Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut
zurück
Münchner Hochschulzeitung, 18.01.1984
Korrespondenz
EIN LESERBRIEF AN DIE MHZ:
Sehr geehrter Herr Fertl!
"Da ich gelegentlich einen Blick in Ihre 'Münchner Hochschulzei-
tung' werfe und mit dem ein oder anderen Standpunkt von Ihnen
auch übereinstimme, nervt es mich umso mehr, wenn sie Ihre sog.
'Wissenschaftskritik' auf Gebiete ausdehnen, in die Sie weder
theoretisch, noch praktisch genügend Einblick haben.
So verhält es sich jedenfalls mit Ihrem Artikel 'Stichwort:
Selbsthilfe' in der Sonderausgabe Sozialwesen vom 7. Dezember
'83.
Der Informationsstand des Verfassers dieses Artikels scheint mir
nicht nur dahingehend etwas beschränkt zu sein, in dem er seine
einzigen Kenntnisse über den derzeitigen Stand der Selbsthilfe
scheinbar lediglich aus den Reden unseres Bundeskanzlers und dem
Buch von Kickbusch und Trojan bezieht, er hat darüberhinaus die
verwendeten Zitate scheinbar 'in den falschen Hals gekriegt'. An-
ders kann ich mir die mich naiv anmutenden Fehlinterpretationen
des Autors nicht erklären!
Einmal sind Ilona Kickbusch und Alf Trojan, die sich als Angehö-
rige der Hamburger Forschungsgruppe ausschließlich mit Gesund-
heitsselbsthilfegruppen befaßt haben, in keinster Weise repräsen-
tant für die internationalen Selbsthilfe-Strömungen. Zweitens ist
mir keine Stelle ihrer Literatur bekannt, die den Schluß zulassen
könnte, daß Teilnehmer von Selbsthilfegruppen plötzlich selbst zu
den Urhebern ihrer Misere erklärt würden. Es fällt mir schwer der
Logik Ihres Autors zu folgen, wenn er behauptet, daß jemand al-
lein aufgrund dessen, daß er etwas an seiner Situation zu verän-
dern sucht, er sich gleichzeitig voll verantwortlich für diese
Situation erklärt.
Ferner läßt sich die von Selbsthilfegruppen gelegentlich vertre-
tene Sichtweise, der Grund für Armut und soziale Notlage läge
rein in der Sozialbürokratie unseres Systems, wohl schwerlich zum
Standpunkt vieler verschiedener existenter Selbsthilfegruppen
pauschalisieren.
Ebenfalls teile ich nicht die Ansicht, daß die Schaffung neuer
Perspektiven für sich selbst grundsätzlich ein Widerspruch zum
Kampf gegen herrschende Verhältnisse darstellt.
In diesem Zusammenhang möchte ich an Selbsthilfe-Initiativen er-
innern, die eben aus diesem Grund in beständigem Kampf mit Behör-
den, Regierungen etc. stehen, wie z.B. Mieterinitiativen, Produk-
tionskollektive, selbstorganisierte Frauenhäuser. Vermutlich hat
Ihr Autor auch noch nie etwas von der 'Free Clinic Heidelberg'
gehört oder von der Krebsmühle in Frankfurt - um nur 2 Beispiele
zu nennen -, deren Veränderungsansatz nämlich gerade in der Dis-
kussion der Klassengegensätze liegt. Im Unterschied zu Ihrer Or-
ganisation, Herr Fertl, blieben die Gründer dieser Projekte je-
doch nicht bei Diskussionen, sondern sie machten den Versuch, der
sog. bürgerlichen Gesellschaft glaubwürdige Modelle alternativer
Praxis aufzuzeigen. Die Beschränkung auf handlungsarme Verbalra-
dikalität ohne konkrete Aktion nützt höchstens dem Klassengegner,
am wenigsten den Betroffenen selbst!
