Quelle: Archiv MG - BRD RECHTSSTAAT ALLGEMEIN - Eine humanitäre Errungenschaft?


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       Marxistische Schulzeitung Bremen, 02.02.1984
       
       Teach-In
       
       Der Staat und sein Recht: in bester Verfassung
       

ES GEHT AUCH OHNE ORWELL!

Es ist ein G l ü c k, Untertan eines d e m o k r a t i- s c h e n R e c h t s s t a a t s à la BRD zu sein - dieses Bekenntnis zur eigenen Staatsform ist oberster Grundsatz der "politischen Kultur". Welche Maßnahme die Staatsführung auch gerade vollzieht, ob das Parlament nun Steuererhöhungen beschließt oder die Anschaffung neuer Waffen, in ihrer Ei- genschaft, rechtsstaatlich entschieden zu, sein, gebührt ihr Re- spekt. Wieso ist eigentlich die M e t h o d e, mit der die zu- ständigen Volksvertreter zu Werke gehen, ein Argument für ihre P o l i t i k? Wenn im Sozialkundeunterricht, in Soziologie-, Politologie- und Pädagogik-Seminaren die Vorzüge rechtsstaatlicher Herrschaft be- wiesen werden sollen, dann ist mit stereotyper Regelmäßigkeit von Vorzügen und Leistungen für die Menschheit gar nicht ernsthaft die Rede. 'Schlimmer könnte es kommen, also hat man es gut ge- troffen!', so heißt die Logik aller Argumente. Ohne Rechsstaatlichkeit - gäbe es Mord und Totschlag! - könnte die Staatsgewalt ja einfach alles machen! Wieso fallen Lehrern, Schülern wie Studenten bei A b w e s e n h e i t von Recht gerade Straftatbestände des S t G B ein? Wieso sollte eine politische Herrschaft denn ziellos und zügellos unterdrücken? Spricht es denn wirklich f ü r den Rechtsstaat, daß man sich viel Greulicheres vorstellen kann? Was ist eigentlich so beruhigendes daran, daß der Rechtsstaat sich erlaubt und vorschreibt, was er darf - also will? HÖchste Zeit, einmal die (Grund-)Rechte einem Warentest zu unter- ziehen, der Qualität wie Preis gleichermaßen berücksichtigt. Soviel sei vorweggenommen: Die modische Angst vor dem "Großen Bruder" im Orwell-Jahr braucht es schon, um diesem Gevatter namens Rechtsstaat gut zu finden. Und solange es an diesem rechtsstaatlichen Gehorsam nicht fehlt, erübrigt die Demokratie den "Großen Bruder". zurück