Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 3, 08.11.1979
"DER THERAPEUT IM STRAFVOLLZUG - EIN BÜTTEL DER JUSTIZ?"
Die Projektgruppe "Jugendstrafvollzug" hatte einen praktizieren-
den Therapeuten aus dem Strafvollzug an die Universität eingela-
den. Der gute Besuch der Veranstaltung läßt darauf schließen, daß
dem angehenden Sozialpädagogen und -psychologen das Problem des
Psychiaters unter den Nägeln brennt:
"Ist der Therapeut im Strafvollzug nur ein Büttel der Justiz? Der
Therapeut ist die Stütze eines Systems, das selbst erzeugt, zu-
mindest aber verstärkt, was anschließend der behandlung bedarf -
um weiter strafen zu können." (WK)
Das Urteil eines ganzen Berufsstandes über seine eigene Tätig-
keit, das Elend seiner Klienten nicht zu beseitigen, im gegen-
teil, seine Quelle sogar noch aufrechtzuerhalten, macht offenbar
niemand an der hohen Meinung über seinen Beruf irre. Selbst auf
diesem Feld der sozialpädagogischen Arbeit, wo jede Spekulation
über die Gründe für die Beschädigung der Menschen lächerlich
wirkt - schließlich sitzt der Gefangene im Gefängnis, und das
macht ihn fertig! -, weigert man sich hartnäckig, von seinem
Idealismus abzulassen. Im Unterschied zu den Obdachlosen und son-
stigen Klienten, die sozialbearbeitet werden, handelt es sich
beim Strafvollzug um die staatlich organisierte Produktion von
lädiertem Menschenmaterial und dennoch: bevor ein Student der So-
zialpädagogik dieses Urteil ernst nimmt und nach Gründen fragt,
warum sich sein Arbeitgeber so etwas leistet, zieht er es vor,
seine "Sozialklempnerei" vor dem selbstentdeckten Widerspruch zu
retten. Ist der Therapeut n u r ein Büttel der Justiz, fragt er
geschickt und hat die Antwort damit vorprogrammiert: N u r na-
türlich nicht, einer schon a u c h, so daß für die guten Ab-
sichten der Helfer im Knast im Berufsbild des Therapeuten noch
ein Eckchen frei bleibt. Selbst der angereiste Achim der im Voll-
zugskrankenhaus Hohenasperg seinen Dienst quittiert hat, weil er
"dieses sinnlose Karusell" nicht länger ertragen mochte, setzt
sich die V e r b e s s e r u n g des therapeutichen Dienstes im
Knast zum Ziel für den Rest seines Psychiaterlebens.
Die ganze Diskussion drehte sich daher um eines: wie kann ich mir
den Glauben an die höheren A n s p r ü c h e meines Berufes er-
halten angesichts einer Berufs p r a x i s, die praktizierende
Therapeuten wie Mechler dazu treibt, sie a u f z u g e b e n
und nur noch mit dem Ethos dieses Berufs herumzulaufen. Das macht
seine ganze Attraktion aus für die moralische Aufrüstung, ohne
die man den aufreizenden Dienst als "Büttel der Justiz" gar nicht
ausüben kann. Wo sie der Zweck einer sozialpädagogischen Diskus-
sionsveranstaltung ist, bleibt die Wahrheit über die P r a x i s
im Knast und seine Wirkung auf der Strecke.
Knast essen Seele auf...
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Was ist los mit dem Gefängnis?
"In einer drangvollen Enge verliert er seine Intimsphäre... und
bleibt doch inmitten so vieler allein. Allein mit dem Bewußtsein,
daß seine Angehörigen gleichfalls-bestraft worden sind... Dieser
ganze Mangel an Liebe und Zärtlichkeit, von der Sexualität gar
nicht zu sprechen, die totale Entmündigung durch eine Institution
liefert den Zündstoff für Reaktionen, die immer auch eine Appell-
funktion haben, Notsignale, SOS-Zeichen sind."