Daß die Aktivitäten einer Selbsthilfegruppe im Anfangsstadium
erst einmal darin bestehen müssen, sich die Befriedigung
'primärer Bedürfnisse' zu sichern wie z.B. die Einholung von So-
zialhilfe bzw. Wohngeld, scheint sogar der Verfasser Ihres Arti-
kels einzusehen. Denn auch ich habe noch nie gehört, daß sich
solche Bedürfnisse von selbst befriedigt hätten! Ferner halte ich
es für unwahrscheinlich, daß sich ein revolutionäres Potential
dadurch entwickelt, indem man bewußt alle Schritte unterläßt, die
zum Angstabbau, Aufbau eines stärkeren Selbstbewußtseins und zur
Bewältigung von Alltagskonflikten verhelfen. Wenn Ihr Autor der
Meinung ist, 'den Leuten müsse es erst richtig schlecht gehen',
um die Gründe Ihrer Misere zu erkennen, um dann endlich den
großen Generalstreik' durchzuführen, dann liegt der nächste Fa-
schismus wohl um einiges näher als die nächste Revolution: Die
Reaktion der Menschen auf eine existentiell stark bedrohliche Si-
tuation läßt sich ja geschichtlich zurückverfolgen.
Auch Sie, Herr Fertl, werden sich, wenn Ihnen das Geld ausgeht,
vermutlich zunächst einmal um die Beschaffung von Geld bemühen,
bevor Sie sich in den politischen Kampf stürzen, denn mit leerem
Magen läßt sich schwerlich politische Aufklärung betreiben.
Das 'Motto', das der Autor dieses Artikels aus der Praxis von
Selbsthilfegruppen ableitet, verhält sich übrigens genau umge-
kehrt. Es lautet nämlich nicht "Wer anderen hilft, der hilft sich
selbst am meisten" (hier verwechselt er wahrscheinlich etwas mit
dem Christentum), sondern "Jeder hilft sich selbst und dadurch
den anderen". So ist jedenfalls das Resultat aktueller Selbst-
hilfe-Vertreter wie z.B. M. L. Möller, auf den sich übrigens auch
Kickbusch und Trojan beziehen.
Daß für eine Sozialveränderung - wie auch immer sie aussehen mag
- eine Selbstveränderung notwendig ist, dem stimme ich auch mit
anderen Selbsthilfe-Vertretern überein. Denn wie auch Sie, Herr
Fertl, wahrscheinlich schon bemerkt haben werden, ist das jetzige
Verhalten der Mehrheit des deutschen Volkes, das sich fast aus-
schließlich in Passivität äußert, bestimmt nicht das, was eine
baldige Veränderung unseres Systems in Aussicht stellt.
Auch daß manche Selbsthilfe-Initiativen Subventionen von staatli-
cher Seite annehmen, spricht meiner Meinung nach nicht gegen ihre
politische Glaubwürdigkeit. Denn bei aller Widersprüchlichkeit,
die in der Praxis solcher 'linken' Initiativen liegt, möchte ich
mich Brecht anschließen, der in ähnlicher Situation die Frage
stellte:
'Wem nützt das?' - Und wenn der Sozialismus die Lebensform ist,
die dem Menschen gerecht werden soll, dann ist jeder Ansatz, der
auf eine Überwindung des Systems ausgerichtet ist und dem Men-
schen praktisch dient, legitimiert. Außerdem leisten Selbsthilfe-
gruppen ja tatsächlich Arbeit für den Staat. Warum sollten sie
sich dafür also nicht auch bezahlen lassen? Und daß Sozialpoliti-
kern die Selbsthilfe-Bewegung momentan in vielen Punkten entge-
genkommt, Selbsthilfegruppen insofern auch systemkonorm sind, ist
allein noch nicht Grund genug, solche als immer mehr aufkommendes
Übel zu verteufeln, wenn man bedenkt, in welchen Bereichen sie
schon - wenn auch innerhalb des Systems - effektive Veränderungen
erzielt haben. Aber vielleicht waren Sie, Herr Fertl, noch nie-
mals in einer ernsten Notlage, um die Wichtigkeit schneller loka-
ler Veränderungen einschätzen zu können!
