Quelle: Archiv MG - BRD RECHTSSTAAT ARBEITSRECHT - Ausbeuten juristisch
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 3, 20.11.1984
Veranstaltungskommentar
Ringvorlesung: Der Mensch und seine Arbeit
Prof. Pannenberg, Fluch und Segen der Arbeit Di, 13.11., 19 h, HS
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MERKE: ARBEIT IST DAS GANZE LEBEN
Die Universität will dieses Semester "den Menschen" mit "seiner
Arbeit" vertraut machen und bat vom Theologen bis zum Philosophen
ein knappes Dutzend Nicht-Arbeiter aufgeboten, die den
"Gegenstand der Betrachtung ... in immer neues Licht" setzen und
so "seine verborgenen Seiten" zeigen sollen: Mensch, sieh deine
tägliche Arbeit doch mal von höherer Warte aus - was sie dir be-
deuten kann, Die rechte Einstellung zur Arbeit muß her, gerade
so, als gäbe es da ein moralisches Defizit, wo der arbeitende
Teil der Nation der Not gehorchend täglich in die Fabrik latscht,
und das auch noch für sein unabwendbares Schicksal hält.
Auf dieser sicheren Grundlage pflegt die Hochschule mit der Ring-
vorlesung ihr kritisches Image. Bei den ideologischen Überlegun-
gen über den Sinn der Arbeit" darf ein Pfaffe natürlich nicht
fehlen, der sich - auch nicht unwissenschaftlicher als die Kolle-
gen - daran macht, "die Arbeit im Licht der Offenbarung zu sehen
und zu deuten".
Professor Pannenberg erwies sich als der erwartet bibelfeste
Mann: "Gott" hat in seiner unendlichen "Fürsorge für den Men-
schen" diesem auferlegt:
"Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du
wieder zur Erde werdest, davon du genommen bist." (1. Mose 3,19)
Vielen Dank, lieber Gott, daß Du mir diese schöne Chance gegeben
hast, mit "aktivem Leben" zu "tätiger Lebenserfüllung" vorzusto-
ßen. "Teilhabe am göttlichen Schöpfungswerk" heißt die Arbeit am
Fließband nun. Vielen Dank, daß Du mich in diesen meinen Beruf
gesetzt hast, so kann ich "in der Gemeinschaft nützlich" sein.
Und meine "Identität" als Mensch habe ich damit auch gefunden: in
aufopferungsvollem "Dienst am Nächsten". Amen! -
Lauter "Segen" der Arbeit - aber auch ihres "Fluchs" sollte ge-
dacht werden: Er liegt für den Gottesmann darin, daß "der Mensch"
beim an und für sich gelungenen Eingebundensein in die Zwänge der
Lohnarbeit allzuleicht die "Würde" dieses Zustands vergißt
(Erbsünde, Erbsünde!) und die Arbeit als "bloßes Mittel" betrach-
tet, als "Erwerbstätigkeit" für sich selbst (pfui!).
Geld gibt's leider für die Arbeit auch, und mit dieser
"komplizierten" Vermittlungsinstanz für die gemeine Botschaft,
daß Arbeit um ihrer selbst willen geliebt gehört, ist die schöne
Unschuld beim Malochen dahin. In irgendeinem arbeitsteiligen Win-
kel der Gesellschaft werkelt "Mensch" vor sich hin, sieht nicht
den großen Plan, den "Gott" mit ihm hat, und denkt sich, Lohnar-
beit sei für ihn selbst da. Zwar glaubt das keiner der Betroffe-
nen, aber Warnungen vor dem "Selbstzweck", bloßer Lohnarbeiter zu
sein, müssen für die, die sich dieses Los keineswegs ausgesucht
haben, noch draufgesetzt werden.
Als potentielle Selbst-Süchtlinge können sie die Weltordnung des
Herrn Pannenberg nicht verstehen, verfehlen immerzu ihr
"Menschsein", das sie zur Arbeit für's Kapital verpflichtet.
Gleichgültig, daß sie in dessen Dienst längst stehen - Professor
Pannenberg ist da ganz kritisch -, sein Ideal ist das eines Ar-
beitsdienstes, bei dem niemand mehr selbstelt, sondern umstands-
los dem "Dienst am Nächsten" zur Verfügung steht - So geht akade-
mische Sorge um die Arbeit 1984.
***
Hören wir auch Gott zur kapitalistischen Arbeit:
Gott zum Wert der Arbeitskraft, zur Stammbelegschaft und zur
Fluktuation der Lohnarbeiter:
"In dem Hause aber bleibet, esset und trinket, was sie haben;
denn ein Arbeiter ist seines Lohnes wert. Ihr sollt nicht von ei-
nem Hause zum anderen gehen." (Lukas 10,7)
Gott zu Überstunden, Samstagsarbeit und zu den Gastarbeitern, die
am Wochenende Nachtschicht schieben:
"Sechs Tage sollst du arbeiten, und alle deine Dinge beschicken;
aber am siebten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da
sollst du kein Werk tun, noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch
dein Knecht, noch deine Magd noch dein Vieh, noch dein Fremdling
der in deinen Toren ist." (2 Mose 20, 9-10)
Gott ganz allgemein zur modernen Lohnarbeit:
"Amen"
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