Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK ALLGEMEIN - Die Verwaltung der Armut


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       Eine Errungenschaft der neuen Verhältnisse:
       

MASSENHAFT SOZIALFÄLLE - ÖFFENTLICH FÜR ZU TEUER BEFUNDEN

Da läßt sich die deutsche Demokratie und ihre Öffentlichkeit nicht lumpen: Auch in den fünf neuen Ländern werden jetzt die zunehmenden Obdachlosen, verelendenden Alten und Kranken, verkrachten Existenzen usw. öffentlich gezählt, traurige Einzel- schicksale hautnah geschildert, besorgte Stimmen zitiert. Und schon deshalb soll niemand das Elend dem Einzug der demokrati- schen Marktwirtschaft zur Last legen dürfen. Dabei hat das neue Elend nur eine Quelle: Die neue marktwirtschaftliche Rechnungs- weise vernichtet die alten Betreuungsweisen des DDR-Staats für Bedürftige, die die Bonner Anschlußpolitiker im Status der Mit- tellosigkeit übernommen hat und festhält, und produziert ganz neue Sorten und Massen an Elendskandidaten dazu. "Niemandem wird es schlechter gehen!" (de Maiziere und Kohl im Wahlkampf) Es gab schon Arme in der alten DDR, die mit staatlicher Sozial- fürsorge über die Runden zu kommen hatten: Leute, die aus ir- gendwelchen Gründen den vergleichsweise bescheidenen Ar- beitspflichten nicht nachkommen konnten oder wollten, von deren Erfüllung die realen Sozialstaatler nun mal alles "Glück der Werktätigen" abhängig gemacht haben wollten, also auch Alte, Pflegefälle usw.. Dennoch ist deren neues Elend keine "Erblast" der SED, früher "versteckt", heute demokratisch öffentlich. Er- stens nämlich haben die Bonner Anschlußpolitiker mit ihrer 1:1- Umstellung auf DM und Marktwirtschaft diese Menschen auf genau dem kargen Niveau f e s t g e s c h r i e b e n, das der alte DDR-Staat ihnen in seiner Welt der Sozialpreise und -einrichtun- gen zugestanden hatte; zweitens haben die Bonner die freien DM- Preise z u s c h l a g e n l a s s e n; drittens ist die marktwirtschaftliche Rechnung das A u s d e r a l t e n s o z i a l e n B e t r e u u n g s w e i s e. Nach SED-Doktrin hatten vor allem zwei "sozialistische Errungen- schaften" E l e n d einfach zu unterbinden: das Recht auf Woh- nung und das Recht auf Arbeit. So bekamen auch Leute Wohnraum zu- gewiesen, die selbst die Billigmieten notorisch schuldig blieben; der Staat rechnete das mit sich ab. Und vom Recht auf Arbeit sollten auch die ihr Auskommen haben, die beim Arbeiten gar nicht mithalten konnten oder wollten: Alte, Invaliden, verkrachte Exi- stenzen. Die Betriebe hatten ihnen einfach Lohnstellen einzuräu- men und auf Arbeitsleistung zu verzichten, jenseits aller "be- trieblicher Rechnungsführung", auf Rechnung des Staates eben. Nur was damit nicht abgesichert war, wurde als Sozialfall betreut, hatte mit Rente oder Sozialunterstützung auszukommen, und dafür finanzierte und organisierte der Staat wiederum Einrichtungen wie die "Volkssolidarität" und oben drauf ehrenamtliche "gesell- schaftliche Aktivitäten" der Armenunterhaltung und -betreuung. D a s, dieses realsozialistische Sozialwesen, nicht die Armut, ist die "Erblast", die die Marktwirtschaft abräumt. Jetzt nämlich ist Mietsäumigkeit Kündigungsgrund: schon werden Obdachlose gezählt. Jetzt stehen Rentner, Invaliden, verkrachte Existenzen ganz oben auf der Liste der - auch nach Meinung der neuen DGB-Gewerkschaften "sozialverträglich" - zu Entlassenden bei all den Betrieben, die sich durchs rigorose Streichen unren- tabler Lohnkostgänger in die