Ich meine, jeder Arbeitnehmer und somit vermutlich auch die mei-
sten Mitglieder Ihrer Organisation, Herr Fertl, tragen durch ihre
regelmäßige Arbeit zur Systemerhaltung bei. Insofern würde ich
weder Selbsthilfegruppen, noch irgendwelche politischen Gruppen
als revolutionär bezeichnen, wenn ihr Tun und Handeln nicht aus-
schließlich auf das Herbeiführen eines 'Umsturzes' ausgerichtet
ist. Doch das Erkennen von Grenzen von Selbsthilfeorganisationen
bedeutet keineswegs politische Konformität. Es verhindert viel-
mehr die Vergeudung von Energien in Utopien und fördert eine Kon-
zentration der Kräfte auf die erreichbare Arbeit im Projekt.
Denn im Gegensatz zu Ihnen bin ich der Ansicht, daß der durch-
schnittliche Bürger, wenn es ihm schlechter geht, eher ein Fall
für die Psychiatrie oder Drogenklinik wird als ein Unterstützer
der Revolution. Ich bin im Gegenteil der Auffassung, daß erst ein
ausgeprägtes Selbstbewußtsein, zu dem einem die Geborgenheit ei-
ner Kleingruppe zweifellos verhelfen kann, die Basis für revolu-
tionäres Handeln sein kann!
In der Hoffnung darauf, daß Sie Ihre Zeitung künftig kritischer
auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen,
eine Selbsthilfe Befürworterin
Antwort der MHZ
Sehr geehrte Frau K.!
Mal ehrlich: Hätte Sie unsere Kritik der Theorie und Praxis von
Sellbsthilfegruppen mehr überzeugt, wenn sich der Schreiber als
langjähriger Praktiker der Selbsthilfe ausgewiesen hätte? Oder
wenn nicht nur Kickbusch/Trojan zitiert worden wären, sondern
auch die "Krebsmühle" in Frankfurt oder die Free clinic Heidel-
berg"?
Ihren Vorwurf, daß der Informationsstand des Verfassers be-
schränkt sei, lehnen wir ab. Nicht nur, weil wir die Reden un-
seres Bundespräsidenten keineswegs für unmaßgeblich halten, was
das staatliche Selbsthilfeprogramm betrifft. Nicht nur, weil es
ja wohl kein Einwand gegen die Kritik eines Selbsthilfeansatzes
sein kann, daß es auch noch andere gibt. Sondern auch deshalb,
weil unsere Kritik von Selbsthilfegruppen am Material von Kick-
busch/Trojahn offensichtlich auch Ihren Selbsthilfeansatz trifft:
Sie beziehen sich ja selbst durchaus positiv auf die von uns an-
gegriffene Position von Kickbusch/Trojahn und verteidigen sie ge-
gen unsere Kritik. Sie stören sich ja auch nicht an unzureichen-
dem Material, sondern an unserer "Fehlinterpretation" der Selbst-
hilfe, bei der Sie nicht genügend berücksichtigt sehen, daß
Selbsthilfe ein "Ansatz zur Systemveränderung" ist resp. sein
könnte, wenn man sie in Ihrem Sinne betreibt.
1.
Womit wir beim Thema wären: Sie kritisieren unseren angeblichen
Schluß,
"daß jemand allein aufgrund dessen, daß er etwas an seiner Situa-
tion zu verändern sucht, sich gleichzeitig voll verantwortlich
für diese Situation erklärt."
Miese Absurdität, daß die Opfer von Staat und Kapital ihre Lage
selbst produzierten, ob sie nun in Selbsthilfegruppen tätig sind
oder nicht, können Sie bei uns unmöglich entdeckt haben. Wir hal-
ten es vielmehr nur einen Fehler, sich in Selbsthilfegruppen ein
Vereinsleben einzurichten, indem man dem eigenen Opferdasein lau-
ter positive Seiten abgewinnt. Und was anderes passiert dann
nicht, wenn die Beschränkungen die Politik und Wirtschaft der Be-
völkerung abverlangen, als Herausforderung dazu begriffen werden,
selbst "aktiv" zu werden oder die "Geborgenheit einer Klein-
gruppe" als Gegengewicht gegen eine 'unmenschliche Gesellschaft'
zu feiern, die dem Menschen eine 'wahre Heimat' vorenthalten
soll.
