Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut


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       Münchner Hochschulzeitung, 14.10.1980
       
       Berufsreport:
       

DER BEWÄHRUNGSHELFER

Mit der Bewährungshilfe richtet sich der Staat eine Abteilung seiner Justiz ein, in der er sich auf den selbstbewußten Willen jener Glücklichen besinnt, denen er "unter Vorbehalt (!) der Strafe die Freiheit gewährt". Für den Entlassenen ist die "vorbehaltene" Strafe die ständige Drohung, die wiedererlangte Freiheit ausschließlich ab sein Sich-bewähren an den gerichtli- chen Auflagen (wie regelmäßige Meldepflicht, Meiden des alten Freundeskreises, Schuldentilgung, Job- und Wohnungssuche) zu ge- nießen. Da solcher Genuß der Freiheit mit der praktischen Lage des "Gesetzesbrechers", die eigene Existenz zu erhalten o h n e über Mittel hierzu zu verfügen kollidiert, eröffnet sich ihm ganz schnell praktisch wieder die "Alternative", sich gesetzeswidrig zu nehmen, was er braucht. Weil der Zwang den der objektiv poten- tielle Langfinger g e g e n s i c h s e l b e r ausüben soll, also eine recht kitzlige Sache ist, hat ihm Vater Staat auch gleich den Gesellen beigegeben, der ihn dabei entsprechend triezt - den Bewährungshelfer. Dessen Leistung besteht darin, die bis dato Zwangsverwahrten und nun in der Regel mittellos Dastehenden in Sachen Gesetzestreue anzutreiben. Das vorgeschriebene Sich- Kümmern um Schuldentilgung, Arbeits- und Wohnungssuche hat dabei nicht den Zweck den Ex-Häftling materiell so auszustatten, daß der Einstieg ins "normale Leben" garantiert ist: Zum einen ist es in Gestalt von Vorsprachen bei Arbeitgebern und Vermietern die Reflexion darauf, dem Entlegenen Möglichkeiten seiner Bewährung zu eröffnen; zum anderen ist mit der staatlichen Auflage, sich um die Obliegenheiten des Probanden zu sorgen, dem Bewährungshelfer überhaupt erstmal ein (anwendbares) Instrumentarium in die Hand gegeben, das sich als k o n k r e t e s Druckmittel bei der Be- ackerung das Willens der staatlicherseits als u n s i c h e r geltenden Kantonisten variabel einsetzen läßt. Aus der "vorbehaltenen" Strafe, die der Bewährungshelfer als Amtsperson gegenüber dem Probanden verkörpert, wird damit eine Drohung, die Hand und Fuß hat, der sich der Entladene in seinem Umgang mit seinen diversen Reproduktionsunmöglichkeiten ganz direkt, jeweils an Ort und Stell konfrontiert sieht. Sprechstunde des Bewährungshelfers ---------------------------------- Die Probanden haben bei ihrem Bewährungshelfer mit Belangen anzu- treten, deren ordnungsgemäße Erteilung diesem unterschiedliche Arbeiten abverlangen. Für den einen gilt es Briefwechsel zu erle- digen; für den anderen Kontakt mit den Gläubigern aufzunehmen, um einen Schuldentilgungstermin zu erarbeiten; Haus- und Gefängnis- besuche sind zu absolvieren, Gesprächsprotokolle anzufertigen; kurz die Verwaltung und Regelung der Freiheit der unter Bewäh- rungsaufsicht Gestellten will gemacht sein. Nun wissen die Bewährungshelfer aber ganz genau, daß ein Großteil ihrer Kunden ein ständiges Leben zwischen Knast und Gosse führt. Dauernd bekommen sie von ihren Klienten demonstriert, daß das arme, aber ehrliche Leben, worin man sich integrieren sollen, offenbar auch nicht lohnender ist als eine kriminelle Existenz. Mit der bornierten Entschlossenheit das konsequenten Praktikers übersetzt sich der Agent der "Resozialisierung" diese Tatsache allerdings in die "Erfolglosigkeit" seiner Aufgabe. Ungeachtet der objektären Grundes für die hohen Verbrechensquoten, nämlich der trostlosen Alternative, "anständig" (in des Wortes doppelter