Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut


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       Bremer Hochschulzeitung Ausgabe Sozialpädagogik, Juni 1980
       
       Es reißt nicht ab:
       

DESPEKTIERLICHES ZUR "DROGENDEBATTE"

Professionelle Vorurteile über Drogen... ---------------------------------------- Wenn Leute, die sich seit Jahren über das "Drogenproblem" Gedan- ken machen, mit Veröffentlichungen, Diskussionsveranstaltungen und Kongressen an die Öffentlichkeit gehen, um ihr mitzuteilen, was los ist mit dem Rauschgift und den Fixern, und was jetzt zu tun wäre, sollte man erwarten können, sie als Fachmänner wüßten allerhand Wichtiges zu ihrem Thema beizutragen. Das täuscht. Da wird sich erst einmal dumm gestellt, streng wissenschaftlich nach dem "Drogenbegriff" gefragt, um dann aus einer Informationsbro- schüre des Bundesministers für Jugend etc. folgende geistige Pampe herauszudestillieren: "Der Drogenbegriff darf nicht zu eng gefaßt werden... Heute ver- stehen wir darunter alle Substanzen, die in die natürlichen Ab- läufe des Körpers eingreifen und vor allem unsere Stimmungen, Wahrnehmungen und Gefühle beeinflussen." Ein praktisches Problem mit den Fixern haben die Leute, die diese Interpretation des "Drogenbegriffs" in die Welt setzen, ganz be- stimmt nicht. Wenn schon alles, so der verrückte Schluß, was na- türliche Körperfunktionen beeinflußt - ein Schweinebraten z.B. - oder Stimmungen verändert - dieses erlauchte Zitat z.B. - zu der unbegrenzten Welt der Drogen zu rechnen ist, dann sind recht be- sehen Heroin und Morphiumsüchtige nur eine Unterabteilung der allseits drogenabhängigen Menschheit. Und dann steht für den in- tellektuellen Verstand gerade wegen des so selbst geschaffenen unbegrenzten Reichs der Droge eine Z u r e c h n u n g und U n t e r s c h e i d u n g desssen, was die Menschheit so täg- lich zu sich nimmt, an, die sich gewaschen hat: "Drogen: Ersatzdrogen: Coffein, Teein, Küchendrogen, z.B. Muskat. weiche Drogen: Nikotin, Cannabis. mittlere Drogen: Alkohol, Schlafmittel, LSD, Kokain, Mescalin, Opium. harte Drogen: Morpium, Heroin." (Referat der zuständigen Arbeits- gruppe S. 2) Wenn man den kleinen Unterschied vergißt, daß Kaffee- und Bier- trinken ebenso wie Rauchen ein Genuß ist und erst im Übermaß kon- sumiert schädlich wird (und das ist beim Spinat auch so), während Fixen kein Genuß ist, sondern durch A u s s c h a l t u n g des Bewußtseins auch die jeder G e n u ß f ä h i g k e i t, dann ist natürlich alles eine Droge, mit dem die Menschheit im tägli- chen Leben so zu tun hat, und noch die Oma in der Küche ist der für die Familie zuständige Hausdealer in Sachen Muskatnüsse. Da stimmt auch der kleine Hinweis nicht bedenklich, daß man mit einigen Bieren und einer Zigarette zwischen den Lippen noch al- lerhand anstellen kann - sei es, daß man zum Segeln geht oder gar Referate über die drogenabhängige Menschheit verfaßt - während mit einer Dosis Heroin im Blut außer Herumhängen auf Matratzenla- gern nicht mehr viel drin ist. Daß also Leute, die zwischen Kaffee und Rauschgift keine rechte Differenz mehr erblicken wollen (Originalton: "Wie willst Du denn hier über Drogen reden, wenn Du selbst dauernd rauchst!") auch über die Gründe nichts wissen wollen, die jemand zum Fixen brin- gen, ist schon keine Frage mehr. In der Tat verraten die diesbe- züglichen