Quelle: Archiv MG - BRD RECHTSSTAAT DEMORECHT - Die Sorge um den inneren Frieden


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       Die Hamburger Hafenstraße
       

PRODUKT UND OBJEKT STAATLICHEN ORDNUNGSFANATISMUS

Fast so bekannt wie die "sündigste Meile der Welt" wurde in den letzten Monaten die Hafenstraße in St.Pauli. Nicht wegen des Amü- sements, sondern wegen "Chaos" und "Gewalt", die sich dort in ei- ner Reihe von heruntergekommenen Altbauten eingenistet haben sol- len. Ein einziger Sumpf, der nach Meinung aller wehrhaften Demo- kraten nichts als rücksichtloses Aufräumen verdient. Dabei stört es die Fans der staatlichen Gewalt von "Bild" bis "Tagesthemen" wenig, daß sie gar nicht so recht anführen können, worin eigentlich die Behausung von ein paar Bruchbuden irgendje- mandem in seiner "Ruhe und Ordnung" in die Quere käme: Ganz of- fensichtlich wollen erst einmal die Bewohner der Hafenstraße in Ruhe gelassen werden. Und kaum jemandem will auffallen, wie ein- drucksvoll die regelmäßigen Einsätze von Polizeihundertschaften i n der Hafenstraße die oft bemühte Lüge ad absurdum führen, hier r e a g i e r e die Staatsmacht auf ein gefährliches "Gewaltpotential". Häuserkampf in Hamburg - Keine 24 Stunden ----------------------------------------- Als die damalige "Bewegung" der Hausbesetzungen auch über Berlin hinaus Nachahmung fand, verkündete Hamburgs Innensenator Pa- welczyk: 'In Hamburg bleibt kein Haus länger als 24 Stunden be- setzt.' Gemäß dieser 'Hamburger Linie' wurde von Polizei und MEK-Komman- dos kompromißlos 'gehandelt'. Sämtliche darauf folgenden Polizei- einsätze sollten ausdrücklich nicht nur als 'bloße' Wiederher- stellung des gestörten 'Rechtsfriedens' verstanden werden, also nicht 'bloß' als Schutz des Privateigentums vor einem Mißbrauch - das Grundeigentum ist eben keine Einrichtung zur Versorgung der obdachlosen Menschheit mit gemütlichem Wohnraum, sondern macht das Dach über dem Kopf zum mietzinsträchtigen Geschäftsobjekt. Mit dem publikumswirksamen Kampftitel 'Wehret den Anfängen!' of- ferierte der Polizeisenator der Hamburger Öffentlichkeit den Ein- satz der Gewalt als die entschlossene Einlösung des Versprechens, im Umgang mit Hausbesetzern einzig und allein dem politischen Be- schluß zu folgen, diese erst gar nicht dulden zu wollen. Egal, ob sich ein Hausbesitzer in seinen Spekulationsinteressen gerade akut tangiert sah, also den Antrag auf Räumung stellte - Pa- welczyk ließ räumen, postierte des öfteren seine Einsatzkommandos bereits vor dem Eintreffen der Hausbesetzer vor Ort und demon- strierte so, daß der SPD-Senat Hausbesetzungen als eine skanda- löse Herausforderung an die unumschränkte Geltung des staatlichen Gewaltmonopols ansah. Rechtsstaatliche Befriedung --------------------------- Gemessen an diesem Maßstab wurde die Besetzung in der Hafenstraße von der sozialdemokratischen Regierung als unbedingt zu korrigie- rendes Versäumnis betrachtet. Was war geschehen? Mehr oder weni- ger unbemerkt, jedenfalls unbeobachtet, hatten Jugendliche acht Häuser in der Hafenstraße bezogen, die bis dahin von Obdachlosen frequentiert wurden und aufgrund diverser Spekulationskalküle - von Bürogebäuden für Tschibo und Gruner und Jahr bis hin zum Um- bau der Hafenrandgebiete zur Repräsentation des Reichtums der Handelsstadt Hamburg - zweckmäßig verfielen. Die Verwaltung