Bedeutung) zu arbeiten oder unehrlich erwischt zu werden, ver- fällt der Bewährungshelfer auf die abstruse Selbstkritik, er habe sich seinen Schützlingen zu wenig gewidmet. Und so kann es nicht ausbleiben, daß einige der Probanden in den zweifelhaften Genuß kommen, Objekt einer besonders intensiven Zuwendung ihres Betreu- ers zu werden, der nun über den Schreibtisch hinaus, in Hausbesu- chen Einbeziehung der Familie etc alle Register seines pädagogi- schen Könnens zieht. "Rein in den Knast, raus aus dem Knast. Ich kann es aber nicht aufgeben, Hoffnungen in ihn zu setzen, vermutlich hauptsächlich deswegen, weil ich schon soviel Arbeit in ihn investiert habe, die ja nicht umsonst gewesen sein soll. (Therese zu Hohenlohe- Waldenburg, "Süddeutsche Zeitung", 6.9.80) Wie man der adligen Therese entnehmen kann, wird der Bewährungs- helfer in solchen Fällen, in denen er pädagogische Investitionen für notwendig erachtet, zu einem richtig lästigen Wimmerl, das s e i n e n verstärkten Einsatz im Dienste des staatlichen Auf- trags zu der Grundlage einer gelungenen Rasozialisierung hochsti- lisiert - und entsprechend hartnäckig ist. Dazu leisten sie sich die Ideologie die "persönlichen Verhältnis- ses" zu den ausgewählten Opfern ihres Helferideals, denen die auf die Pelle nicken; sie beschwören ihre "Fähigkeit, e i n e Beziehung zuzulassen und sie zu suchen, wo sie sich nicht gleich einstellen will, mit dieser Beziehung sorg- fältig umzugehen, sie zu pflegen, weil sie die Grundlage g e m e i n s a m e n L e r n e n s ist ..." (BWH 2/78, Fried- mann) Man braucht ja nicht gleich so weit zu gehen wie jener TV-Krimiautor, der Conny Froboess als Bewährunghelferin den Freund = den kriminellen Einfluß eines Waisenmädchens erschießen ließ; es genügt doch vorauf, unter völliger Absehung davon, warum überhaupt, wozu und mit welchen Zwecken und Mitteln sich diese beiden "Personen" begegnen, zu behaupten, man sitze nebeneinander auf der Couch, um gemeinsam zu lernen. Da lachen zwar die Hühner, aber in sozialpädagogischen Kreisen macht sich sowas offenbar im- mer gut. Der Klient, Das Haupthindernis ------------------------------ "Die Grenzen der Bewährungshilfe sind da sehr klar gezogen, wo die Hauptperson nicht mitarbeiten kann oder will." (SZ, 6.9.80) Schöner ließe es sich kaum sagen! Der Adressat der Bemühung ist also das eigentliche Hindernis, die menschenbildenden Qualitäten des Bewährungshelfers so recht zum Zuge kommen zu lassen. Vom Standpunkt des ideologisch formulierten Zwecks der Resoziali- sierung - "selbstbestimmte Persönlichkeit" - aus kommt der Bewäh- rungshelfer nicht umhin, seinen Schützlingen "schweren Herzens" mangelhafte Zeugnisse in Sachen Resozialisierbarkeit auszustel- len. Überall entdeckt er an ihnen Schranken, "von ihrer Bewährungsaufsicht zu profitieren." Als sei es nicht ausgemachte Sache, daß der "Profit" der "Zusammenarbeit", des ständigen Clinchs zwischen Gesetzeshelfer und -brecher, keiner zum Absahnen für den letzteren ist, sondern ausschließlich auf Seiten des bestellten "Betreuers" existiert als dessen Vollzugsmeldung, daß er jemandem zur "Einsicht" in die stärkeren "Argumente" der Rechtsordnung verholfen habe, wird so getan, als sei der Grund für das mit seinen Regeln staatlich vor- programmierte Spielchen "rein in, bzw. raus aus dem Knast" die völlig unerklärbare E i n s t e l l u n g des Ex-Häftlinge zu all den schönen Einrichtungen der Justiz - "Es ist eigentlich unheimlich, das jemand, der offenbar so viel Angst vor dem Eingesperrtsein hat, doch wieder Straftaten be- geht." (SZ, 30./31.8.80) Ganz so, als hätte die mit ihren