Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 5, 20.11.1979
Zu Gast bei Prof. H. Dahle:
WEHRLOSE FRAU ERPRESST SOZIALAMT!
Folgender Fall wurde in der Erstsemester-Veranstaltung von Prof.
H. Dahle an der HFSS verhandelt:
Frau O., vier Kinder, Mann arbeitslos und krank, ist Sozialhilfe-
empfängerin. Das Geld vom Sozialamt reicht nicht aus, um damit
auch nur den minimalen Lebensunterhalt für die Familie zu be-
streiten. Deshalb geht Frau O. zu 'Mehrwert' und versucht, einen
Einkaufswagen mit Waren unbezahlt durch die Kasse zu schieben -
und wird dabei erwischt.
Was geht hier vor?, fragt Prof. Dahle sich und seine Zuhörer. Der
Verweis auf einschlägige Gesetzesparagraphen greift eindeutig zu
kurz. Auch kann es nicht um die häusliche Brotzeit gegangen sein,
denn Frau O. steht für höhere Ideale ein. Sie hat in ihren Ein-
kaufskorb nicht verschiedene Freßsachen gepackt, sondern ihren
Ärger mit dem Sozialamt. Deswegen hat sie sich auch weniger eines
Rechtsbruchs schuldig als um einen Protest gegen das Sozialamt
verdient gemacht. Diesem rechnet sie mit ihrem geklauten Waren-
korb vor, daß es ihr nicht zu ihrem Recht verholfen hat, als es
ihr einen Unterhaltssatz verpaßte, mit dem sie unmöglich zu Rande
kommen kann. Prof. Dahles Sicht der Dinge zufolge wurde im Super-
markt bei Frau O. ein "Widerstandspotential" entdeckt, ganz ent-
gegen der Auffassung der Kassiererin, die nur entwendete Konser-
ven gesehen haben wollte.
Endlich ein Akt echter Selbsthilfe, freut sich der Professor mit
seinen Schülern, verbittet sich aber eigentümlicherweise den Auf-
ruf an alle Sozialhilfeempfänger, es Frau O. bei Hertie oder
Karstadt gleichzutun. Aber warum?, mag sich der im wissenschaft-
lichen Denken noch unbedarfte Student gefragt haben. Die Antwort
lautet folgendermaßen: weder dem Wissenschaftler, daher auch
nicht Frau O., ist es um die organisierte Brotzeit gegangen, son-
dern den angeblich darin verkörperten "Widerstand", genauer:
seine M ö g l i c h k e i t (-"potential"). Aber worin liegt
sie, diese, 'Möglichkeit'. Ein klarer Fall für einen geübten kri-
tischen Sozialpädagogen: Frau O. ist bis aufs Hemd abgebrannt und
mittellos, was ein ungeheurer Trumpf ist, mit dem sie das Sozi-
alamt erpressen kann. Wo nichts ist, kann man nichts holen, soll
sie sich gedacht haben, um des Professors Wunschtraum zu erfül-
len: das jedem Wermutbruder und auch Frau O. sicher geläufige Er-
pressungsverhältnis des Sozialamts gegen seine 'Kunden' steht
hier Kopf, damit das Opfer Täter werden kann. Weil das Sozialamt
sich an ihr nicht schadlos halten kann, wenn es nach Abwägung ih-
rer familiären Situation (vier Gören und so) eventuell für die
gestohlenen Sachen einsteht, so freut sich der kritische Profes-
sor, wird es von einer mittellosen Frau auf die G r e n z e n
seiner Macht gestoßen: statt Anwendung einschlägiger BSHG-Para-
graphen soll hier endlich einmal der stets betonte, nie eingeslö-
ste Anspruch dieses Amtes auf e c h t e Lebenshilfe abgepreßt
worden sein.
Fazit von Prof. H. Dahle:
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Es ist schon etwas dran, am Sozialamt, wenn man es auf seine
Grenzen stößt und etwas aus ihm macht, siehe Frau O.
Fazit des Sozialamtes:
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"...werden wir ihren monatlichen Satz zum Lebensunterhalt um DM
5,00 kürzen, um den entstandenen Schaden abzutragen. Wir weisen
Sie darauf hin, daß im Wiederholungsfalle..."
Es ist schon etwas dran, an den Grenzen des Sozialamtes, mit
denen es diejenigen in ihre Schranken verweist, die auf es ange-
wiesen sind, siehe Frau O.
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