die- ses prächtigen Stücks Eigentum, die stadteigene SAGA (Siedlungs- Aktiengesellschaft), hatte einige Räume an die Sozialpädagogische Forschungsgesellschaft (SOFO) vermietet, die mit einigen der Ein- gezogenen Untermietverträge abschloß. Die Bewohner, die im Lauf der Zeit einigen Zulauf aus der Szene und aus dem jugendlichen Arbeitslosenheer erhalten hatten, erklärten später die Häuser für 'besetzt' und machten sich fleißig ans Renovieren. Der 'rechtsfreie Raum' Hafenstraße wurde von Kot und Abfall freige- schippt. Ende 1982 sah die SAGA in den Hausbesetzungen ein 'Problem', nachdem sich der Senat zum Bau eines weltstädtischen Viertels am Hafen entschlossen und die Baubehörde einen entsprechenden Bebau- ungsplan ausgeschrieben hatte. Mit den Besetzern wurden Verhand- lungen eingeleitet, die als Hintergrund die Drohung mit dem um- standslosen Wegräumen hatten. Da im "Sanierungsplan" jedoch eine frühzeitige Verwendung der Gebäude im SAGA-Sinne nicht vorgesehen war, war die Gesellschaft erst einmal gewillt, die "Besetzer" als M i e t e r einzusetzen; freilich mit der erklärten Absicht, daß sie sich zum gewünschten Zeitpunkt selbst herausräumten. Entspre- chend waren die Verträge abgefaßt: Die sogenannten "Sechserhäuser", deren Abriß feststand, wurden b e f r i s t e t bis zum 31.12.86 vermietet, was schon einmal den Willen der SAGA rechtlich dokumentierte, aus dem Krempel eines nicht zu machen: Wohnraum. Die SAGA sprach sich von jedem Anspruch auf Instandset- zung frei, auf welche umgekehrt die Mieter sich verpflichten zu lassen hatten. Die M i t t e l hierfür konnten sie sich von ir- gendwelchen Spendern besorgen. Das Ganze gab's zu Mietpreis sym- bolischer Art. An der Vorläufigkeit dieser Mietverhältnisse ließ die SAGA nie einen Zweifel, rechnete andererseits aber realisti- scherweise damit, daß die Bewohner - wenn es mal so weit sein würde nicht freiwillig mit Sack und Pack verschwinden würden. Also wurden die entsprechenden Vorkehrungen ins Werk gesetzt. Da für den Abriß der Nachweis der "Unbewohnbarkeit wegen baulicher Mängel" vonnöten ist, wurden die Bewohner ordentlich in Atem ge- halten: Querelen um die Aufstellung von Gerüsten, Stromabsperrung durch die HEW - was die Hafensträßler zur Selbstversorgung mit dem Generator "Gorbatschow" nötigte -, routinemäßige Polizeikon- trollen und Einsätze aller Art - schlußendlich die förmliche und termingerechte Begehung 1985, die doch tatsächlich nicht umhin kam, die "Unbewohnbarkeit" feststellen zu müssen. Dem Sprecher der Baubehörde war das schon immer klar gewesen: "Der Senat hat die Hafenstraße nie als alternatives Modell be- trachtet. Es war immer klar: Das ist Übergangsnutzung, das geht weg." (Müller-Landre) Es trat jedoch ein kleines rechtsstaatliches Problem auf, da ge- gen einige Teilräumungen (November/Dezember) erfolgreich Rechts- mittel eingelegt worden waren, so daß die Räumung erst einmal ins Stocken kam. Mit der sensationellen Neuigkeit, daß ihm die Rechtsprechung die Durchführung seines gewaltsamen Vorhabens un- tersagen würde, rechnete auch der Hamburger Senat nicht; ihm wa- ren jedoch einfach die rechtlichen Umständlichkeiten und deren förmliche Abwicklung zu umständlich, weswegen er sich daran machte, die Grundlage des rechtlichen Herangehens neu zu definie- ren. Die von Herrn Müller-Landre erwähnte Lüge vom "alternativen