Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 53, 04.05.1982
       
       Bremen aktuell
       
       Noch ein sozialdemokratisches Kostensenkungsprogramm:
       

"NOT ZUR TUGEND"

machen will, laut Weser-Kurier vom 29.4., Sozialsenator SCHERF. Der berufsmäßige Verwalter von Armut und Elend, der sich darin gefällt, als Helfer von Sozialfällen aufzutreten, macht aus der beschlossenen Not des Bremer Sozialhaushalts eine Tugend, die er anderen auferlegt. Die sicherste Grundlage, auf der der Sozialse- nator steht, ist die Not der Bremer, für die er zuständig ist und deren Not er zu benutzen und durch deren Tugend des Haushaltens zu ergänzen gedenkt. Die praktische Maßnahme von Scherf besteht nämlich schlicht in Kostensenkung: in der Jugendpflege soll in Zukunft nur mehr "etwa ein Drittel der für einen Heimplatz nöti- gen Mittel" ausgegeben werden. Insgesamt sollen in den kommenden drei Jahren E i n s p a r u n g e n von rund 3 - 4 M i l l i o n e n D M" vorgenommen werden. Dafür haben die Bre- mer Sozialdemokraten im Sozialreport ein Programm ausgeheckt, sich als einzigartige C h a n c e für "ältere schwierige Heim- kinder" vorträgt, "die oft bereits in einer langen Serie von Mißerfolgen von Einrichtung zu Einrichtung gewandert sind. Das Argument ist nicht von Pappe: was ehedem als vielgepriesene Lei- stung des sozialen Netzes galt, bemerkt Scherf heute als die Not der davor Betroffenen. Was ehedem als wohlerdachtes System galt, um Kindern von "sozial schwachen Familien" Ausbildung und Zuwen- dung zu erteilen, steht heute als Beleg für eine Sozialkarriere, die "ihre Spuren hinterlassen" hat. Die Resultate des sozialstaatlichen Umgangs mit dem Nach- wuchs der anerkannten Armen sind also anno '82 von der Politik entdeckt als Angebot an die Betroffenen, bei der Verwaltung ihrer Not Fortschritte zu machen. Hauptsache die Kasse von Scherf wird weniger beansprucht. Und dafür ist in zweifacher Hinsicht ge- sorgt: 1. Damit nicht weiterhin "pro Kind und Jahr im Durchschnitt nicht weniger als 45.000 Mark" aufgewendet werden - ein Leben der Heim- kinder wie Gott in Frankreich -, soll zunächst einmal der Pflege- dienst "durch sechs zusätzliche Mitarbeiter... personell ver- stärkt werden." Deren Funktion: "Eigeninitiative wecken, nicht versorgen...". Es ist schon bemerkenswert, was für Umschreibungen Senatoren für eine schlichte Sparmaßnahme einfallen. Als ob ein Problem daraus entstände, daß Heimkinder v e r s o r g t werden - wenn sie das nur würden! Die praktische Bedeutung von Scherfs Gerede liegt darin, daß für die Leute, für die e r (und sein Ressort) nicht mehr aufkommen w i l l, a n d e r e aufkommen s o l l e n: das nennt man E i g e n initiative und Scherf meint damit zunächst einmal potentielle Eltern. 2. Damit die wirklich i n i t i a t i v werden, will ihnen Herr Scherf sogar nachhelfen: Mit der "Aufstockung der Pflegesätze" werden den potentiellen Eltern "goldene Brücken" gebaut; Gold in Höhe vom" 1386,- DM pro Monat" und das auch nur, wenn das Kind mindestens verhaltensgestört ist, also ganztägig Aufsicht der El- tern in Anspruch nimmt. Entdeckt hat hier der Herr Senator, daß es neben der offiziell anerkannten Armut in Bremen noch eine zweite Sorte gibt, die sich dafür gebrauchen läßt, ihre staatli- chen Kosten zu senken. Was man Scherf bestimmt nicht vorwerfen kann, ist, daß er seine "bundesweit beachtete Vordenker- und Vorreiterrolle" nicht mit Bravour absolvierte. zurück