menschlich-allzumenschlichen Sorgen lebende Kundschaft kein anderes Problem im Kopf als die Frage, das Gesetz zu befolgen oder zu brechen, sehen die Bewäh- rungehelfer davon ab, daß die Achtung des geschätzten Eigentums umso leichter fällt, sofern man es hat. Deshalb wird ein "Herr G." dafür gelobt, ihm gar "Intelligenz" bescheinigt, weil er "den festen Entschluß hat, nie wieder ins Gefängnis zu kommen," und g l e i c h z e i t i g kritisiert: "Trotzdem (!) zählt bei ihm bis jetzt nur Greifbares vor allen Dingen Geld." (geradezu abartig!) (SZ, 6.9.80) Leiden an der Unpädagogischen Welt ---------------------------------- In permanenter Unzufriedenheit mit irgendwelchen materiellen An- sprüchen der Klienten - daß "Herr G." Geld nötig hat, ist dem Be- währungehelfer ja bekannt, gerade deshalb versucht er ihm doch beizubiegen, daß es im Interesse seiner Therapie für ihn nicht zu "zählen" hat - entdecken Sozialarbeiter nicht nur die sperrige Unbelehrbarkeit ihrer "Zöglinge", sondern auch stadtliche Insti- tutionen als Grund für die Schwierigkeiten ihres Geschäfts. Weil die Sozialhelfer sich über ihre Überwachungstätigkeit also unbedingt einbilden wollen, sie müßten an deren Objekten all die edlen menschlichen Eigenschaften herausbilden, die jenen - ganz Verkörperung des "Bösen" - angeblich abgehen, verfallen sie auf die aparte Kritik an ihrem Arbeitgeber, er habe die Knackis in dieser Hinsicht nicht ausreichend in die Mangel genommen. Das ist unverantwortlich! Auf dieses Weise schaffen diese Verehrer der Justiz, die sich "hier gewissermaßen als Stellvertreter der ganzen Gesellschaft" (SZ, 6.9.80) aufführen, es lässig, an der Gewalt der Strafe, die der Staat den Rechtsbrechern in Form verschlossener Zellen und Arbeitszwang an- gedeihen läßt, zu monieren, hier werde noch viel zu wenig geho- belt. Vorwürfe hören der Richter: "... aus Ratlosigkeit (dieser Schwächling) wird er wohl eine Freiheisstrafe verhängen und den Vollzug anordnen. Mehr als ein Dressurversuch (M e n s c h e n lassen sich ganz anders ranneh- men: Sprung auf, marsch, marsch" kann das wohl nicht seine, (SZ 6./7.9.80) der Knast: "Die große Mutter (!) Justizvollzugsanstalt kommt ihm (dem Rück- fälligen) leider gar nicht so ungelegen. Hier werden nämlich keine F o r d e r u n g e n an ihn gestellt. (Fideles Gefäng- nis!)" (SZ, 30./31.9.80) der Staat: "der die volkswirtschaftliche Rechnung, die ihm seine sozialar- beitenden Vorkämpfer aufmachen, endlich einsehen soll: ... Billi- ger ist ein über die Bewährungshilfe Resozialisierter sowieso als ein rückfälliger Straftäter. 40 Mark kostet der stationäre Straf- vollzug pro Tag und Täter. Ist er in Freiheit und hat er A r b e i t, (wie wär's mit Arbeitslagern?) zahlt er selbst Steuern, entrichtet er Beiträge zur Krankenkasse, und seine Fami- lie, falls er eine hat, fällt der Sozialhilfe nicht mehr zur Last." (SZ 21.5.79) Kein Wunder also, daß die "Gewalt" des Staats ausgerechnet dort beklagt wird, wo man sich selbst an deren Ausübung im luxuriösen Gewand der "Menschenbildung" nicht kräftig genug unterstützt fühlt: "Anonymität", "Fremdbestimmung", "Isolation", "Diskrimi- nierung" und "Ausbeutung" (aber jetzt der Bewährungshelfer!) finden überall da statt, wo der Staat seinen Agenten angeblich verwehrt, sich in ihrem menschheitsbeglückenden I d e a l e w i g e r B e w ä h r u n g auszutoben (was er, wie man sieht, keineswegs beabsichtigt - im Gegenteil: solche Freiheiten garantiert er!) und sie mit "lästigem Schreibkram" und, Feuer- wehrarbeit" (?) behelligt. Die ganze Bewährungshilfe - ein einziger Gewaltakt gegen die, die sie ausüben! Selbstlos, wie sie sind, ist