in: Neue Praxis 3/79). Na und? "Riesige Organisationen steuern gigantische Apparate, seien es Fabriken oder Krankenhäuser, die aufgrund ihrer Größe Anonymität, Angst und Entfremdung fördern." Warum soll der Job des einen Sozialarbeiters dadurch Schaden neh- men, daß außer ihm auch noch andere zu demselben Zweck angestellt sind, er "zentralisiert" arbeitet? Und wenn sich auf Seiten der Kundschaft deswegen "Angst" und "Anonymität" einstellt, weil er "monetarisiert" arbeitet, also sein Gehalt dafür einstreicht, daß er das BSHG zur Anwendung bringt, dann wirft das doch auf i h n kein gutes Licht. Sollte der Volksmund hier recht haben, daß beim Geld die Freundschaft (zu den Ausgeflippten) aufhört? Und schließlich wird wohl auch seine "professionalisierte" Diplomaus- bildung kaum darüber entscheiden, wie der Sozialhilfesatz aus- fällt, mit dem die Klienten angeblich völlig "entfremdet" statt mit zu wenig Geld das Lokal verlassen. Als kleine Idylle, indem alle drei Kritikpunkte entfallen, malt sich der angehende Sozialarbeiter jedenfalls die "kleinen ökolo- gischen Netze" aus: hier soll eben sein Ideal echter Sozialarbeit dadurch verwirklicht sein, daß ganz "dezentralisiert", "demonetarisiert" und - auch das noch - "deprofessionalisiert" jeder dem anderen "Sozialfall" unter die Arme greift. Kaum ent- worfen, wird das kleine Kunstwerk auch schon wieder verworfen: erschreckt stellt der Sozialarbeiter fest, daß in seinem "kleinen Netz" nur noch "Laien" (also nicht "professionalisierte") eini- germaßen "unorganisiert" (also nicht "zentralisiert") völlig "unentgeltlich" (also nicht "monetarisiert") herumwerkeln. Ob das gut geht? Da ist doch zumindest "die Versorgung der Bevölkerung" mit Sozialarbeit gefährdet, von der man noch soeben nicht viel halten wollte. Aber daß der Sozialarbeiter selbst und sein Beruf in seinem Ideal einfach nicht mehr vorkommen, geht ihnen zu weit. Das ist doch komisch, oder? Warum machen Sozialpädagogen diesen Ausflug in die Utopie, wenn sie hinterher auch damit nicht zu- frieden sind? Was schließlich gefällt- ihnen an den nicht utopi- schen, sondern verwirklichten Kommunen "fortschrittlicher Sozial- arbeit" in den USA und anderswo? Wie zu hören ist, soll dort end- lich gelungen sein, was ihr Arbeitgeber in seine Sozialhilfege- setze reingeschrieben hat, aber angeblich nie beherzigt: "Hilfe zur Selbsthilfe ". Was soll man davon halten? Meinen beide Seiten eigentlich dasselbe, wenn sie sich auf diese Parole versteifen? Diese und weitere Fragen sollen auf der Diskussionsveranstaltung nicht nur gestellt, sondern auch beantwortet werden. Alle Pro- bleme des Sozialpädagogikstudenten mit Ausbildung und Beruf kön- nen aus- und angepackt werden, ernstgemeinte Nachfragen und Ein- wände zum Thema Ökologie und "alternatives Leben" sind willkommen und werden erledigt. zurück