Modell", die ja mal im Schwange gewesen und vom Senat zumindest geduldet worden war, wurde kurzerhand durch die Beschwörung einer "kriminellen Szene" ersetzt. So schwer war das nicht, da sich die Stadt mit ihren ganzen vorbereitenden Maßnahmen zur Räumung schon entsprechendes Anschauungsmaterial geschaffen hatte. Es bedurfte also nur eines weiteren Ausbaus des Szenarios von "Chaos" und "Gewalt"; je schlagender sich hierdurch das Recht herausgefordert fühlen durfte, um so beruhigender auch die Gewißheit, daß sich die h i e r g e g e n noch einzulegenden Rechtsmittel sehr rasch erschöpfen würden. Schlicht und einfach: In einem "Ghetto", mit all seinen "sozial unverträglichen" Begleiterscheinungen, muß mit fester Hand Ordnung geschaffen werden. Es bedurfte nur noch des kleinen Übergangs, das (staatlicherseits produzierte) "Ghetto" den kranken Hirnen der darin Wohnenden entspringen zu lassen. Auch eine Terrorismusdefinition ------------------------------- Dem Chef des Hamburger Verfassungsschutzes, Herrn Lochte, der bis dahin den Bewohnern der Hafenstraße den Charakter eines 'Lumpenproletariats im Leninschen Sinne' attestiert hatte, gab die Autorität seines Amtes die 'Erkenntnis' ein, er habe ein 'Umfeld der RAF' entdeckt, das es sich in der Hafenstraße wohn- lich gemacht haben soll: "Hier sollen sich nach Erkenntnissen der Sicherheitskräfte seit Sommer dieses Jahres auch zwei Frauen aufhalten, die zum Umfeld der RAF zählen. Ihr Auftrag: Neue Mitglieder aus der Anarcho- Siene für die Rote Armee Fraktion zu werben und gewaltsame Aktio- nen zu unterstützen." (Morgenpost, 4.10.85) "Allerdings schränkte Lochte seine Befürchtungen für den eigenen Tätigkeitsbereich ein, 'wenn wir feststellen, daß die RAF-Leute sich aus der Hafenstraße wieder zurückziehen, weil die Bewohner nicht für den Terrorismus zu gewinnen sind, dann würden wir das auch öffentlich feststellen.'" (taz) Hier plaudert nicht ein Dilettant seine 'Erkenntnisse' aus, son- dern gibt einer mit der Autorität des oberinformierten Geheim- dienstlers der Öffentlichkeit die Sprachregelung bekannt, die nun und endgültig für die Hafenstraße zu gelten hat. Und der "Spiegel" schiebt die Aufklärung nach, daß sozialstaatlicher Aus- schuß im Sinne Lochtes und Staatsfeindschaft letztlich ohnehin dasselbe sind: "Alkohol und Drogen haben etliche längst der Realität entrückt, Kleinkriminalität wirft zwar ein paar Mark für das Allernotwen- digste ab, wird aber auch als bewußter Ausdruck von Staatsfeind- lichkeit praktiziert. Der 'Kampf gegen das System' ist vielen in- zwischen zum Lebensinhalt geworden." Absichtsvoll wird der sozialstaatliche Rassismus vom unnützen Le- ben mit dem staatlichen Verdikt des Terrorismus ineinsgesetzt. Wer sich der 'Realität' entrückt, indem er sich für sie nicht tauglich macht oder zumindest nicht den Willen an sich dokumen- tiert, sich für die geltenden Zwecke tauglich zu halten, ist Staatsfeind, weil und sofern er Aussteigertum als Lebensstil be- treibt. Und wenn die Hafensträßler sich des ganz bürgerlichen Mittels eines Rechtsstreits mit der SAGA und dem Senat befleißi- gen, dann wittert das bürgerliche, an der Terrorismushetze ge- schulte Rechtsempfinden darin nur eine besonders ausgekochte Ir- reführung der Öffentlichkeit. Durchsuchungen der Polizei fördern stets das gewünschte "gewalttätige Material" zutage, das dann in Form