Angaben über ihre Erfinder alles, über den Gegenstand rein gar nichts. ...und ihre Ursachen -------------------- Wir machen zunächst darauf aufmerksam, daß Erklärungen über die Ursachen des Drogenkonsums folgender Natur: "... Problemfälle: z.B. Jugendarbeitslosigkeit, Schulprobleme, schlechte Familienverhältnisse etc." - die im übrigen nur die üblichen Fixersprüche wiederholen: "nix wie Probleme" - für alles und damit für nichts einen Grund abge- ben. Denn ob einer auf Arbeitssuche ist und keinen Job bekommt, ob er schon frühzeitig in der Schule darauf hingewiesen wird, daß ihm ab jetzt alle Chancen offenstehen, für wenig Geld viel zu ar- beiten, oder ob einer auf die Idee kommt, jetzt würde es ein "Schuß" bringen, das hängt doch sehr davon ab. Aus den jeweiligen schlechten Erfahrungen, die einer macht, folgt nämlich Oberhaupt nicht, w i e er sich dazu stellt und welche Schlüsse er daraus zieht. Die pädagogischen Beobachter der Jugend glauben an folgende Wid- rigkeiten: Die Jugend erfährt "die Perspektivlosigkeit ihrer Zu- kunft.." (die Gegenwart ist wohl in Ordnung!), Jugendliche versu- chen "... sich selbst vor sich und anderen zu beweisen", weil sie kein "Selbstwertgefühl" mehr vermittelt bekommen, versuchen "... mit einer neuen Lebensform zu experimentieren", weil sie sich in einer "Identitätskrise" befinden, und überhaupt leiden sie furchtbar an "Frustrationsgründen". Verrückt genug ist es schon, einem arbeitslosen Jugendlichen seine "Perspektivlosigkeit" vorzurechnen. Der simple Schluß, daß es ihm nicht an Ausblick, sondern an Lohn fehlt, muß den Erfin- dern (oder besser Nachbetern dieses Gedankens) aber höchst abwe- gig vorkommen, weil sie auf h ö h e r e P e r s p e k t i v e n jenseits so unbedeutender materieller Interessen wie die nach ausreichendem Lohn scharf sind. Lieber stellen sie kulturkritisch fest, daß man Fixen auch als V e r s u c h zur Hebung des "Selbstwertgefühls" deuten könne, wenn man sich nur auf die Be- trachtungsweise einläßt, es sei höchst bedenklich, daß der Lehr- ling Fiete sich nur als ein kleines Rädchen im Betrieb fühlen könne, statt ihm die Möglichkeit zu geben, ein Bewußtsein von der Mordsbedeutung dieses Rädchens zu entwickeln - was ihm gewiß un- geheuer gut täte, weil dem, der nichts zu putzen hat, immer wie- der gesagt werden muß, daß ohne ihn nichts läuft. Wen wundert's da noch, daß man die heutige Jugend über den Leisten des verrück- ten Ideals von einer "Gesellschaftskritik" durch "experimentie- rende neue Lebensformen" schlägt, wohl wissend, warum man an "alternativen" Körnchenbauern mit ihrem höchst iden- titätsträchtigen 10-Std.-Tag nur jeden Samstag als ungeheuer kri- tischer Konsument garantiert alternativer Produkte teilhaben mag. Mit diesem reaktionären Gedanken - "die Gesellschaft", "der Be- trieb", "der Konsum" macht es den Leuten schwer, in allem, was ihr Leben lang von ihnen verlangt wird, die Verwirklichung ihres eigenen Selbst zu erblicken (wer ist das eigentlich, der Herr Selbst?) wird jeder Bereich der bürgerlichen Gesellschaft abge- klopft: hat ein Mensch keine Arbeit, ist er für die S i n n l o s i k e i t dieser Welt genauso Beleg, wie wenn er eine hat, denn auch dann steht er mit ganz vielen "Frustrationsgründen", versehen am Rande dieser Gesellschaft, die ihm für seinen Seelenfrieden kein wirkliches Heim bieten kann; wird einer vom Vater