Sicher, reingeschaut hat er in den Knast, der Therapeut, aber
wie. Abgeschlossen von der Außenwelt und auf zwei mal drei Meter
Bewegungfreiheit eingeschränkt setzt die Strafe der Freiheit ein
Ende. So wörtlich, aber soll die "drangvolle Enge" nicht genommen
werden und keineswegs ist damit auf die Vergrößerung der Zellen
oder das Einreißen der Gefängnismauern angespielt. Ebensowenig
versteht sich der Hinweis auf den "Mangel an Liebe und Zärtlich-
keit:" praktisch als Plädoyer für freizügige Liebe im Knast. Der
Psychologe hat hier lediglich Übersetzungen angeboten, wie man
die Unterwerfung des Insassen unter die staatliche Ordnung im Ge-
fängnis als Leiden des Gefangenen an sich selber hinstellen kann,
dem mit Verständnis abgeholfen werden soll. Weniger die Gitter-
stäbe und Mauern bedrängen ihn, dafür umsomehr das "Bewußtsein,
daß seine Angehörigen gleichfalls bestraft worden sind" (was
nicht stimmt, denn die wohnen in ihren eigenen vier Wänden). Mit
s i c h hat also nach Auffassung des Therapeuten der Mensch im
Knast das größte Problem. Auch wenn er hier nicht richtig liegt -
die meisten Knastrologen wollen raus und nicht auf die Psycholo-
gencouch! -, zumindest sind der Gefangene und seine traurige Exi-
stenz so zurechtgerückt, daß sie nach dem Verständnis und der Be-
handlung des Psychologen geradezu schreien, mit "SOS-Zeichen".
Daß Häftlinge den Knast nicht aushalten und die Zerstörung ihrer
Individualität gegen sich selber fortsetzen, durch Selbstverstüm-
melung ("Schnippler") oder Selbstmordversuche, sind für einen Ge-
fängnistherapeuten nur umständlich formulierte Wünsche, "Appelle"
an ihn, den Zwang aus Beton, Stahl und Uniformierten mit einfühl-
samem Verständnis zu füllen. Wie macht er das? Der
"Schnippler"ist ein klarer Fall von "Ich-Schwäche""womit nicht
einfach gesagt sein soll, daß die Physis und Konstitution des
Mannes im Knast runtergekommen sind. Daß er i h n nicht ausge-
halten hat, wird ihm als Mangel seiner P e r s ö n l i c h-
k e i t und Einstellung vorgehalten. Folglich erledigt sich das
Problem für den Psychologen damit, daß er seinem Klienten zu
einer Einstellung verhilft, die ihn die Gewalt des Gefängnisses
ohne Selbstmordversuche aushalten läßt. Als "Ich-Stärke" preist
er das traurige Ergebnis an, daß Leute ihre Ruinierung im
Gefängnis auch ohne Selbstmordversuche überstehen können, wenn
sie seine falsche Gleichung beherzigen: was der Knast aus mir
macht, hängt ganz davon ab, was ich aus ihm mache.
.... weil Bedienungspersonal schlecht
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So betrachtet ist das Gefängnis eine einzige ungünstige Bedingung
für die "seelische Stabilisierung der verzweifelten Menschen":
"Die Freiheitsstrafe, die den Gefangenen entmündigt und isoliert,
vertieft und verstärkt geradezu selektiv dieselben Persönlich-
keitsmängel, die seine kriminelle, Fehlentwicklung verursacht
oder begünstigt haben."
