Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut
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Münchner Hochschulzeitung, 23.06.1981
Sonderausgabe Sozialwesen
NEUE SOZIALARBEIT EIN ALTER HUT
Daß sich die Zeichen der Zeit verändert haben ist unbestreitbar.
Spätestens seit einem 3/4 Jahr kann man nicht nur unseren Publi-
kationen, sondern jeder Tageszeitung entnehmen, daß weltweit auf-
gerüstet wird und das normale Arbeitsvolk die Lasten der Kriegs-
vorbereitung zu tragen hat. Mit der Botschaft: "Die fetten Jahre
sind vorbei!" hat unser Helmut seine diesjährigen Neujahrswünsche
gewürzt.
Aus der höheren Warte eines sozialarbeiterischen Tendenzbeob-
achtes stellt sich das Ganze ein bißchen anders dar. Für ihn hat
sich hauptsächlich ein Geist der Zeit verändert: "Überall entste-
hen neue Werte, neue Ideen, neue Ideale ..." und den begreift er
als Herausforderung für die Sozialarbeit: " ... auch eine neue
Sozialarbeit?" Dies der Untertitel eines diesjährigen Sozialmaga-
zins über "Die alte und die neue Sozialarbeit." (1)
"Die Verschlechterung der Situation am Arbeitsmarkt" ist auch der
Sozialfront nicht entgangen. Daran fällt ihr jedoch nicht auf,
daß Arbeitslosigkeit dem Normalmenschen das einzige Mittel seiner
Subsistenz entzieht, vielmehr wird bedauert, daß er nicht mehr an
unserer Wirtschaft teilnehmen darf (was ihm wirklich wurscht sein
könnte!). "Ein gewisser Teil der Bevölkerung wird mithin an der
Teilnahme an der Produktion ausgeschlossen" um daraus den Schluß
zu ziehen: "Arbeit verliert rapide an Bedeutung." Das ist
schlicht gelogen! Nachwievor arbeitet die Mehrheit der Bevölke-
rung für immer weniger Geld mindestens genauso lang, wenn nicht
länger als vorher und die Arbeitslosen, die der Leistungskonkur-
renz der arbeitenden Menschheit sehr förderlich sind, können man-
gels Moneten, ihrer vielen Freizeit nicht recht froh werden. Ge-
rade die Argumente der letzten Tarifrunde hätten unseren
Sm-Schreiberling lehren können, daß Arbeit sehr viel betet, wes-
wegen sie im Gegensatz zu anderen Waren immer billiger werden
soll.
Über so profane Betrachtungen ist ein Bedeutungsfan allerdings
längst hinaus, hat er an der Arbeit doch Höheres entdeckt:
"Aber Arbeit sichert auch Dauer und Verläßlichkeit. Um (!) Arbeit
herum (!) bildeten sich Eigenschaften, Normen und Konvontionen."
Da dererlei transzendentale Bedürfnisse nicht nur mit der Arbeit
nichts zu tun haben (sie bilden sich um herum, haben also das
Kunststück geschafft sich von jedem Inhalt zu befreien, um an der
puren Existenz von irgendetwas seelischen Halt zu finden), sind
sie auch leicht zu befriedigen:
"Ging es bisher um die Herstellung 'arbeitszentrierter Identi-
tätsformen'; so geht es jetzt um die Entwicklung 'lebenszen-
trierter Identitätsformen'".
Ein moderner Sinnhuber bringt's nicht mal mehr dazu - wie früher
gang und gäbe - die Arbeitslosigkeit als Identitätsgefährdung zu
besprechen. Konsequent hält er fest, daß man eine Identität
schließlich überall suchen kann und hat damit ganz nebenbei das
Geheimnis aller Sinnsucherei ausgeplaudert: es ist der Wunsch
sich mit j e d e m Mist abzufinden. Und der hat mit seinem
theoretischen Ideal, einem menschlichen Grundbedürfnis nach Iden-
tität herzlich wenig zu tun. Das Problem Arbeitslosigkeit ist im
Hirn eines Sozialpädagogen jedenfalls leichter zu lösen als prak-
tisch, denn leider vermehrt die Erfindung von "lebenszentrierten
Identitätsformen" den zur Verfügung stehenden Mammon in keiner
Weise.
Umsomehr taugen sie zur Vereinfachung des sozialpädagogischen
Weltbilds. Die Identität ist auf ihren begriffsgemäßen Kern redu-
ziert, da zum 'Leben' bekanntlich alles gehört. Was es auch sein
mag, "Nachbarschaftshilfe", "Lebensstilgruppen" oder "Schwarz-
arbeit", alles kann als Indiz dahinterliegender "lebenszen-
trierter Identitätsformen" gelten. Paradebeispiel ist der "stumme
(?) Widerstand gegen die Qualifikation". Der besteht simpel und
einfach im Desinteresse der Jugendlichen an einem Lehrgang zur
Berufsförderung, was einen Sozialarbeiter nicht hindert "stumme
Formen des Protestes" auszumachen, obwohl er genau weiß warum die
nicht mitarbeiten: "Denn es ist ja überhaupt nicht sicher, daß
nach Beendigung der Maßnahme Arbeitsplätze frei sind. Die
Teilnahme garantiert nichts." Nichtsdestotrotz: es muß partout
mehr dahinter stecken, deswegen wird im nächsten Satz fort-
gefahren: "Aber wichtiger: die Jugendlichen können nicht im Ernst
damit rechnen, daß ihr Wunsch nach eigenverantwortlicher interes-
santer Arbeit verwirklicht wird. Was immer an Tätigkeiten auf dem
Arbeitsmarkt für sie übrig bleibt, bedeutet das Gegenteil ihrer
Hoffnungen und Wünsche." Woraus im übernächsten Satz messerscharf
gefolgert wird, daß sie diese ihre Wünsche überhaupt nie gehabt
haben: "Die Orientierungen der Jugendlichen haben sich nach ganz
anderen Vorbildern entwickelt."
