Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut
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Wochenschau
DER HERR DR. HEINER GEISSLER
von der CDU, Familienminister unter Helmut Kohl, hat sich letzte
Woche als zweite Komponente "sozialen Gewissens" neben Norbert
Blüm im Christenkabinett bewährt. Zusammen geben die beiden so
etwas wie eine Beißzange ab.- Der eine propagiert die "Lohnpause"
und zwackt wehrlosen Menschen Geld vom Eingemachten mit dem Argu-
ment ab, andere seien noch beschissener dran; der zweite richtet
über den Sender Freies Berlin einen Appell an die Betroffenen,
dessen Zynismus bezeichnenderweise nur einem Sprecher des Ver-
braucherverbandes auffiel: "Geißler ruft zu verstärktem Konsum
auf." (ddp vom 21. November) Die Bürger, so meint diese Geißel
des CDU-Gottes sollten "nicht auf den Sparstrümpfen hecken", son-
dern gerade "zu Weihnachten viel einkaufen". Können vor Lachen,
mag mancher sich dabei und an Blüm denken. Doch der damit ausge-
sprochene Widerspruch ist keiner zwischen Blüms Behandlung von
Lohn und Sozialausgaben als möglichst zu reduzierende Kosten für
Kapital und Staat einerseits und der Geißlerschen Entdeckung an-
dererseits, daß "an der Befürchtung, daß die Binnennachfrage als
Folge der drastischen Sparmaßnahmen zusammenbrechen könnte, was
dran" sein könnte. Wenn der Staat das Geld für den Lebensunter-
halt seiner arbeitenden Bevölkerung einmal als Spesen behandelt,
die von den Mitteln für Geschäft und Politik abgehen, und zur
gleichen Zeit politisch fordert, daß das Geld seiner Untertanen
das Geschäft befördern soll, dann zielt Geißlers "Anregung", man
könne "jetzt z.B. für die Mutter einen Mantel oder Elektrogeräte
kaufen", keineswegs auf den Kälteschutz für die fröstelnde Mutter
oder gar den Kurzweil für Arbeitslose mittels Video, sondern aus-
schließlich auf die Verbesserung der Ertragslage in der konkur-
renzgebeutelten Textil- und Elektrobranche. Vom Staatsbürger wird
beides verlangt: Mit weniger auskommen und das wenige volkswirt-
schaftlich einzusetzen. Arbeiten - Sparen -Kaufen heißt die
Triade staatlichen Drucks aufs Volk und das heißt für dieses
praktisch m e h r arbeiten für weniger G e l d, weniger fres-
sen und dennoch fürs Private "investieren", also auch
S c h u l d e n machen und gerade als Folge davon noch mehr ar-
beiten, noch weniger fressen usw. Daß es "im nächsten Jahr ja
besser wird", verspricht Geißler auch gar nicht den Adressaten
seiner Botschaft bezüglich i h r e s Ergehens. Wenn sie es ge-
nauso machen, wie er und Blüm es wollen, dann geht's noch besser:
der Politik und dem Geschäft in der Bundesrepublik und anderswo.
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