von "Werkzeugen" und "Piratensendern" auf Pressekonferenzen präsentiert wird. Nächtliches Fotografieren mit Blitzlicht gilt in der Hafenstraße als "Gefährdung des Straßenverkehrs" und führt zum Großeinsätz von mehreren Polizeihundertschaften. Der "Spiegel" hat es gleich gewußt, daß Gesindel, kaum daß man ihm den kleinen Finger reicht und es mit spottbilligen Wohnungen ver- hätschelt - "Für einen Quadratmeterpreis zwischen zwanzig Pfennig und einer Mark netto dürfen die Autonomen wahrhaft autonom umgehen - belie- big Untermieter aufnehmen, deren Namen sie der SaGa nicht mal be- kanntgeben müssen." -, nicht nur zur Zusammenrottung und unkontrollierten Vermehrung (Untermieter!) neigt, sondern sein abartiges Treiben auch noch festungsmäßig absichert und als Stachel ins gesunde bürgerliche Leben senkt: "Bei dem Skandalon Hafenstraße steht mehr auf dem Spiel als das polizeitaktische Problem, wie sich eine Fluchtburg für Kriminelle möglichst sauber schleifen läßt." Diese gepflegte Hetze liegt völlig richtig im Stimmungsbild die- ser Republik. Ein ordentlicher Staatsbürgerverstand entdeckt in den Zwecken der Staatsgewalt, die hier so anspruchsvoll den Ein- satz der Gewalt verlangen, nie ein "Skandalon", ganz selbstver- ständlich überläßt er das unter dem Titel "Taktik" dem Sachver- stand der Polizei. So ist die Hafenstraße in der Tat zu dem Syn- onym für eine Störquelle geworden, welche unbedingt ausgeschaltet werden muß. Hausbesetzer, Drogenszene, Demonstranten, Sympathi- santen der RAF: Alles eine einzige Brutstätte und ein einziger Anschlag auf unsere gute Volksgemeinschaft. Eine Demonstration am letzten verkaufsoffenen Samstag vor Weihnachten kam gerade recht. Die öffentliche Hetze klopfte sich sozusagen selbst(zufrieden) auf die Schulter: Man hat es ja schon immer gewußt "diese Leute wollen den Bürgerkrieg". Wenn dann noch ein paar Brandsätze hoch- gehen - bedarf es da noch weiterer Beweise? Friedliche Kapitulation - ein Angebot des Sozialstaats ------------------------------------------------------ Es liegt ganz in der Freiheit des Staates, im Rahme dieser Stim- mungsmache auch mal ganz "konziliant" aufzutreten; er bestimmt ja über die Alternativen des Abräumens: Ausräuchern mit Hilfe der Polizei oder Ausräuchern mit Hilfe einer sachgemäßen Anwendung des Elends. Die sozialstaatliche Verwaltung der durch die Räumung radikalisierten Armut - ein Großteil der Hafensträßler ist Sozi- alhilfeempfänger - kommt, zynisch genug, in der Offerte eines so- zialen Gnadenaktes daher: "Obwohl wir im Unfrieden miteinander sind - die gerichtlichen Auseinandersetzungen belegen das -; wollen wir die Maßnahmen so- zial abfedern. Das heißt, die Betroffenen werden so behandelt, als würde es sich um Räumungen in einem förmlich festgelegten Sa- nierungsgebiet handeln. Sie bekommen damit die Berechtigung für eine Sozialwohnung." (Jan Ehlers) Dabei verschweigt Jan Ehlers nicht, daß diese "Berechtigung" die- sen Leuten ganz und gar nichts nützt: Die Sanierung der Hafen- straße gemäß dem "Standard des sozialen Wohnungsbaus" jedenfalls hätte die "Folge, daß die jetzigen Bewohner sich die Rückkehr einfach nicht mehr leisten könnten." Das Angebot an die "gewaltlosen und den Rechtsstaat respektieren- den Gruppen"; "für sich selbst billigen Wohnraum zu erhalten oder zu schaffen", ist der Sache nach das Angebot, der Räumung