verdroschen, tun nicht die Schläge weh, son- dern das Herz blutet wegen mangelnder "Anerkennung", und kriegt er keine Dresche, sondern sogar einigermaßen Taschengeld, dann ist das auch von Übel, weil nur materielle "Kompensation" von Liebe, was bekanntlich zum zwanghaften Ausräumen von Supermarkt- regalen verleitet, etc. etc. Jemand, der gleichgültig gegen alle Schwierigkeiten, die für jung und alt bei der Bewältigung der Anforderungen des täglichen Le- bens auftreten, in allem sein eigenes, immer gleiches Urteil von dem "Sinndefizit der Gesellschaft" entdeckt, sieht folgerichtig im Fixer auch einen S i n n s u c h e r, weswegen diesen Leuten von kritischen Zeitgenossen eine "Protesthaltung" zugebilligt wird, die auch, je nach gusto, als "unpolitischer Absetzprozeß" (oder auch als beides) gedeutet werden kann: "Zum einen können die Widersprüche in der Gesellschaft (welche bitte?) durch Drogenkonsum kraß (krasser, am krassesten) betont werden, zum anderen können gesellschaftliche Widersprüche zuge- deckt (spiel mir das Lied vom Fixertod), verharmlost (Kifferwahn) und vergoldet (der goldene Schuß) werden." Mit dieser Scheißlogik, Drogenkonsum, alternatives Leben, Punker etc. immer mit einem sowohl als auch " zu interpretieren, - ei- nerseits ist alles "konfliktmäßig", andererseits ist alles "rückzugsmäßig" -, kann man natürlich jahrelang sein kritisches Raisonnernent pflegen, ohne daß ein anderes Urteil als das be- sagte zustande käme. Oder auch anders hingeschrieben: Einerseits hat d i e Gesellschaft überhaupt keinen Widerspruch, weil sie s o interpretiert nichts als eine Abstraktion von dem Prädikat ist, das für Widersprüche verantwortlich zeichnet. Daß andererseits Fixer eine "Protesthaltung" gegen die bürgerli- che Gesellschaft haben sollen und das Heroin ihre Waffe ist, diese Kritik zu fahren, ist inklusive des Geredes über die ver- meintliche "unpolitische Absetzbewegung" ein Treppenwitz intel- lektueller Interpretationskunst. Diese verrückte Optik stört sich auch nicht an der unbedeutenden Tatsache, daß Leute, die ihre völlige Selbstzerstörung um ihres ganz privaten Hochgefühls wil- len - jenseits aller Realität - betreiben, und dafür den trauri- gen Zirkel - Fixen, Geld beschaffen (Klauen und Prostitution), Fixen - eingehen, damit bestimmt nichts mit Kritik am Hut haben. Nur dem interessierten Standpunkt, sich jeden Drogensüchtigen als einen herzurichten, dessen angeblich kritische Haltung man als Impuls auffassen muß, der nur falsch geleitet ist, und d e s w e g e n dringendst pädagogischer Interpretation und Hilfe bedarf, kann so ein Unsinn einfallen. Therapien für brauchbare Fixer ------------------------------ Die Vorstellungen, die dabei heutzutage über den praktischen Um- gang mit Fixern im Schwange sind und sich als rührende Anteil- nahme am Schicksal der Betroffenen verkaufen, sind sich bei allem Streit über die Interpretation von Therapiemethoden und -zielen über das praktische Kriterium des Therapieerfolgs einig: Entweder man setzt den falschen Gedanken "Fixen als Protest" konsequent fort, gibt sich ganz kritisch gegen die herkömmliche "affirmative Therapie" und heuchelt Unverständnis: "...wenn Fixer ausflippen, weil sie auf die Gesellschaft keinen Bock mehr haben, warum wird ihnen dann in der Therapie erzählt, daß die Gesellschaft klasse ist?" Der verrückte Gedanke, daß einer Fixer ist, w e i l er