Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut


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       Münchner Hochschulzeitung, 07.12.1983
       Sonderausgabe Sozialwesen
       

ÖFFENTLICHE ARBEITSLOSENBETREUUNG

Je mehr die Zahl der Arbeitslosen wächst, je mehr Politiker, Öf- fentlichkeit und Wirtschaft über das "gesellschaftliche Problem" Nr. 1 klagen, um so weniger finden sie es offenbar nötig, dieses Problem aus der Welt zu schaffen. Statt dessen werden die Betrof- fenen damit vertraut gemacht, daß sie in ihrer Mehrheit mit einer Arbeit, geschweige denn mit einem halbwegs normalen Auskommen nicht mehr zu rechnen haben, und bekommen "Hilfen" für ihr Dauer- arbeitslosendasein angeboten, die es in sich haben. Nicht nur, daß der Staat per Beschluß die Auszahlungen aus den Kassen kürzt, in die er vermehrt einzahlen läßt. Nein, in unserer ordentlichen Republik wird sich noch ganz anders um den erklärten Ausschuß ge- kümmert. Wer sucht, der findet ... ------------------------- sagt z.B. die Arbeitslosenregistrierkasse Stingl und hilft beim Suchen: "Neben 7000 modernsten Micros-Lesegeräten in den Arbeitsämtern der BRD können sich jetzt Arbeitsplatzsuchende ... auch in Schal- terhallen von Postämtern einen Überblick über freie Arbeitsplätze im Umkreis von 50 km verschaffen." Sehr freundlich vom Stingl, der seinen Posten sicher nicht per Kontaktanzeige "Hallo Arbeitsplatz Nürnberg! Biete Kenntnisse in Buchrechnen und Wetterkurven!" bekommen hat. Da setzt die Wirt- schaft Millionen Leute außer Brot, weil sie sich fürs Geschäft nicht lohnen und Stingl tut so, als müßten Arbeitslose nur rich- tig suchen - im gebührenden Umkreis, versteht sich -, dann würden sie Arbeit und damit zugleich auch ein Auskommen finden. Statt nur auf dem Arbeitsamt jetzt auch noch auf der Post in die Röhre geguckt - ein freundlicher Gratisservice für "Schwervermittel- bare". ... eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung! ----------------------------------------- Andererseits kommt es Öffentlichkeit und Regierung aber längst nicht mehr übermäßig auf den Schein an, der gute Wille zur billi- gen Anwendung würde - mit staatlicher Hilfe - schon zu einer be- zählten Arbeit führen. Schließlich rechnen sie gemeinsam mit Stingl den Betroffenen monatlich die wachsenden Arbeitslosenzah- len vor und machen entsprechende Prognosen für die nächsten Jahre. Arbeit und Lohn, werden Millionen nicht erhalten, aber der Wille, sich brav bereitzuhalten darf nicht darunter leiden. "Laßt mich arbeiten ich will kein Geld" zitiert "Bild" deshalb einer Parade-Arbeitslosen, der umsonst beim Roten Kreuz dient. Wenn man schon nicht für den Fortschritt der Wirtschaft gebraucht wird und dem Staat für lästig erachtete Kosten verursacht, dann kann man doch wenigstens arbeiten, ohne Lohnzuarbeiten. Die C-Mannschaft plant eine solche Beschäftigungstherapie auch schon als Gesetz: "Auf eine politische Ebene versucht jetzt die CDU die Nächsten- liebe und die Arbeitslosigkeit zu heben. Der umstrittene Entwurf der 'Zukunftskommission Jugend' sieht vor, daß arbeitslose junge Leute bis 28 Jahre nur dann noch Unterstützung erhalten sollen, wenn sie sich zu unbezahlter Arbeit oder zur persönlichen Weiter- bildung verpflichten." (Bild) Wer arbeitslos ist und nichts verdient, der ist eben noch lange nicht aus der Pflicht entlassen, seine Arbeitsdiziplin praktisch kontrollieren zu lassen. Daß insbesondere die noch nicht an die Härten des Arbeitstlosenlebens gewöhnten Jugendlichen nicht die Lust an der Arbeit verlieren, die sie gar nicht haben - so stellt sich das Problem der Millionen Arbeitslosen für die Politiker. Das ist ein Ordnungsproblem, das sie im allerchristlichsten Sinne zu lösen erwägen: durch die Verpflichtung zur "Nächstenliebe", die dem Staat einige bezahlte Arbeitsplätze und einige jugendli- che Anwärter aufs Arbeitslosengeld erspart. Andere Probleme hat die Gesellschaft mit den Arbeitslosen offenbar nicht, als daß die sieh ordentlich in diesem Dauerzustand einrichten. Dabei wird ih- nen geholfen und nachgeholfen. zurück