Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut
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Münchner Hochschulzeitung, 14.10.1980
Konflikt um Freizeitheime
VON WEGEN FREIE ZEIT!
Seitdem die Münchner CSU beschlossen hat, die städtischen Frei-
zeitheime und ihren Träger, den Kreisjugendring (KJR), einer
stärkeren Kontrolle zu unterziehen, wobei der KJR an Einfluß und
eine Reihe von Sozialpädagogen ihren Arbeitsplatz verlieren wer-
den, seitdem sitzt die gesammelte Sozialszene auf der Palme, um
ihrem Arbeitgeber, den man sonst in eher kühler Weise als
"Zwangsverhältnis" (Prodekan GRAF) zu benennen pflegt, das man
schwerlich lieben könne, wütend zu bedeuten, daß auch die härte-
sten Schläge bei Münchens Pädagogen nichts als ein verstärktes
Liebesbekenntnis mit kräftigem Treueschwur und unterwürfigem Win-
seln um Verzeihung hervorzubringen vermögen. Wie enttäuschte
Liebhaber!
1. Akt: Schweine wälzen sich in fremden Betten
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Der von der CSU der Öffentlichkeit zugänglich gemachte Vorwurf,
die Münchner Freizeitheime (FZH) seien eine Brutsstätte
"der Kriminalität, das Terrorismus, der Pornographie, des politi-
schen Extremismus und des Sexismus, der Randgruppenbildung
schlechthin",
ist ja in der Tat ein dicker Hund. Da geht ein mit scharfen Tönen
an seiner Karriere bastelnder CSU-Stadtrat her und entwirft nach
der umwerfenden Logik konservativer Weltsicht ein Schandbild, in
dem er sämtliche von Papst und Staat geächteten Obersünden mit-
einander kombiniert, und auf diese Tour einen Sumpf herzaubert,
wo nur noch Schweine = Staatsfeinde sich suhlen. Wenn also ein
christlicher Staatsfunktionär auch nur die Spur eines Anscheins
wittert, Bürger (in diesem Fall die FZH-Besucher) würden - dazu
noch mit Steuergeldern - die ihnen gewährte Freiheit in irgendei-
ner Weise für sich benutzen, dann läßt er - und zwar im Verein
mit der SPD, die als Wahlalternative mit den Angegriffenen
"solidarisch", bezeichnenderweise allein den Pornographievorwurf
angreift - die Sau raus, eben den Maßstab von Zucht und Ordnung,
der zu solchen Rundumschlägen beflügelt.
2. Akt: Wir sind nicht fremdgegangen!
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Nun ist Reihe an den gemaßregelten Verantwortlichen dieses
Pfuhls, sich zu verteidigen - und schon beteuern sie unter Trä-
nen, daß die Liebe zu den Jugendlichen doch nur geheuchelt, doch
nur ihr Mittel ist diese bei der Stange zu halten - zum Gedeihen
der staatlichen Anliegens, neben sich keine Gewalt zu dulden.
Denn mit nichts sind sie schneller bei der Hand als dem bedin-
gungslosen Dementi dessen, bei ihnen könne man sich aufführen,
wie man will:
"Fest steht, daß - wie die Betreuer bestätigen - Freizeitheime im
Allgemeinen und auch der Pasinger Freizeittrott erheblich in
Verruf geraten. Man sei jedoch energisch daran gegangen, wirksam
Abhilfe zu schaffen und dies wäre ihnen in den vergangenen Jahren
durchaus gelungen." (Münchner Stadtanzeiger. 23.5.80)
Und damit haben sie in aller Öffentlichkeit ebenso schnell und
schmerzlos ihre sorgsam gepflegte Ideologie dementiert, die Frei-
zeitarbeit mit Jugendlichen diene deren "Interessen und Bedürf-
nissen"! Nur glauben und propagieren will es immer noch jeder So-
zialpädagoge.
3. Akt: Wir spielen Versöhnung
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Wie es sich für ein zünftiges Liebesdrama gehört, genügt der be-
schuldigten Ehefrau die bloße Beteuerung ihrer unterwürfigen Un-
schuld nicht, sie will ihren Mann durch handfeste Beweise besänf-
tigen. Und so, als ob sie vorzeigen müßten, daß der angebliche
Scheidungsgrund häßlich und zahnlückig ist, sind die Freizeitpäd-
agogen neben dem hierfür gedachten Hinweis auf die Mitgliedschaft
der katholischen und der Philadelistenjugend im KJR auf die gran-
diose Idee verfallen, ihre Schützlinge in einem inszenierten
Spektakel selber den Hygienebeweis in Sachen keimfreier Staats-
pädagogik vorspielen zu lassen. So durfte der Marienplatz zum Ort
des wichtigsten und anstrengendsten Rollenspiele werden, das die
Jugendlichen je gespielt haben; die nachdrücklichen Ankündigungen
solcher sechsstündigen Freizeitshows -
"Die Veranstaltungen entsprechen dem Arbeitsplan eines ganz nor-
malen Freizeitheimes: Filmvorführungen, Waffelbacken, Schafkopf-
turniere, Kochkurse, Discoparties" -
sind obenso wahr wie die Tatsache, daß man in einem Rollenspiel
nie sich selber spielt. Was hätte der vorbeiflanierende Fuß-
gängerzonenbürger auch davon halten sollen, wenn ungekämmte
besoffene Rocker auf der Bühne geknutscht hätten? Eben. Es ist
halt doch netter anzusehen, wenn adrett zurechtgemachte junge
Leute von heute in betonter Harmlosigkeit ungeheuer sinnvoll und
verantwortungsbewußt freizeiteln.
