Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut
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Sozialstaat '91
BEI UNS WERDEN DIE ARMEN NICHT VERGESSEN
Immer mehr Leute, die auf Sozialhilfe angewiesen sind; die Zahl
der Obdachlosen steigt ständig; immer schwieriger wird es, eine
bezahlbare Wohnung zu finden; die Anzahl der Leute wächst, die
weniger als das offiziell gültige Existenzminimum verdienen - so
oder ähnlich wird neuerdings immer häufiger in Zeitungen und dem
Fernsehen über "die Armen, die immer ärmer werden", berichtet.
Verschwiegen werden nicht einmal die Gründe, nämlich daß eine an-
ständige Wohnung und ein gescheites Auskommen in unserer ach so
reichen BRD überhaupt keine Selbstverständlichkeit sind. Im Ge-
genteil: Unter der Überschrift "Teufelskreis" oder "Wie das Leben
so spielt" wird unbeschönigt dargestellt, wie flott ein stinknor-
maler Lohnarbeiter durch eine Krankheit oder durch einen geplatz-
ten Überziehungskredit "auf die schiefe Bahn gerät"; wie er von
unserer blühenden Wirtschaft für unbrauchbar befunden wird, von
seinem Haus- und Grundbesitzer für zahlungsunfähig und wie er
völlig folgerichtig auf der Straße landet.
Als Einwand gegen die "soziale Marktwirtschaft" sind die Schilde-
rungen "schlimmer Schicksale" allerdings ganz und gar nicht ge-
meint. Die Armen werden gezählt, bedauert - und als
N o r m a l f ä l l e e i n g e o r d n e t. Ihre Zahl wird so-
gar ungerührt hochgerechnet: Auf Deutschland kommen immer mehr
Arme zu. Und jetzt? Weg mit der Marktwirtschaft? Weg mit dem So-
zialstaat, der kein Stück Armut verhindert? Nein, es wird anders-
herum gesehen: Arme gehören ganz einfach dazu zu einer blühenden
Wirtschaft. Ohne sie wäre der Sozialstaat glatt arbeitslos. Wir
alle denken an sie, an unsere Armen und machen uns unsere Sorgen.
Von dieser "Sozialleistung" bleibt keiner verschont, niemand wird
vergessen.
Und damit ist die Welt wohl in Ordnung.
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