Zum Inhalt dieser Vorbilder fallen nur Negativbestimmungen: "Auf
Aufstieg und gesicherte Existenz können sie vergleichsweise
leicht verzichten." Womit sich die Sozialarbeiter genauso etwas
vormachen, wie die Jugendlichen selber: Die sinkenden Chancen auf
dem Arbeitsmarkt werden gleich in eine Entscheidung der Betroffe-
nen umgelogen ("darauf kommts mir eh nicht an"), so daß deren An-
passung an die mißlichen Verhältnisse den Schein einer positiven
Zwecksetzung erhält.
Ihren einzigen Inhalt hat die neue "lebenszentrierte Identität"
also in der 'Abwendung' von der alten "arbeitszentrierten" und
die eignet sich glänzend zur selbstkritischen Beweihräucherung.
Ein Theoretiker der Sozialarbeit der garantiert schon immer be-
jammert hat, daß die Arbeit bei uns keine Möglichkeit zur Selbst-
verwirklichung bietet, behauptet von sich, das habe er jetzt erst
erfunden: "War es bisher ihre (der Sozialarbeit) Aufgabe Arbeits-
fähigkeit und Arbeitsmoral ... aufrechtzuerhalten, so hat sich
diese Aufgabe deutlich verschoben." Früher will er sich für die
"Lust auf Karriere und Leistung" stark gemacht haben, und selbst
"engagierte Sozialarbeiter" sollen Befürworter "fabrikähnlicher
Disziplin" und "harter disziplinarischer Maßnahmen" gewesen sein.
Das muß jetzt anders werden!
"Der allgemeine Wandel von Werten und Einstellungen stellt die
Sozialarbeit vor völlig neuartige Probleme ... Sie macht die Er-
fahrung, daß man mit Lohn und Strafe nach alter Moral die Krisen
nur noch verschärft."
Die heuchlerische Erfindung, daß man bis jetzt mit gutem Gewissen
in der Herstellung von Arbeitsdisziplin etc. seine Aufgabe gese-
hen hätte dient nur dazu, was man schon immer gedacht hat in
n e u e m Licht erscheinen zu lassen. Deswegen hat er auch kein
Problem aus einer Forderung nach arbeitsabgewandter Identität den
Schluß zu ziehen, daß nun besonders auf den "Wunsch, aus der Ar-
beit gänzlich auszusteigen" aufgepaßt werden muß. "Es ist klar
daß dies auf Dauer riskant ist: Die Wahrscheinlichkeit der Krimi-
nalisierung ist hoch."
Entsprechend revolutionär sind auch die 'praktischen' Schlußfol-
gerungen für die neue Sozialarbeit:
Für die neue Sozialarbeit "liegt die zentrale Schwierigkeit
darin, nicht genau wissen zu können, was das Problem des Klienten
eigentlich bestimmt und dementsprechend mit unverhältnismäßig ho-
hen Ungewißheitsrisiken konfrontiert zu sein."
"Jedenfalls ist es so, daß die Zielsetzung der sozialarbeiteri-
schen Intervention verschwimmt..."
Oder noch radikaler:
"Der Konflikt zwischen den Zielen der Pädagogen und den Bedürf-
nissen der Jugendlichen ist damit unaufhebbar geworden. So unauf-
hebbar, daß er kaum noch formuliert werden kann. Selbst bei gutem
Willen redet man aneinander vorbei."
Aufrufe zur Abschaffung der Sozialarbeit im Sozialmagazin? Von
wegen! Ein neuer Sozialarbeiter weiß zwar angeblich weder was mit
seinen Klienten los ist, noch was er mit ihnen anstellen soll und
erlaubt sich sogar den ketzerischen Gedanken, ob da überhaupt
noch was zu machen ist, aber eines weiß er sicher: daß daraus
"der Zwang (folgt) sich auf den Klienten einzulassen."
So läßt sich auch aus dem Postulat k e i n e Konzepte aufzu-
stellen, noch ein theoretisches Programm basteln. Und das ist
wirklich nur noch die Bestätigung, daß man machen kann was man
will, dabei jede Menge Probleme kriegt, Mißerfolge erntet und
dennoch immer richtig liegt.
1) Alle Zitate: Sozialmagazin, Feb. 81, S. 24-29
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