zuzu- stimmen ("friedfertige Lösung") und sich dankbar, "ohne Sozialro- mantik", in den Slums einzuhausen, wo einen das Sozialamt hin- schickt. "Individualisiert" natürlich, um der "Brutstätten"-Bil- dung vorzubeugen. Der Staat bietet die "Betreuung" der' Elends- karrieren an, die durch sein Wirken zustandekommen. Auf prakti- sche Wirkung bzw. Einwilligung der Betroffenen kommt es dabei we- niger an. Wichtiger ist der gelungene wahlkämpferische Zungen- schlag: Elegante Problemlösungsstrategen bieten elegante "Lösungen" der von ihnen aufgeworfenen "Probleme" an. Ein staats- männisch darüberstehender von Dohnanyi benutzt die Gelegenheit und die Hafensträßler, sein aristokratisches Abschaumqualifizie- rungsvermögen unter Beweis zu stellen - "Die Kreativität von Slums finde ich wenig erstrebenswert." (Die Zeit, 26.12.86) -, und zumindest die links-kritische Öffentlichkeit ist entzückt ob so viel liberaler Gesinnung. Ehlers fängt sich das Lob ein, ein Minister "jenseits von law and order" zu sein (Hamburger Abend- blatt). Schnell besänftigt sich das soziale Gemüt, welches der Auffassung ist, daß sich eine so "weltoffene und reiche" Stadt wie Hamburg doch ein bißchen Armenhaus-"Kultur" leisten können muß. Die Hafenstraße - und ihre Freunde ---------------------------------- "Wenn sie uns räumen, - holen wir die Russen." (Mauerparole in der Hafenstraße) Das "links-grüne Spektrum" Hamburgs hatte zur Hafenstraße von An- fang an ein zwiespältiges Verhältnis, wofür es sich das Problem zulegte, ob die "Hafenstraße" überhaupt ein "linkes Projekt" sei. "Die Hafenstraße ist für sich nichts, was dem links-grünen Spek- trum Möglichkeiten zur Identifizierung bietet. Unsere Unterstüt- zung ist in dem Sinne abstrakt, als wir Eure Aktionen nicht bil- ligen, aber wissen, daß Ihr vom Senat verfolgt werdet und es da- mit gemeinsam gegen Pawelczyk geht. ... Man muß Leute anders agi- tieren, z.B. als Mieter ansprechen oder Unterschriften sammeln gegen die Zerstörung der Stadtteilkultur." (GAL-Eimsbüttel auf einer Solidaritätsveranstaltung zur Hafenstraße) Ganz ersichtlich fehlt den Solidaritätsfans der linken Szene, die sonst Opfersein wie Gegenwehr gern in dem großen Topf "Betroffenheit" vermanschen, in diesem Fall der "Anknüpfungs- punkt". Vermißt wird das Herumreiten auf moralisch anerkannten Titeln wie "Wohnungsnot" und "Stadtteilkultur". Und mit Aktionen, welche mit einem Besserungswillen gegenüber "gesellschaftlichen Mißständen" nicht so recht zu verwechseln sind, "können" sie sich nicht "identifizieren". Weit und breit kein vorzeigbares alternativ-fleißiges Arbeitskollektiv, auch keine Mitarbeit in "Mieterinis", unabwendbar also der Befund, daß hier kein "Ansatz" vorliegt, mit dem sich die eigene linke Moral und ihre Konstruktivität vereinnahmend schmücken läßt. Das "links-grüne Spektrum" plagt die Furcht, mit den "Opfern der Senatsverfolgung" ineinsgesetzt zu werden, was ihre edlen, gemeinnützigen Motive beschädigen könnte. Eine jahrelang zurückliegende Vergewaltigung darf immer wieder für linksfeministische Distanz herhalten. Restlos hört sich der Spaß auf, wenn die Randale der Hafensträßler Wellen in die "taz"-Redaktionsräume schlägt wie nach der Veröffentlichung des Hetzinterviews von Lochte: Diesen Leuten fehlt ja der opportunistisch-berechnende Umgang mit kriti- scher Öffentlichkeit, deren Anteilnahme man sich