das natürlich nur des- halb gemein, "weil (!) dadurch (durch die völlige Überlastung der Bewährungs- helfer) viele Straftäter wieder rückfällig werden." (Stern 26) Rund um die Uhr Bewährung ------------------------- Die M i s s i o n a r e einer solchen sozialarbeitenden Welt sind über die gewöhnlichen Obliegenheiten ihres Berufs also weit hinaus: Er stinkt ihnen vom Standpunkt seiner Idealisierung. Diese verrückte Stellung bringt der Bewährungshelfer dort am schönsten auf den Begriff, wo er die ihm aufgetragene Sorge um die "resozialisierungshemmende" Not seiner Probanden, z.B. nicht einmal eine feste Bleibe zu besitzen, so handhabt, daß er sie nicht nur in edler "therapeutischer" Absicht (Anforderungen!) an sein anspruchsvolles Klientel delegiert, dies sich so zur gefäl- ligen "Mithilfe" oder besser noch "Selbsthilfe" verdonnert sieht, sondern sie zur b l e i b e n d e n G r u n d l a g e seiner programmatischen "Erziehung zur selbstbestimmten Persönlichkeit" ausbaut. "Eine Wohngemeinschaft ist sehr sinnvoll für den Start (Nicht zum Wohnen?) - (Erlernen von Verhalten, das für zwischenmenschliche Beziehungen wichtig ist, Konfliktlösungen etc.) (Kosubek) Der Vorteil dieser therapeutischen Stätte liegt auf der Hand. Hier können sich die Typen allenfalls noch auf dem Klo auskommen. "Enttäuschungen", die der Bewährungshelfer in der normalen Sprechstunde registriert, z.B. daß "Kurt (mit einem) Abgang, der eine fatale Ähnlichkeit mit einer Flucht hat", die ganze "Spannung" (!) kaputtmacht, "ob er seine ... versteckten Aggres- sionen (nun) mindern oder gar abbauen kann" (SZ, 6.17.9.80) sol- len im "gemeinsam errichteten" (Übungsstaat nicht so leicht pas- sieren. Wer hier in "Verantwortung" eingebunden ist, wird schon das rechte "feeling" dafür aus sich herauspressen lassen, daß ihn der Terror einer solchen Haushaltung vor den Anfeindungen sinnlo- sen Vagabundierens segensreich bewahrt. Da gibt es Wohnungsdiskussionen, wenn einer eine Freundin öfter mitbringt und damit von den gemeinsamen, für das Funktionieren der Gruppe "erarbeiteten Normen" "abweicht" um ihm das "Schuldeingeständnis" (!) zu erleichtern. ("Wir hatten zu Anfang die gleichen Probleme") Die professionellen Liebhaber dieser hei- len Welt setzen ihr ganzes Engagement daran, ihren Adressaten in noch so heiklen Notlagen die Chance zum höheren Glück der S e l b s t d i s z i p l i n nicht zu verbauen: "Gerade in der Anfangsphase, wenn die Arbeitslosenunterstützung bzw. Sozialhilfe beantragt, aber noch nicht bezahlt wurde, ist die Versuchung groß, sich am Proviant der Mitbewohner zu vergrei- fen." (Kosubek) Daß die Butter viel mehr Eigentum als Brotaufstrich ist, und da- mit (!) Chance, sich zu bewähren, lautet die schmackhafte Lehre dieser sinnvollen Regeln. "Es kann nicht die Aufgabe einer Wohngemeinschaft sein, solche Vorfälle (wie Gelddiebstahl) um jeden Preis einer internen Rege- lung zuzuführen, da sie keine Oase rechtswidrigen Verhaltens sein darf. Viehlmehr soll in ihr auf das eigenständige und straffreie Leben in der Gesellschaft vorbereitet werden, wozu auch gehört das gesellschaftliche Institutionen (z.B. Polizei) eingeschaltet werden, wenn nach unserem Rechtsverständnis keine andere Wahl bleibt." (Kosubek) So schließt sich der Kreis. Das "sozialmagazin" Nach den Worten des führenden Marx-Interpreten der hiesigen Sozi- alfront, Leo DUMPELMANN, hat jeder Berufsstand seiner Tätigkeit einen eigenen Sinn verliehen, dem es zu verdanken sei, daß "die Entfremdung nicht total" zuschlage. Wenn es demnach tatsächlich möglich sein sollte, den objektiven Charakter des Berufs, den man ausübt, durch