marktwirtschaftliche Rentabilität zu retten versuchen. Natürlich ist auch Schluß mit der "ehrenamt- lichen" Solidarität: Die frischgebackenen Bundesbürger, die alles für ihren Arbeitsplatz tun, sich verbissen ihren politisch dik- tierten Billiglohn einteilen und unbeirrbar auf ihren Ellenbogen in der neuen Welt der "freien Chancen" setzen, haben anderes zu tun. Dafür kommen aus i h r e n Reihen täglich frische Sozialfälle dazu. Denn mit dem Recht auf Arbeit ist es nach beiden Seiten vorbei. Erstens wird jetzt in Arbeitslosigkeit entlassen, wurscht, wie "leistungswillig" da einer ist. Zweitens wird man dann nicht mehr sozial "bevormundet" und in Betriebe gesteckt, sondern hat die Scheiße selbst zu bewältigen. Und schon gilt das Gesetz marktwirtschaftlicher Produktion von "Sozial Schwachen": ein paar mißglückte Bewerbungen oder Arbeitsamts- und sonstige Behördenbesuche, eine unverdaute Ehekrise, ein Glas zuviel - schon ist man am Endpunkt der Karriere nach unten, die der neue Sozialstaat organisiert: Sozialhilfekandidat. "Die Bürger der neuen Bundesländer bekommen erstmals ein Sozial- system, das es nie gab in der DDR" (Kohl in der Wahlnacht) Dessen harte Wahrheit: Jetzt sind die alten und neuen Armen "Sozialfälle" nach den Gesetzen der marktwirtschaftlichen Demo- kratie. Wer keine Verdienstquelle sein eigen nennen kann, der hat auch kein Recht darauf. Er ist ganz und gar abhängig von den Z u w e n d u n g e n der öffentlichen Gewalt bzw. öffentlich rechtlichen Sozialkassen. Das hat System und systematische Tüc- ken: - "Sozialfälle" fallen jetzt der Sozialhilfekasse der Kommunen zur Last. Die sind in der Ex-DDR notorisch leer, weil eine neue Rechnung gilt. Kommunale Haushalte speisen sich qua Steueranteil an kapitalistischen Wirtschaftserfolgen, die sich in der neuen Ostzone so recht nicht einstellen wollen. Und schon feilscht je- der Bürgermeister um jeden Pfennig Sozialhilfe, den er von Rechts wegen zahlen muß, und weiß auf jeden Fall, daß das knappe gute Geld für Wirtschaftsansiedelung und -förderung da ist und nicht zum Bau und Unterhalt von Sozialeinrichtungen. - Also müssen die von der DDR übernommenen Sozialeinrichtungen einen eigentümlichen "Wirtschaftlichkeitsbeweis" erbringen: sie dürfen die Staatshaushalte möglichst nichts kosten. Das dezimiert sie rasch, wobei nebenbei Ex-Sozialbedienstete als neue Sozi- alfälle anfallen, bzw. macht die Leistungen der verbleibenden teuer. Teuer für die Sozialbedürftigen, denn was deren Taschen bzw. Sozialkassen finanzieren, spart dem Staat Sozialzuschüsse. Es ist - nach marktwirtschaftlicher Rechnung - z.B. einfach irre, wenn Altenpflegeplätze bei der Volkssolidarität im Monat nur 120,-DM einbringen, wo so was im Vorbild BRD einfach 3 - 4000,- DM monatlich kostet. - Prompt ist die Frage auf dem Tisch: Wer soll das bezahlen? Nach dem neuen "Sozialsystem" erstens der "Solidarverband" Familie der Sozialfälle, dann die Sozialversicherungen, erst dann die Staats- kasse. Da freilich ist eine nette marktwirtschaftliche Zwickmühle eingerichtet worden: Alle drei "Portemonnaies" füllen sich näm- lich nur dadurch, daß Kapitalisten es lohnend finden, Ostzonis gegen ordentlich Lohn zu benutzen. Dann nämlich haben Familien Lohneinkommen, fließen Prozente davon in die Sozialversicherun- gen, haben die Staatseinheiten Steueraufkommen. Davon, von loh- nenden kapitalistischen Geschäften, macht eine marktwirtschaftli- che Demokratie eben abhängig, ob und wie sie die Opfer des Ge- schäfts