schließlich ver- dienen muß. Das Bedürfnis, Demokratie und Polizeieinsätze für ei- gentlich unverträglich anzusehen und im Namen des eigenen Ideals von Demokratie Beschwerde gegen Pawelczyk einzulegen, kann seine ganze moralische Wucht so recht nicht entfalten, wenn die eigene Sache von Staats wegen mit dem Gewaltverdacht belegt ist. So kommt in Hamburg die Absurdität zustande, daß man für die Hafen- straße und deren "Erhalt" am liebsten ohne die Klientel und ihren Anhang demonstrieren will, welche man der Unterminierung des De- monstrationszwecks verdächtigt. Auch eine Weise, wie man die von oben durchgesetzte Sortierung von friedlich und gewalttätig von unten nachvollzieht und dem inkriminierten "Polizeiterror" ein ganz klein bißchen Verständnis entgegenbringt. Es waren hartgesottene Sozialarbeiter, wie der ehemalige GAL- Fraktionsvorsitzende Michael Herrmann und der elendgewohnte Kiez- pfarrer Christian Arndt, die ein Interesse an die Hafenstraße h e r a n trugen - das der "Integration". Mit dem Argument, "Herbert Wehner war auch einmal ein Anarchist" wurde der Mangel an staatsbürgerlicher Tugend zum fehlgeleiteten jugendlichen Irr- tum umgedeutet zugleich hat man sich damit als wesentlich unvor- eingenommener als der Sozialstaat vertrauensvoll sozialbetreue- risch in Szene gesetzt. "Wenn man nicht versucht, sie zu integrieren, überläßt man sie der Willkür der Polizei und des Staatsschutzes. Wenn wir Grüne uns da nicht engagieren, gehen die alle ab - in die Knäste oder in die Psychiatrie." (Die Zeit) Keine Frage, in w a s da integriert wird oder werden soll. Die Jugendlichen sollen sich zusammenreißen, also an Gesetz und Recht halten, so daß der Staat sie nicht in seine geschlossenen Anstal- ten "ausgrenzen" "muß". Auf schönste Weise stellen diese "Streetworker" klar, daß sie sich die Entstehung von "abweichendem Verhalten" auch nur aus allzu rabiater Anwendung von Sozialhygiene erklären können. Sie trauen sich zu, diese "Fehlgeleiteten" in nützliche Mitglieder der Gesellschaft zurück- zukuscheln. Prominente wie Heinrich Albertz und Dorothee Sölle haben sich in Form von ganzseitigen Zeitungsanzeigen ebenfalls engagiert - für den Erhalt "dieses Stücks unbequemer Gegenkultur". Auch "diesen Menschen" gebühre eine H e i m s t a t t, ein selbstgeschaffe- nes Ghetto also, Hafenstraße genannt. Das Bedürfnis nach einer "toleranten" BRD, die Heimat auch denen gewährt, die sie ohnehin nicht abschieben kann und will, wächst um so mehr, je abgebrühter und zynischer der Rechtsstaat Slumschaffung und Slumbereinigung praktiziert. Angesichts von Armut, Wohnungsnot und dergleichen können diese Chefmoralisten dem (Sozial-)Staat den Vorwurf nicht ersparen, sich unverständig seinen eigenen Wirkungen gegenüber aufzuführen. Dabei sind ihnen nicht einmal mehr diese Wirkungen ein Dorn im Auge; vielmehr können sie gar nicht verstehen, warum sich nicht auch solche "Erscheinungen" in unser Gemeinwesen loc- ker einbauen und würdigen lassen. Hat denn jemand Geld verlangt? Nein - behauptet frech ein Cohn-Bendit: Da haben sich doch nur lauter "Kaputtnixe" zusammengefunden, "die sich mit wenig Geld über Wasser halten". Und das muß man doch wollen d ü r f e n - in aller Freiheit. Diese Verwandlung aufgeherrschter Lebensnot- wendigkeiten in Freiheiten ihrer Bewältigung hat - heute den klingenden Namen "Gegenkultur". zurück