individuelle Sinngebung zum Verschwinden zu brin- gen, dann sind die Sozialpädagogen niederen Berufen in dieser Leistung weit voraus. Während z.B. die Maurer immer noch auf ihre Zeitschrift "Kelle, Sinn und Mörtel" warten und, auch das Bier- fahrerblatt "Der Fremde am Zapfhahn" ein Flop wurde, können die Sozialarbeiter stolz auf eine eigene Illustrierte blicken, der es allmonatlich in vorbildlicher Weise gelingt, das ganze Ethos die- ses schönen Berufs lesergerecht aufzubereiten: das "sozialmagazin" (sm), Deutschlands größte sozialpolitische Zeit- schrift" Allein die Lektüre der Septembernummer vermittelt eine derart große Portion Sinn, daß es auf Jahre hinaus reicht. Sinnvoll - problematische Praxis wie du und ich ----------------------------------------------- Die Septemberausgabe des 'sm' überrascht ihre Leser mit einer längst überfälligen Neuerung: die obligaten Erfahrungsberichte, über die alltäglichen Schwierigkeiten und nichtalltägliche Lö- sungsvorschläge" werden ab sofort als eigene "Praxis-Serie" auf graues Papier gedruckt. "Die Helfer" - wie die 'sm'-Werbung tref- fend das verbreitete Selbstbewußtsein ihrer Adressaten aus- spricht, daß die staatliche Einrichtung eines solchen B e r u f e s die Qualifikation dafür abgibt, sich das moralisch wertvolle Prädikat an die Brust zu heften, als d a s Humanum schlechthin im selbstlosen Dienst an der Menschheit aufzugehen Was würden diese menschelnden Individuen nur machen, wenn es die- sen Beruf nicht gäbe?) - sie erhalten damit von ihrem Zentralor- gan endlich auch graphisch eindrucksvoll von dem heftigen Bedürf- nis Rechnung getragen den eigenen sozialen Horizont via Artikel mit dem Stempel original und subjektiv von der Basta zu erwei- tern. Um solcherlei Berichte interessant oder gar anregend zu finden, bedarf es also schon eines einigermaßen gefestigten Standpunkts, Sozialarbeit für eine so notwendige und selbstver- ständliche Angelegenheit zu halten, daß ihm B e g r ü n d u n g e n mindestens so überflüssig wie ein Kropf, wenn nicht gar ärgerlich als "graue Theorie" vorkommen: er will sich ja ausdrücklich i n s p i r i e r e n lassen von den Er- lebnissen seiner Kollegen. Und wenn man es dann für einen "alten Hut" - das härteste hier mögliche Urteil - befindet, ist es auch recht, denn dann bestätigt sich der Leser, daß er voll up to date ist. Allen Unmittelbarkeitsspechten bietet das 'sm' diesmal einen Ob- dachlosenreport aus dem Hessischen. Als Erfahrungsbericht, so fast nebenbei, serviert dieser Artikel seine sozialpädagogische Ideologie: Die hessischen Helfer haben entdeckt, daß - wahr- scheinlich von Ostfriesland bis nach Niederbayern - die Sozial- hilfegesetze "nicht richtig ausgeschöpft werden." Weil "sparsame Beamte" ständig mit der gesetzlich erlaubten Riesensumme von 326,- geizen, müssen die Basisarbeiter, die den Höchstsatz nur "die prinzipiell mögliche sinnvolle Hilfe" erklären, Kollegen- schelte üben - Schulter an Schulter mit ihren geliebten Klienten, die sie ab sofort schonungslos "über ihre Rechte informieren". Und weil der Leserkreis des 'sm' so wahnsinnig multisensibel ist, liefert die Zeitschrift auch gleich noch die packenden Bilder dazu, die dokumentieren, wie Sozialmenschen ihren reizenden Kun- denstamm ins Herz geschlossen haben: zerlumpt und dumm, wie Ob- dachlosenkinder - und zwar aus keineswegs charakterlichen Gründen - s i n d, dürfen sie mit großen Kulleraugen das humane Zentrum des Betrachters ergötzen das die an diesen Kindern durchgesetzte Gewalt der Verhältnisse kurzerhand als "spontanen, kreativen" Charakter verherrlicht. Ihren Eltern dagegen scheint jegliche