sich das In-eins-Sein mit der Gesellschaft nicht mehr zum Zweck setzt, mündet dabei in den Vorwurf, daß sich die herkömmliche Theorie selbst widerlege, da sie das dem "Pusher" unterschebene Ideal ei- ner kritischen Lebenshaltung m i ß b r a u c h t. Die Bewußt- seinsstörung infolge Haschisch und LSD-Gebrauchs kommt einem un- ter diesem Aspekt durchaus positiv vor, weil beide ja bei "der Erschließung neuer Wirklichkeiten" immer noch "alternative Sozi- albeziehungen" zulassen und damit die Gesellschaftskritik, die man in den Fixer hineininterpretiert hat, noch ermöglicht. Konse- quent schließt daran die fortschrittliche Forderung nach der Trennung in harte und weiche Drogen an - wozu man mit dem Vor- wurf, daß der Staat die Droge Bier "willkürlich" für legal er- klärt hätte, erfreulich vorgearbeitet hat. Man kann auch ganz ra- dikal sein und mit der Unterscheidung zwischen fixenden Dealern und fixenden Endkonsumenten gegen die Kriminalisierung der letz- teren auftreten, weil man bestimmte "Erschwernisse der sozialen Integration" fürchtet, also dem Staat die "fortschrittliche Per- spektive" weist, sich nicht mehr Probleme aufzuhängen als unbe- dingt notwendig. Oder man steht auf den Idealen der offiziellen Therapie, die unter dem Motto der "Herstellung einer intakten Persönlichkeit" und der "Fähigkeit zur Bewältigung von Konflikten" den Fixern eine "Ichschwäche", also eine U n f ä h i g k e i t, seine Lebensbedingungen aushalten zu kön- nen, andichtet und plädiert dafür, daß der Gedanke, man könne den Willen wie einen Muskel trainieren, durch "Arbeitstherapie" und "Gruppenmarathon" in die bekannte barbarische Tat umgesetzt wird. Dies führt dann zu der traurigen Figur des berufsmäßigen "Exusers", der sein Leben lang damit beschäftigt ist, den inneren Schweinehund, der angeblich zum Fixen führt, in Schach zu halten, wofür, wie er in seiner Therapie gelernt hat, die Selbstverleug- nung als Praktizierung seiner Drogenfreiheit das beste Mittel ist. Der auftretende Streit um den besten Umgang mit den Fixern, den man daran mißt, ob die "... anfangs als Fremdsteuerung emp- fundene Übernahme gesellschaftlicher Normen zusehends verinner- licht und als Selbststeuerung empfunden wird" oder ob gar die "Findung eines konkreten (!) Lebensinhalts in Jesu als Ersatz- droge" zu geringeren Rückfallquoten führen, verrät jedesmal die ungeheuer konstruktive Lösung der Probleme, die man einem Fixer angedeihen lassen möchte: Funktionieren soll er nämlich schon können bei allem, was man von ihm erwartet. Dazu ist es auch völ- lig gleichgültig, ob er "durch freiwillige Hilfe in der Gemeinde- arbeit" was wird oder als "Ex-user den Motor des Aufbaus" ("DO IT") eines Therapiezentrums spielt. Hauptsache, er steht unter Kontrolle. Das Gemeinsame bei all diesen Bemühungen, mit dem Fixerproblem kunstvoll so umzugehen, daß er sein Leben statt der Droge der Selbsttherapie entweder "in Jesus Christus" oder für "DO IT" weiht, besteht darin, aus den "Betroffenen" noch irgendeinen ge- sellschaftliche Nutzen herauszuziehen, der ihnen jeweils als die adäquate "Vermeidungssategie" für den immerzu anstehenden Rück- fall verkauft wird. Nicht umsonst besteht das Oberziel des Thera- piemodells in der "Anpassung an gesellschaftliche Erfordernisse" und in der "Herstellung der Drogenfreiheit durch (!) Arbeitsfä- higkeit. Und darauf kommt's doch an, oder? zurück