Die Praktizierung solcher Ideologien in Selbsthilfe-Vereinen ist
eben nicht einfach die Bewältigung das den Leuten aufoktroyierten
Notprogramms der Beschaffung von Sozialhilfe und Wohngeld. Viel-
mehr wird darin der trostlosen Notwendigkeit, sich um das eigene
Zurechtkommen kümmern zu müssen, eine höhere Weihe verliehen: Un-
ter dem Titel, es ginge dabei um "Veränderung", wird jeder
"Aktivität" ein prinzipielles Lob erteilt. Hauptsache
"Veränderung" - als ob das "was an seiner Situation zu verändern
suchen" überhaupt eine Aussage darüber wäre, w i e Leute ihre
"Situation" beurteilen, was sie deshalb tun und ob sie damit Er-
folg haben können.
Wenn man sich die Geldbeschaffung zwecks Zurechtkommen als
"Verändern" denkt, dann kann man sie eben auch, wie Sie dies tun,
noch gleich für eine Änderung des Systems, das einem diese Not-
wendigkeit aufherrscht, und für prinzipiell revolutionär halten.
Nur verdankt sich dieses Urteil lediglich der eigenen Vorstel-
lung. Nicht umsonst ist ja auch bei Ihnen immer das
"Anfangsstadium" einer Selbsthilfegruppe, wenn sich um Sozial-
hilfe, Wohngeld und dergleichen bemüht wird - und stets fallen
solche Bemühungen unter die Rubrik, "erst einmal", "primäre Be-
dürfnisse" befriedigen zu "müssen", ehe dann ... Es handelt sich
dabei eben um ein Wunsch-Denken, um die immergleiche Logik, das,
was in Selbsthilfegruppen stattfindet, als "ersten Schritt" auf
dem Weg zu dem, was Selbsthilfe sein sollte, aber nicht ist, zu
interpretieren; so als wäre die trostlose Notwendigkeit, sich um
die eigene Existenz sorgen zu müssen, wenn man sie nur richtig
sieht, ein schönes, sich lohnendes Betätigungsfeld des Menschen.
Wofür Armut alles herhalten muß! Systemkritiker entdecken ausge-
rechnet an ihr, und der Weise, wie sie aufrechterhalten wird,
einen positiven Anknüpfungspunkt. Ist das nicht Ihre Liebäugelei
mit dem Zynismus, den Sie uns unterstellen, ob es nicht viel-
leicht "'den Leuten erst so richtig schlecht gehen müsse', um die
Gründe ihrer Misere zu erkennen"?
Nebenbei bemerkt: Wir haben nie behauptet, "daß sich primäre Be-
dürfnisse von selbst befriedigt hätten", sondern umgekehrt, wie
in unseren Publikationen nachzulesen ist, erklärt, weshalb die
Interessen der arbeitenden und arbeitslosen Bevölkerung notwendig
auf der Strecke bleiben. Allerdings die Inanspruchnahme von Sozi-
alhilfe, Arbeitslosenhilfe oder Wohngeld als einen Schritt auf
dem Weg zur Abschaffung dieser Verhältnisse zu begreifen, macht
eben aus dem Sich-kümmern um ein Zurechtkommen unter den Bedin-
gungen, die Staat und Kapital der Bevölkerung aufzwingen, etwas
anderes als Befriedigung von "primären Bedürfnissen". Vorsicht
übrigens auch bei solchen theoretischen Drohungen, daß auch ein
"MG'ler" "mit leerem Magen" keine Politik machen könne. Deren Mä-
gen werden sie nicht dazu bewegen, die Sorge um Geldbeschaffung
für Systemveränderung zu halten.
2.