Listigkeit abhanden gekom- men zu sein, weshalb ihre Sozialbetreuer ihnen ein "Redetraining" verordnet haben, "damit sie künftig in der Lage sind, ohne bekemmende Ängste auf Ämtern vorzusprechen." Wie im Kindergarten dürfen die Erwachsenen dann "im Chor, im Wettkampf" oder "möglichst laut" vorlesen, und versäumen Sozial- kundeunterricht nachholen, indem sie dazu angehalten werden, staatsbürgerlich - politisiert über die weltweiten Aktionen der Staaten zu Räsonnieren ("Soll der Schah von Persien ausgeliefert werden?"), die so frei sind, sich daheim eine Lohnarbeiterklasse samt deren Ausschuß zu halten, der sich seinerseits - so das Lernziel dieses Programms - darüber, also über s e i n e miesen Existenzbedingungen nicht zu grämen braucht. Die Hilfe besteht also in der Aufforderung, sich zur Obdachlosigkeit zu b e k e n n e n, "daß sie zunehmend zu ihrer Obdachlosigkeit stehen können, nicht mehr über ihre Situation beschämt sind... Das sind nun wirklich "Erfahrungen", die ein informierter Sozialarbeiter kennen m u ß! Danach braucht er eine Meinung zur Sozialpolitik, wofür sich das 'sm' ein bewährtes Schema ausgedacht hat, das auch in dieser Nummer am aktuellen Thema "Asylrecht" sich als durchaus gerecht erweist: a) E m p ö r u n g über die vermeintlich unsachgemäße Behand- lung dieses sozialen Themas: "Das Buhlen um die Macht scheint im Wahljahr also keine Grenzen zu kennen." Gehen Sozialarbeiter eigentlich nicht zur Wahl? Na also! Wenn die Ausländer nicht zum Gegenstand das Wahlkampfs geworden wären, hätte das gleiche Blatt - ganz Stimmbürger - die Vernachlässigung der Randgruppen durch den Staat, der dieses "Problem" ja zu "lösen" hat, beweint. So folgt äußerst konsequent b) die kritische A u f f o r d e r u n g an eben diesen Sach- walter aller "anstehenden Probleme" sich durch nichts und schon gar nicht durch das gemeine Volk in der Ausübung seiner Souveränität beirren zu lassen. "Nützlich ist, was der öffentlichen Meinung entgegenkommt. Deren Motto lautet: Schickt die Fremden nach Hause, macht die Grenzen dicht..." - und tun dabei so, als ob nicht genau der die Ausländer geholt hätte und jetzt ebenso gezielt wieder abschiebt, also nach seinen politischen Zwecken handhabt; als ob also nicht der Staat dieses "Problem" auf die Tagesordnung gesetzt hätte, sondern der "Pöbel", und als ob der Staat nicht dessen gewöhnlichem Rassismus sehr wohl die feine Unterscheidung angedeihen ließe, wann ein gelbes Schlitzauge plötzlich zur freiheitssuchenden armen Kreatur wird und wann nicht. c) Das B e k e n n t n i s zu diesem Staat, vorgetragen als un- ser aller S c h u l d, ein Verfahren, das die verzückte Lei- stung vollbringt, sich zu schämen wenn die Politiker eine Sauerei beschließen: "Andererseits ist eine Politik, die den Flüchtlingen hier das Le- ben möglichst schwer machen will, eine beschämende Antwort auf die Forderungen des Grundgesetzes nach Toleranz und Solidarität." Und wo unsere Magazinmacher selbst ihre moralischen Skrupel als die "Forderung" des obersten G e s e t z e s vorbringen, da läßt sich d) der endgültige Einklang nicht mehr lange bitten. Der Satz: "Man muß jedem Asylbewerber die Chance geben, daß sein Asylbegeh- ren rechtsstaatlich einwandfrei geprüft wird" - kommt uns so bekannt vor, daß man fragen muß, ob Helmut Schmidt vom 'sm' abgekupfert hat oder umgekehrt? Psycho-Bluse und Sozialcharakter -------------------------------- Nun hat sich der sozial engagierte Leser aber lange genug mit den Gedeckelten dieser Gesellschaft und deren wirkungsvollster Ver- waltung abgegeben - nun möchte er seine Probleme ein bißchen ge- bauchpinselt