Von Peinlichkeit keine Spur, denn es dient ja einem höheren
Zweck. Schau Staat, sagt der sozialpädagogische Initiator dieser
Aktion, ich habe hier einen Haufen wilder Pflegekinder, die ich
schon sehr schön dressiert habe - und zwar für dich. Einige sind
sogar freiwillig mitgekommen, um Dir das zu zeigen. Da brauchst
Du doch nicht gleich fuchtig zu werden, wenn "es im FZH nicht so
z a h m zugeht wie in einer Kirche". Wir wollen der Widerspen-
stigen Zähmung eben pädagogisch erreichen und da müssen wir schon
auch mal kumpelhaft tun, das darfst Du doch nicht für echte Kum-
panei halten. Wir denken doch immer nur an das eine, Deinen Haus-
halt:
"Es ist besser und billiger. der drohenden Verwahrlosung und der
Jugendkriminalität vorzubeugen, als dieser selbst entgegenwirken
zu müssen."
4 Akt: Wir leisten "harte und undankbare Arbeit"
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(Flugblatt des KJR)
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Wie gesagt: Für einen erfolgreichen Kontakt mit streunenden Ju-
gendlichen, die man von der Straße wegholen will - eine nach Sta-
tistik der Freizeitheime sehr einseitige Zielgruppe: 95% Haupt-
schüler, Arbeitslose und Lehrlinge - sind ein paar andere Töne
angebracht, und auch das menschenfreundliche Selbstverständnis
der Sozialpädagogen duldet es offenbar nicht, ohne geistige und
sprachliche Klimmzüge über die "Bedürfnisse der Jugendlichen" zu
formulieren, daß ihr Zweck schlicht konzentrierte Kontrolle
heißt. Der ideale Ausdruck davon ist das "Selbstverwaltete Ju-
gendzentrum", dessen Münchner Modell in Neu-Perlach steht und den
Prunkapfel in der Selbstanpreisung der sich verkannt fühlenden
Pädagogen abgibt.
Das Schöne an der "Selbstverwaltung" ist nämlich, daß das Heim
wie jedes andere auch von der Stadt mittels Finanzen und bestell-
ten hauptamtlichen Aufpassern verwaltet wird. Die Verwal-
tungs a r b e i t aber dürfen die Besucher selber machen. Sie
kriegen Verantwortung gewährt, was bedeutet, daß die tatsächlich
Verantwortlichen nicht nach Hause gehen, sondern sich verstärkt
ihrer Aufgabe der demokratischen Erziehung zuwenden können.
Das Schöne an der "Selbstverwaltung" ist deshalb weiterhin:
"Im SSZ wird einem nichts geschenkt - von selbst läuft nichts."
(aus: wie das SSZ funktioniert)
Das ewige Problem der Freizeitpädagogik, daß ihre Adressaten in
der Regel und aus naheliegenden Gründen nicht sehr empfänglich
sind für ihre "Aktivierung zu sinnvoller Freizeitgestaltung", ist
hier per Organisations f o r m gelöst. Die übliche Drohung -
wenn Ihr nicht mithelft, gibt's keine Party - ist hier zum Prin-
zip radikalisiert. Und wer sich bei obigem Spruch an Unteroffi-
ziersappelle erinnert fühlt, der liegt gar nicht falsch. Weil -
und dafür sorgen die knapp gehaltenen Finanzen und die vornehme
Zurückhaltung der Hauptamtlichen, auch nur irgendetwas anzubieten
- tatsächlich überhaupt nichts läuft, wenn die Jugendlichen sich
nicht dahinterklemmen, vermelden die Pädagogen, die dieses Thea-
ter angezettelt haben, einen Erfolg nach dem anderen in Sachen
"Realitätsbewußtsein" (= sogar in der Freizeit lernen unsere
Schäfchen spielend, wie man mit nichts zurechtkommt) und "mündige
Demokratieerziehung" (= alle machen dieses brotlose Rumwerkeln zu
i h r e r Angelegenheit). Es ist deshalb nur konsequent, daß so
ein Freizeitheim n i e f e r t i g ist, dann könnte man ja an-
fangen, es zu b e n u t z e n; vielmehr wird ununterbrochen
selbstverwaltet repariert, ausgebaut und geputzt. So gesehen war
es ein seltenes pädagogisches Glück, daß das SSZ im März 79 aus-
brannte.
Das Schöne an der "Selbstverwaltung" besteht letztlich darin, daß
"man lernt, aktiv mit seinen Bedürfnissen umzugehen. Bedürfnisse,
die so wie sie auftreten, sinnvollerweise im SSZ nicht befriedigt
werden können, können in Frage gestellt und verändert werden:"
(aus: Wie das SSZ funktioniert)
Das Urteil des demokratischen Pädagogen über seine Kundschaft
lautet also, daß ausgerechnet die Burschen, die sowieso die ganze
Zeit praktisch ihre Bedürfnisse in Frage stellen m ü s s e n,
weil ihnen die Mittel fehlen, und diese verändern, sprich: auf
ihre Befriedigung verziehen, nichts nötiger brauchen als einen
Ort wo sie auch noch unter- bzw. gegeneinander die Kunst der
Selbstbeherrschung erlernen und praktizieren sollen. Das i s t
"bedürfnisorientierte Jugendarbeit".
5. Akt: Happy-End?
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Angesichts dieser Sachlage steht eines fest. Bei dem Streit zwi-
schen der Stadt und ihren Sozialpädagogen handelt es sich um ein
bedauerliches Mißverständnis.
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