Zwar hat noch niemand eine Bank geknackt, weil er unter dem Per-
sönlichkeitsmangel der "Ich-Schwäche" leidet - er wird schon
seine Gründe haben, und neben Mut gehört auch bisweilen Stärke zu
diesem Unternehmen. Für den Therapeuten aber steht das gegentei-
lige Urteil ebenso fest wie die Erfindung, die Strafanstalt sei
ein therapeutisches Hilfsangebot an "mangelhafte" Persönlichkei-
ten, das leider seinem therapeutischen Anspruch und Auftrag nicht
gerecht wird. Und zwar deshalb, weil das Gefängnispersonal beim
Auf- und Zuschließen der Therapiezellen und bei der Aufsicht über
die Tütenkleberei die Sau rausläßt: Die Wärter
"folgen unbewußt einem eigenen Strafbedürfnis im Vollzug... und
gehen Mit ihrer Straflust gegen ihre eigene latente Kriminalität
vor."
Auch das ist ein Gedanke, ebenso falsch wie für den Psychologen
wertvoll: Wenn die Beamten im grünen Anzug den staatlichen Auf-
trag gegen die Häftlinge vollstrecken und statt liebevoller Worte
zur Brechung des widerspenstigen Willens böse Worte und Gewalt
einsetzen, dann tun sie eigentlich etwas ganz anderes. Ganz gegen
den erfundenen Auftrag des Psychologen reagieren sie ihre eigene
"Straflust" ab, "unbewußt", weil es keiner weiß, nur der Psycho-
loge. Der, weiß ganz genau, daß der Schlag auf den Kopf, verab-
reicht durch einen staatlichen Gummiknüppel, ein Ersatz für den
Mord an der Schwiegermutter des Vollzugsbeamten ist, der sich da-
mit seine "unbewußt" geplanten Verbrechen fürs erste erspart,
weil er sie auf den Gefangenen abladen kann. Raffiniert, diese
Wärter, nur wissen sie es noch nicht. Der Psychologe dagegen muß
es ja wissen, weil er sonst seine Konsequenz aus der Besichtigung
des Gefängnisses nicht loswerden kann: die eigentlich psychisch
verkorksten hinter der Gefängnismauer sind weniger die Inhaftier-
ten als ihre Wärter, weil sie durch ihre psychischen Defekte die
Psychologisierung der Häftlinge verhindern. Was ein solcher
Mensch also neben seinen 6 Quadratmetern und einigen Gitterstäben
dringend braucht, ist "die Psychohygiene der Bediensteten": "Es
ist ein alter Witz, nur therapiertes Personal ist therapeutisches
Personal".
Moral
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Den "sinnlosen Kreislauf" zwischen Strafvollzug und psychiatri-
scher Behandlung, die den Zellenbewohner wieder straffähig machen
soll, hat der Therapeut auf seine Weise vollendet. Was von diesem
Hilfsangebot an Gefangene zu halten ist, hat Mechler eindrucks-
voll demonstriert, als er seinen therapeutischen Dienst in Hohen-
asperg quittierte. Nun glauben muß man t r o t z d e m an seine
Analyse und ihre Konsequenz, weil offenbar für Studenten der So-
zialpädagogik eines selbstverständlich zu sein scheint: je er-
folgloser die sozialpädagogische Arbeit, umso wertvoller ist sie,
weshalb dem folgenden Kommentar zur Veranstaltung ungeteilter
Beifall zuteil wird: Mechlers "Analyse jedoch wird nicht zuletzt
durch das Scheitern, von dem er sprach, beglaubigt." Stimmen tut
das zwar nicht, brauchbar ist dieser Fehlschluß aber dennoch.
Nicht nur, weil er dem Sozialpädagogikstudenten erspart, bereits
in der Ausbildung die Sache wie Mechler hinzuwerfen. Auch für den
zukünftigen Therapeuten im Knast und "Büttel der Justiz", der im
weißen Kittel die Zellentüre auf- und zusperrt, gibt er Stoff für
blauen Dunst ab, der die psychologische Bearbeitung eingesperrter
Menschen als einmaligen Dienst an der Entfaltung ihrer Persön-
lichkeit erscheinen, läßt. Das hilft zwar nicht dem Häftling, dem
Therapeuten aber sehr: er hat seiner Tätigkeit einen Sinn gege-
ben, mit der sie sich aushalten läßt.
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