haben schließlich hat man es im Umgang mit diesen verquer "sozialisierten" Halbwilden ja auch nicht gerade leicht! Und schon ist das 'sm' in geradezu vorbildlicher Weise zur Stelle indem sich fast jede Ausgabe der schwierigen Situation des Sozi- alarbeiters widmet, der unter dem auf ihn gezielten Ansturm der "verschütteten Zärtlichkeitspotentiale" seiner Klienten zusammen- zubrechen droht. Auch im September passiert wieder folgendes: "Durch ihre dünne Bluse fühle ich ihre Wärme und die Weichheit ihres Körpers, als sie sich immer enger an mich kuschelt. Das ist mir angenehm..." Soweit die Erotik, der Mann und die Frage was das im 'sm' soll. Antwort: "In meinem Hinterkopf ist ihre schwierige häusliche Situation, ihre Suche nach Geborgenheit, angenommen sein ..." Als Psychologe müßte man ja nun fast fragen, woran es wohl liegt, daß die Sozialarbeiter darauf verfallen, hier würden ihre Klien- tinnen beim Knutschen tiefliegende Komplexe lösen wollen. Gibt es da nicht die unschöne These daß, wer anderen eine Macke anhängt, selber nicht ganz richtig tickt? Es ist aber viel schlimmer: psy- chologisch gebildete Sozialpädagogen können sich intellektuell daran aufgeilen, die ganze Welt, inklusive sich als Nabel, als psychologisches Beziehungsgeflecht voller Schweinigeleien auszumalen - und das können sie nicht mal für sich behalten. Alle sind mehr oder weniger behindert ------------------------------------- Dieser Botschaft hat das 'sm' eine regelmäßige Rubrik eingerich- tet, in der Sozialarbeiter mit literarischer Begabung unter Auf- forderung zu bedingungsloser Subjektivität - ihre intimsten Ge- fühle zum Umgang mit verschiedenen Klientengruppen zu Glanzpapier bringen dürfen. Im September darf Monika, A. Unter der Über- schrift "Gegen den Zwang, schön, heil und gesund zu sein" voll- bringt sie die absurde Leistung, gerade dadurch, daß sie ihr In- nerstes nach außen stülpt, exakt und komplett die Ideologien zu reproduzieren, die die ganz normale Begleitmusik zur staatlichen Behindertenpolitik spielen. Wenn sie "empfindet": "Gerade der Überfluß an Reichtum (!) in Behinderteneinrichtungen und Bürokratien macht alle Integrationsversuche viel komplizier- ter", dann heißt das auf deutsch "Kostendämpfung im Gesundheitswesen"; wenn sie eine "Spezialbehandlung für Behinderte" für eine Krän- kung hält, dann werden Behinderte schon längst ganz gleichmache- risch nach ihrer Arbeitsfähigkeit therapiert; und wenn ihre Seele davon "weg will, Behinderung als Krankheit zu sehen", dann han- delt staatliche Sozialpolitik schon zweimal nach dem Grundsatz, daß Behinderte nützliche Mitglieder unserer Gesellschaft sind", die sich noch nützlich machen dürfen. Monikas Statement "Ich wollte von dem abweichen, was 'man' macht" wird ihr in seiner arroganten Verlogenheit von den Lesern des 'sm' sicherlich hoch angerechnet werden. Denn selbst diese pene- trante Selbstdarstellung drückt nicht als die Gewißheit aus, die die Magazingemeinde eint: Daß Sozialarbeit darin besteht die ihr Anvertrauten beim Aushal- ten ihrer Beschränkungen zu unterstützen. Oder, wie Moni sagt: "Die Fähigkeit, damit gelassen und liebevoll umzugehen." *** Je roller, desto toller! ------------------------ Die Erstberollung eines Zweitausenders durch einen californischen Rollstuhlfahrer wurde vom deutschen "Behinderten Kalender 1981" (Hrsg. Ernst Klee, Rechte-Tips-Nachrichten) prompt als Herausfor- derung angenommen: Auch "Bordstein ist Mordstein!", aber "Rollstuhl ist Tollstuhl!" - Heia Safari! Für das '81er "Jahr der Behinderten" muß also mit der Erfolgsmel- dung gerechnet werden: Über den Mordstein getollt! zurück