Quelle: Archiv MG - BRD RECHTSSTAAT ALLGEMEIN - Eine humanitäre Errungenschaft?


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       Wochenschau
       

DER TATBESTAND DER NÖTIGUNG

liegt dann nicht vor, wenn eine Landesregierung aus eigenem freien Willen den Bau einer Startbahn, die Unbewohnbarkeit diver- ser Ortschaften und die Rodung eines ganzen Waldes beschließt, die Betroffenen mit etlichen Hundertschaften Polizei vom Gelände räumen läßt, denjenigen, die nicht freiwillig gehen, die Köpfe weichtrommelt, erklärt, ihr sei der Bürgerprost scheißegal, weil das Recht und die stärkeren Batallione auf ihrer Seite sind. Um Nötigung eines "Verfassungsorgang" handelt es sich hingegen nach Auffassung des Bundesanwalts Rebmann, wenn ein Volksbegehrer für den Fall der Fortsetzung obiger Politik Protestaktionen ankün- digt, so z.B. einen Besuch des Frankfurter Flughafens durch De- monstranten. Im zweiten Falle besetzt die Polizei den Flughafen gleich vorsorglich und die Bundesanwaltschaft erhebt Anklage ge- gen Alexander Schubart mit dem Ziel, ihn ins Gefängnis zu brin- gen. Der Frankfurter Magistrat sieht sich dadurch genötigt, Schu- bart auch noch disziplinarisch zu belangen "mit der Entfernung des Juristen Schubart aus dem öffentlichen Dienst." ("Süddeutsche Zeitung" vom 17./18. November) Der jetzt zu öffentlichen Erklä- rungen sich genötigt sehende "Aschu" zeigt sich "tief erschüt- tert", nicht über die Breitseite der Staatsgewalt (das hält er nur für eine "kalte Mißachtung der Verfassung"), sondern über die Folgen seines eigenen Vorschlags. Seit dem letzten Sonntag hat die Auseinandersetzung um die Startbahn West also genau die Wende genommen, die sie dahin führt, wo Landes- und Bundesregierung sie haben wollen: Es geht ab sofort nur noch um erlaubte und uner- laubte Formen des Widerstands gegen das Bauvorhaben und neben bzw. mit dieser recht einseitig geführten Diskussion wird weiter- gebaut. Die über 100 000, die am Vortag in Wiesbaden friedlich die Unterschriften fürs Volksbegehren abgeliefert haben, fungie- ren seitdem als die nützlichen Idioten dieser Strategie ihrer Gegner: Ab sofort ist nicht mehr ihr P r o t e s t bemerkens- wert, sondern die astrein gewaltlose Form, in der sie ihn vorge- tragen haben. Selten so deutlich demonstriert der Staat und seine Öffentlichkeit, wozu das Demonstrationsrecht da ist: Durch die Städte latschen, aber immer! Solange für beide beteiligten Seiten klar ist, daß die sich da äußernde a b w e i c h e n d e Mei- nung halt eine Meinung bleibt. Alles, was davon abweicht, gefähr- det Rechtsstaat und Demokratie. zurück