Quelle: Archiv MG - BRD RECHTSSTAAT ALLGEMEIN - Eine humanitäre Errungenschaft?


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JAGDSZENEN AUS OBERBAYERN

Fall 1: "Erfolgreiches Ende des Schwabinger Geiseldramas" --------------------------------------------------------- Die bayerische Staatspolizei hat gut getroffen praktisch wie in der Theorie: Die Exekution eines Geiselnehmers, früher noch als "gezielter Todesschuß" bezeichnet, hat auf Anhieb geklappt und heißt heute "finaler Rettungsschuß". Das Resultat ist zwar das gleiche: Täter tot - Opfer gerettet, wenn es Glück hat. Der Fort- schritt in der Sichtweise staatlicher Gewaltausübung ist aller- dings ebenso unübersehbar wie der ihrer Praxis: Der polizeiliche Schutz des Lebens fordert nun mal seinen Preis. 1986 kann die Po- lizei nicht mehr zimperlich sein und ein ganzes Wochenende darauf warten, bis sich ein aus Liebeskummer Durchgedrehter , wieder ab- regt. Irgendwo muß schließlich auch beim Verbrecherverfolgen "die Wende" zu merken sein, und die Lüge der Rechten vom "sozialliberal verwahrlosten Rechtsstaat", der Kriminellen freie Hand läßt, wahr g e m a c h t werden. Das "Risiko", daß dabei auch mal ein "Unschuldiger" ins Gras beißen muß, ist einkalku- liert; der "finale Rettungsschuß" rettet schließlich nicht Men- schenleben, sondern macht blutig klar, wer allein mit dem Recht auf Leben ernst machen darf. Daß es dabei sehr rechtmäßig zugeht, ist sichergestellt: Der Kol- lege des Staatsanwalts, der den Münchner Rettungsschuß angeordnet hat, hat die routinemäßige Überprüfung von dessen Rechtmäßigkeit vorgenommen und - alles für rechtmäßig befunden. Vorsichtige Spe- kulationen, ob in solchen Fällen nicht "die Todesstrafe durch die Hintertür eingeführt würde", erweisen sich also als ebenso tö- richt wie gegenstandslos: Was denn sonst? Kriminelle müssen mit "dem Risiko des Todesschusses rechnen". Daran zweifelt heute kei- ner mehr. Kaum war übrigens die Leiche des Münchner Geiselnehmers richtig erkaltet, als die Lokalpresse das eigentliche Opfer der ganzen Geschichte entdeckte: "Wird auch der Scharfschütze der Polizei mit dieser Situation fertig?", fragt sich der Kommentator der Münchner "tz". Wie fühlt man sich nach einem Todesschuß? - das interessiert natürlich alle, die im Geiste mitgeschossen haben. Wer ein Verbrechen begeht, beleidigt das Sicherheitsbedürfnis des bundesrepublikanischen Staats, der umso mehr unsere Sympathie verdient, je fanatischer er diesem Bedürfnis Geltung verschafft. Fall II: "Studiendirektor erschießt jugendlichen Autodieb" ---------------------------------------------------------- Wenn Polizeiminister und Einsatzleiter sich nur noch den einen Vorwurf gefallen lassen müssen, nicht immer und überall hart und entschieden durchzugreifen, verfehlt das nicht seine Wirkung auf brave deutsche Bürger. "Draufhauen, niedermachen und abschießen", wenn etwas Verbotenes passiert, das muß sich auch jener Münchner Studiendirektor gedacht haben, dessen Volltreffer kürzlich einen jugendlichen Autoknacker davon abhielt, sich einfach durch die Flucht einer gerechten Strafe zu entziehen. Während dem Schützen des SEK für seinen Fangschuß "genau zwischen die Augen" wohl eine Beförderung ins Haus steht, muß der bewährte Pädagoge, dessen Treffer inziwschen als Qerschläger diagnostiziert wurde, sogar mit einer Anklage rechnen. Obwohl diesem eifrigen Beamten der gute Wille bestimmt nicht abzusprechen ist, muß er sich jetzt den Vorwurf gefallen lassen, ein wenig über das Ziel hinausgeschossen zu sein. Irgendwie hat dieser Mensch in seinem gerechten Zorn vergessen, daß sein großer Brötchengeber den Umgang mit dem Volk arbeitsteilig organisiert hat. Studiendirektoren werden dafür be- zahlt, daß sie der zukünftigen Elite der Nation beibringen, daß ohne Recht und Ordnung unsere schöne Demokratie nicht funktio- niert für den t h e o r e t i s c h e n Teil staatlichen Zu- schlagens also, während die p r a k t i s c h e (hier: "finale") Seite der gleichen Medaille den Kollegen in Uniform zu- kommt. Die Diagnose der Presse, die das Ganze als "tragischen Fall" sieht, trifft auch hier wieder den Nagel auf den Kopf: Bei dem Studiendirektor handelt es sich wahrscheinlich um einen Ü b e r z e u g u n g s t ä t e r, dessen Überzeugung sich all- seits größter Wertschätzung erfreut, dessen Tat ihn jedoch vor den Kadi bringt. zurück