Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut
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Die unverschämteste Frage des Monats Oktober
DARF MAN VON ARMUT IN DER BRD SPRECHEN?
Der DGB will dürfen. Dafür zieht er die elendesten Kreaturen zum
Beweis heran. An langfristig Arbeitslosen mit vielen Kindern, an
Witwen mit Mini-Rente soll schlagend deutlich werden: E s
g i b t s i e, die Armut.
Die Beweisführung - vom DGB in seiner "Aktionswoche" auf die
Straßen und Marktplätze getragen - hat einen doppelten Haken. Er-
stens kommt die Armut in ihrer Extremform daher als A u s-
n a h m e. Als G e g e n s a t z nämlich zum "Normalfall": der
Lohnarbeit, die - so muß und soll man schließen - ihren Mann ganz
gut ernährt. Und darin steckt der entscheidende Schwindel. Der
Pauperismus von Alten und Arbeitslosen belegt doch nur eines: Wie
u n s i c h e r und wie gering im Verhältnis zu einem
Lohnarbeiterleben die hierzulande normalen L ö h n e sind. Es
ist d i e L o h n a r b e i t, die die Existenz nicht sichert:
Dieser Grundsatz macht sich am gesellschaftlichen Ausschuß als
Verelendung geltend. Und das ist so ziemlich das Gegenteil von
der Demonstration, auf die es den Gewerkschaften ankommt.
Zweitens fordert der alberne Beweis des DGB, der mit augenschein-
lichem Elend operiert, eine freche W i d e r l e g u n g her-
aus. Nämlich durch die F r a g e, ob wirklich d a s W o r t
"Armut" angebracht sei, wenn eine vierköpfige Familie immerhin
noch 11,30 DM pro Tag zum Leben hat. Und durch den schlichten
Z w e i f e l, ob die Beispiele der DGB-Hungerreports aus
Deutschland a. stimmen und b. repräsentativ sind.
D i e s e r "Widerlegung" widmen Koalitionsparteien und Regie-
rung sich mit Wonne und Hingabe. Ihr "Argument" ist die pure
Frechheit, mit der z.B. der Sozialminister sich vors Parlament
stellt und die Existenz von Armut als "Erfindung porschefahrender
Jusos" hinstellt - gekonnt, wie dieser mercedesfahrende Christ
noch in der Leugnung der Armut an den Neid der Armen appelliert,
die den Porsche als Inbegriff des Luxus und der Verschwendung be-
trachten. Mit derselben Frechheit widerlegt der Ex-Wirtschaftsmi-
nister von der FDP das Recht, von Armut zu sprechen, mit dem
Recht, das hierzulande die Armen auf ein Minimum an Unterstützung
haben - weil der Pauperismus rechtlich organisiert ist, soll es
gleich gar keiner mehr sein! Am Ende stellt sich der Bundeskanz-
ler selber auf und strahlt dummdreist seinen "Optimismus" in die
Fernsehkameras: Wer von Armut redet, ist ein Pessimist und Mies-
macher! Daran dürfen die Berliner Omas sich dann wärmen, wenn ih-
nen im nächsten Winter wieder mal zu früh die Briketts ausgehen.
Die "Widerlegung" erledigt, geht die Christen-Fraktion zum
"Gegenangriff" über: Wer, wie der DGB, Pessimismus verbreitet und
die Regierung kritisiert, macht sich der schlimmsten Sünde schul-
dig, die ein faschistisches Gemüt kennt - er stört den "sozialen
Frieden". So Heiner Geißlers Vorwurf. Und zwar an den DGB-Vorsit-
zenden Breit und seine Mainzelmännchen, ausgerechnet! Und man
kann nicht einmal sagen, da hätte der Oberhetzer von der CDU doch
endgültig alle Maßstäbe v e r l o r e n. So sehen sie aus, die
Maßstäbe der "Wende"-Regierung für "inneren Frieden": Da gilt
schon die biederste gewerkschaftliche Sprücheklopferei fast als
Chaotentum und innerer Aufruhr.
Dem DGB kommt da nichts anderes in den Sinn als eine
E n t s c h u l d i g u n g, die er als Retourkutsche formu-
liert: Wer so häßlich zum DGB ist, muß sich selber eine
"Gefährdung des sozialen Friedens" vorwerfen lassen. Soll das
vielleicht die Drohung sein, die gewerkschaftlich organisierte
Arbeiterklasse werde gegen die christlich-liberalen Zumutungen
und Frechheiten demnächst andere Saiten aufziehen? Ach nein: Die
Beschwerden sind ja schon gelaufen; man plänkelt noch, um sich
wieder zusammenzusetzen. Im Namen der heiligsten aller Kühe: des
sozialen Friedens.
Das war sie dann, die "Aktionswoche des DGB".
Geißler, Kohl und Kompanie haben der Republik wieder zu einem
weiteren Fortschritt verholfen. In Richtung Optimismus - den nie-
mand so nötig braucht wie Leute, denen es demnächst spürbar
schlechter gehen soll!
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