Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut


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       Münchner Hochschulzeitung, 17.05.1982
       Sonderausgabe Sozialwesen
       
       Das soziale Netz:
       

ARMUT VERPFLICHTET!

Kein Tag, an dem nicht ein Stück Arbeit am Sozialen Netz gelei- stet würde, an dem nicht ein Aushang im Betrieb erscheinen oder in der Zeitung ein neuer Beschluß gemeldet würde. daß eine "soziale Leistung" gekürzt, eine Beitragszahlung erhöht werden muß. Die Renten werden an die Lohnverluste "angepaßt", die Be- triebsrenten ziehen gleich nach, die Krankenkassen erhöhen die Beiträge und "dämpfen" die Kosten, die Stingl-Behörde verbilligt die Arbeitslosen, staatliche Sparförderung ist überflüssig, das Eigenheim in Arbeitnehmerhand genießt keine sozialpolitische Wertschätzung mehr, das Kindergeld wird mit Augenmaß gesenkt und ein paar Änderungen im Mietrecht dynamisieren die Mieten. Jahrelang hat es geheißen, daß man sich beglückwünschen darf zu unserem Modell Deutschland und seinem sozialen Netz. Von der Wiege bis zur Bahre ist der Mensch versichert, für jeden Notfall steht er mitsamt seiner Solidargemeinschaft wohlgerüstet da. Jahrelang haben die vom sozialen Netz beglückten Arbeitnehmer in erster Linie dafür gezahlt - mit den entsprechenden Lohnbezügen und mit Zurückhaltung in den Tarifrunden, denn man war ja rundum "versorgt". Für Zurückhaltung im Gebrauch dieser segensreichen Institutionen haben die einschlägigen Regelungen immer schon ge- sorgt. Übermut bei Rentnern, Arbeitslosen, Straßenbahnfahrern und Kranken ist relativ selten vorgekommen. J e t z t sind die goldenen Zeiten, in denen man fürs soziale Netz nur zahlen mußte vorbei, jetzt muß man sich auch noch Sorgen darum machen. Jetzt, wo alle von den schweren Zeiten sprechen und sich einvernehmlich für die Arheiter durchsetzen, jetzt, wo die sogenannten Rücklagen für schwere Zeiten am nötigsten gebraucht würden, ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Das hält das soziale Netz nicht aus! Das für Notlagen eingezahlte Geld ist also fürs Auszahlen in Notlagen viel zu schade. Offiziell heißt das "Finanznot". Darüber, daß der Staat ständig steigende Ansprüche bei der Rüstung verwirklicht und alle Mittel für die Stärkung der NATO zusammenrafft, hat das einfache Volk ja sowieso nicht zu befinden. Stattdessen hat es zu beherzigen, daß der "soziale Schutz", den man dem Staat als besonderes Gütesiegel zugutehalten sollte, schlicht und einfach "nicht geht". "Ehrlichkeit" nennen das die Politiker und werben damit auch noch für sich! Ausgedient hat also die öffentliche Kampagne über "Schmarotzer in der sozialen Hängematte", die Rechtfertigung der Kürzungen von "Versorgungsleistungen" über deren angeblichen M i ß brauch. Die aktuelle Klarstellung geht viel weiter: Mag ja sein, daß die Be- ansprucher des Sozialnetzes "in der Mehrzahl anständige Leute" sind, daß sie ganz "unverschuldet" in Notlagen geraten und kei- nerlei Mißbrauch im Schilde führen - dann müssen sie aber auch einsehen, daß der Mißbrauch des sozialen Netzes darin besteht, daß man es g e b r a u c h t! zurück