mitschleppt. Und damit Kapitalisten Spaß an solchen Geschäften bekommen, hat die Politik gerade den Niedriglohn dik- tiert und denkt an Niedrigsteuern, je investitionsunlustiger die Kapitalisten, desto mehr. Damit ist den neuen politischen Sachwaltern des Elends, das ihre Politik produziert, alles klar: Die neuen Sozialfälle in der Ost- zone sind zu teuer. Und schon sind die alten Armen der DDR nicht wiederzuerkennen. Umso mehr ähneln sie den neu produzierten Elendsfällen der sozialen Marktwirtschaft. Sie sind ein "Kostenproblem", wie die Sozialfälle in der BRD schon immer, und werden als solches behandelt. Und selbst da gibt's 2. Klasse. "Man darf nicht alles vom Staat erwarten!" (ein CDU-Abgeordneter auf einer Berliner Podiumsdiskussion; Tagesspiegel 12.12.90) Diese Drohung sollte man ernstnehmen. Vom neuen Staat hat man eben nur eines zu erwarten: er setzt die marktwirtschaftlichen Gründe für Sozialfälle durch. Das, findet er, kostet genug. *** Wer mit Arbeit nicht über die Runden kam, wurde auch von der SED extra kurz gehalten. D a s wirft ihr heute keiner vor. Eher ist der Vorwurf b e h ö r d l i c h e r B e v o r m u n d u n g von Sozialfällen beliebt. Und das wird ja jetzt anders. Nach gesamtdeutscher Propaganda und nach dem Buchstaben des Bundessozialhifegesetzes werden Sozialfälle im neuen Groß- deutschland mit Hilfe zur Selbsthilfe --------------------- beglückt. Das klingt gut und vernünftig: Ein Mensch ist in Not geraten, hat nicht die Mittel, sie zu wenden, also hilft ihm die Gesellschaft mit genau den dafür erforderlichen Mitteln aus. Schließlich hat Hilfe doch erst dann ihr Ziel erreicht, wenn der Bedürftige sie nicht mehr braucht, und der mag ja auch nicht immer davon abhän- gig sein. Von wegen! So kann der Grundsatz von Sozialhilfe in einer Markt- wirtschaft gar nicht gemeint sein. Was bräuchte denn z.B. ein nichtvermögender Mensch, der von Lohnarbeit leben muß, aber kei- nen Arbeitsplatz findet, also in sozialer Not ist? Er müßte gegen die Freiheit der Geschäftskalkulation der Unternehmer seine Be- schäftigung e r z w i n g e n bzw. gleich diese Abhängigkeit b r e c h e n können! Dabei hilft ihm sicher nicht der Sozialhilfe-spendende Staat, der sich auf die Freiheit des Eigentums verpflichtet hat! Dessen schöner Grundsatz von der "Hilfe zur Selbsthilfe" ist vielmehr der soziale Zynismus, Leuten beim Z u r e c h t k o m m e n mit statt beim Beseitigen der Not zu helfen. "Angemessene" Hilfe nennt sich das, und ist die Gemeinheit, beim Helfen Maß zu nehmen an der festgeschriebenen Elendsexistenz. Das läßt sich populär ausdrücken: Was braucht ein armer Mensch Komfort, der braucht 'nen Wintermantel. Das läßt sich aber auch sehr edel und endgül- tig verlogen ausdrücken: So läßt man der F r e i h e i t des Hilfsbedürftigen E h r e widerfahren, so kommt e r zurecht und muß sich nicht schämen, immer von fremder Hilfe leben zu müs- sen. Dieser Zynismus hat seinen guten Grund: So ist Hilfe endgültig getrennt davon, die G r ü n d e der Not beseitigen zu sollen. Und er hat seinen wohlkalkulierten Zweck: Nun hat der Empfänger der Hilfe zur Selbsthilfe s i c h aber auch dadurch dankbar zu erweisen, daß er sich im Auskommen mit seinem Elend bewährt. So ist zuguterletzt die Frage nach den Gründen dauernden Hilfsbe- darfs, also dauernden Elends, durch eine Schuldfrage ersetzt, die eine Antwort ist: "WIR" helfen doch jedem - sich zu bewähren. Also ist der selber schuld, wenn er immerzu weitere Zuwendungen braucht. zurück