Quelle: Archiv MG - BRD RECHTSSTAAT DEMORECHT - Die Sorge um den inneren Frieden


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       Münchner Hochschulzeitung Nr. 21, 20.06.1983
       
       Wochenschau
       

DEN PRÄVENTIVSCHLAG IN WUPPERTAL

vom vorletzten Wochenende sollte man sich nicht nur als polizei- lichen Nachtrag zum Thema "Recht mit Gewalt" (vgl. den Artikel in der letzten Ausgabe dieser Zeitung) merken: Hier ist die vollzie- hende Gewalt noch vor Verabschiedung des neuen Demonstrationa- strafrechts erheblich und entscheidend über dieses hinausgegan- gen. Die u n t e r s t e l l t e "Absicht einer Verabredung zu gewalttätigen Demonstrationen" genügte dem nicht einmal besonders forschen Polizeipräsidenten in Wuppertal 104 Personen festzuneh- men zu dem Zwecke, sie "einer erkennungsdienstlichen Behandlung zuzuführen". Neben dem Demonstrationsrecht ist hier - rein juri- stisch gesehen - auch dem V e r s a m m l u n g s r e c h t de facto ein S t r a f kanon beigegeben worden, der es künftig un- ter Risiko stellt, überhaupt noch über Demonstrationen zu disku- tieren, von denen die Staatsgewalt beschlossen hat, daß sie nicht stattzufinden haben. Die demokratische Presse springt dem Wupper- taler Massenverhaftungskommandanten mit dem wahrhaft staatsbür- gerlichen Kommentar zur Seite, daß er keine "Jugendlichen" eine Nacht eingeknastet hat, sondern "vorwiegend Erwachsene", was eine "Parallele zu Nürnberg" verbiete. In der Tat gibt es dazu wirk- lich keinen Vergleich: In der "Börse" lag kein strafbarer Tatbe- stand vor, es handelte sich vielmehr um eine v o r b e u- g e n d e Identifizierung und Kriminalisierung p o t e n- t i e l l e r Straftäter; und das erfüllt beim erreichten technischen Stand polizeilicher Ermittlungsmethoden fast schon den gleichen Z w e c k wie eine Vorbeuge h a f t. Die so Registrierten sind nämlich nach den Auslassungen des General- bundesanwalts Rebmann das Vor und Umfeld des Terrorismus, und die Tat, die man ihnen noch vorhalten muß, um sie auch so z u b e h a n d e l n, wird sich kaum vermeiden lassen, wenn - laut Rebmann - bereits die "Planung von Störaktionen gegen die wahr- scheinliche Stationierung neuer amerikanischer Raketen... m ö g l i c h e r w e i s e i r g e n d w e l c h e S t r a f- t a t b e s t ä n d e erfüllen könnte." Kernsentenz der Rebmann- schen Pressekonferenz (nach SZ vom 13. Juli): "Bereits im V o r f e l d der eigentlichen kriminellen Handlun- gen etliche V e r h a l t e n s w e i s e n mit Strafe bedro- hen!" Wer nicht offen und unverhüllt in die Kameras der Polizei auf ei- ner Demo oder Veranstaltung blickt und damit allen Verhaltensmaß- regeln genügt, die der Staat von "im Verdacht der Verfassungs- feindschaft stehenden Personen" verlangt, der steht bereits im "Vorfeld der Kriminalität"! Wie kommen eigentlich noch immer Leute auf die Idee, zwischen R e c h t s staat und P o l i z e i staat einen Gegensatz zu konstruieren?! zurück