Daß ausgerechnet Selbsthilfegruppen die revolutionäre Perspektive
für Leute seien, denen das Selbstzurechtkommen ständig aufgezwun-
gen wird, dieses Urteil gewinnen Sie auf Basis einer psychologi-
schen Sichtweise der Probleme der Leute:
"Angst", "fehlendes Selbstbewußtsein" und Passivität" sollen die
Bevölkerung in ihrer Mehrheit auszeichnen. Davon können wir al-
lerdings nichts entdecken. "Passiv" sind Leute sicher nicht, die
täglich ihre Pflicht tun - auch wenn ihre Interessen dabei auf
der Strecke bleiben. Auch "Angst" vor den Instanzen, die sie
schädigen, ist wohl kaum das Problem von Leuten, die sich nicht
nur von Politik und Wirtschaft vorschreiben lassen, daß sie für
ihren Dienst an den Zwecken der Nation zunehmend weniger für sich
beanspruchen dürfen, sondern die Vertreter eines "starken Staats"
auch noch wählen. Und ein gesundes Maß an Selbstbewußtsein legt
die Bevölkerung an den Tag, wenn sie ihre Gegner überall, nur
nicht da findet, wo sie sind. Daß Kommunisten, Friedensbewegung,
Hausbesetzer, Patientenkollektive nicht gerade als Vorreiter ei-
nes anstehenden Systemprotests geschätzt sind, sondern als Feinde
behandelt werden, gegenüber denen sich der anständige Bürger im
moralischen Recht weiß, dürfte ja auch Ihnen nicht unbekannt
sein.
Sie stellen "Angst", "Passivität" und "mangelndes Selbstbewußt-
sein" an den Leuten fest, über die Sie doch selber befinden, daß
es ihnen hierzulande schlecht geht. Woher nehmen Sie eigentlich
die Sicherheit, daß deren eigentliches Problem, sie s e l b s t
seien, wenn Sie sie als Opfer ihrer eigenen Gemütszustände cha-
rakterisieren, von denen sie angeblich gehindert würden, das zu
tun, was sie eigentlich wollen. Sie ärgern sich damit gar nicht
mehr über die Existenz von Opfern und deren ständiger
L e i s t u n g, sich 1. den Einschränkungen zu arrangieren,
wenn Sie über die "Passivität" klagen und diese zum zentralen An-
griffspunkt Ihrer Ausführungen machen.
Sie entdecken die "U n fähigkeit" der Leute zu "Aktivität" und
"Bewältigung von Alltagskonflikten" deswegen, weil Sie Ihre Vor-
stellung darüber, was sie wollen und tun sollten, als Urteil
ü b e r s i e ausgeben. So werden Leute, ob sie nun Teilnehmer
von Selbsthilfegruppen sind oder bloß zur "passiven" Mehrheit des
deutschen Volkes gehören, zu "Urhebern ihrer Misere" erklärt -
indem sie, am Maßstab des eigenen Persönlichkeitsideals gemessen,
für untauglich befunden werden und in den Rang eines "Problems"
erhoben werden, das es per Selbsthilfeprogramm zu bewältigen
gilt-
Zur Klarstellung: Nichts gegen die "Diskussion von Klassengegen-
sätzen". Gründe für den Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse
gibt es noch und noch: den Zwang zur Arbeit, bei der man sich im
Dienst an der Wirtschaft, sofern man "darf", kaputtmacht und für
die man einen Lohn zugestanden bekommt, der zum auskömmlichen Le-
ben nicht reicht. Die sozialstaatliche Behandlung derer, die mit
Notwendigkeit aus den "geregelten Bahnen" ordentlicher Benützung
herausgeschmissen werden - an ihnen stellt die sozialstaatliche
Hilfe klar, daß sie interessieren als menschlicher Ausschuß, der
nicht störend auf der Straße herumliegen soll.
Den "Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse" zu führen als
Plädoyer für eine "Selbstveränderung", die für eine "Sozial-
veränderung - wie immer sie aussehen mag", "notwendig" sei, ist
so ungefähr das trostloseste und keineswegs "glaubwürdige
Programm alternativer Praxis", das sich denken läßt. Dieses
psychologische Programm ist nicht nur gleichgültig gegen die
Gründe der Misere, sondern deshalb auch der sichere "erste
Schritt" in die falsche Richtung: Es macht den Leuten ein
Zusatzprogramm auf, das in der Einbildung besteht, die angebliche
eigene "Persönlichkeitsstruktur" wäre der Grund für die Schwie-
rigkeiten in der "Bewältigung von Alltagskonflikten". Nichts
überflüssiger, als den Leuten dieses "Problem" anzutragen.
Ihre MHZ-Redaktion
zurück